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Prospero als Konzertkritiker ...

Unbekannt Mittwoch, 26. August 2009, 21:51
Mit einer ausführlichen Konzertbesprechung will ich niemanden langweilen, aber ein paar Eindrücke will ich schon los werden.
Am 18. 8. spielte Matteo Imbruno, der derzeitige Amtsnachfolger Sweelincks an der Oude Kerk in Amsterdam, an der Schnitger-Orgel in Hamburg, St. Jacobi ein Programm, das wunderbar aufs Instrument passte. Es reichte von Adam Ileborgs Tabulatur bis zu Bachs Vivaldi-Arrangements.
Es passt deswegen so gut, weil Schnitger in der Orgel nicht nur Eigenes gebaut hat, sondern eine ganze Reihe von Registern aus dem Vorgängerinstrument übernommen hat, die ihm Wert schienen, erhalten zu werden, und sich zugleich perfekt in seinen Neubau einfügten. Also können wir heute noch Gedackte und Prinzipale von Iversand & Stüven, Fritzsche und Scherer I & II im Schnitger-Werk hören, die so ähnlich zu Zeiten der Organisten Praetorius & Weckmann klangen.
Die Orgel ist hier sowieso immer der Star, denn sie ist nicht nur die größte erhaltene nordeuropäische Barockorgel, sondern auch Ausgangspunkt der Orgelbewegung, als deren Zündfunke man das Zusammentreffen von Hans Henny Jahnn und diesem Instrument sehen kann – naja, zumindest als einen Zundfünken.
Natürlich ist das kein Zufall, sondern in der Arbeit Schnitgers und seiner Vorgänger begründet. Schließlich wollte ja auch J. S. Bach hier einst Organist werden. Sie wurde gehegt und gepflegt und entging so allen modischen Umbauten (bis auf ein paar Kleinigkeiten), so dass erst 1917 ein schlimmer Eingriff stattfand, als man die Prospektpfeifen (das sind die, die man sieht) aus Kriegsgründen abliefern musste. Immerhin konnte man später halbwegs brauchbaren Ersatz schaffen, so dass bis zum Weltkrieg Nr. 2 nichts Schlimmes passierte. Aber selbst dann rettete man durch rechtzeitigen Ausbau und Auslagerung der Pfeifen und der Windladen den Kern der Orgel und ließ nur das Gehäuse – wegen seiner gewaltigen Ausmaße auch in Teilen kaum transportabel – an Ort und Stelle. Dort verbrannte es dann auch prompt 1944 nach schweren Bombentreffern, die der gesamten Kirche nur die Außenmauern ließen.
Nach dem Krieg baute man St. Jacobi flugs wieder auf und stellte die Orgel vorübergehend ebenerdig und ohne Gehäuse in einem Seitenschiff auf.
Die eigentliche Tragödie nahm erst mit der „Restaurierung“ durch Kemper ihren Lauf, die selbst nach damaligen Maßstäben und bei allem Wohlwollen, das dieser Zeit ihre mangelnden Kentnisse nicht vorwirft, eine handwerkliche und künstlerische Katastrophe war.
Kürzen wirs ab: In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts verbündeten sich Hauptpastor Mohaupt, Organist Kelber und Orgelbauer Ahrend und erreichten eine zwar höchst kostspielige, aber mustergültige Restaurierung durch Ahrend, die 1993 – 300 Jahre nach der Fertigstellung durch Schnitger – den Phönix wiedererstehen ließ.
Zahllose Einspielungen sind hier seither entstanden, der Konzertbetrieb brummt, und auch bei Orgelführungen ist die Kirche gerammelt voll.

http://img526.imageshack.us/img526/8243/stjacobi7501.jpg

Doch noch zum Konzert:
Imbruno begann mit Ileborg, den man selten hört. Zwei schnelle laufgeprägte, dennoch nahtlos ausgezierte Präludien auf dem endlosen Bordunbass. Klang wie Orgel auf arabisch und Dudelsack. :D
Mit Paumann, Sweelinck, Arauxo, Scheidemann und Bruna fand man sich in bekannterem Fahrwasser wieder. Mir wäre aber eine vor allem artikuliertere Spielweise genehm gewesen, denn trotz rappelvoller Kirche war es noch ziemlich hallig, und die etwas verhuschte Spielweise, gepaart mit manchmal leicht nuscheliger Registrierung machte manche Struktur zum Nebelgebilde.
Nicht nur besser, sondern ganz großartig geriet dann Böhms „Vater unser im Himmelreich“, während Bach/Vivaldi zwar rasant, aber eben auch wieder undeutlich abgespult wurden. Damit wäre er durch die C-Prüfung gefallen.
Fischers Chaconne in F war wieder sehr gut – gemäßigt, aber dramatisch trotz gleichbleibender Registrierung. Aber Bruhnsens großes e-moll – der Rausschmeißer – war ein Festival der verschenkten Gelegenheiten. Wenigstens hier in den letzten Takten Prinzipal 32’ + Posaune 32’.
Aber ganz egal, wer da spielt, die Orgel macht fast alles wieder wett. Da lohnt sich auch eine weite Anreise.
An der Abendkasse gab es auch das Buch zur Orgel für 25 Taler, das mich damals ein Mehrfaches gekostet hat.
Bei Orinoco kostet es auch nicht mehr:
Unbekannt Sonntag, 13. September 2009, 23:23
Flörsheim am Main, Kirche St. Gallus
16. August 2009
Bach und seine Schüler
Léon Berben & Wolfgang Kostujak, Cembali

(im Rahmen des Rheingau Musik Festival)

J.S. Bach: Konzert f. 2 Cembali C-Dur BWV 1061a
J.S. Bach: Fantasie & Fuge c-moll BWV 906 (Kostujak mit eigener Ergänzung)
C.P.E. bach: Sonate f. 2 Cembali C-Dur nach WQ 87
W.F. Bach: Sonate F-Dur f. 2 Cembali Fk10 / BR A 12
C.P.E. Bach: Sonate f. Cembalo A-Dur Wq 65/2 (Berben)
J.G. Müthel: Duetto f. 2 Cembali Es-Dur

Ein gut zusammengestelltes Programm, das die schnellste Darbietung von BWV 1061a und Friedemanns Sonate beinhaltete, die ich bisher gehört habe. Äußerst rasant, aber wer nicht wie wir in der zweiten Reihe saß, wird nur einen Klangrausch vernommen haben: Die hallige Akustik der Flörsheimer Kirche ist kein geeigneter Ort für ein Konzert mit zwei Cembali. Eine Reflexionsplatte über den beiden Cembali (2 Kroesbergen-Nachbauten nach Mietke bzw. Ruckers) hätte da schon Besserung gebracht, aber das sieht halt nicht so schön aus, und auf die Idee muß man erst mal kommen. Hätte ich die beiden Werke nicht gut gekannt, ich hätte es kaum geniessen können. Berben und Kostujak haben ihre virtuosen Tempi sicherlich unabhängig von der Akustik gewählt ... aber auch in der Kammer hätte ich es etwas zu hurtig gefunden, die Tempi gingen auf Kosten der klaren Artikulation der Phrasen. Kostujak spielte etwas sauberer, Berben wirkte insgesamt souveräner, aber nach seiner Solodarbietung einer C.P.E. Bach Sonate etwas unzufrieden ... ob wegen der Akustik oder seinem Spiel, vermag ich nicht zu sagen. An ein oder zwei Stellen schien er etwas zu "hängen".
Raritäten im Programm waren das Duo von C.P.E. nach einer seiner Flötensonaten und das Duetto von Müthel, ein ausgesprochen spannendes, abwechslungsreiches und niveauvolles Werk, das meines Wissens noch nie aufgenommen wurde. Zur Tat ins Studio, meine Herren!
Unbekannt Sonntag, 13. September 2009, 23:47
Frankfurt am Main - Höchst, Dalberger Haus (Bolongarostraße 186)
13. September 2009
Cembalorecital von Byrd bis Bartók
Michael Tsalka

(im Rahmen der Konzertreihe Höchst musikalisch)

W. Byrd: Variationen G-Dur "O mistris mine" - Muselaar
J.P. Sweelinck: Variationen G-Dur "Unter den Linden Grüne" - Cembalo Italienischer Bauart
J.S. Bach: Concerto G-Dur BWV 973 nach Vivaldi Op. 7 # 2 - Cembalo nach Ruckers ("Colmar-Ruckers")
J.P. Rameau: 4 Pièces - Cembalo Italienischer Bauart
D.G. Türk: Sonata D-Dur HedT.96.1.3 - Clavichord
D.G. Türk: Sonata F-Dur HedT.96.1.6 - Clavichord
W.A. Mozart: Variationen KV 348 (?) - Lautenwerck
J. Haydn: Sonata B-Dur Hob. XVI, 41 - Cembalo nach Ruckers ("Colmar-Ruckers")
B. Bartók: 2 Stücke aus Mikrokosmos - Cembalo nach Ruckers ("Colmar-Ruckers")

Alle Instrumente hat Christian Fuchs gebaut, der seine Werkstatt im barocken Dalberger Haus hat und sie nur in den Gewölbekeller tragen muß. Als er dem in Tel Aviv gebürtigen Wahl-Amerikaner Michael Tsalka die Wahl des Instrumentes freistellte, hatte er keine Ahnung, daß am Ende fünf verschiedene Tasteninstrumente im Keller vor dem Publikum stehen würden. Er eröffnete das Konzert mit der Erklärung seines neusten Opus, einem Muselaar, also einem Doppelvirginal nach Ruckers.
Es war eine einmalige Gelegenheit die verschiedenen Klänge direkt vergleichen zu können. Selbst das Clavichord (nach Hubert) war noch gut zu hören, und der Rameau klang auf dem eher mitteltönig gestimmten Italiener überraschend gut. Am besten klang Haydn auf dem großen zweimanualigen flämisch-französischen Cembalo, das Fuchs übrigens für Naoki Kitaya gebaut hat, der bald erneut dort spielen soll.
An den Kielklavieren konnte mich Tsalka nicht so recht überzeugen, er versuchte zu sehr durch Agogik Ausdruck in die Stücke zu legen, was, so wie er es gemacht hat, für meinen Geschmack die Rhythmik zu sehr trübt. Voll überzeugt hat er am Clavichord, wo er durch die Anschlagsdynamik expressiv phrasierte und die Rhythmik einfach laufen ließ, auch schienen ihm die schönen Sonaten von Türk am ehesten zu liegen.

p.s. Wie man auf seiner Internetseite lesen kann, macht Tsalka gerade eine Gesamtaufnahme der Türk-Sonaten für Naxos - kein Wunder, daß er die am besten spielte!
Unbekannt Montag, 21. September 2009, 16:28
Florian Heyerick & Guy Penson (Cembali)
Die Familie Bach
Werke von Johann Sebastian, Carl Philipp Emanuel, Johann Christian, Johann Christoph Friedrich und Wilhelm Friedemann Bach
20.09.09 | 17:00 Uhr | Frankfurt/M • Karmeliterkloster

Da habt ihr was verpasst! Die beiden Herren waren in bester Spiellaune, Heyerick ist ein unterhaltsamer lehrreicher Moderator, der jedes Konzert im Nu zum Gesprächskonzert macht.
Außer allen Bach-Söhnen waren Telemann (C.P.E.'s Pate und Empfehler Friedemanns für Bewerbungen) und Graupner vertreten (dessen Stelle Friedemann antreten sollte). Ein sehr gut gewähltes Panorama der Stlistiken zwischen Spätbarock und Galanterie.
Als Zugabe spielten die beiden ein vierhändiges Stück vom Enkel Wilhelm Friedrich Ernst Bach. Es war deutlich zu merken, wie die nach 1730 geborenen völlig anders schrieben ...
Von Vater Bach gab es übrigens nicht wie von mir erwartet BWV 1061a sondern Guy Pensons Übertragung des 6. Brandenburgischen! Nach Auskunft von Penson war "jede Note da" - sehr schön auf zwei klangvollen einmanualigen Cembali flämischen Typs von Chris Maene, die einen sehr schönen Bass hatten. Diesen Typ Cembalo hatten beide gewählt, weil sie eher typisch für die Hausmusik mit zwei Instrumenten von damals sind - dynamische Unterschiede konnten beide durch Registierungen anstelle von Manualwechseln realisieren.
Unbekannt Montag, 19. April 2010, 16:54
Mittwoch | 31.03.2010 | Alte Aula der Universität Heidelberg | 20:00 Uhr
andreas staier | goldbergvariationen

das programm:
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
„Goldberg-Variationen“ BWV 988

Vor dem Konzert gab es eine nette Einführung von Prof.Dr. Arnold Werner Jensen: Bachs Goldberg-Variationen und die europäische Clavier-Spieltechnik in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Er konnte es nicht lassen, Forkels Ankedote zu erzählen, kennzeichnete sie als Ankedote, aber ohne anderslautende Erkenntnisse zu nennen. Seine Erläuterungen zu Bedeutung und Aufbau des Werks waren sehr gelungen, wurden von ihm am Cembalo illustriert und waren eine gute Hilfe zum Verständnis dieses außerodentlichen Variationswerk.
Im Programmheft steht dann leider ein ungeheurer Schmus von einem Dr. Mathias Corvin, der Forkels Anekdote auch noch erzählerisch ausschmückt und sich auf das Niveau eines Brachvogel-Romans begibt. Daß es eigentlich undenkbar ist, daß ein Widmungsträger und Auftraggeber der Noblesse auf dem Titelblatt des Drucks nicht erwähnt wird, scheint ihn nicht zu stören ... Der Beitrag unter dem Titel "schlaflos in dresden" ist unerträgliches Geschwurbel.
Etwas enttäuscht war ich, als ich auf der Bühne nicht den neuen Hass-Nachbau von Anthony Sidey stehen sah, sondern ein durchaus imposantes Cembalo nach Ruckers (wohl ein später ravaliertes Modell) von Matthias Griewisch, das dessen Lebensgefährtin Sabine Bauer - selbst hervorragende Cembalistin - intoniert hatte. Ich hätte mir eine weniger in Richtung Mitteltönigkeit neigende Stimmung des Instrumentes gewünscht - manche Harmonien klangen deutlich schräger als auf Staiers neuer CD. Das Instrument ist natürlich hervorragend im Klang, wenn auch nicht so variantenreich in der Registrierung und so imposant im Bass wie ein Hass - in dem alten getäfelten Saaal ging das gerade noch.
Staier spielte das ganze Werk in einem Zug, mit sämtlichen Wiederholungen und nur einer Minute Pause zum Luftholen in der Mitte. Ein paar kleine Patzer waren bei dieser enormen Konzentrationsleistung nicht zu vermeiden, störten aber nicht weiter (einen Fehlgriff gegen Ende kommentierte er selbst mit Kopfschütteln). Im Vergleich zur CD wirkte er auf mich ein klein wenig gehetzt, als ob er befürchtete, dem Publikum könne es zu lange dauern - die Tempi einiger Variationen waren noch etwas schneller, wodurch seine Artikulation bei den schnellsten Variationen etwas undeutlich wurde. Die Ruhe und Konzentration bei einem so umfangreichen Werk ist halt im Konzert sehr schwer durchzuhalten - da wird mein Respekt vor Ross' Live-Aufnahme noch größer ... und vor Staiers Leistung erst recht. Als Zugabe kam dann konsequenterweise nur einer der kurzen Kanons über den Bass der Variationen. Die Interpretation folgte exakt dem Konzept der CD, etwas weniger abwechslungsreich aufgrund des Instrumentes, das ihn nicht so inspirierte wie der Hass, und nicht so schöne Registierungen zuließ.
Hätte er sich etwas mehr Zeit gelassen, wäre es absolut top gewesen - so gebe ich ihm achteinhalb von zehn möglichen Punkten.
Unbekannt Donnerstag, 3. Juni 2010, 00:33
Sonderkonzerte in der Augustinerkirche in Mainz
Dienstag, 1. Juni 2010
Mittwoch, 2. Juni 2010

Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784)
Eine ganz neue Stimme des 18. Jahrhunderts
Welterstaufführung wiederentdeckter Kantaten
„Ach, dass du den Himmel zerrissest“
„Gott fähret auf mit Jauchzen“
„Wohl dem, der den Herren fürchtet“
„O Wunder, wer kann dieses fassen“

Dorothee Mields, Sopran
Gerhild Romberger, Alt
Georg Poplutz, Tenor
Klaus Mertens, Bass
L'arpa festante München - Bachchor Mainz
Leitung: Ralf Otto


Da habt ihr wieder mal was verpasst! Zuerst fand ich die Ankündigung unter dem Motto "Eine ganz neue Stimme des 18. Jahrhunderts" und die Formulierung "Aufführung wiederentdeckter Kantaten" etwas übertrieben (denn man wusste ja die ganze Zeit, daß die Stücke im Archiv der Singeakademie gewesen waren, nur nicht, wo sich dieses seit dem II. Weltkrieg befand). Wie dem auch sei, die Musik war großartig und hochinteressant, die Stücke noch weit kreativer konzipiert als die vier Kantaten, die Hermann Max eingespielt hat. Ein Versuch, Kirchenmusik auf der Grundlage der seines Vaters zu schreiben, sie sanft zu modernisieren, einen Tick Galantes ins Spiel zu bringen, ohne in die deutlich routinierten Einheitslösungen seiner Generationsgenossen zu verfallen. Und es ist ihm gelungen. Wie er in Halle unter ähnlichen, eher ungünstigeren Bedingungen als in Leipzig solche anspruchsvollen Kompositionen aufführen konnte, ist bewundernswert. Da gibt es häufig tolle zweistimmige Partien für zwei Traversflöten, äußerst effektvoll eingesetzte Hornpartien oder Trompeten, Oboen (immer zweistimmig!), ab und zu mit für den Kenner bemerkbaren kleinen Referenzen an Ideen des Vaters oder der Dresdner Hofmusik. Wie beim Vater keine Standardprozedur, sondern immer neue Kombinationen, mal mit Sinfonia, mal mit Choral, mal mit effektvoll orchestral gesetztem Coro am Anfang; Soloarien und Duette, zwischen zwei Sängern geteilte Rezitative; raffinierte Tempo- und Taktwechsel - vor allem in rhythmischer Hinsicht geht er über den Vater hinaus. Ganz offensichtlich von Opern inspirierte Effekte dramatischer Natur zur Illustation von Christi Himmelfahrt oder heulender Teufel, wahnwitzige Intervallsprünge um in einer Sopranarie das Auf- und Niedersteigen des Christus zu beschreiben; aber niemals billiger Theaterdonner, immer hochmusikalisch. Wahrlich eine Entdeckung.

Es sind keine zeitgenösischen Reaktionen auf diese Musik überliefert - wie muß ihn das frustriert haben, wo er doch seine ganze schöpferische Fantasie hat spielen lassen ...

Mit den Solisten und dem Orchester war ich mehr als zufrieden, alle haben ihre anspruchsvollen Partien souverän bewältigt. Leider haben die etwas hallige Akustik der Mainzer Augustinerkirche (ein barockes Juwel!) und der etwas große Chor (6-8 SängerInnen pro Stimme) so manches raffinierte Detail verschwimmen lassen. Es fragt sich, ob er in Halle einen solchen Chor gehabt hat und ob der die rhythmischen Raffinessen hinbekommen hätte. Aber Ralf Otto leitet nun mal einen Chor, da will er ihn auch einsetzen - hervorragend gesungen hat er allemal, aber da stimmen die Proportionen einfach nicht. Das Ganze ist wie seine Konzerte sehr durchwoben dialogisierend konzipiert, da zählt jedes Detail, äußerste Transparenz ist gefordert, die unter dem dafür zu großen Chor etwas gelitten hat. Abgesehen davon hat der Chor nicht immer viel zu tun und nicht jeder Solist eine Arie .... sowas würde ich mir von Cantus Cölln wünschen. Es gab Cembalo und Orgel, natürlich eine Truhenorgel, die zwar recht laut war, aber sowas hat Friede bestimmt nicht angefasst; ob der Cembalist in den Tutti mitgespielt hat, war nicht auszumachen - Otto hat ihn vor allem die Rezitative deutlich begleiten lassen.
Aber das Konzept des Dirigenten war, was Tempi und Affekte angeht, sehr schlüssig. Die für den November bei Carus angekündigte CD werde ich mir auf jeden Fall kaufen; das erste Konzert wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet! Lasst Euch wenigstens das nicht entgehen ...
Unbekannt Montag, 21. Juni 2010, 19:27
Bach: H-Moll-Messe
English Baroque Soloists - Monteverdi Choir (Solisten aus dem Chor)
John Eliot Gardiner
20.6.2010 Thomaskirche Leipzig

Archaeopteryx war gestern in Leipzig und hat es nicht bereut. Diese Aufführung der hMollMesse wird mir sehr lange unglaublich poitiv im Gedächtnis bleiben. Ich habe selten so eine gut gelaunte Truppe, die Pefrektion, Spielfreude und Sympathie miteinander verbindet, erlebt - Orchester und Chor zum Niederknien, Sir John extrem gut drauf und in Feierlaune. Er speilte das Werk quasi aus einem Zug, mit vielen attaccas, die eine Stringenz und Dramaturgie hieninbrachten, die ich so noch nie erlebt habe bei diesem komplexen Werk. Respekt, jetzt muss sich René Jacobs aber ordentlich ranhalten, um diesen Eindruck nächstes Jahr zu wiederholen! Die ausverkaufte Thomaskirche stand zum Schluss komplett auf den Kirchenbänken und feierte die Beteiligten. Ich habe lange nicht so ein schönes und mitreißendes Konzert erleben dürfen. Danke, Sir John!!
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Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 19:03
Claudio Monteverdi: »Vespro della Beata Vergine«
Kristina Maria Kiehr, Sopran
Rosa Caldeira, Sopran
James Elliott, Tenor
Andreas Karasiak, Tenor
Harry van der Kamp, Bass
RIAS Kammerchor
Akademie für Alte Musik Berlin
Hans-Christoph Rademann, Dirigent


Das altehrwürdige Kloster Eberbach ist für die Aufführung geistlicher Alter Musik atmosphärisch denkbar gut geeignet und auch sonst ein schöner Ort (das Parkplatz-Chaos, das es bei jedem Konzert gibt, einmal ausgeklammert).
Das Konzert fand bewußt zum 400jährigen Jubiläum der Monteverdi-Vesper statt und wartete mit einer hervorragenden Besetzung auf. Insbesondere habe ich mich gefreut, die Akademie für Alte Musik Berlin erstmals live zu erleben. Zudem sang mit Maria Cristina Kiehr eine Sopranistin mit, die auch in beiden bei mir zu hause vertretenen Aufnahmen (Jacobs, Savall) als Solistin mitsang.
Die gebotene Interpretation war dann auch sehr gut, allerdings leider oft nicht gut durchhörbar, da der Chor in der Klosterkirche doch einen großen Hall erzeugte und das Orchester damit übertönte (zumindest da, wo ich saß). Die Chorstärke von ca. 30 Personen ist sicher nicht zu groß (bei Savall sind es auch so viele), aber hinsichtlich der akustischen Verhältnisse wäre eine Reduzierung auf die Hälfte wohl sinnvoll gewesen. Der Chor trat denn von seiner Empore mehrmals herunter, um den Posaunisten Platz zu machen, wenn sie besonders klangprächtige Einsätze in einer Nummer hatten. Um dies genießen zu können, saß ich leider völlig falsch, und so wurden auch diese Passagen in meinen Ohren vom Chor größtenteils übertönt. Andere akustische Finessen, wie die Raumaufteilung der Solisten - besonders auffällig z.B. beim Echoeffekt im "Audi coelum" - konnte ich mehr genießen.
Das Tempo war recht flott: gestoppte 6:00 für "Laudate pueri", 18:10 für das "Magnificat", gar 6:45 (!) für "Ave maris stella". Erwähnenswert ist auch noch, daß direkt vor dem "Ave maris stella" im Plainchant das komplette "Ave maria gratia plena" vorgetragen wurde - wohl eher unüblich. Noch davor wurde die Sonata sopra Sancta Maria gegeben (ebenso wie bei Savall und anders als bei jacobs, wo sie nach dem Ave maris stella erklingt).
Es war insgesamt ein schöner Konzertabend - aber nächstes mal sehe ich zu, daß ich im Hauptschiff und nicht im Querschiff sitze (zumindest bei größer besetzten Werken). Die ganz hervorragende AfAMB werde ich bestimmt nochmal live besuchen, wenn sie in der Gegend ist - für meinen Geschmack wurde sie gestern zu sehr vom RIAS Kammerchor dominiert.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 19. August 2010, 20:31
Johann Rosenmüller: Marienvesper
Johann Rosenmüller Ensemble
Arno Paduch, Leitung


Arno Paduch stellte aus fünf obligatorischen Psalmvertonungen Rosemüllers sowie einem Magnificat und einem Salve Regina aus der Feder des Komponisten eine hypothetische Rosenmüllersche Marienvesper zusammen. Dabei ging er in der Auswahl der Stücke eine Kompromiß zwischen der Aufführungspraxis im Venedig des 17. Jahrhunderts und der "Belastbarkeit" des heutigen Publikums ein. Er wählte nur für das Dixit Dominus eine so ausführliche Vertonung (Länge ca. 20 Minuten), wie sie Rosenmüller damals wahrscheinlich für alle Psalmen einer Vesper vorgesehen hatte. Die anderen vier Psalmenvertonungen waren kürzer. [Da Rosenmüller über 200 Psalmenvertonungen hinterlassen hat, kann man da aus dem vollen schöpfen.] Zudem entfielen die damals zwischen den Psalmen gespielten Concerti. Also gab es statt des ca. vierstündigen musikbegleiteten Vespergottesdienst im alten Venedig ein etwa anderthalbstündiges Vesperkonzert im Kloster Eberbach. Zudem mußte Paduch sich der Größe der Bühne wegen mit zwei Truhenorgeln begnügen (mindestens doppelt so viele hätte er sich gewünscht und hatte Rosenmüller damals eingesetzt). Auch die 50 Musiker, die Rosenmüller in Venedig aufbieten konnte, stehen dem Rosenmüller Ensemble Paduchs nicht zur Verfügung.
Aber jenseits der quantitativen Einschränkungen war die musikalische Darbietung erstklassig. Wie man am Namen des Ensembles erkennen kann, hat es sich auf die Musik und Klangsprache Rosenmüllers spezialisiert und leistet auf diesem Gebiet Pionierarbeit (es waren auch neuzeitliche Erstaufführungen am Sonntag dort zu hören). Die mir zuvor unbekannten Musiker haben mich durchweg überzeugt, sowohl die Instrumentalisten als auch die Chorsänger, die immer wieder auch solistisch zu hören waren.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 19. August 2010, 21:16
eine so ausführliche Vertonung (Länge ca. 20 Minuten), wie sie Rosenmüller damals wahrscheinlich für alle Psalmen einer Vesper vorgesehen hatte. Die anderen vier Psalmenvertonungen waren kürzer. [Da Rosenmüller über 200 Psalmenvertonungen hinterlassen hat, kann man da aus dem vollen schöpfen.] Zudem entfielen die damals zwischen den Psalmen gespielten Concerti.

Das ist nicht unbedingt nötig dass alle teile so lang sein müssen. Die Teile der Vespro von Monteverdi sind auch recht unterschiedlich lang von 4 bis 25 Minuten (Magnificat), aber auch in der Cecilien-Vesper von A. Scarlatti sind einige Teile aufwendig in Kantaten-Stil, andere kurz und bündig in Motetten-Stil gehalten. Eine besonders lange Vertonung konnte durchaus kürzere Sätze mit sich ziehen, damit die Liturgie nicht zu sehr in die Länge gezogen wird.
Auch dass man Concerti zwischen den Sätzen gespielt hat ist mE nicht so eindeutig. Man konnte das tun, aber Zwang war das sicherlich nicht.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 26. September 2010, 19:00
25. September, Kirche in Caputh
„Bella Italia“
eine Reise zum Ursprungsland des Barocks
„Ecce grex!“ aus Basel:
Joannes Frisch und Michele Party
(Barockviolinen)
Keal Couper (Barockposaune)
Merit Eichhorn (Orgel)


Der von Regen begleitete Weg ins ferne Caputh hat sich gelohnt. Die jungen Musiker aus verschiedenen Ländern, extra für dieses Konzert aus der Schweiz angereist, haben mit Begeisterung gespielt und ihre Barockinstrumente präsentiert.
Mir teilweise unbekannte Komponisten standen auf dem Programm:

Bartolomeo Montalbano (1595-1651) aus Palermo.
Giovanni Paolo Cima (1570-1622) aus Mailand
Giovanni Battista Fontana (1571-1630), berühmter Geigenvirtuose
Giovanni Battista Buonamente (1595-1642), Franziskaner
Andrea Gabrieli (1533-1585), Organist am Markusdom
Salomone Rossi (1570-1630), Kapellmeister in Mantua
Girolamo Frescobaldi (1583-1643), Organist am Petersdom
Maurizio Cazatti (1616-1678), Kapellmeister in Bologna
Zugabe:
Teufelstanz von Falconieri


Ja, ich habe zum ersten Mal etwas von Salomone Rossi live gehört (bis gestern Abend waren seine Stücke mir nur von CDs und aus dem Radio bekannt). Besonders interessant fand ich neben Rossi, Maurizio Cazatti und Fontana mit seinen Stücken für Geige. Auch das Orgel-Capriccio (1624) von Frescobaldi hat es mir angetan und ich vermute, dass einige Jahrzehnte später ein gewisser Herr Bach davon auch beeindruckt gewesen sein musste.
Die Vorstellung der Instrumente fand ich besonders angesichts meines vorherigen Besuches im Musikinstrumentenmuseum sehr aufschlussreich.
Im Publikum waren dieses Mal nicht nur ältere Semester vertreten (wie so oft üblich), sondern auch einige in ihren Zwanzigern/Dreißigern bzw. Vierzigern und sogar eine Familie mit Kindern um die sechs bzw. sieben Jahren (wobei die Tochter durchschlief, wärend der Sohn die Musiker imitierte).
Unbekannt Montag, 1. November 2010, 23:43
Berlin, Kammermusiksaal, 1.11.2010
Kožená singt Lieder des Frühbarocks
(Monteverdi, Sigismondo d'India, Cacchini, Vitali, Marini, Marcula, Merula, Strozzi und Kapsberger)
dazu Musik für die Barockgitarre, gespielt von Pierre Pitzl
(Briceno, Sanz, Foscarini, de Macque, de Ribayaz)
und das Ensemble Private Musicke in der Reihe "Originalklang"



Sicherlich hätte die Musik der o.g. Komponisten allein den Kammermusiksaal heute nicht so gefüllt. Dazu ist eine Starsängerin wie Kožená nötig.
Barfüßig und mit freien Schultern trat sie auf und ich (eine Frostbeule) war winterlich gekleidet und mir war nicht zu warm.
Die Stimme Koženás war auch erwartungsgemäß warm und ausdrucksvoll, aber nicht sehr deutlich, was das Sprachliche angeht. Mehrmals verlor ich mich, als ich den Text mitlesen wollte.
Was die Ausdrucksstärke angeht, steigerte sich die Diva zunehmend und der Höhepunkt war Barbara Strozzis "L'Eraclito amoroso ". Ihre auf Show angelegte fast schon zu dramatische Art des Vortrags (es gab keine Pause, die Stücke gingen in einander über, was sehr anstrengend war) war nicht nach meinem Geschmack. Ich hätte es lieber eleganter und feinsinniger gehabt.
Aber das restliche Publikum war begeistert.
Enttäuscht war ich über Koženás mangelnde Bereitschaft, danach Autogramme zu geben (wie Scholl, De Niese und Piau). Ich korrigiere mich: in einem Werbeblatt, das dem Programm beigelegt wurde, wird angekündigt, dass sie nach dem Konzert signiert. Ich hatte nur keine Geduld mehr als 20 Minuten zu warten.
Unbekannt Sonntag, 7. November 2010, 14:17
6. November 2010:
Nikolaisaal Potsdam
Yuri Minenko, Matthias Rexroth, Xavier Sabata und Max Emanuel Cencic
singen Arien von
Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel, Nicola Porpora, Ferdinando Bertoni, Francesco Maria Verancini, Giuseppe Sarti und Christoph Willibald Gluck
unter Begleitung des Ensembles I Barocchisti
unter der Leitung von Diego Fasolis
Ein begeisternder Abend vor einem nahezu ausverkauften Hause. Es gab zwei Zugaben und auch Autogramme hinterher.

Geplant war ursprünglich, dass auch Michael Maniaci dabei sein sollte (er war auf den Werbeplakaten). Sein Ersatz, der relativ (für mich auf jeden Fall) unbekannte Yuri Minenko aus der Ukraine hat sich gut geschlagen und ich hoffe ihn bald mehr in westlichen Opernhäusern zu sehen.
Seine Alt-Stimme hat eine warme Ausdruckstärke bei gleichzeitig deutlichem Gesang.

Rexroths Verständlichkeit der gesungen Textes war nicht so gut, aber er hat dafür eine kräftige Stimme. Nur bei Händels „Cara sposa“ überzeugte er mich ganz mit seinem klagendem Ausdruck.

Eine beeindruckende Bühnenpräsenz hatte an diesem Abend Xavier Sabata. Mit ihm gab es auch etwas zu lachen, als er in letzter Minute spontan das Programm änderte. Bei ihm war alles klar gesungen und trotzdem kräftig und ausdrucksvoll.

An Ausdruck und schauspielerischen Fähigkeiten kam ihm dann auch wirklich nur der neue Star unter den Countertenören gleich: der kleine und relativ zierliche Max Emanuel Cencic.
Seine sehr schweren Arien waren der Höhepunkt, wobei die Arie „Gelido in ogni vena“ aus der Oper Il Farnace von Antonio Vivaldi, die Klage eines Vaters über den Tod seines Sohnes, mich am meisten beeindruckte. Aufgrund des Schwierigkeitsgrades der von ihm gesungenen Arien, störte mich die an manchen Stellen auftretende Undeutlichkeit des Textes nicht.

Der Abend wäre aber nicht so gelungen gewesen, wenn die Barocchisti nicht gespielt hätten. Ihre sehr expressive Spielweise war höchst beeindruckend!!

Die Auswahl der Arien war auch gelungen. Es wurden auch eher unbekannte Komponisten und von Händel kamen nicht die üblichen Hits, sondern (außer Rinaldos Arie) nicht so oft auf solchen Veranstaltungen vorgetragenen Stücke (eine Wutarie aus Xerxes und eine Ermutigungsarie aus Arianna in Creta).
Sehr schön erkennbar wurden dabei die verschiedenen Stile: Vivaldi Ausdrucksstärke in kraftvollen Arien einerseits und Händels ruhige langsame Arien (Rinaldo, Ottone aus Agrippina) voller Chromatk, die dem unkundigem Publikum wunderbar bewiesen, dass Händels Musik alles andere als bombastisch sein kann, und dann Porporas auf Virtuosität und Rhythmus angelegter Stil.
Unbekannt Samstag, 13. November 2010, 18:58
Gestern in Herne:



Zeit hatte ich nur für einen Teil des Symposiums ‚Regionale Traditionen des Cembalobaus‘ und für die Ausstellung.
Bei den Vorträgen ging es schon ziemlich zur Sache; man musste schon Freak sein, um die teils auf Englisch gehaltenene Referate bis ins Detail auszukosten und sich an Millimeterbruchteilen bei Rekonstruktionsdiskussionen zu erfreuen.
Kurios war das marmorne Cembalo aus dem Besitz der d’Este, das allerdings nie als ernsthaftes Musikinstrument gedacht war.
Und zum ersten Mal habe ich wenigstens ein paar Bilder der ominösen Hildebrandt-Kopie zu Gesicht bekommen. Ammer hatte ein Exemplar ausfindig gemacht und sprach anlässlich seines Beitrags ‚Der Cembalobau in Mitteldeutschland in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts‘ (der sich nur um Bach und die Frage, worauf er gespielt hat, drehte) drüber. Mehr Intarsien auf einem Fleck habe ich noch nie gesehen, dazu ein mit Blattsilber belegtes Untergestell und ins Vorsatzbrett eingelassene Kupferstiche. Man kanns auch übertreiben, dachte so mancher sich. Ammer spekulierte, dass es wohl für einen hochfeudalen polnischen Spielsalon (den königlichen?) gebaut worden war, denn im Deckel waren auch noch sämtliche Brettspiele als Einlegearbeit vorhanden.
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 23:07



28. November, Philharmonie Berlin, Großer Saal
Philippe Jaroussky
singt Arien von Antonio Caldara
begleitet vom
Concerto Köln,
das auch noch Werke von Evaristo Felice Dall'Abaco,
Giovanni Battista Sammartini
und Antonio Vivaldi spielt

Nach einem fulminanten Beginn mit der Entdeckung des Abends für mich, einem tänzerischen Stück von Evaristo Felice Dall'Abaco (der sich als Italiener der französischen Schule öffnete), begann Jaroussky mit etwas dünner Stimme und kam nicht gegen das Orchester an. Es scheint, als ob dies der Konzertmeister bemerkt hatte, denn die Balance zwischen Sänger und Orchester wurde bei den nächsten Stücken viel besser (das Orchester spielte leiser und Jarousskys Stimme wurde dominanter). Jaroussky bestach durch seinen klaren Gesang und angemessen, taktvollen Verzierungen.

Die Arien von Caldara stammten alle aus seiner Wiener Zeit. Es war gut, einen anderen Komponisten kennenzulernen. Ein wichtiges Ziel des Konzerts war die Werbung für Jarousskys neue Caldara-CD und es wurde sicher erreicht. Die Zuschauer waren begeistert, wie immer am meisten über Wutarien. Die langsamen Stücke sind wohl immer nur etwas für Geniesser.

Absolut frustrierend war das Programmheft, das ja vor allem den Komponisten Caldara vorstellen sollte. Darin bezeichnen die Autoren Caldara als ein Komponisten außer der Mode (da mag ja stimmen), der mit dem galanten neuen Stil nicht mitging und „typisch barock“ blieb, was sich für die Autoren in fehlender Empfindsamkeit zeige.
Also „typisch barock“ ist für mich die Affektdarstellung in der Musik, die mich eben gerade rührt (Händels Arien haben mir schon einige Male Tränen in die Augen getrieben). Die Autoren sehen die Barockmusik aber wie die breite barockunkundige Masse ganz stereotyp als steif an. Und Caldara muss als Beispiel herhalten. Es mag nun sein, dass Caldara im Vergleich zu Händel und Vivaldi die Affektdarstellung nicht so überzeugend beherrschte. Trotzdem kann von „steif“ und „unempfindsam“ nicht die Rede sein.

Schließlich gab Jaroussky nach vier Zugaben (darunter eine Porpora-Arie) noch Autogramme (in die lange Reihe habe ich mich nicht gestellt). Fotos durften nur ohne Blitz gemacht werden. Daher habe ich nur eine geringe Auswahl an Bildern von ihm.
Unbekannt Dienstag, 30. November 2010, 19:14
Fotos durften nur ohne Blitz gemacht werden.


Och, wär das Porzellanpüppi sonst zersprungen? :beatnik:

Vado, o sposa oder Mentre dormi amor fomenti sind ja nun schon sehr empfindsam, wer das nicht spürt. muß ein Trockeneisblock sein. Wurden diese beiden Arien auch live gegeben?

:wink:
Unbekannt Dienstag, 30. November 2010, 19:59
Es mag nun sein, dass Caldara im Vergleich zu Händel und Vivaldi die Affektdarstellung nicht so überzeugend beherrschte. Trotzdem kann von „steif“ und „unempfindsam“ nicht die Rede sein.
Ob Vivaldi ein besserer Opernkomponist gewesen sei als Caldara, bezweifle ich stark. :wink:
Unbekannt Dienstag, 30. November 2010, 23:53
Hallo!

Zitat

Vado, o sposa oder Mentre dormi amor fomenti sind ja nun schon sehr empfindsam, wer das nicht spürt. muß ein Trockeneisblock sein. Wurden diese beiden Arien auch live gegeben?
Leider nicht. Es kamen Arien aus Temistocle, Lucio Papirio dittore, Adriano in Siria, Ifigenia in Aulide, La clemenza di Tito und Demofoonte.
Die Autoren argumentieren, dass Caldaras Arien in Sachen Empfindsamkeit nicht an Mozarts "La Clemenza di Tito" und Grauns "Demofoonte" herankämen, sondern "typisch barock" seien und deshalb in Vergessenheit geraten seien.
Außerdem betonen sie, dass Metastasio Caldara nicht geschätzt hat.


Zitat

Ob Vivaldi ein besserer Opernkomponist gewesen sei als Caldara, bezweifle ich stark.
Das kann ich nicht beurteilen, da ich von beiden viel zu wenig kenne. Ich habe deswegen auch vorsichtig formuliert. Die Auswahl der Arien war wohl nicht die beste.

Zitat

Och, wär das Porzellanpüppi sonst zersprungen?
Die Sicherheitskräfte vermittelten den Eindruck, dass bei Blitz Gefahr drohe. Am Eingang steht, kein Benutzung von Kameras im ganzen Hause - da war ich schon froh, dass ich meine paar Bildchen auch ohne Blitz zusammenbekommen habe...
Unbekannt Mittwoch, 1. Dezember 2010, 07:46

Zitat

Die Autoren argumentieren, dass Caldaras Arien in Sachen Empfindsamkeit nicht an Mozarts "La Clemenza di Tito" und Grauns "Demofoonte" herankämen, sondern "typisch barock" seien und deshalb in Vergessenheit geraten seien.
Außerdem betonen sie, dass Metastasio Caldara nicht geschätzt hat.


ich will auch senfen :D

bei solchen Programmheften frage ich mich - wozu dann das Konzert ?
Wäre ich an der Stelle der ausübenden Künstler, ich würde das direkt zurück gehen lassen, oder selbst ne Ansprache halten.
Wenn ich das ganze als Werbung für die neue Caldara CD aufziehe, dann wäre Caldara mindestens der größte Opernkomponist des gesamten Barock :hahaha:
(anscheind keinen Plan von Marketing)


Caldara war natürlich ein ausgezeichneter Opernkomponist, seine Oratorien sind von gleicher Schönheit, ich finde sie sehr intensiv. Die Gefühle in seinen Arien kommen nicht weniger stark zur Geltung als bei Händel - Vivaldi ist es eigentlich, der meist oberflächlich bleibt.

Caldara mit Mozart zu vergleichen zeugt auch von größter Kompetenz - Äpfel und Birnen bla bla

Dass Metastasio Caldara nicht mochte, mag vielleicht stimmen, immerhin waren bei Künstler am kaiserlichen Hof in Wien tätig - da bleiben Spannungen nicht aus.
Aber wozu soll dieser Hinweis dienlich sein ?
Und wer kennt schon Grauns Demofoonte ? [die Aussage ist für ein Großteil des Publikums überflüssig und nichtssagend]
Im besten Falle kennt man "Cleopatra e Cesare" und vielleicht noch "Montezuma" (erste weil damit das Opernhaus unter den Linden eingeweiht wurde und es auch eine Aufnahme gibt, und zweitere, weil diese Oper recht "oft" gespielt wird, weil das Libretto von Friedrich II. stammt)

Caldara ist typisch römisch - typisch barock gibts nicht... :whistling:
Unbekannt Mittwoch, 1. Dezember 2010, 14:43
Die Gefühle in seinen Arien kommen nicht weniger stark zur Geltung als bei Händel - Vivaldi ist es eigentlich, der meist oberflächlich bleibt.
Mein' ich auch. :yes:

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 1. Dezember 2010, 14:49
Caldara ist typisch römisch - typisch barock gibts nicht...
So ganz typisch römisch würde ich ihn nicht nennen: er war ja Venezianer, und womöglich bei Legrenzi in die Lehre gegangen. Auch sein Stil ist - für mich - im Grunde eher venezianisch (wohl konservativer als Vivaldi, vergleichbar aber mit Lotti), dass aber Scarlatti, und später Fux, einen großen Einfluss auf ihn ausgeübt haben ist auch klar zu spüren.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 2. Dezember 2010, 00:05
Genau, den Eindruck von Anti-Werbung hatte ich von diesem Programmheft.

Zitat

Wäre ich an der Stelle der ausübenden Künstler, ich würde das direkt zurück gehen lassen, oder selbst ne Ansprache halten.
Das hätte Jaroussky mal machen sollen, aber vielleicht wusste er nichts davon (und war auch viel zu nervös dazu, glaube ich). Die Programmhefte werden von den Philharmonikern herausgebracht. Die sind wohl keine Liebhaber des Barocks und vielleicht auch keine Freunde des Concerto Köln.
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 12:53
~ Schloßkonzerte Bad Krozingen ~

Konzert vom 11. Dezember 2010


Part I

Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791)

Sechs Variationen g-moll KV 374b (ex 360) über Au bord d'une fontaine
(auch: Hélas, j'ai perdu mon amant)

Sonatensatz für Clavier und Violine c-moll KV 385f (ex 396)
in der durch Maximilian Stadler (1748-1833) ergänzten Fassung als Fantasie für Clavier solo

Sonate G-Dur für Clavier und Violine op. II Nr. 5 KV 373a (ex 379)

Midori Seiler, Barockvioline (Barockbogen)
Jos van Immerseel, Hammerflügel von Johann André Stein (Augsburg, c1780/1790)

Part II

Franz Peter Seraph Schubert (1797-1828)

Sonate für Clavier und Violine g-moll op. post. 137, 3 D 408

Scherzo B-Dur D 593, 1
Ungarische Melodie h-moll D 817
Sechszehn Deutsche Tänze op. 33 D 783

Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Sonate für Clavier und Violine a-moll op. 23

Midori Seiler, Barockvioline (romantischer Bogen englischer Herstellung / Nachbau)
Jos van Immerseel, Hammerflügel Michael Rosenberger (Wien, c1810)

~ ~ ~


Dieses gnadenlos herrliche und wie auf mich abgestimmte Programm wurde mir erst etwa eine Stunde vor Konzertbeginn bekannt gegeben; zuvor wusste ich lediglich um die Interpreten und die zu interpretierenden Komponisten. Die Zeit vor dem Konzert nutze ich im Beisein meiner mich eingeladen habenden Tante zur Besichtigung der recht ansehnlichen Sammlung historischer Tasteninstrumente, derer es geschätze 25 bis 30 an der Zahl waren.

Teil I des Konzertes war sehr intensiv und ich amüsierte mich köstlich über den Tatbestand, daß Immerseel offenbar an den gleichen Stellen Schwierigkeiten wie ich sie beim Spielen der betreffenden Werke hatte, z.B. die unsäglichen Es-Dur-Terzparallelen in KV 385f. Meine Nachsicht war daher groß. Möglicherweise war er aber auch noch nicht eingespielt und die imo unzureichende technische Reife resp. der aufgrund des Alters nicht mehr ganz taufrische Zustand des Johann André Steinschen Hammerflügels, der ja aus der Stein-Zeit stammt, wird das übrige dazu beigetragen haben. Das Instrument verfügte über sogenannte Kniedämpfer, die eine relativ farbenreiche Interpretation ermöglichten. Insgesamt muß ich zugeben, daß Mozarts Werke trotz etlicher Vorbehalte auf einem Stein doch – zumindest live – wirklich sehr viel besser zur Geltung kommen als auf einem Mein-Gott-Walter. Midori Seiler spielte ebenfalls den Umständen entsprechend (eigentlich gaben die Interpreten schon beinahe ein Klaviertrio ab, aber eben nur fast...) sehr sinnlich und werkgerecht mit wohldosiertem Vibratoeinsatz und tief atmend.

Während der Pause wurde das Steinsche Instrument in die Ecke geschoben und wirkte dann im zweiten Teil auch abgeschoben und sehr klein gegenüber dem nun zur Verwendung kommenden Rosenbergerinstrument, das vergleichsweise kernig und irden im Klang war. Auch Mozarts Musik verblasste durch die nachfolgenden Programminhalte zu meiner Überraschung deutlich – Mozarts Musik wirkte lediglich während ihrer Präsenz großartig und intim und war – wie ein flüchtiger Glücksmoment – schnell verflogen und nur noch traurige Erinnerung. Das nun verwendete Instrument verfügte neben dem, was heute als 'Pedal' gilt (also Aufhebung der Dämpfung), über fünf weitere durch jeweils ein Pedal zu bedienende Gimmicks, die auch alle zur Anwendung kamen: Im Menuett der von mir sogenannten Maditasonate (wegen der im Finale anklingenden Ähnlichkeit zur Titelmusik ('http://www.youtube.com/watch?v=AJCVKOKLNYU#t=34s') der Verfilmung des Lindgrentextes) sowie bei der Ungarischen Melodie kamen jeweils der Fagottzug zum Einsatz. Das Scherzo endete mit einem Knalleffekt durch Betätigung des Janitscharenzugs und immer wieder wurde die Interpretation durch Moderator I und II sowie durch Una-corda-Spiel sehr passend verfeinert. Immerseel scheint mir der ideale Schubertinterpret zu sein und ich hoffe, daß es hier bald eine Platte mit Tänzen und/oder Sonaten geben wird, die auf dem ebenso dafür gemachten Rosenbergerinstrument gespielt werden. Immerseel lebte bei Schubert richtig auf und war ganz in seinem Element. Beethovens Violin-Sonate, die im Anschluß folgte, wurde sehr schnörkelfrei, transparent und ohne Gimmicks dargeboten und der Kreis schloss sich für mich durch eine gewisse innere Verbundenheit der des Finales der Sonate op. 23 mit Mozarts KV 373a, Satz 1.

Zugaben wurden nicht gegeben, waren aber auch ob der vielen gehörten Töne überhaupt nicht notwendig. Das Konzert wird heute um 16°° wiederholt.

:wink:
Unbekannt Sonntag, 26. Dezember 2010, 22:02
Ausschnitte des Caldara-Konzerts kamen heute im Fernsehen (nämlich die der Münchener Aufführung zehn Tage vor der o.g. Berliner).

Mit besserer Akustik und Close-Ups auf Sänger und die Musiker und ihre Instrumente war die ganze Sache doch viel angenehmer als im Großen Saal der Philharmonie (ich hatte Jaroussky da nur von hinten gehört - inzwischen weiß ich, dass sich das in diesem Raum sehr negativ aufs Hörerlebnis auswirkt).

In Probenausschnitten mit Emanuelle Haim habe ich erfahren, dass es gerade darum ging, unbekannte Arien aufzuführen und wie spannend das ist.
Unbekannt Donnerstag, 6. Januar 2011, 22:52
KammermusikerInnen des Konzerthauses Berlin
spielen
Stücke aus “Piéces des clavecin en concerts” von Jean-Philippe Rameau
"Sonate für Flöte, zwei Violienen und Basso continuo g-moll" von Joseph Bodin de Boismortier
“La Parnasse ou l'apothéose de Corelli” von Francois Couperin
“Drei Sätze aus der Suite für Viola da Gamba solo d-moll” von Le Sieur de Machy
und
“Deuxième Récréation de Musique” von Jean-Marie Leclair
am 5.11. 2011
Eingeführt wurde das Konzert von einem Vertreter der Konzerthausleitung, der stolz verkündete, dass zum ersten Mal bei einem Kammermusikorchesterkonzert der barocke Kammerton 415 Hz gewählt wird.
Schließlich führte er kurz die Haupthematik des Abends ein: Unterschiede zwischen dem französischen und italienischen Stil und wie ersterer vom letzteren beeinflusst wurde.
Aufgrund des höheren Bekannheitsgrads kam den Rameau-Stücken die Funktion zu, die meiste Unterhaltung des Abends zu bieten. Dabei wechselte die Besetzung von Cembalo, Flöte, Viola da Gamba zu Cembalo, Flöte, Geige und Viola da Gamba, also zu einer größeren Besetzung also von Rameau vorgeschrieben. Dabei hatte “Tambourins en rondeau” eine wunderbare Frische und ich wollte am liebsten aufspringen und gleich dazu tanzen. Die ruhigeren Stücke kamen von de Bosmortier und Le Sieur de Marchy, wobei das Solo-Stück für die Viola da Gamba tief ging. Leider muss ich die meisten Stücke immer mehrmals hören, um mehr darüber zu sagen. Auf jeden Fall würde ich mir die “Pièces de viole” von Le Sieur de Marchy gerne noch einmal anhören.
Interessant war Couperins Stück über Corelli, in dem der italienische Stil sich mehr und mehr durchsetzt. Das Stück erzählt ja die Geschichte von Corelli, wie er auf dem Parnass empfangen wird, von der Quelle des Hippokrennes trinkt, enthusiastisch wird und dann einschläft (ich bin an dieser Stelle mit der Musik auch fast eingeschlafen – sehr effektvoll), schließlich wieder aufwacht und sich bedankt.
Das Programm läßt mich fragen, was nun der genau die Unterschiede zwischen dem italienischen und französischen Stil im Verlaufe eines Jahrhunderts waren.
Im Programmheft heißt es zunächst:
“Der französischen Musik dieser Zeit eignet gegenüber der häufig erhitzten Affektiertheit italienischen Musiziergeistes eine gewisse Kühle und Strenge, gepaart mit Eleganz und Feinheit des Ausdrucks.” Hier geht es um die Zeit um 1650.
Auf der nächsten Seite heißt es zu der Zeit um 1700:
“Allerdings hatte die moderne italienische Instrumentalkunst mit ihrer deutlichen Tendenz zur absoluten Musik bei der französischen Musikästhetik einen schweren Stand, die die Musik auf den Ausdruck von Affekten verpflichtet sehen wollte.”
Ich werde den Eindruck nicht los, dass da Stereotypen mitschwingen...
Trotzdem, der Abend war bereichernd. Schließlich habe ich noch herausgefunden, dass Véronique Gens im Mai nach Berlin kommt und u.a. Lully und Rameau singen wird. Freue mich jetzt schon...