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Variationszyklen für Cembalo

Unbekannt Sonntag, 13. September 2009, 18:52
Hallo,

verspätet einer Idee von Michael folgend, eröffne ich diesen thread, der sich mit interessanten Variationswerken für Cembalo beschäftigen soll.
Ich war überzeugt, da nur die Goldb...äh...Friedemann-Variationen von JSB zu besitzen, habe aber doch noch ein frühes (aus der Zeit in Hamburg stammendes) Variationswerk Händels, nämlich Prelude ed chaconne avec LXII variations HWV 442, in meiner Sammlung entdeckt. Es ist wohl keines der herausragenden Beispiele des Genres (zudem ist die Interpretation Ahlgrimms auf einem wahrschienlich nicht ganz HIPpen Cembalo entstanden); die hohe Anzahl der Variationen überrascht mich etwas, so viele höre ich da nicht heraus, die müßten ja auch dann nur einige Sekunden dauern.



Welche Werke kennt Ihr denn? Ich hoffe doch, hier werden mindestens die beiden Werke aus dem "Was höre ich gerade"-thread nochmal kurz vorgestellt.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 13. September 2009, 18:56
Hallo,


Welche Werke kennt Ihr denn?
Ein frühes Beispiel sind Hans Leo Hasslers 31 (!) Variationen über "Ich gieng einmal spatieren"


In der beeindruckenden Interpretation von Leon Berben. :music:
Unbekannt Montag, 14. September 2009, 00:39


Hier spielt Léon Berben u.a. zwei Variationszyklen von Jan Adam Reinken - warum dessen Name nicht riesig groß vorne auf der CD prangt, verstehe ich überhaupt nicht - fast alles ist von ihm. Erstklassig gespielt - Berben wird als Cembalist immer besser.
Unbekannt Dienstag, 15. September 2009, 09:03
Hier muss natürlich Buxtehudes Variationszyklus "La Capricciosa" BuxWV 250 erwähnt werden, der schon Goldberg-ähnliche Dimensionen hat:



Wilson spielt den Zyklus sehr brilliant und quasi wie improvisiert, das ist unbedingt hörenswert.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Montag, 12. Oktober 2009, 15:53
Um noch mal auf Bach zurückzukommen: Die Sarabanda con Partite C-Dur BWV 990 ist zwar in ihrer Echtheit umstritten, aber trotzdem ein niveaulvolles und hörenswertes Werk, daß es obendrein von Christian Rieger in einer tollen Einspielung auf einem Nachbau des sog. Colmar-Ruckers gibt:

Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 18:00
Guten Tag

Johann Jacob Froberger widmete 1649 dem Habsburger Kaiser Ferdinand III. eine Sammlung von Cembalostücken, darunter ein aus sechs Variationen ("Partite") bestehender Zyclus über das Volkslied "Die Mayerin". Eingespielt ist die reizvolle "Partita auff Die Mayerin" FbWV 606 u.a. auf dieser



CD " Auf Wiener Art - Musik am Habsburger Hof " mit dem Ensemble Le Jardin Secret

(J.A. Reinken hat Jahre später ebenfalls einen Variationszyklus "Über die Mayerin" für Cembalo komponiert.)

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 18:18
Guten Tag

Johann Jacob Froberger widmete 1649 dem Habsburger Kaiser Ferdinand III. eine Sammlung von Cembalostücken, darunter ein aus sechs Variationen ("Partite") bestehender Zyclus über das Volkslied "Die Mayerin".
Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Kann man irgendwo auch die Grundlage der Variation hören, oder zumindest lesen (ich meine, als Notentext)?

(Guido Adler schreibt dazu, die Melodie trete "in der reinsten Fassung" in der fünften Partita (Variation) auf. Wäre aber doch neugierig auf das originale Lied...)
Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 19:14
Kann man irgendwo auch die Grundlage der Variation hören, oder zumindest lesen (ich meine, als Notentext)?

Ja, hier - Drittes Notenbeispiel.
Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 19:24
Danke schön!

Gehe ich dann richtig in der Annahme, dass die beiden erwähnten Variationswerke die einzigen Quellen für dieses Lied sind?
Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 20:00
Mehr als Kostujak vor dem Notenbeispiel schreibt, weiß ich auch nicht - könnte schon sein.
Unbekannt Montag, 22. März 2010, 15:46
Durch den Thread über Johann Ludwig Bach wieder auf diese CD gestoßen, die eine "Aria Eberliniana pro dormente Camillo" für Cembalo solo von Johann Christoph Bach (1642-1703) enthält - 15 Variationen, hier von Léon Berben sehr ansprechend gespielt.

Unbekannt Montag, 22. März 2010, 15:51
Alessandro Scarlatti hat unter den Instrumentalkompositionen seiner letzten 10 Lebensjahre auch einen Variationszyklus über das oft bearbeitete La Follia hinterlassen, den man u.a. hier sehr gut gespielt bekommt:

Unbekannt Sonntag, 17. Oktober 2010, 21:58
Durch den Thread über Johann Ludwig Bach wieder auf diese CD gestoßen, die eine "Aria Eberliniana pro dormente Camillo" für Cembalo solo von Johann Christoph Bach (1642-1703) enthält - 15 Variationen, hier von Léon Berben sehr ansprechend gespielt.


Ist das identisch mit "Aria und Variationen in a" von Johann Christoph Bach, welches BigBerlinBaer mal als seinen liebsten Variationszyklus genannt hatte (IIRC aber für Orgel)?

Ich habe vor einigen Wochen die umfangreichen Variationen über "Ich gieng einmal spatieren" von Hans Leo Hassler mehrfach genossen. War er der erste, der einen solch großangelegten Variationszyklus komponierte? In der Berben-Aufnahme dauert er 42 Minuten und rangiert damit fast in der Größenordnung von BWV988 und op.120, die ja gemeinhin als Gipfelwerke gelten. Ich jedenfalls mag auch den Hasslerschen Brocken sehr gerne.
Berben spielt auf einem Patavinus-Cembalo von 1561 - ein solches könnte Hassler damals bei den Fuggern in Augsburg durchaus ebenfalls gespielt haben.



Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 17. Oktober 2010, 22:45
Es könnte durchaus sein, dass Hassler der erste war, der einen Variationszyklus dieser Länge schriftlich festhielt - da so etwas aber in der Regel improvisiert wurde, ist eine solche Feststellung eher von begrenztem Wert, was die Kompositions- und Spielpraxis angeht - denn in gewissem Sinne ist Improvisieren ja spontanes Komponieren, und letzteres geht auch ohne schriftliche Fixierung.
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 00:14
Durch den Thread über Johann Ludwig Bach wieder auf diese CD gestoßen, die eine "Aria Eberliniana pro dormente Camillo" für Cembalo solo von Johann Christoph Bach (1642-1703) enthält - 15 Variationen, hier von Léon Berben sehr ansprechend gespielt.


Ist das identisch mit "Aria und Variationen in a" von Johann Christoph Bach, welches BigBerlinBaer mal als seinen liebsten Variationszyklus genannt hatte (IIRC aber für Orgel)?

Nein, das sind zwei verschiedene Variationszyklen. Nach dem Werkverzeichnis im New Grove ist der zweite Zyklus in a mit 15 Variationen ebenfalls für Cembalo. Aufnahmen gibt es aber eher auf der Orgel:




Letztere scheint nur als Download erhältlich zu sein - nicht mal im Shop des Bachhauses Eisenach kann ich sie finden ... mehr z.B. hier.
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 10:16
Ich habe hier eine ältere CD vom Label MDG (leider habe ich kein Cover gefunden), die neben den bereits erwähnten Variationen von Hassler noch die Passamezzo-Variationen von Samuel Scheidt enthält. Diese Variationen stammen aus Scheidts Tabulatura nova I (1624).

Waldemar Döling spielt auf einer mitteltönig gestimmten Kopie eines Ruckers-Cembalos (Jan Ruckers der Jüngere, 1640) von Eckehard Merzdorf. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1985.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 11:29
Guten Tag

eine "Aria allemagna con alcuni variationi sopra l'Eta della M.ta V.tra" in 20 Variationen ist auf dieser



CD -hier allerdings auf auf einer Orgel gespielt- zu hören, eine wahlweise Darbietung auf einem Cembalo ist aber durchaus denkbar und möglich. Poglietti widmete die Variantionsfolge der Habsburger Kaiserin Eleonore, in der Zahl der Variationen ausdrücklich Bezug auf das Alter der Kaiserin, die zu diesem Zeitpunkt (1677) 22 Jahre alt; nimmt man das Ricercar, das Capriccio und die Nachtigallenarie hinzu, dann kommt man auf 23 Sätze, die Kaiserin war in ihrem 23. Lebensjahr.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 21:04
Hallo,

hat jemand noch weitere Empfehlungen bezüglich Händels beiden Variationszyklen HWV 435 und HWV 442? Bestenfalls eine CD, auf der gleich beide enthalten sind.

Merci

:wink:
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 21:33
Von HWV 435 gibt es etliche, die grandioseste, weil auf einem Typus Cembalo gespielt, wie ihn Händel benutzt hat, ist die von Siegbert Rampe:


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Bei HWV 442 habe ich nur die LP von Edgar Krapp aus seiner "Gesamt"einspielung.
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 21:55
Klingt wirklich sehr monströs, aber ein wenig zu hallig (was an Halle liegen mag?).

Ich liebe diese beiden Zyklen, die ja im Prinzip auf dem selben 8taktigen erweiterten Kadenzgefüge aufbauen.
Auf meinem Clavichord klingen sie auch sehr toll!

Und interessanter Weise nervt diese ständige Wiederholung überhaupt nicht.

:yes2:

Im Gegensatz dazu die schier nicht enden wollenden Variationen über Yankee Doodle von Beethovens Kumpel James Hewitt (1770-1827):



:umfall:
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 22:22
Klingt wirklich sehr monströs, aber ein wenig zu hallig

Mit dem Klang dieses rekonstruierten Zell-Cembalos mit 16' Register ist MP3 hoffnunsglos überfordert - die CD ist überhaupt nicht hallig. Das Kompressionsprogramm misinterpretiert die Resonanz ...
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 23:11

Auf meinem Clavichord klingen sie auch sehr toll!

Hogwood spielt HWV 435 auf dem Clavichord - sehr empfehlenswert!



Hier gibt es auch die variationen HWV 430/4a und die Aria und Variationen in B von Johann Phlippp Krieger - da scheint es vor allem in Norddeutschland eine nicht unbeträchtliche Tradition in Sachen Tastenvariationen gegeben zu haben!
Unbekannt Dienstag, 19. Oktober 2010, 14:54
Von Georg Friedrich Händel gibt es ja eine ganze Reihe von Variationszyklen, trotz Werkverzeichnis nicht immer einfach zu lokalisieren, weil er sie oft in seine Suiten eingebaut und immer wieder umgeschrieben hat. Alleine von HWV 435 soll es fünf Fassungen geben. Hier zeigt sich mehr als bei jedem anderen Komponisten, wie sehr dieses Genre mit der Improvisation und dem spontanen Demonstrieren der eigenen Virtuosität verbunden war.
Ich versuche mal aufzulisten, was ich identifizieren kann:

  • Air con 5 varianzioni = 5. Satz der Suite Nr. 3 g-moll HWV 428 (in 8 Suites des pièces pour les clavecin, I. Sammlung, London 1720)
    (gibt es auch in einer Frühfassung ohne Variationen)
  • Aria con 5 variazioni = 2. Satz der Suite Nr. 1 B-Dur HWV 434 (in 9 Suites de pièces pour le clavecin, 2. Sammlung, London c. 1733)
  • Chaconne G-Dur mit 21 Variationen (Fassung IV) = Suite Nr. 2 HWV 435 (in 9 Suites de pièces pour le clavecin, 2. Sammlung, London c. 1733)
  • Chaconne mit 62(!) Variationen = 2. Satz der Suite Nr. 9 HWV 442 G -Dur (in 9 Suites de pièces pour le clavecin, 2. Sammlung, London c. 1733)
  • Chaconne mit 26 Variationen = 6. Satz der Suite C-Dur HWV 443 (s.a. HWV 484)
  • Aria con 7 Variazioni = 5. Satz der Suite d-moll HWV 449 (s.a. HWV 428)
  • Chaconne C-Dur mit 49 Variationen HWV 484 (s.a. HWV 443)
  • Chaconne für zweimanualiges Cembalo F-Dur HWV 485
  • Chaconne g-moll HWV 486

Die Stücke auf CDs zu identifizieren ist nicht immer einfach, da nicht immer die HWV-Nummern gelistet sind - so leider bei Olivier Baumont, dessen Aufnahmen mir sehr gut gefallen.
Unbekannt Sonntag, 31. Oktober 2010, 17:47
Guten Tag
eine "Aria allemagna con alcuni variationi sopra l'Eta della M.ta V.tra" in 20 Variationen ist auf dieser



CD -hier allerdings auf auf einer Orgel gespielt- zu hören, eine wahlweise Darbietung auf einem Cembalo ist aber durchaus denkbar und möglich.
In dieser



Aufnahme spielt Jörg-Andreas Bötticher die "Aria Allemagna Con Alcuni Var Sopra L'Eta Della Maesta" auf einem Cembalo mit angehängten Pedal, dabei werden die im Manual nicht spielbaren Töne mit den Füßen bedient.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 15. November 2010, 21:32
Guten Abend

zwei Variationen Buxtehudes sind auf dieser



CD mit Lars Ulrik Mortensen am Cembalo eingespielt; einmal die 12 Variationen über ein studenisches Trinklied umfassende Aria "More Palatino Variantionen" BuxWV 247 und die acht Variationen über eine Courante "Courant zimble" BuxWV 245.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard