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Sordinierte Trompeten im Credo - eine Salzburger Tradition?

Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 15:10
In einem Artikel über die Missa In labore requies von Georg Muffat erörtert Ernst Hintermaier die Frage, die Entscheidung des Komponisten den Teil "Crucifixus" mit sordinierten Trompeten und bedeckten Pauken zu vertonen. Er sieht da einen Zusammenhang mit einer Überelieferung, nach der 1747 bei der Beerdingung des Erzbischofs Jakob Ernst Graf Liechtenstein sordinierte Trompeten die Intraden gespielt hätten. Er nimmt dabei an, es hadele sich dabei um einen salzburgischen Brauch, der auch noch im späten 17. Jh. üblich gewesen sei.
Er meint:

Zitat

Es kann kein Zweifel bestehen, Muffat nimmt im Credo [...] auf diese Zeremonie Bezug.
Er will damit auch bestätigt wissen, dass Muffat die Messe noch in Salzburg geschrieben habe, obwohl er auch öfters zugibt:

Zitat

Einschlägige Arbeiten über die Musizierpraxis im Passauer Dom fehlen allerding derzeit noch.
und:

Zitat

Außerdem lassen sich weder bei Biber noch bei Hofer sordinierte Trombe und gedeckte Pauke hinweisen.
Weiter fügt er hinzu:

Zitat

Sordinierte Trompeten oder Trombe basse in Requiem-Kompositionen sind gelegentlich anzutreffen. In Meßkompositionen sind sie indes ungewöhnlich. Ein weiteres instruktives Beispiel dafür findet sich fast hundert Jahre später in Mozarts Waisenhaus-Messe KV 139.
Mir sind aber doch einige Beispiele bekannt:

Die Missa Rectorum Cordium von Romanus Weichein (Lambach, 1687 - also sogar zeitgleich mit Muffat! Auch in jenem Jahr ist Weichlein Musikpräfekt im Nonnberger Kloster in Salzburg geworden.)

und die Missa Sancti Francisci und Missa Sancti Antonii (Op.6 Nr.1 & Nr.2) von Benedict Anton Aufschnaiter (publiziert 1711), vom Nachfolger Muffats in Passauer Diensten. Diese Messen erstanden aber eindeutig für Passau - ist da vielleicht eine Wirkung Muffats zu vermuten?

Kennt jemand unter euch noch barocke Messen, wo Crucifixus mit sordinierten Tropeten begleitet ist?

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 18:43
Hintermaier: "Ein weiteres instruktives Beispiel dafür findet sich fast hundert Jahre später in Mozarts Waisenhaus-Messe KV 139."
Leider sind die Sakralwerke der "Kleinmeister" im Hoch- und Spätbarock noch zu unerforscht, dass man mE soetwas so leicht aussagen könnte. Ob sich von salzburgischen Meistern noch Messen zu finden sind, die sordinierte Instrumente beim Crucifixus anwenden? Es böten sich die Messen von Biechteler, C.H. Biber, Eberlin und M. Haydn dafür an.

Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Muffat das bei Weichlein angeguckt hat (die Messe von Muffat lässt sich ja nicht genau datieren)... :D Ob die Lambacher Komponisten, Ramhaufski und Hochreither dieses Effekt benutzt haben?

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 18:48
Kennt jemand unter euch noch barocke Messen, wo Crucifixus mit sordinierten Tropeten begleitet ist?


Das nicht. Aber ich erinnere mich an einen Brief Mozarts aus München an seinen Vater in Salzburg gerichtet vom 29. November 1780, aus dem imo hervorgeht, daß die Dämpfer für Trompeten auch zu dieser Zeit noch eine Salzburger Spezialität waren; es geht in dem Brief um den Kompositions- resp. Ausführungsprozess des 'Idomeneo':

[...] Nun brauche ich wegen des Marsches im 2ten Acte, den man von der Ferne hört, solche Sordinen für die Trompeten und Hörner, die man hier nicht hat. Wollten Sie mir wohl mit dem nächsten Postwagen von jedem Eines schicken, um sie hier nachmachen lassen zu können? [...]

Interessant dazu ist auch die Anzwort Leopold Mozarts vom 7. Dezember 1780, hier in Auszügen:

[...] Die 2 Trompetten Sordini werden mit dem Postwagen gewiß kommen. allein die Waldhorn Sordini gehören den 2 thurnergesellen, welche itzt nicht in Salzb: sondern beym gewöhnlichen Advent=blaßen auf dem Lande sind [...]. Die Hauptsache kommt ja ohnehin nur auf die Trompeten Sordinen an, das ist was fremdes und neues. (sic!) die Waldhornisten haben zu allen zeiten schon solche piano gemacht, und sich mit hineinstecken eines Schnupfduches geholfen, da es leichter als bei der Trompeten Thunlich ist, weil sie den Kessel nahe bey der Hand haben, alle Waldhornisten wissen so einen piano vortheil. [...].

:wink:
Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 19:12
Die Hauptsache kommt ja ohnehin nur auf die Trompeten Sordinen an, das ist was fremdes und neues. (sic!)


8| Wohl in München? Oder aber auch für Leopold, der - ja von Augsburg kommend -, die Trompeten-Sordini vielleicht erst in Salzburg kennenlernte?

Eigentlich haben alle drei oben angeführten Komponisten einen "Link" zu Salzburg: Weichlein hat da gelernt (1687 kehrt er gewisserweise zurück), Aufschnaiter durch Muffat - in dessen nachgelassene Werke er in Passau einblicken konnte.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 22:27
Wohl in München? Oder aber auch für Leopold, der - ja von Augsburg kommend -, die Trompeten-Sordini vielleicht erst in Salzburg kennenlernte?


Naklar in München! Für Leopold Mozart sicher nicht, da er ja in Salzburg bereits seit 25 Jahren Dienst tat. So wie er das Stopfen der Waldhornisten beschreibt, konnten die Dämpfer sicher nicht einfach an ihm vorbeigegangen sein (siehe auch hier).

Interessant könnte auch dieser Wiki-Artikel oder diese Ausführungen zum Trompetendämpfer von Michael Bertsch sein.

:wink:
Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 23:12
Ich habe eben eine Messe in C-Dur von Eberlin und die Missa In honorem Sanctae Ursulae Michael Haydns hinsichtlich ihrer "Crucifixus"-Stellen geprüft: in keiner der beiden werden ausdrücklich Sordini eingesetzt, dennoch benutzen beide Werke an dieser Stelle akkordisch-hompohon geführte Trompeten und leise Paukenschläge...

eine gewisse ähnlichkeit ist also vorhanden...

LG
Tamás
:wink: