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Pietro Domenico Paradies (1707-1791)

Unbekannt Donnerstag, 22. April 2010, 23:22
Pietro Domenico Paradies wurde 1707 in Neapel geboren, das genaue Datum ist nicht bekannt. Oft wird er "Paradisi" geschrieben, doch er selbst unterschrieb immer "Paradies" (italienisch auszusprechen, "Paradjess", nicht deutsch wie die jenseitige Welt).
Über seine Ausbildung weiß man nur, daß er Unterricht bei Porpora genossen haben soll. Seine ersten Opern, 1738 in Lucca und 1740 in Venedig aufgeführt, hatten keinen Erfolg. 1746 oder 47 emigrierte er nach London, aber auch dort fiel er mit seiner ersten Oper durch. Sechs Arien aus diesem Werk sollten sich aber als populär etablieren.
Er lieferte weiter Arien für Opern in London, hatte aber seine größten Erfolge als Lehrer für Gesang und Cembalo. Seine erste Veröffentlichung von 1754, 12 Sonate di gravicembalo wurde mehrmals nachgedruckt. Einer seiner letzten Schüler war Thomas Linley.
Gegen Ende seines Lebens scheint er finanzielle Probleme gehabt zu haben, er verkaufte zahlreiche Manuskripte an Richard Fitzwilliam und kehrte nach Italien zurück; er starb am 25. August 1791 in Venedig.

Werke:

6 Opern
12 Cembalosonaten (London 1754)
1 Cembalokonzert
1 Menuett mit Variationen*
2 Orgelkonzerte*
mehrere Sinfonie-Ouvertüren*
diverse Einzelstücke für Cembalo*
Solfeggi für Sopranstimme
Kantaten

* in einem der an Fitzwilliam verkauften Manuskripte
Unbekannt Donnerstag, 22. April 2010, 23:31
Die 12 Sonate di gravicembalo gelten als bedeutendste Werke ihrer Art zwischen Domenico Scarlatti und Cimarosa und wurden von Komponisten wie Mozart, Clementi und Cramer studiert und gelobt. Noch vor Johann Christian Bach experimentiert er mit zwei kontrastierenden Themen als Prinzip der Sonatenkonstruktion. Sie sind meistens zweisätzig und klingen oft wie eine galante Ausgabe von Domenico Scarlatti, dessen in England gedruckte Essercizi Paradies mit Sicherheit gekannt hat. Im Gegensatz zu Scarlatti fehlt ihm aber jeglicher folkloristischer Einfluß.

Im Druck von 1754 kündigte Paradies 6 Cembalokonzerte an, von denen aber nur eines erschien, das eher in der Tradition englischer Orgelkonzerte nach Händel steht denn in der italienischer Konzerte z.B. eines Durante.

Insgesamt schreibt Paradies flüssig und natürlich, mit einer begrenzten Ausdruckspalette.
Unbekannt Donnerstag, 22. April 2010, 23:36
Es hat im Lauf der Jahre mehrere Einspielungen der Sonaten gegeben. Neben einer alten von Luciano Sgrizzi, die nur überteuert zu bekommen ist, habe ich eine von Enrico Baiano, 1995 bei Symphonia erschienen:



Marktplatz:



Eine sehr schöne Aufnahme, mit sehr konstruktiv eingesetzter Agogik, die den Bau der Phrasen unterstützt, statt den rhythmischen Fluß nur zu stören, mit angemessenem Scarlatti-Einfluß, auf einem toll klingen Blanchet-Nachbau, dessen wunderschöner Bass in den dichten Passagen aber etwas zu mulmen beginnt - der trockene Bass italienischer Cembali ist hier besser geeignet.

Weitere Aufnahmen, die ich noch nicht kenne:


(nirgendwo gibt es ein Vol.1)



Diese Aufnahme von Filippo Emanuele Ravizza bringt auf jeder der zwei CDs eine Zugabe: eine Fantasia und das eine Cembalokonzert.
Unbekannt Freitag, 23. April 2010, 07:38
Ich habe eine CD, welche Cembalomusik im England der Hannoveraner getauft wurde. Darauf befindet sich von Pietro Domenico Paradies die Sonata Nr. 6 in A-Dur, gespielt von David Leigh auf einem Jacob & Abraham Kirckman, London 1772. Die Sonata erschien um 1790 in London als 'Sonata die Gravicembalo' bei Preston & Son.

Außerdem sind Werke von Johann Christian sowie Johann Sebastian Bach und Freund Händel enthalten. Das Ding ist etwas seltsam in der Herstellung: auf der Rückseite sind trackweise die Sätze der Werke gelistet; legt man die CD jedoch ein, erhält man nur 4 Tracks, d.h. pro Werk einen. Klingt aber recht gut (aufgenommen wurde 1986).

:wink:
Unbekannt Freitag, 23. April 2010, 09:27
Die Sonata erschien um 1790 in London als 'Sonata die Gravicembalo' bei Preston & Son.

Das ist eine der Neuauflagen des Druckes von 1754 (oder von Teilen daraus).

Ich habe heute morgen zum Vergleich nochmal Sgrizzi aufgelegt: Der 1910 geborene Bologneser war 1988, als die Aufnahme entstand, noch in exzellenter Form und spielt den Paradies recht Scarlatti-mäßig, weist drauf hin, daß Paradies nicht nur die Essercizi von Scarlatti, sondern auch Galuppis Sonaten gekannt haben dürfte, die auch in London gedruckt wurden.
Unbekannt Samstag, 10. September 2011, 21:21
Die beiden CDs von Filippo Emanuele Ravizza gibt es jetzt auch preiswerter im Doppelpack: