The harpsichord world today is more greatly in her debt than it knows.
Peter Watchorn
Isolde Ahlgrimm wurde am 31. Juli 1914 in Wien geboren. Sie stammte aus einem musikalischen Elternhaus; ihre Mutter war Pianistin, und ihr älterer Bruder wurde ebenfalls Musiker. An der Musikakademie Wien erhielt Isolde Ahlgrimm eine Ausbildung als Pianistin, ihre Lehrer waren Viktor Ebenstein, Emil von Sauer und Franz Schmidt.
1934 traf sie Dr. Erich Fiala, der alte Musikinstrumente sammelte und den sie 1938 heiratete. 1937 kauften die beiden ihr erstes historisches Tasteninstrument, ein Fortepiano von Michael Rosenberger aus dem Jahr 1790. Ebenfalls 1937 wurde ein Cembalo von Ammer gekauft, das sich in seiner Bauweise schon eher an historischen Vorbildern orientierte als die damaligen Cembali, die in Serie gebaut wurden. Das Ammer-Cembalo war ein Hochzeitsgeschenk von Isolde Ahlgrimms Schwiegereltern, die wohlhabende Fabrikanten waren. 1941 kam im Austausch gegen einen Pleyel-Flügel ein Ammer-Pedalcembalo zur Sammlung hinzu.
Im Februar 1937 begann Isolde Ahlgrimm die Konzertreihe "Concerte für Kenner und Liebhaber", die ohne Unterbrechung über die Kriegsjahre bis 1956 fortgesetzt wurde, als sie und ihr Mann geschieden wurden und die Instrumentensammlung aufgelöst wurde. Ende der 40er Jahre entstanden Aufnahmen mit Cembalokonzerten J. S. Bachs, bei denen Nikolaus Harnoncourt mitwirkte. 1950 spielte Isolde Ahlgrimm in einer Konzertreihe sämtliche Sonaten, Fantasien und Rondos von Mozart auf drei historischen Fortepianos, die Ende des 18. Jahrhunderts gebaut worden waren. (Gustav Leonhardt, der in den 50er Jahren in Wien war und sich mit Isolde Ahlgrimm austauschte, erinnerte sich noch 1995 in einem Interview an sie als "unvergleichliche Fortepiano-Spielerin".) In der ersten Hälfte der 50er Jahre entstand für Philips eine Gesamtaufnahme der Cembalowerke J. S. Bachs, die 1974 auf 20 LP's wiederveröffentlicht wurde.
Ihr Cembalospiel war eine radikale Abkehr von dem, was man von ihrer wesentlich bekannteren Kollegin Wanda Landowska und deren Schülern gewohnt war: keine übertriebenen Ritardandi, sparsamer Registerwechsel, differenzierte Artikulation, genaue Beachtung der unterschiedlichen Verzierungen und das Bemühen, die Musik "sprechen" zu lassen - heute selbstverständlich, in den 30er und 40er Jahren aber ganz und gar nicht. Ihre Spieltechnik erarbeitete sich Isolde Ahlgrimm aus zeitgenössischen Dokumenten wie etwa C. P. E. Bachs "Versuch", während Landowska die Spieltechnik der russischen Pianistenschule einfach auf das Cembalo übertrug. In Konzerten spielte Isolde Ahlgrimm stets auswendig. Sie war übrigens eine der ersten, die sich dafür einsetzten, Bachs "Kunst der Fuge" als Cembalowerk zu betrachten, und sie spielte die "Kunst der Fuge" auch in Konzerten auf dem Cembalo.
Isolde Ahlgrimms letzter Schüler war der australische Cembalist Peter Watchorn. Als er ihr 1977 einen Brief schrieb, um seine Begeisterung über ihre Aufnahmen aus den 50er Jahren zum Ausdruck zu bringen, antwortete sie ihm, sie sei erstaunt darüber, denn der Aufführungsstil habe sich doch seitdem sehr geändert. Persönlich traf Watchorn sie erst 1985. Er beschreibt ihre bescheidene Wohnung in der Strudlhofgasse unweit der Universität, wo sie viele Jahre unterrichtet hatte, und ihr kleines Wohnzimmer, in dem neben einem Cembalo von David Rubio, das sie 1972 gekauft hatte, noch eine schmale Schlafcouch und ein Mikrofilm-Lesegerät standen. Dieses Lesegerät benötigte sie für ihre Arbeit an einem Lexikon der Verzierungen, das sie die letzten 20 Jahre ihres Lebens beschäftigte und leider unvollendet blieb.
Isolde Ahlgrimm starb am 11. Oktober 1995 im Alter von 81 Jahren. Watchorn, der ihr seit 1985 freundschaftlich verbunden geblieben war, schreibt, sie sei erschöpft von Krankheit, jahrelanger künstlerischer Missachtung, lebenslanger harter Arbeit und tiefer Traurigkeit gewesen.
Sie hat mit ihrem Cembalo- und Fortepianospiel die Grundlage für viele nachfolgende Musiker gelegt, die historische Aufführungspraxis maßgeblich vorangebracht und damit auch jüngere HIP-Pioniere wie Harnoncourt und Leonhardt (die sie beide persönlich kannte) beeinflusst. Und trotzdem ist sie nahezu unbekannt - wie schon 1974, als "Grammophone" eine Aufnahme der damals 60-Jährigen als Debut besprach, weil offenbar keinem der Redakteure ihr Name geläufig war...
Viele Grüße,
Andreas
EDIT: Bild entfernt wegen unklarer Urheberrechtssituation.