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Ton Koopman

Unbekannt Samstag, 31. Oktober 2009, 16:09


Der niederländische Musiker Ton Koopman, geboren am 2. Oktober 1944 in Zwolle, wurde vor kurzem 65 Jahre alt. Normalerweise setzt man sich da langsam zur Ruhe, aber Koopman sagte in einem Interview mit dem Magazin "Concerto": "Wenn die Gesundheit so gut bleibt, mache ich bis 85, und dann schauen wir mal weiter."

Koopman studierte in Amsterdam Musikwissenschaft, Orgel und Cembalo (bei Gustav Leonhardt). 1969 gründete er sein erstes Orchester "Musica Antiqua Amsterdam", dem 1978 das "Amsterdam Baroque Orchestra" und 1992 der "Amsterdam Baroque Choir" folgte. Mit diesen beiden Ensembles nahm Koopman zahlreiche Werke des Barock auf, ein herausragendes Projekt war dabei die Aufnahme sämtliche Bach-Kantaten von 1994 bis 2004.

Auch als Organist und Cembalist hat Koopman zahlreiche Aufnahmen gemacht, u. a. sämtliche Orgelwerke Bachs auf historischen Orgeln für Teldec, zahlreiche Cembalowerke Bachs sowie sämtliche Cembalo- und Orgelwerke von Buxtehude im Rahmen einer Gesamtaufnahme aller Werke Buxtehudes, die noch nicht abgeschlossen ist.

Im Magazin "Concerto" wird seine Musizierweise als "lebendig-entspannt, natürlich-unverkrampft, im besten Sinne menschlich" beschrieben, und besser kann man es eigentlich nicht formulieren. Was mich an Koopmans Interpretationen immer wieder fasziniert, ist das Vitale und doch gleichzeitig In-Sich-Ruhende und Natürliche.

Wie schätzt Ihr Koopman als Organist, Cembalist und Dirigent ein? Welche Aufnahmen kennt Ihr, welche schätzt Ihr ganz besonders?

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 31. Oktober 2009, 19:30
Eine Aufnahme, die mir spontan einfällt und die ich top finde:



Hier stimmen Instrumente, Repertoire, Interpreten und deren Form und Spiellaune am Aufnahmetag perfekt überein.
Unbekannt Sonntag, 1. November 2009, 21:27
Koopman ist für mich in der letzten Zeit fast synonym mit den Bachkantaten geworden und ich hoffe sehr, dass ich mir im nächsten Jahr die Gesamtaufnahme zulegen kann.

Mir geistert eine häufig gelesene Kritik im Kopf herum, die sich auf seine Ausführung der Verzierungen bezieht. Diese seien teilweise übertrieben und willkürlich. Bei einer Folge der Diskothek im DRS 2 zu der Pfingstkantate BWV 34 wurde das zum Beispiel geäußert. Kann mir jemand sagen, was damit gemeint ist? Beispiele?

Gruß, Carola
Unbekannt Montag, 2. November 2009, 07:49
Mir geistert eine häufig gelesene Kritik im Kopf herum, die sich auf seine Ausführung der Verzierungen bezieht. Diese seien teilweise übertrieben und willkürlich. Bei einer Folge der Diskothek im DRS 2 zu der Pfingstkantate BWV 34 wurde das zum Beispiel geäußert. Kann mir jemand sagen, was damit gemeint ist?
Ohne diese Aufnahme von BWV 34 zu kennen: Was man bei Verzierungen als "übertrieben" oder "willkürlich" empfindet, ist letztlich Geschmackssache und vom individuellen Standpunkt abhängig. Bei manchen Kritikern werden so alle Verzierungen eingestuft, die der Komponist nicht notiert hat. Wahrscheinlich wurde im Barock viel mehr verziert, als wir uns heute vorstellen können - auch, wenn der Komponist es nicht explizit gefordert hat. Koopman gehört zu denjenigen, die nicht nur in Konzerten, sondern auch bei Aufnahmen mehr verzieren, während viele seiner Kollegen hier eher Zurückhaltung üben.

Vielleicht sollte ich mal den Verzierungs-Thread aus dem C-Forum rüberholen...

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Donnerstag, 5. November 2009, 19:00
Hallo!

Ich habe relativ wenig Koopman-CDs, wie ich festgestellt habe. Nach der mit den Soler-Orgelkonzerten, die Michael oben schon angepriesen hat, und die auch ich für ganz hervorragend halte (meine liebste Orgel-CD, allerdings habe ich nicht viele), halte ich noch die Biber-Requiem-Aufnahme für sehr empfehlenswert:



Auch die Missa Salisburgensis von Koopman wird oft gelobt, die kenne ich allerdings nicht.

Zitat

Mir geistert eine häufig gelesene Kritik im Kopf herum, die sich auf seine Ausführung der Verzierungen bezieht. Diese seien teilweise übertrieben und willkürlich.


Mir ist das z.B. bei der "chronischen" d-moll-Toccata aufgefallen. Das klingt nicht wie gewohnt, und ich konnte mich auch nicht daran gewöhnen - ob es aber "richtig" oder "falsch" so ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Choräle auf dieser CD sind IMO allerdings sehr schön gelungen.



Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 02:38
Meine ältesten Koopman-Platten sind die Aufnahmen der beiden Orgelmessen Couperins, die er Anfang der 80er Jahre auf der kleinen, aber feinen Cliqot-Orgel in Houdan gemacht hat. Dieses wirklich wunderbare Örgelchen kann man sich hier begucken.
Niemand würde heute glauben, dass Koopman hier spielt. Die Tempi sind extrem langsam, die Noten werden dem Hörer fast vorbuchstabiert, bei den Phrasierungen wird allzu deutlich abgesetzt, ein bisschen fühlt man sich wie der Orgelschüler, der vom Lehrer gerade überdeutlich demonstriert bekommt, worauf man zu achten hat.
Trotzdem ist das eine großartige Aufnahme mit dem ganz nahen unverfälschten Getröte, dem Geklapper der originalen Mechanik und dem immerwährendem Bemühen Koopmans, alles richtig zu machen.

Warum er heute auf den Tasten oft Geschwindigkeit und Bizzarerien für vordringlich wichtig hält, habe ich nie ganz verstanden, nötig hat er das nicht. Und wenn er die meditativeren Choralbearbeitungen Buxtehudes spielt, ist er auch noch ganz der Alte.

Was mir immer mal wieder in den Player kommt, sind seine Aufnahmen der Bachschen Cembalokonzerte und der Orgelkonzerte Händels. Bei beiden Aufnahmen würde ich das „lebendig-entspannt, natürlich-unverkrampft“ sofort unterschreiben. Da macht das Zuhören einfach Vergnügen.

Seine Kantaten-Gesamteinspielung waren für mich anfangs ein Stern am Himmel, bis ich die dazugehörigen Kritiken in Concerto gelesen hatte, die ihn im Vergleich zu Suzukis parallel laufendem Projekt eher blass aussehen ließen. Ich hab das so lange nicht geglaubt, bis ich die erste Suzuki-Aufnahme gehört hatte. Jetzt habe ich beide im Regal, höre aber fast immer Suzuki.
Koopman kann man ankreiden, dass er manchmal ein bisschen schlampert zu Werke geht. Da stimmen mal die Einsätze nicht, mal gerät das Zusammenspiel etwas aus dem Gleis, und öfter hatte ich den Eindruck, dass er das jetzt einspielen muss, weil‘s auf dem Plan steht. Aber für einen Generalverriss ist alles immer noch viel zu gut (auch wenn ich mit seiner Solistenwahl manchmal Probleme habe, aber das ist ja nun wirklich Geschmacksache).

Und am Ende steht seine Matthäuspassion, die ich immer noch für seine und überhaupt eine Glanzleistung halte, auch wenn er natürlich keinen DiFiDi für das „Mach dich, mein Herze, rein“ hat, weswegen ich meine Richter-Aufnahme auch nie weggeben werde.



Aber hier ist Koopman der beste Schüler Leonhardts und ganz in der Musik aufgegangen. Allein diese Aufnahme sichert ihm bei mir schon ein Ehrenplätzchen.
Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 10:00
RONDO berichtet von finanziellen Schwierigkeiten Koopmans (Zuschüsse wurden gestrichen), die dafür verantwortlich sind, dass die Buxtehude-Gesamtaufnahme nur in großen Zeitabschnitten veröffentlicht werden kann.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 16:56
Hallo,


Ich habe relativ wenig Koopman-CDs, wie ich festgestellt habe. Nach der mit den Soler-Orgelkonzerten, die Michael oben schon angepriesen hat, und die auch ich für ganz hervorragend halte (meine liebste Orgel-CD, allerdings habe ich nicht viele), halte ich noch die Biber-Requiem-Aufnahme für sehr empfehlenswert:


damals hatte ich die Bach-Weihnachtsoratorium-Aufnahme ganz vergessen. :shame:



Die finde ich nämlich ganz hervorragend.
Die negative Kritik bei den Amazon-Rezensionen (betreffend Solisten, Chor, Orchester, Dirigat und Tempo) kann ich nicht nachvollziehen. Ich finde die Aufführenden fast durchweg sehr gut. Insbesondere der Amsterdam Baroque Choir ist klasse. Und Pregardien als Evangelist ist wohl kaum zu übertreffen.
Im Tamino-Forum gab es auch fast durchweg sehr positive Äußerungen zu dieser Aufnahme.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 17:21
Ja, das ist - neben Jacobs - auch meine liebste Aufnahme des Weihnachtsoratoriums.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 18:00
ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu Koopman als Interpret. manches finde ich einfach klasse, weil mit Engagement und Witz gespielt, manches finde ich zu pauschal, z.B. seine doch relativ einheiltichen Lösungen bei der Darstellung der Bach-Kantaten oder Oratorien - da sind mir Interpreten, die verschiedene Besetzungsvarianten versuchen und die einzelnen Werke individueller angehen, lieber. Deshalb hier nur ein paar Highlights:

Die Sonaten für zwei Orgeln von Soler, eine Aufnahme, bei der einfach alles stimmt:



Koopmans erste Runde von Buxtehude-Aufnahmen bei Erato gefallen mir immer noch - damals eine Pioniertat:



Seine Scarlatti-CD bei Capriccio fand ich erfrischend, weil sie eine etwas andere, eher gemäßigte Seite des Virtuosen sehr prägnant darstellt:

Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 18:12
Ich habe eigentlich nur wenig Koopman-Aufnahmen:

erwähnt wurde schon das Requiem von Biber, und ich hab noch:

Beide sind wirklich superb! Die Missa salisburgensis ist sogar im Salzburger Dom aufgenommen worden!

Dann noch:

den mag ich auch, obwohl ich die AAM unter Egarr noch besser mag.

und... wusstet ihr dass Koopman am Anfang seiner Karriere im Early Music Consort of London mitgewirkt hat?
So ist er unter anderem auf folgenden CDs unter David Munrow zu hören:

Unbekannt Samstag, 9. Januar 2010, 21:01
Guten Abend
, aber Koopman sagte in einem Interview mit dem Magazin "Concerto": "Wenn die Gesundheit so gut bleibt, mache ich bis 85, und dann schauen wir mal weiter."

Dieses Interview hat aber auch Joshua Rifkin veranlasst, an das "Concerto" einen Leserbrief zu senden; Auszugsweise ist darin zu lesen. "Durch das Interview habe ich viel gelernt - Koopman kennt mich offensichtlich besser als ich meinte mich selbst zu kennen". Kontroverser Streitpunkt war/ist die Größe von Bachs Kantatenchor.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 23. Januar 2010, 02:29
Hat Koopman eigentlich öfter neueres als Barockmusik gespielt oder dirigiert? Das "modernste", was ich von ihm kenne, sind Haydns Divertimenti und Concertini mit solistischem Cemablo und die Konzerte für zwei Orgeln von Soler - hat er nicht auch mal Mozart gemacht? Aber darüber hinaus ... da wäre er einer der wenigen "großen" Dirigenten der Alten Musik, die nie jenseits von Mozart agiert haben. Gustav Leonhardt noch, aber wer sonst? Goebel ist bisher auch nur bis zur Mozart-Generation gegangen. Wer ist sonst noch so konsequent geblieben?
Unbekannt Samstag, 23. Januar 2010, 08:18
Guten Morgen
Wer ist sonst noch so konsequent geblieben?

Ich meine William Christie, gelegentlich mal Mozart und Haydn, sonst nur Barock. Oder ?

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 23. Januar 2010, 08:34
Stimmt, Christie gehört auf die Liste, und sein Zögling Christophe Rousset eigentlich auch.
Paul McCreesh und Skip Sempé auch.
Genug der Abschweifungen ...
Unbekannt Samstag, 23. Januar 2010, 08:59
Hat Koopman eigentlich öfter neueres als Barockmusik gespielt oder dirigiert?


Öfter nicht, aber hier steht zumindest diese:

Unbekannt Samstag, 23. Januar 2010, 10:01
Hat Koopman eigentlich öfter neueres als Barockmusik gespielt oder dirigiert?

Vor kurzem sah ich in einer Programmzeitschrift ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter seinem Dirigat angekündigt. Was dort gespielt wurde, habe ich leider vergessen.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 23. Januar 2010, 11:18
Auf seiner Web-Seite sind neben Haydn und Mozart auch Schubert, 5. u. 8. Sinfonie sowie die RosamundeOuvertüre angegeben.

lg vom eifelplatz, Chris