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Verschollen = auf ewig verloren ?

Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 05:35
Ich arbeite schon seit einiger Zeit an einem Buch über die frz. Musik zwischen 1550 bis 1830.
Knifflig und ziemlich enttäuschend ist die Epoche "Mazarin und die Fronde"
Eine Epoche die deshalb so bedeutend und interessant ist, weil zu jener Zeit die ersten Opern in Frankreich aufgeführt wurden.
Aber laut der Quellenlage ist kaum etwas aus der zeit erhalten.

Im MGG und in einigen anderen Quellen ließt sich z.B. , dass die erste Oper, die in Frankreich gegeben wurde "La Finta pazza" von Francesco Paolo Sacrati, wie sein gesamtes kompositorisches Schaffen verschollen sei.
Ebenso die große Prunkoper "Le nozze di Peleo e di Teti" von Carlo Caproli, die zum Sieg über die Fronde in Paris gegeben wurde.

Wie können Werke, die einen solchen Ruhm hatten, von denen es Abschriften gab, einfach verloren sein ?

Jerôme Correas führte beim letzten Musikfestival in Versailles, wärend der "Grandes Journées de Lully" ein Konzert gab, mit folgendem Titel:

"Fêtes Baroques - Les Italiens à Paris - Aux sources de l'opèra français"

Das Program begann - mit dem Prolog zur Oper "La Finta pazza" von F.P. Sacrati, die ja angeblich verloren ist.
Die Partitur ist nach einigem Suchen also wieder gefunden worden und zwar schon 1983 !



Lässt das nicht die Hoffnung zu, dass die anderen bedeutenden Werke auch wieder gefunden werden ?
Ich glaube ziemlich fest daran, dass "Dafne" von Schütz wieder auftaucht, denn die Oper wurde Ende des 17. Jh. noch in St. Petersburg aufgeführt.
Und die russischen Archive sind in Sachen Alter Musik noch so gut wie unerforscht.

Ist es nicht problematisch, wenn bestimmte Werke den Status "verloren / verschollen" bekommen ?
Sucht dann überhaupt noch jemand danach ?
Vor allem scheinen die Funde, wenn sie denn gemacht werden, in der entsprechenden Literatur nicht aktualisiert zu werden,
bzw. kaum jemand nimmt solche Sensationen war.... in der Presse wird eh nur berichtet wenn Bach, Mozart oder beethoven drauf steht.
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 10:01
Ich vermisse die Oper L'Arianna von Monteverdi sehr... die muss doch noch irgendwo aufzufinden sein! Sie wurde ja ein Erfolg, der seinesgleichen sucht!

(und werd jetzt entgegnet: das lamento sei doch erhalten: NEIN, es ist nicht vollständig erhalten. Die Chöre zwischen den Strophen sind jetzt noch "verloren"... ;( )


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 12:13
Guten Tag
Ich vermisse die Oper L'Arianna von Monteverdi sehr... die muss doch noch irgendwo aufzufinden sein!



Ich vermisse noch mehr Opern von Monteverdi, leider ist von Monteverdis Opernschaffen das meiste verloren:

L´Andromeda (~ 1620 )
La finta pazza Licori ( 1627 )
Proserpina raptia ( 1630 )
Le nozze d`Enea con Lavinia

Um nur paar Beispiele zu nennen.
Andereseits wird immer mal wieder was entdeckt, von Bach die Aria "Alles mit Gott und nichts ohn ihn" und von Vivaldi fand man einiges Neues. Einen spektakulären Fund stellte auch ein Autograph mit 35 Handschriften -die Hälfte davon bisher unbekannt- des Komponisten Johann Jakob Froberger ( 1616-1667 ), das 2006 für 450.000 € in London versteigert wurde, dar.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 12:27
Guten Tag
von Vivaldi fand man einiges Neues.


Antonio Vivaldi sorgte diesbezüglich wirklich bis heute immer für Überraschungen. Schon 1926 boten die Salesianermönche vom Collegio San Carlo in Martino aus ihrem Besitz eine größere Musikaliensammlung zum Verkauf an. Alberto Gentili, ein Dozent für Musikgeschichte aus Turin, untersuchte im Auftrag der Turiner Nationalbiblikothek, ob sich der Erwerb für sie lohne. Er stellte dabei fest, dass 14 der 97 Bände dieser Sammlung Musik von Vivaldi (140 Instrumentalwerke, 29 Kantaten, 12 Opern, 1 Oraturium und eine Unzahl verschiedener Fragmente) enthielten. Den frommen Männern war die Musikaliensammlung von einem Marquis Marcello Durazzo vermacht worden. Ein Neffe des Marquises hatte weitere Teile einer Musikaliensammlung, er ließ sich nur durch hohe finanzielle Mittel, die ein Turiner Industrieller aufbrachte, dazu bewegen die Restsammlung ebenfalls der Turiner Nationalbibliothek zu verkaufen.
Wie die Familie der Marquis Durazzo in den Besitz dieser Musikaliensammlung kam ist sehr kompliziert und nicht in wenige Worte zu fassen.


Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 14:01
Es muss sich halt jemand finden, der die fleissigen Musikwissenschaftler bezahlt, die sich durch die Archive quälen und sie katalogisieren - ohne private Sponsoren oder die öffentlichen Kassen ist das kaum zu machen. Dass es geht, zeigt die Arbeit an den zurückgekehrten Beständen der Berliner Singe-Akademie, die in einem sehr langfristig angelegten Forschungsprojekt mit dem Bach-Archiv katalogisiert wurden. Aber da sitzen mehrere Leute über Jahre dran ... das ist mal eine gute Seite des Bach-Kultes, ohne diesen hohen Status als Kulturgut wäre das nie finanziert worden.
Auf der anderen Seite braucht das die Unterstützung eines Kulturbetriebs, der diese wieder aufgefundenen Werke auch hören will und die Aufführungen finanziert ... und da dominieren leider immer noch die "großen" Namen.

Was heute historisch bedeutsam erscheint, mag nach dem Tod eines Komponisten als veraltet empfunden worden sein, auch ein Monteverdi. Wer hat sich damals dafür interessiert, was die erste dies oder das erste soundso war - das ist doch erst seit dem 19. Jahrhundert interessant. Im Barock wollte man immer neue Musik hören. Insofern sind wir wieder näher an der damaligen Auffassung, weil das für uns ja auch alles wieder neu ist ...

Es gibt mit Sicherheit noch Sammlungen in Privatbesitz, Archiven von Klöstern (so sind Vivaldis Noten wieder aufgetaucht, als ein Kloster seine Notenbestände verkaufen wollte) oder Bibliotheken ... in Italien und Spanien liegt da noch etliches. Manchmal muss man nur suchen, so hat Peter Dirksen ein Opus von Johann Schenck lokalisert, dessen einziges belegtes Exemplar als Kriegsverlust galt:



Manches ist auch wirklich unwiederbringlich verloren, so die Vorlagen für Hasses Gesamtausgabe, die mit seinem Haus verbrannten, als die Preussen Dresden beschossen ... :rolleyes: ... ich möchte nicht wissen, was beim Brand in der Anna Amalia Bibliothek alles vernichtet wurde.

Für die Belletristik gibt es ein sehr nettes Buch zu diesem Thema:
Alexander Pechmann - Die Bibliothek der verlorenen Bücher
Man weiss nicht, ob man lachen oder weinen soll ...
Ich hab mal für Freunde Auszüge vorgelesen und das mit verschollen geglaubter, wiedergefundener Musik kombiniert.

Unbekannt Montag, 27. Dezember 2010, 00:59
Noch ein Beispiel: Die Partitur zu dem hier eingespielten Oratorium von Alessandro Scarlatti galt auch als verloren, obwohl sie unter der Nase der Forscher in einem Archiv lag - im Booklet steht mehr darüber:

Unbekannt Donnerstag, 30. Dezember 2010, 16:09
Guten Tag
von Vivaldi fand man einiges Neues.
Die Abschrift eines verloren geglaubten Flötenkonzertes mit dem Titel "Il Gran Mogol" von Antonio Vivaldi wurde kürzlich im Schottischen Nationalarchiv in Edinburgh von Andrew Woolley entdeckt. Das neuaufgefundene Konzert gehört zu einem Zyklus von vier Konzerten, dessen restliche drei Teile leider bisher nicht gefunden werden konnten. Die Existenz des Konzertes war bisher nur durch die Erwähnung in einem niederländischen Verkaufskatalog aus dem 18. Jahrhundert bekannt. Das Notenmaterial ist fast vollständig, am 26. Januar 2011 soll das Konzert durch das Ensemble La Serenissina in Schottland wieder aufgeführt werden.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 30. Dezember 2010, 16:19
Guten Tag
Manches ist auch wirklich unwiederbringlich verloren, so die Vorlagen für Hasses Gesamtausgabe, die mit seinem Haus verbrannten, als die Preussen Dresden beschossen ... :rolleyes: ... ich möchte nicht wissen, was beim Brand in der Anna Amalia Bibliothek alles vernichtet wurde.


Manche Kompositionen wurden auch absichtlich verbrannt. Die Werke des Bassiten und Vicecapellmeister am Hof der Landgrafen von Hessen in Darmstadt, Gottfried Grünewald, wurden nach seinem Tode 1739 auf dessen Wunsch alle verbrannt. Ein ähnliches Schicksal drohte auch Christophs Graupners Werken, nur ein langjähriger Streit zwischen den Landgrafen und Graupners Erben verhinderte deren Verbrennung. Gibts ähnliche Beispiele in denen Komponisten nach (vor) ihrem Ableben die Vernichtung ihrer Werke wünschten ?

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 30. Dezember 2010, 17:31
Ja - Froberger hatte das verfügt. Seine Dienstherrin hat sich zu unserem Glück nicht daran gehalten.

Viele haben auch selbst etliches vernichtet, man sagt es von Goldberg und Müthel, im 20. Jahrhundert ist es von Edgard Varèse belegt, der seine sämtlichen Werke vor einem bestimmten Datum vernichtet hat.