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Winterreise. Schuberts schönere Müllerin in HIP

Unbekannt Montag, 24. Januar 2011, 21:38
Winterreise.
Von Wilhelm Müller.
In Musik gesetzt für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte
von Fanz Schubert. 89stes Werk.


Dies ist der Titel der bei Tobias Haslinger verlegten Erstausgabe (Teil I: 14.01.1828, Teil II: 30.12.1828). Die Winterreise D 911 (op. 89) ist ein Zyklus in zwei Teilen zu je 12 Liedern nach Gedichten von Wilhelm Müller (07.10.1794-01.10.1827). Für den ersten Teil, von Schubert datiert mit Februar 1827 als Beginn der Komposition, verwendete der Tonmaler Texte aus Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823. Neue Folge, fünfter Jahrgang, worin die Wanderlieder von Wilhelm Müller. Die Winterreise. In 12 Liedern publiziert wurden. Nachdem es zunächst bei der Vertonung dieser 12 Lieder bleiben sollte, was an Schuberts Fine-Vermerk am Ende des 12ten Liedes erkennbar ist, entschloß er sich, als zweiten Teil (Kompositionsbeginn im Oktober 1827) weitere 12 Lieder (auch hier als Nr. 1-12 numeriert), diesmal aus Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Herausgegeben von Wilhelm Müller. Zweites Bändchen. (Dessau, 1824) zu verkomponieren. Dieses Bändchen war dem Meister des deutschen Gesanges Carl Maria von Weber gewidmet (sic!) und beinhaltete als Text sowohl den von Schubert bereits vertonten ersten als auch den folgen sollenden zweiten Teil, gleichwohl in einer anderen Anordnung, lt. Deutschverzeichnis war diese: 1-5, 13, 6-8, 14-21, 9-10, 23, 11-12, 22, 24. Der Widmungsträger hat diese Gedichte nie vertonen können, da er am 5. Juni 1826 verstarb, aber ich denke, diese Texte haben einen mehr als würdigen Ersatzkomponisten gefunden. Gleichwohl weiß man, daß Schubert v. Weber als Komponisten (beispielsweise von Klaviersonaten) überaus geschätzt hat und der geneigte Leser mag seine eigenen Rückschlüsse aus dieser Tatsache ziehen.

Zu Schuberts Lebzeiten (oder unmittelbar danach) nachweislich (ur)aufgeführt wurde Nr. 1 Gute Nacht am 10.01.1828 durch den Tenor Ludwig Tietze im Musikverein, die Nrn. 5 Der Lindenbaum und 17 Im Dorfe ebenda am 22.01.1829 (also posthum) durch den Bassisten Johann Karl Schoberlechner (1800-1879), bekannt unter seinem Künstlernamen Schober, der nicht identisch mit Schuberts Freund Franz von Schober (1796-1882) ist. Ludwig Tietze war ein langjähriger Freund Schuberts, seines Zeichens Widmungsträger des Offertorium C-Dur op. 46 (D 136) aus dem Jahre 1815.

Der Zyklus gliedert sich wie folgt:

Teil I

Nr. 01 Gute Nacht [Mäßig, 2/4, d-moll]
Nr. 02 Die Wetterfahne [Ziemlich geschwind, 6/8, a-moll]
Nr. 03 Gefrorne Tränen [Nicht zu langsam, 2/2, f-moll]
Nr. 04 Erstarrung [Ziemlich schnell, 4/4, c-moll]
Nr. 05 Der Lindenbaum [Mäßig, ¾, E-Dur]
Nr. 06 Wasserflut [Langsam, ¾, e-moll]
Nr. 07 Auf dem Flusse [Langsam, 2/4, e-moll]
Nr. 08 Rückblick [Nicht zu geschwind, ¾, g-moll]
Nr. 09 Irrlicht [Langsam, 3/8. h-moll]
Nr. 10 Rast [Mäßig, 2/4, c-moll]
Nr. 11 Frühlingstraum [Etwas bewegt, 6/8, A-Dur]
Nr. 12 Einsamkeit [Langsam, 2/4, h-moll]

Teil II

Nr. 13 Die Post [Etwas geschwind, 6/6, Es-Dur]
Nr. 14 Der greise Kopf [Etwas langsam, ¾, c-moll]
Nr. 15 Die Krähe [Etwas langsam, 2/4, c-moll]
Nr. 16 Letzte Hoffnung [Nicht zu geschwind, ¾, Es-Dur]
Nr. 17 Im Dorfe [Etwas langsam, 12/8, D-Dur]
Nr. 18 Der stürmische Morgen [Ziemlich geschwind, doch kräftig, 4/4, d-moll]
Nr. 19 Täuschung [Etwas geschwind, 6/8, A-Dur]
Nr. 20 Der Wegweiser [Mäßig, 2/4, g-moll]
Nr. 21 Das Wirtshaus [Sehr langsam, 4/4, F-Dur]
Nr. 22 Mut [Mäßig, kräftig, 2/4, g-moll]
Nr. 23 Die Nebensonnen [Mäßig, ¾, A-Dur]
Nr. 24 Der Leiermann [Etwas langsam, ¾, a-moll]

Die Tonartenangaben entsprechen dem Erstdruck und weichen teilweise von den autographen Partituren ab (Nr. 6 originär fis-moll, Nr. 10 d-moll, Nr. 12 d-moll, Nr. 22 a-moll, Nr. 24 h-moll). Die Abweichungen sind wohl durch Schubert authorisiert, zumal er bei Nr. 10 handschriftlich (für die Druckausgabe) BN Ist ins Cmoll zu schreiben vermerkte. Von folgenden Liedern gibt es Erstfassungen: Nrn. 7, 10, 11, 22 und 23. Die Nrn. 7, 10 und 11 sind dabei gleich an Taktzahlen, Nr. 22 war um 34 Takte (was mehr als die Hälfte ist) kürzer, Nr. 23 war um einen Takt länger gewesen.

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Von Isak Albert Berg (1803-1886), einem schwedischen Tenor und Komponisten, stammt das Lied Se solen sjunker, welches Schubert bei einem Gastspiel des Sängers in Wien zu Gehör bekam und welches ihn sehr deutlich inspirierte, wie sich ein Zeitgenosse erinnerte.

Neben dem Oktavsprung auf Färvel (Leb wohl), welcher den 2. Satz des Trios D929 charakterisiert und so spannend macht, finden sich mehrere Stellen, die in Schuberts Winterreise wiederkehren: Der Beginn des Liedes z.B. erinnert ebenso an Gute Nacht (dieses wiederum an den Beginn des Andante con moto) wie auch an Der Wegweiser. Auch der Dezim-Terz-Sprung auf brud (Braut) kommt im Finale des Trios vor - bei der fantastischen Auflösung von moll nach Dur. Aus dem 'Lalala', welches jenem wenig heiteren Tralaléra Osmins ähnelt, kehrt bei Schubert der Akkord (im Lied: Es-B-g'-d' / unverminderter Septakkord) wieder. Dieser (Trugschluß-) Akkord gehört ohnehin zu meinen liebsten.

Das Lied wurde zweifach eingespielt:



Torsten Meyer (Bariton), Gerrit Zitterbart (Klavier) – zu beziehen über www.abegg-trio.de
Diese CD enthält zudem die von Schubert später revidierte Erstfassung des 2. Satzes des Claviertrios Es-Dur (Empfehlung!). Leider nonHIP.

Von der Singstimme her gefällt mir die folgende Interpretation allerdings wesentlich besser, da sie sich auch korrekter an den (mir vorliegenden) Notentext hält und zudem HIP ist:



Salzburger Hofmusik, Wolfgang Brunner (whatever...)

Diese 28 Takte des Komponisten Berg sind wirklich auf kleinstem Raum komprimierter Schubert, wenn man so will...

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An Einspielungen der Winterreise hat es nie einen Mangel gegeben und es wird wohl ob der Faszination an diesem Zyklus auch in Zukunft nicht abflauen. Allein in jüngster Vergangenheit sind doch einige HIPpe Einspielungen erschienen (ggfs. unvollständig):

01.01.2011



Thomas Bauer (Bariton), Jos Van Immerseel

19.11.2010



Peter Harvey (Bariton), Gary Cooper

24.09.2010



Christian Hilz (Bariton), Eckart Sellheim

26.03.2010



Werner Güra (Tenor), Cristoph Berner

03.10.1997



Christoph Prégardien (Tenor), Andreas Staier

01.10.2006



Hans Jörg Mammel (Tenor), Arthur Schoonderwoerd

Einspielungsbesprechungen folgen.

In gewissem Sinne HIP ist dieser Leiermann: http://www.youtube.com/watch?v=XIDYuPFSZY8

Eine entsprechende CD gibts auch:



Natasa Mirkovic-De Ro, Gesang
Matthias Loibner, Leyermann

:wink:
Unbekannt Montag, 31. Oktober 2011, 20:30
Die meines Wissens allererste Winterreise in HIP, parallel zu Andreas Staiers zahlreichen CDS mit Christoph Prégardien für die dhm entstanden, mit Michael Schopper - ich habe die beiden damals auch mit diesem Zyklus im Konzert erlebt. Das ist eine für mich sehr gute, souveräne Umsetzung, sehr persönlich gesungen, aber ohne Mätzchen. Leider wurde diese CD nie wieder aufgelegt ...



Nicht einmal die Japan-CD ist zu bekommen:

Unbekannt Mittwoch, 2. November 2011, 17:49
Es gab eine fulminante Winterreise bei MDG mit Harry Geraerts und Ludger Remy! Die beiden haben das damals in Bremen gemacht, und es schlug große Wellen ob des Für und Wider, eine Winterreise mit einem "Monteverdi-Tenor" zu machen. Das Ergebnis war damals Schockartig.

Dazu folgende Anekdote: Die Frau eines Bremer Kritikers hatte schon die Generalprobe in der Kirche gehört. Am Abend kam sie dann mit ihrem Mann und sagte zu ihm, sie wolle sich aber nicht ganz vorn hinstzen, lieber unter der Kanzel, und auf die Frage, wieso, sie möchte nicht dass die Leute sehen, wie sie weint. Er antwortete natürlich unwirsch: So´n Quatsch! -

Nach dem Konzert ging die Frau die beiden Künstler zu beglückwünschen. Die fragten: "Ach, guten Abend Frau ..., wo ist denn ihr Mann?" Die Antwort: "Ja, der sitzt unter der Kanzel und weint!"
Unbekannt Mittwoch, 2. November 2011, 23:07
Hier gibt es eine sehr umfangreiche Discografie der Winterreise ... :umfall:
Unbekannt Mittwoch, 2. November 2011, 23:09
Es gab eine fulminante Winterreise bei MDG mit Harry Geraerts und Ludger Remy! Die beiden haben das damals in Bremen gemacht, und es schlug große Wellen ob des Für und Wider, eine Winterreise mit einem "Monteverdi-Tenor" zu machen. Das Ergebnis war damals Schockartig.




Man lese die Rezension bei amazon ... wenn ich wieder besser bei Kasse bin, gönne ich mir die. Ich habe mal einen Liederabend mit Schumann erlebt, mit Robert Hill und einer fantastischen niederländischen Sängerin, von der ich (leider) nie wieder etwas gehört habe, der ähnlich beschrieben werden könnte. Sehr deklamatorisch. Ich denke, Liedgesang und Gedichtrezitation waren damals viel näher beieinander als wir heute glauben.
Unbekannt Freitag, 4. November 2011, 17:57
Allein das Geld wert ist der Einführungstext im Coverheft. Kann sein, dass der Eine oder Andere das alles wusste, ich weiß es da her.

Die äußere Reise in der Winterreise ist nur Chiffre, die Lieder sind politisches Chanson. Die Schubertiaden waren keine gemütlichen biedermeierlichen Beisammenkünfte, sondern politischer Untergrund. Mehrere Personen, die daran teilnahmen, standen auf den Listen von Metternichs Geheimpolizei. Die "Winterreise" von Ai Wei Wei - Wahnsinn!