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"The best hand in England" - Orlando Gibbons (1583-1625)

Unbekannt Samstag, 5. Juni 2010, 16:28
British music masters:
Orlando Gibbons





Hallo!
Ich mache mal weiter mit der Vorstellung bedeutender englischer Komponisten der Alten Musik, zu denen wir hier ja schon erfreulich viele threads haben.
Im Falle von Orlando Gibbons ist - für mich zumindest - das Zuordnen zu einer Epoche (und damit auch zu einem Unterforum) schwierig, da seine Lebenszeit in die Übergangsphase zwischen Renaissance und Barock fällt. Wikipedia und diverse Musikbücher führen Gibbons allerdings als Renaissance-Komponisten, zudem ist Zeitgenosse Dowland ebenfalls hier im Renaissance-Forum zu finden (Sweelinck und Monteverdi allerdings beim Barock...). Mich würde interessieren, welche formale Kriterien Gibbons noch zum Renaissance-Komponisten machen (bei Klavier- oder Vokalmusik), oder ist diese Zuordnung nur einem Schubladen-Denken geschuldet?
Anmerkung des Administrators: Ein schönes Beispiel für solche im Grunde fruchtlosen Bemühungen, die mich zur Veränderung der Forenstruktur bewogen haben. Die Diskussion über die Musik ist viel wichtiger und erfreulicher.

Am ersten Weihnachtstag 1583 wurde der aus einer Musiker- und Komponistenfamilie stammende Orlando Gibbons in Oxford getauft. Als Jugendlicher sang er im King's College in Cambridge, bis er ab 1598 an der Universität Cambridge Musik studierte (Abschluß 1606; im Jahre 1622 erhielt er von der Universität Oxford sogar den Doktor-Grad). Nach seinem Studium in Cambridge wurde Gibbons berief ihn König James I. in die Chapel Royal nach London (wo zuvor auch schon u.a. John Sheppard, Thomas Tallis und William Byrd und später Henry Purcell wirkten). Dort war er v.a. als Organist und Virginalist tätig. Ab 1623 war er zudem Organist in der Westminster Abbey. Völlig überraschend verstarb Gibbons am 5.6.1625 (und überlebte damit seinen Dienstherrn James I. nur wenige Wochen) in Canterbury an einem Schlaganfall und hinterließ Frau und Kinder (von denen eines auch wieder Musiker wurde).

Orlando Gibbons war schon zu Lebzeiten sehr bekannt und beliebt und galt damals wie heute als bedeutendster Komponist seiner Generation in England. Der Titel des threads ist eine zeitgenössische Wertschätzung seiner Spielkunst auf Orgel/Virginal. Bis heute wird jedes Jahr in der King's College Chapel in Cambridge der Gedenkgottesdienst für Gibbons begangen.
Sein vielfältiges Oevre umfaßt sehr bedeutende Claviermusik - insbesondere einige Dutzend (laut Reclam: 59 / laut Wikipedia: 45) heute noch erhaltene Virginal-Stücke, die in verschiedenen Sammlungen erschienen, aber auch Orgelwerke - sowie geistliche und weltliche Vokalkompositionen (Madrigale, Anthems, Services, Psalmen) und Consort Music für Gamben.

Bislang habe ich nur zwei CDs mit Werken von Gibbons (einmal Klavier, einmal geistliche Musik), die ich noch vorstellen werde. Aber erstmal lasse ich anderen den Vortritt.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 5. Juni 2010, 17:31
Guten Tag

Mich würde interessieren, welche formale Kriterien Gibbons noch zum Renaissance-Komponisten machen (bei Klavier- oder Vokalmusik), oder ist diese Zuordnung nur einem Schubladen-Denken geschuldet?

Seine in altenglicher Tradition geschriebene Kirchenmusik orientiert sich an älteren Vorbildern, seine emotional erfülllte Kammermusik -z.B die Fantasien für Streicher- werden gerne als "englicher Frühbarock" bezeichnet, dies macht eine eindeutige Einordnung schwierig.



Zitat

Nach seinem Studium in Cambridge wurde Gibbons berief ihn König James I. in die Chapel Royal nach London
Dort trug er den schönen Titel eines " Musician for the virginalles to attend in his privie chamber "

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 5. Juni 2010, 17:52
Ich kenne Gibbons bisher nur von dieser völlig unHIPen, aber wunderbaren Glenn-Gould-Aufnahme:



Genau genommen kenne ich ihn also eigentlich gar nicht. Aber das kann sich ja noch ändern.

Gruß, Carola
Unbekannt Sonntag, 6. Juni 2010, 18:00
Mit Glenn Goulds CD habe ich Gibbons' Tastenmusik auch zum ersten Mal gehört, und habe sie heute noch. Da Gould sich hier mit seinen Manierismen bemerkenswert zurückhält und diese Musik deutlich hörbar geliebt hat, finde ich sie immer noch anhörbar.

Ich habe lange nach einem Ersatz in HIP gesucht und erst mit Christopher Hogwood einen gefunden:



Das ist die CD-Wiederveröffentlichung einer bei L'oiseau-Lyre erschienenen LP.
Unbekannt Sonntag, 6. Juni 2010, 19:13
Guten Tag

Mich würde interessieren, welche formale Kriterien Gibbons noch zum Renaissance-Komponisten machen (bei Klavier- oder Vokalmusik), oder ist diese Zuordnung nur einem Schubladen-Denken geschuldet?

Seine in altenglicher Tradition geschriebene Kirchenmusik orientiert sich an älteren Vorbildern, ...


Meine Eindrücke beziehen sich alle auf diese CD:



Auf mich wirken die Anthems (andere Vokalwerke kenne ich nicht) "moderner" als die von Byrd; ich denke beim Hören dabei eher nicht an die großen englischen Renaissance-Komponisten - Tallis z.B. ist davon schon sehr weit weg, wie ich finde. Die Stücke sind strukturell weniger komplex, häufig einstimmig, und Gibbons scheint auf Textverständnis Wert gelegt zu haben. In den Anthems sind teilweise längere Solopassagen für Countertenor und/oder Bariton, die mit Chorpassagen alternieren. Das klingt recht "barock". Viele Anthems haben (zumindest auf obiger CD) eine begleitende Orgelstimme.
Beim Vergleich mit Byrd fällt mir noch auf, daß die die Werke Gibbons' auf mich einen wesentlich heitereren, lockereren Eindruck machen. Die Intensität und innere Spannung vieler Byrd-Werke höre ich hier nicht.

Die Interpretation der oben abgebildeten Aufnahme ist ganz ordentlich; der Chorsound ist mir oft allerdings zu "knabenlastig". Interessant ist auch das Orgel-Solo-Stück (Fantasia a-moll) auf der CD.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 7. Juni 2010, 20:20
Ich schätze diese Grammy-nominierte Platte sehr:


Wunderbare Sänger und Instrumentalisten, mitreißende Interpretation.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 7. Juni 2010, 21:39
Mit Glenn Goulds CD habe ich Gibbons' Tastenmusik auch zum ersten Mal gehört, und habe sie heute noch. Da Gould sich hier mit seinen Manierismen bemerkenswert zurückhält und diese Musik deutlich hörbar geliebt hat, finde ich sie immer noch anhörbar.

Ich habe lange nach einem Ersatz in HIP gesucht und erst mit Christopher Hogwood einen gefunden:


Kennst Du diese CD schon?



Die finde ich wirklich großartig gelungen. James Johnstone spielt 22 Klavierstücke von Gibbons auf Cembalo und Virginal (leider spielt er nicht alles auf dem Virginal - der Klang paßt besser zu den Stücken). Es ist eine meiner liebsten Aufnahmen Alter Klaviermusik überhaupt! :yes2:

Übrigens: Angeblich war Orlando Gibbons der Lieblingskomponist von Gould.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 23. Dezember 2010, 11:18
Orlando Gibbons gehört zu jenen Komponisten um 1600, die ich besonders gerne höre.
Vor allem seine wahnsinnig schöne Consort Music.
In meinem Bestand:








und noch einiges anderes.


Im Grunde lohnen alle Cds, allerdings muss ich sagen, dass Savall hier völlig enttäuscht, die Musik ist entsetzlich schwerfällig und zäh.
Wahrscheinlich auch der Grund, warum die Cd ziemlich schnell weg vom Fenster war.

Meine liebste Aufnahme ist jene mit der Zusammenstellung von weiteren Fantasien von Thomas Lupo.
Die Parley of Instruments legen einfach die größte Eleganz in ihr Spiel.

die einzige CD mit Vokalmusik die ich habe, ist diese hier:



auch diese ist sehr gelungen.
Unbekannt Donnerstag, 23. Dezember 2010, 12:30
Ich hatte schon im Naxos-thread kurz auf die Scheibe hingewiesen:




Mich haben diese Stücke am ehesten an hiesige Kirchenchoräle erinnert. Das Muster ist das Gleiche: es gibt eine Melodie zu einem bestimmten Text, die oftmals uralter Überlieferung entstammt. Diese Melodie wird dann im Gottesdienst vom Organisten (bzw. in diesem Falle von den Protagonisten der Aufnahme) mit "Leben" gefüllt, in dem er eine Begleitung dazu improvisiert. So entstehen sie immer wieder neu. Auch von der Art der Sätze her finde ich den Vergleich mit den Choralmelodien sehr passend. Es sind relativ schlichte Melodien, die aber dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - tief anrührend sind und das Gemüt bewegen.

Der Tradition folgend haben nun Anthony Pitts, der Gründer des Ensembles Tonus Peregrinus, und einige andere die von Gibbons überlieferten Melodien ergänzt und neu arrangiert. Das Ergebnis ist höchst unterschiedlich. Es reicht von einfachen Harmonisierungen bis hin zu modernen Arrangement mit jazzigen "Pefferminz"-Akkorden.

Die Stücke werden hautpsächlich gesungen, gelegentlich auch nur von der Orgel gespielt. Einen derart schönen und runden, dabei aber auch offenen, frei klingenden und stimmlich perfekt ausbalancierten Chorklang wie den des Ensembles Tonus Peregrinus hört man selten. Das ist ganz große Klasse! Dieser tolle Klang trägt sehr wesentlich dazu bei, dass die Stücke lebendig wirken und sich Seligkeit im Gemüt des Hörers breitmachen kann.

Fazit: grandios gesungene Kirchenmusik. Ich wünschte, es gäbe derartige Aufnahmen auch von "unseren" Kirchenchorälen.
Unbekannt Mittwoch, 1. Februar 2012, 21:24


Die CD von James Johnstone konnte ich jetzt günstig kaufen, und ich muss mich Martins positivem Urteil vorbehaltlos anschliessen! Johnstone gelingt es, Begeisterung für diese Musik zu vermitteln, er legt sich richtig ins Zeug, kehrt den Virtuosen heraus, der Gibbons ohne Zweifel gewesen sein muss, ohne das geringste an der Klarheit des in dieser Musik durchweg sehr nineauvollen Kontrapunkts einzubüssen. Eine exemplarische Einspielung, die alle Qaulitäten dieser erstklassigen Musik optimal vermittelt und ich für den idealen Einstieg in Gibbons' Tastenmusik halte, noch eher als Hogwoods CD.
Das von Adlam Burnett nach einem Ruckers-Original im Vleeshuis Antwerpen gebaute Muselaar klingt in der Tat wunderbar und passt hervorragend, das Cembalo italienischen Typs fällt klanglich dagegen etwas ab - von Willem Kroesbergen nach Bartolomeo Stephanini (1694) - aber solche Cembali waren damals in England sehr beliebt, historisch gesehen eine absolut korrekte Wahl.

Momentan gibt es zwei sehr preiswerte gebrauchte Exemplare - zugreifen!
p.s. die sind inzwischen schon wieder weg - kein Wunder ...