Alte Musik Forum

ALTE MUSIK FORUM

Digitales Archiv & Expertenwissen

Walter Frye (†1474)

Unbekannt Dienstag, 16. März 2010, 15:20
Wer war Walter Frye? Über sein Leben ist fast nichts bekannt, aber seine bzw. die ihm zugeschriebene Musik war in ganz Europa verbreitet; allein das “Ave Regina coeloreum” findet sich in 25 kontinentaleuropäischen Manuskripten aus Italien, Tirol, Süddeutschland, Böhmen und Ungarn.

Hinweise auf einen Komponisten namens Walter Frye sind spärlich. Es wird vermutet, dass er in Norfolk oder Lincolnshire geboren wird. Ein “Cantor” Walter ist zwischen 1443 und 1466 an der Kathedrale von Ely als Chormeister nachgewiesen. Ein Walter Frye schließt sich 1456 der London Guild of Parish Clerks an. 1464 - 1472 finden wir einen Walter Frye in der Umgebung von Anne of Exeter, der Schwester von Eduard IV und Margarete of York, der Frau von Karl dem Kühnen. Die Bekanntschaft mit Anne of Exeter, die den ganzen kontinentaleuropäischen Hochadel kennt, ist für die Verbreitung der Musik von Walter Frye sicher sehr hilfreich. Seine Kompositionen werden bei privaten Anlässen und Festen wie auch in der Liturgie gespielt.

Das überlieferte Werk ist nicht sehr groß: 4 Messen, 5 Motetten und 4 englische Lieder, von denen eine Zuschreibung bezweifelt wird. Seine drei erhaltenen Messen sind in einem Manuskript überliefert, das in der Koninklijke Bibliotheek in Brüssel als Manuskript 5557 aufbewahrt wird. Die ersten vier Faszikel dieser Prachthandschrift , von einen einzigen Schreiber sehr schön kopiert, enthalten u.a. die Messen “Flos regalis” und “Nobilis et pulchra”. Hier ist zu den Titeln auch der Name des Komponisten vermerkt. Diese Handschrift ist wohl für die Hochzeit von Margarete of York mit Karl dem Kühnen 1468 hergestellt worden. Außer den Messen enthält sie noch drei Lieder von Frye sowie Kompositionen von anderen englischen Musikern.

Aus der Tatsache, dass die Werke Walter Fryes fast nur in Manuskripten überliefert sind, die sich auf dem europäischen Festland befinden, hat man früher geschlossen, dass Frye auf dem Kontinent lebte. Neuere Forschungen weisen aber nach, dass er die Insel nie verlassen hat. Die mangelnde Überlieferung in England ist sicher dem Umstand geschuldet, dass in der Zeit der Rosenkriege viele Abteien und Kirchen geplündert und die Bibliotheken vernichtet wurden.

Fryes Werke wurden oft kopiert und in vielen Sammlungen weiterverbreitet. Dem Booklet zu der CD des Hilliard Ensembles entnehme ich folgendes Zitat von John Potter:
“Frye wird von den Musikwissenschaftlern gelegentlich als Übergangskomponist des späten 15. Jahrhunderts angesehen und stilistisch irgendwo zwischen der mittelalterlichen Strenge von Dunstable und dem ausgereifteren Kontrapunkt von Josquin und Isaac angesiedelt. Diese Aufnahme zeigt, …dass er etwas mehr ist als dies. Für uns als Gruppe markiert sie einen weiteren Schritt in die Erkundung dieser so schwer einzuordnenden Musik, für die Martin Le Franc die Bezeichnung “the English Countenance” fand, als der Einfluß dieses anmutig harmonischen englischen Stils die europäische Musik in kaum mehr gesehener Weise durchdrang.”

Fryes wichtigste Werke waren sicher seine Messen, von denen die “Missa Flos Regalis” für vier Stimmen, die “Missa Nobilis et pulchra” für drei Stimmen sowie die “Missa Summe Trinitati” für drei Stimmen erhalten sind.
Unbekannt Dienstag, 16. März 2010, 15:32
Werke:

Messen:

Missa Flos regalis (4stg.)
Missa Nobilis et pulchra (3stg.)
Missa Summe Trinitati (3stg.)

Motetten:

Salve virgo
Ave Regina coelorum
Sospitate dedit
Trinitatis dies
O florens rosa

(alle Motetten sind dreistimmig)

Lieder

Tout a par moy (Rondeau)
Alas, alas is my chief song
So ys emprinted

Die Liste der Werke orientiert sich an der Digitalen MGG;
sie führt nur 3 weltliche Werke (Lieder) auf.


Discographie


Weitere CD bzw. Videos:











Video


lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Dienstag, 16. März 2010, 19:45
Danke für die schöne Eröffnung Chris! Ich muss gestehen, dass mir der Name Frye nix sagt- ich bin gespannt auf Deine weiteren Eindrücke!

:wink: :wink:

Christian
Unbekannt Dienstag, 16. März 2010, 21:20
Danke für die schöne Eröffnung Chris! Ich muss gestehen, dass mir der Name Frye nix sagt


Da schließe ich mich an. Bis eben konnte ich mit dem namen Walter Frye nichts anfangen.
Über dessen Leben weiß man ja praktisch nichts, denn

Zitat

Ein “Cantor” Walter ist zwischen 1443 und 1466 an der Kathedrale von Ely als Chormeister nachgewiesen. Ein Walter Frye schließt sich 1456 der London Guild of Parish Clerks an. 1464 - 1472 finden wir einen Walter Frye in der Umgebung von Anne of Exeter, der Schwester von Eduard IV und Margarete of York, der Frau von Karl dem Kühnen.


er könnte ebensogut alle drei oder auch keine dieser Personen gewesen sein. Und es gibt nichtmal einen deutschen Wikipedia-Artikel über ihn.

Zitat

Frye wird von den Musikwissenschaftlern gelegentlich als Übergangskomponist des späten 15. Jahrhunderts angesehen und stilistisch irgendwo zwischen der mittelalterlichen Strenge von Dunstable und dem ausgereifteren Kontrapunkt von Josquin und Isaac angesiedelt.


Er würde auch die Lücke füllen, die in meiner CD-Sammlung bei den Engländern zwischen Power/Dunstable einerseits und Taverner andererseits klafft. Spontan fällt mir auch kein weiterer englischer Komponist dieser Zeit ein. Weiß man denn, inwieweit er die späteren Engländer der Generation Taverner/Fayrfax beeinflußt hat? Im englischen Wikipedia-Artikel steht, daß Frye die kontinentalen Komponisten Obrecht und Busnois beeinflußt hatte, was ja für seine Bedeutung spricht.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 16. März 2010, 22:21
Lieber Martin,

Der ausführlichste Artikel, den ich mit meinen beschränkten Mitteln finden konnte, war der Beitrag in der Digitalen MGG. Hier wird auch der Frage nachgegangen, wo und mit welchem Text ein Lied bzw. eine Motette wieder auftauchte; z.T auch als Instrumentalversion. Wie es scheint, war Fryes Einfluss in England geringer als auf dem Kontinent. Das mag mit der Überlieferung seiner Werke zu tun haben, die vor allem ausserhalb von England stattfand, da in Fryes Heimatland in den Auseinandersetzungen der Häuser Lancaster und York viele Kunst- und Kulturschätze verloren gingen.
John Potter schreibt in dem Booklet zu der CD "The Hilliard Ensemble, Walter Frye" dazu: "Fryes Ruhm als Komponist .. erlosch vermutlich ... mit dem Tod der Gönner. Seine Musik lebte noch etwas länger fort in der Wertschätzung die ihm von anderen Komponisten zuteil wurde. Er erhielt lobende Erwähnungen von Hotby und Tinctoris, Obrecht schrieb eine Messe und eine Motette über die Tenorstimme von" Ave regina", auch Josquin zitierte Teile daraus, und Le Rouge schrieb eine Messe, die auf "So ys emprentid" basiert."
Auf dieser Seite gibt es Videos von seinen Vorgängern Power und Dunstable; es ist ganz schön, die Stücke im Vergleich mit Fryes Werken (hier) zu hören. Vielleicht bildete Frye den Abschluss einer Epoche; historisch sicher, England war aus Frankreich vertrieben worden und so fand ein großartiger künstlerischer Austausch auch ein Ende.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Mittwoch, 17. März 2010, 13:09
Einen schönen chronologischen Überblick über die Komponisten der Rennaisance und des Barock bietet folgende Internet-Seite:

Renaissance & Baroque Music Chronologie

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Mittwoch, 17. März 2010, 15:47
Musiktheoretisches zu den drei Messen und der Motette "Ave Regina coelorum" von Walter Frye

Ausführungen zu den Messen und Motetten bzw. Liedern möchte ich aus der digitalen MGG entnehmen, da ich die theoretischen Grundlagen dieser doch sehr komplexen Musik nur ganz selten in eigene Worte zu fassen vermag.
Die Digitale MGG, vor kurzem noch bei 2001 erhältlich, entspricht der 1. (alten) Auflage der MGG.

Die Digitale MGG bezeichnet unter dem Schlagwort Walter Frye, die dreistimmige Missa Nobilis et pulcra [!] als die stilistisch älteste der erhaltenen Messen, “die auch, was für einen engl. Zyklus ungewöhnlich ist, ein mehrst. ‘Kyrie Deus creator omnium’ einschließt… Der T[enor], der sich eng an das zugrunde liegende Katharinen-respensorium anlehnt, ist hier fast durchweg noch die tiefste St[imme], wie es in den älteren engl. Meßzyklen stets der Fall ist.”

Zur vierstimmigen Missa Flos Regalis bemerkt die Digitale MGG dass diese Messe einen fortschrittlicheren Eindruck mache. “In diesem klangvollen und einfallsreich gegliederten Werk wird der c.f. im T[enor] durch eine harmonietragende Baßst. gestützt.”

Weiter heißt es: “In beiden Messen wird die zykl. Einheit durch sehr ähnliche Mottoanfänge der Sätze betont und außerdem durch den c.f., der in allen Sätzen rhythmisch und melodisch nur leicht variiert durchgeführt wird, wobei Harmonie und K[kontra]p[unkt] völlig verändert sein können.”

Zur dreistimmigen Missa Summe Trinitati heißt es weiter: “Im Gegensatz dazu ist der T[enor] der dritten Messe .. Fast streng isorhythmisch in allen Sätzen. Die Messe ist zwar nur 3st., jedoch ist die Disposition der St[immen) insofern modern, als der T[enor] bis auf die Kadenzen die Mittellage einhält, während der Contratenor effektiv ein >contra altus et bassus< ist. .. Aber sie ist noch aus einem weiteren Grunde höchst interessant: sie ist eines der frühesten Beisp. Für die Herausbildung der zykl. Parodiemesse aus der c.f-Messe”. Im Modell, der anonymen Motette “Salve virgo mater pia” aus dem Trienter Cod. (Nr. 240), stimmen “der T[enor] der Motette und der Messe .. bis auf die Pausengliederung völlig überein, aber darüber hinaus wird auch der mehrst. Satz benutzt.”

Zum berühmtesten Werk Fryes, der Motette Ave Regina coelorum bemerkt die Digitale MGG, dass dies eine Kantilenenmotette sei, “die formal analog der Ballade gebaut ist. Sie ist ohne Benutzung einer greg. Vorlage in einem intimen, durch imitatorische Kleinmotive aufgelockerten Melodiestil komponiert”

Zu den vielen Bearbeitungen dieser Motette gehören auch drei im Buxheimer Orgelbuch.
Unbekannt Freitag, 19. März 2010, 18:56
Die Musik Walter Fryes habe ich vor einigen Jahren durch diese CD mit dem Hilliard Ensemble kennengelernt. Ich fand sie für wenig Geld in einem Grabbelkasten für unter den Sonderangeboten und habe mir gedacht, dass sich das Hilliard Ensemble sicher nicht mit schlechter und langweiliger Musik beschäftigt. Und so war es auch, mein Vertrauen ist nicht getäuscht worden.





Die CD enthält die “Missa Flos Regalis”; eingerahmt bzw. unterbrochen durch Einschübe werden die Messteile von den Motetten. Außerdem befinden sich noch einige Lieder auf der CD.
Die Interpretation finde ich sehr gut. Sie entspricht dem Klangbild, dass ich bei der Musik dieser Zeit so liebe: eine Musik, die dahinströmt so natürlich und leicht, wie der Atem. Die Stimmen scheinen in einem weiten Raum zu schweben, berühren sich, verflechten sich, entfernen sich wieder usw. Und das wird ganz trennscharf, differenziert musiziert, dass man den einzelnen Stimmen gut folgen kann.



Die nächsten Cds, die ich hier nenne, kenne ich nur von den Hörbeispielen aus den Händlerprospekten.





Die CD “Northern Wynde” mit dem Ferara Ensemble enthält alle drei Messen. Ich halte diese Zusammenstellung für sehr gelungen. Das Ensemble pflegt ebenfalls einen schlanken, vibratolosen Stil, den ich für diese Musik so schätze.





Schön ist die Idee, die Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit von Margarete von York mit Karl dem Kühnen in Brügge als Thema für eine CD aufzugreifen, schließlich haben sich die Werke Fryes v.a. durch das sog. Brüsseler Ms. 5557 erhalten, das durch Margarethe von York nach Flandern kam. Die CD enthält die “Missa Summe trinitati” von Frye, außerdem eine anonyme “Missa sine nomine” und einige Motetten. Auch das Binchois Consort ist dem schlanken Stil verpflichtet, wie sich aus den Hörbeispielen ergibt.





Noch eine letzte CD möchte ich hier vorstellen, mit der ich mich allerdings nicht so anfreunden konnte. Auch dieses Ensemble, The Clerks Group, bezieht sich auf das Brüsseler Ms. 5557 und singt u.a. die “Missa Flos Regalis” von Walter Frye. Nach meinem Empfinden ist hier das Klangbild zu verschwommen, fast schwammig, zu voll. Auch ein mehrfaches Anhören alles Beispiele hat mich nicht dazu veranlasst, mir diese CD anzuschaffen. Aber vielleicht hören andere das ganz anders.
Unbekannt Samstag, 5. Juni 2010, 18:13
Diese CD mit zwei Messen von Frye


jetzt bei Hyperion für 5,60 L... zuschlagen!: gilt nur für einige Tage!
http://www.hyperion-records.co.uk/al.asp?al=CDA67129



LG
Tamás
:wink: