Unbekannt
Samstag, 24. Juli 2010, 21:58
Westron wynde when wyll thow blow?
The smalle rayne downe can rayne, can rayne.
Cryst! Yf my love were in my armys,
And I yn my bed a gayne.
The smalle rayne downe can rayne, can rayne.
Cryst! Yf my love were in my armys,
And I yn my bed a gayne.
Dieses Liebesgedicht, das zu Zeiten von Henry VIII. sehr beliebt war, wurde mindestens zweimal vertont. Nur eine Vertonung ist als Handschrift erhalten, aber es muß eine weitere gänzlich verschiedene gegeben haben, die dann als Cantus firmus in drei englischen Messen verwendet wurde, nämlich den legendären Western Wind Masses von John Taverner (1490-1545), Christopher Tye (1505-1572) und John Sheppard (1515-1559). Die Noten zu beiden Versionen findet man hier in der engl. Wikipedia. Und wie die Version, die den drei Messen zugrunde liegt, gesungen klingt, kann man bei Youtube hören: "http://www.youtube.com/watch?v=GhZi87n-Bps
In diesem thread soll es aber weniger um die weltliche Vorlage gehen als um die drei Messen, die sie als Cantus firmus verwenden. Es ist dies zudem kein allgemeiner thread über Taverner, Tye und Sheppard. Über Taverner werde ich sicher irgendwann einen eigenen thread erstellen. Und vielleicht findet sich ein Tye- und ein Sheppard-Fan für die anderen Komponisten-threads.
Die drei Western Wind-Messen sind allein schon dadurch etwas besonderes, daß sie die einzigen englischen Messen mit weltlichem Cantus firmus sind. Wahrscheinlich waren die kontinentalen L'homme armé- und Mille regretz-Messen Ideengeber für dieses englische "Messen-Projekt", zu dem drei der vier bedeutendsten englischen Komponisten der Hochrenaissance je eine Messe über "Westron wynde" beisteuerten. Das mit dem "Projekt" ist aber eine Ex-post-Deutung meinerseits - es ist höchst unwahrscheinlich, daß bei der Komposition der ersten Western Wind-Messe bereits an die weiteren gedacht wurde.
Und die älteste der drei Messen stammt höchstwahrscheinlich von John Taverner. Dafür gibt es zwei sehr gute Gründe: Zum einen beendete Taverner seine Komponisten-Karriere nach seiner Demission in Oxford 1530 - und da war Tye erst 25 Jahre alt und Sheppard gar erst 15 Jahre alt: Es ist kaum vorstellbar, daß ein "Jungspund" wie Tye einen solch großen Schritt aus der Tradition der englischen Chormesse wagte, und der etablierte Taverner im sofort nachfolgte.
Zum anderen lag Tye und Sheppard die Idee vermutlich fern, eine Messe über ein weltliches Lied zu komponieren, da sie selbst nie weltliche Werke komponierten. Taverner hingegen komponierte am Hofe von Henry VIII. viele weltliche Lieder. Es wird daher auch angenommen, daß die in der Messe verwendete Vertonung von "Westron wynde" von Taverner selbst stammt.
Taverners Messe diente somit Tye und Sheppard als Vorbild, allerdings nur, was die Verwendung der weltlichen Melodie und die Besetzung betrifft. Strukturell unterscheiden sich die Messen ansonsten stark. Die Besetzung ist, wie gesagt, in allen drei Messen gleich: vierstimmig für Sopran, Mean (entspricht in etwa der Alt-Tonlage), Tenor und Baß.
Die Messe von Taverner ist sehr ausgewogen proportioniert: Alle vier Messe-Teile (Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei - das Kyrie wurde in England ja nicht vertont) sind gleich lang (was durch das Strecken der textlich kürzeren Messeteile durch Melismen erreicht wird) und enthalten neun vollständige Durchläufe der Westron-Wynde-Melodie - es sind also insgesamt 36 in der ganzen Messe. Dabei variiert Taverner die Cantus firmus-Melodie häufig (im gegensatz zu Tye und Sheppard). Im Reclam-Kirchenmusikführer steht dazu: Taverner erweist hierbei erstaunliches satztechnisches Geschick, denn es entsteht trotz der beständigen Präsenz des Cantus firmus niemals der Eindruck von Redundanz. [...] Im Verlauf der Messe leuchtet Taverner den Cantus firmus auf vielfältige Weise harmonisch aus und macht seine Substanz zum Gegenstand unterschiedlichster polyphoner Prozesse, aus denen ständig die achsbildende Liedmelodie als ganzes hervorleuchtet. Dabei verteilt Taverner die Melodie auf Sopran, Tenor und Baß - im Mean erklingt sie nie. Auch im Baß erklingt sie nur wenig - dann aber an besonders wirkungsvollen Stellen (Crucifixus, Beginn des Agnus Dei). Taverner vertonte den kompletten Text der lateinischen Messe (ohne Kyrie), während es bei Tye und Sheppard einige Auslassungen im Gloria und im Credo gibt.
Die Messe von Tye ist dann gewissermaßen das komplementäre Gegenstück zur Messe Taverners, da hier der Cantus firmus ausschließlich im Mean erklingt - insgesamt 29mal -, und in den anderen Stimmen nie. Um die Melodie der Mean-Stimme anzupassen, ist sie bei Tye eine Quart tiefer. Zudem änderte er die Melodie leicht, indem er eine weitere Schlageinheit zwischen dem zweiten und dritten Abschnitt der Melodie einfügt, und so auf elegante Weise die Regelmäßigkeit des zweizeitigen Metrums stört (aus dem Booklet der Tallis Scholars-CD). Während Taverners Messe in viele Einzelabschnitte unterteilt ist, ist die Tyes mehr durchkomponiert.
Sheppards Messe ist die deutlich kürzeste der dreien. Wegen ihrer einfacheren Struktur wird sie oft als Frühwerk oder Studienwerk Sheppards gesehen. Es kann aber auch sein, daß die Schlichtheit der Messe auf eine Komposition nach der Reformation der englischen Kirchenmusik und eine Verwendung im protestantischen Gottesdienst hinweist. Der Cantus firmus wird insgesamt 24mal wiederholt, allerdings oft in verkürzter Form. Genau wie bei Taverner wird er in allen Stimmen außer dem Mean gesungen.
Eine späte Reminiszenz an "Westron Wynde" ist die Verwendung des Themas in Igor Strawinskys Kantate von 1952: "http://www.youtube.com/watch?v=rzmEHAvE0q8
Viele Grüße,
Martin.