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Pierre de La Rue (c.1460-1518)

Unbekannt Dienstag, 3. August 2010, 17:00
Pierre de La Rue wird um 1460, wahrscheinlich in Tournai, als Sohn des Buchmalers Jehan de La Rue und seiner Frau Gertrude de la Haye geboren. Über seine Ausbildung in Kindheit und Jugend als Sänger und Komponist ist nichts bekannt.
In offiziellen Dokumenten wird er erstmals 1469 als Sänger der Brüsseler St.Gudulekerk (heute: Sint-Michiels en Sint-Gudulakathedrale genannt). 1471 finden wir ihn an der S, Jakobskerk in Gent, 1472 - 1477 in Nieuwpoort, bis 1489 an unbekannten Institutionen in Köln und Cambrai.

Ein Aufenthalt in Italien, wie er in einigen Büchern bzw. booklets angegeben wird, ist nicht nachweisbar. Diese Angaben beruhen wohl auf einer Namensverwechslung.

Von 1489 - 1492 ist Pierre de La Rue in ‘s Hertogenbosch und leistet bei der Marianischen Bruderschaft musikalische Dienste. 1493 wird er auch Mitglied dieser berühmten Bruderschaft, der z.B. auch Hieronymus Bosch angehörte. Ab
1492 gehört er zur Grande Chapelle von König (ab 1493 Kaiser) Maximilian.

1493 übernimmt der Sohn und Nachfolger von Maximilian in den Niederlanden, Philipp der Schöne, die Grande Chapelle. Verzeichnisse aus diesen Jahren belegen, dass die Kapelle zu dieser Zeit 18 Musiker umfasste.



Por quoy non, Chanson

Im November 1501 reist Philipp der Schöne mit großem Gefolge, also auch mit der Grande Chapelle, zum ersten Mal nach Spanien. Nach der Ankunft in Spanien begrüßen Ferdinand von Aragonien und Isabelle von Kastilien in Toledo die Reisegesellschaft.
Die Messe aus diesem Anlass wurde von 60 - 80 Sängern aufgeführt. Die Digitale MGG erklärt den Unterschied in der Chorbesetzung zwischen den flämischen und spanischen Chören: “Die Spanier sangen homophone und syllabischere Sätze, während die Flamen in komplizierter Polyphonie bei meist solistischer Besetzung geübt waren.” Die Musikergruppe, die Philipp auf dieser Reise begleitet, setzt sich aus 14 Sängern (chaplains), einem Organisten, 9 Trompetern, 3 Musette-Spielern und 2 Trommlern zusammen. Die Instrumentalisten spielten sicher nicht in der Kirche oder Kammer, da die Instrumente alle zu den “lauten” gehörten, die üblicherweise unter freiem Himmel gespielt wurden. Die Aufführung einer Messe zu Pfingsten wird abwechselnd von beiden Musikergruppen gestaltet.
In Saragossa lernt die Reisegruppe maurische Musik kennen und auf der Rückreise 1503 in Frankreich Mysterienspiele. In Savoyen trifft Philipp mit seiner Schwester Margarete zusammen, die schon damals als große Fördererin von Musik und Literatur gilt. Margarete läßt nach Pierre de La Rues Tod zwei kostbare Handschriften von seinen Messen herstellen.
Noch im Herbst 1503 reist Philipp mit seinem Gefolge zu einem Besuch bei Kaiser Maximilian in Tirol. In Innsbruck singen die Chöre von Maximilian und Philipp zusammen eine Messe, begleitet von einer Orgel, mit vermutlich P. Hofhaimer als Organist.

Pierre de La Rue gehört der Grande Chapelle auch in der Folgezeit als hochgeachteter Sänger und Komponist an. Er steht in großer Gunst bei Hofe, die Ernennung zum Kanoniker an der Kirche Notre Dame (Onze Lieve Vrouwenkerk) in Kortrijk zeugt davon. Der Grande Chapelle gehören zu diese Zeit viele Komponisten an, außer Pierre de La Rue auch Alexander Agricola ,Champion, Marbriano de Orto, Antonius Divitis.



Die 2. Spanienreise 1506 Philipps steht unter keinem guten Stern. Gerade begonnen, gerät die Flotte in einen Sturm, wird nach England abgetrieben und erleidet Schiffbruch. Nach Reparaturen in Dover kann die Flotte weitersegeln. Im April landet sie in La Coruna an. Philipp und sein Gefolge reisen weiter nach Valladolid und wieder nach La Corunia, wo Phillipp im September 1506 stirbt.

Die Königin Juana übernimmt den größten Teil der Grande Chapelle. Auch Pierre de La Rue bleibt bis 1508 in Spanien. Dann kehrt er in die Niederlande zurück und tritt in den Dienst von Margarete von Österreich, Schwester von Philipp und Regentin in den Niederlanden. Sie wird als sehr melancholisch geschildert; Pierre de La Rue soll ihr der liebster Komponist gewesen sein. Für sie schreibt er sein berühmtes Chanson “Mijn hert altijt heft verlanghen” auf den Text eines der ersten Gedichte in niederländischer Sprache.

Excurs: Mijn hert altijt heft verlanghen
Chanson

Video: "http://www.youtube.com/watch?v=bT5iZh-PodU

Text und: dbnl,

Wikipedia-nl: Unter Rubrik Chansons, Nr 22, pdf-Datei Text und Noten,

Digitalisat d. Liederbuchs von Margarete, in dem man auch blättern kann. Wunderschön!
Unbedingt angucken!



Bis 1514 bleibt Pierre de La Rue offiziell Mitglied der Grande Chapelle und erhält weiterhin viele Gunstbeweise in Form von Pfründen in St Aubain Namur, Onze Lieve Vrouwkerk Kortijk, Onze Lieve Vrouwkerk Dendermonde, St. Farailde (Sinte Verle) Gent. Er war ein reicher Mann.

Von 1514 bis 1516 ist Pierre Mitglied der persönlichen Kapelle Kaiser Maximilians. 1516 zieht er sich zurück nach Kortrijk, wo er ansässiger Kanonikus an der Lieve Vrouwkerk wird. Im selben Jahr verfasst er sein Testament.

Im November 1518 stirbt Pierre de La Rue in Kortrijk.



Onze Lieve Vrouwenkerk, Kortijk



Pierre de La Rue hat ein reiches Werk hinterlassen, mehr als 30 Messen, dazu Messteile, mehr als 20 Motetten, 8 Magnificat-Vertonungen, viele Chansons.
Er schreibt im Stil und Trend seiner Zeit nach dem Geschmack seiner Auftraggeber in der Regel für gleiche, solistisch besetzte Stimmen. Dabei bevorzugt er einen strengen Kontrapunkt mit häufiger Verwendung von zweistimmigen Kanons. Seine Melodik, v.a. in den Spätwerken ist oft deklamatorisch und einfach. Oft werden ganze Teile einer Komposition zusammengehalten durch immer wieder neue Veränderungen eines Motivs. Die weltlichen Kompositionen sind meist frei durchkomponiert, manchmal enthalten aber auch sie Imitationen, Wiederholungen eines früheren Abschnitts der Musik.

Noch zu Lebzeiten wurden einige von La Rues Messen gedruckt; bei den Habsburgern sind sie in dieser Zeit sehr beliebt. Später sind die geistlichen Kompositionen vor allem im deutschen Sprachraum bekannt; Luther hat sie sehr geschätzt.

Werke:
(leider ist das Werkverz. in meiner
Digitalen MGG noch älter)

Gesamtausgabe

Discographie

Videos
Goggle-Seite

Hörbeispiele
Katalog d. dt. Musikarchivs

Noten:
WIMA
Choralwiki

Literatur:
v.a.
Dt. und niederländische Wikipedia
Digitale MGG (= MGG, 1. Aufl.)
Katalog d. dt. Musikarchivs
Booklets der aufgeführten CDs

Abb. Wikimedia Commons
Unbekannt Dienstag, 3. August 2010, 21:04
Guten Abend

von dem Komponiste habe ich sogar diese



mit dem Magnificat im 1.,2.,4.-8.Ton u. Salve Regina Nr. 2, 4, 5, eingespielt vom Ensemble Viva Voce, allerdings schon ewig nicht mehr gehört.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 10:42
Guten Tag
Pierre de La Rue wird um 1452, wahrscheinlich in Tournai, als Sohn des Buchmalers Jehan de La Rue und seiner Frau Gertrude de la Haye geboren. Über seine Ausbildung in Kindheit und Jugend als Sänger und Komponist ist nichts bekannt.
[...]
Ein Aufenthalt in Italien, wie er in einigen Büchern bzw. booklets angegeben wird, ist nicht nachweisbar. Diese Angaben beruhen wohl auf einer Namensverwechslung.

Pierre de La Rue wird auch gerne mit dem erstmals um 1469 in Brüssel als "Pieter von der Strasse" nachgewiesenen in Verbindung gebracht, ob beide identisch sind ( der Name einmal französisch und einmal flämisch geschrieben) ist in der Wissenschaft umstritten, als seinen Geburtstag wird auch gelegendlich erst 1465 angenommen. Gesichert ist jedenfalls, dass er 1492 als Mitglied der burgundischen Hofkapelle der Habsburger aufgeführt wird, dort verbrachte er bekanntlich des Rest seines Musikalischen Berufslebens.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 11:28
Dann kehrt er in die Niederlande zurück und tritt in den Dienst von Margarete von Österreich, Schwester von Philipp und Regentin in den Niederlanden. Sie wird als sehr melancholisch geschildert; Pierre de La Rue soll ihr der liebster Komponist gewesen sein.

Vermutlich ist es gerade das Melancholische, was auch mir an dieser Musik gefällt. Ich besitze bisher lediglich diese Aufnahme mit dem Ensemble Officium:



Es erklingt ein Requiem und eine Missa - sehr schön. Beide Werke gehörten zum Bestand der Hofkapelle des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des Weisen (1463-1526), auch dort hat man die Werke von Pierre de la Rue offenbar sehr geschätzt. Fast alle seine Messevertonungen sind in den dort befindlichen Jenaer Chorbüchern enthalten.

Gruß, Carola
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 11:30
Es gibt eine Reihe von Namen, unter denen man ihn mit einigem Recht vermuten kan. Ausser Pierre auch Pieron, Pieter oder Petrus van der Straten - das alles bedeutet dasselbe: Pierre de La Rue.
Das Geburtsdatum 1452 hat man in den letzten Jahren "errechnet", indem man vom Alter seiner Mutter, die ihn wohl überlebte, auf ein Datum um 1452 für die Geburt geschlossen hat, (näheres woher die Daten kommen, habe ich nicht gelesen, vermutlich aus Kirchenakten bzw. dem Testament.)

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 12:30


Pierre de La Rue: Incessament.
Amarcord.

Diese CD enthält die Zusammenstellung dreier, miteinander verbundener Kompositionen, Pierre de La Rues fünfstimmige Vertonung der Chanson Incessament, eine Messe auf dieser Grundlage sowie eine Motette, der später im protestantischen Deutschland der lateinische Text Sic Deus dilexit unterlegt wurde.

Säkulare Vorbilder für seine Kompositionen hat Pierre de La Rue eher selten verwendet, seine Missa Incessament vermutlich kurz vor Ende seiner Musikerlaufbahn komponiert, zitiert häufig aus der Chanson. Manchmal wird auf jede der 5 Stimmen angespielt, manchmal nur in den beiden tiefsten im Kanon zitiert.

“Der Hof Habsburg-Burgund schätzte die Musik seines Lieblingskomponisten, ihre ernste Größe, die Kompliziert verwobenen Stimmen, die langen Phrasen … und selbst die tiefe Stimmlage, die besonders geeignet schien, die Enttäuschungen des Lebens einfühlsam darzustellen”. (J. Evan Kreider).
Zur Interpretation der gregorianischen Gesänge schreibt Godehard Joppich, dass man auf die heute gewonnenen Erkenntnisse der Semiologie verzichtet und die Melodien in einer eher äquilisierenden, gleichwohl das Wort respektierenden Bewegung und Weise singen wolle.
Angaben nach Booklet, das reichhaltig und ausführlich ist.

Für mich gehört diese Interpretation der Musik Pierre de La Rues zu einer der besten. Das Ensemble Amarcord singt in solistischer Besetzung, sehr durchsichtig, die Musik fließt und man kann auch die Innenstimmen, die oft untergehen, gut hören. In meinen Ohren eine Idealbesetzung für diese Art Musk.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 13:51


Pierre de La Rue: Missa cum iucunditate.
Henrys’s Eight.

Auf dieser CD werden Pierre de La Rues Missa cum iucunditate mit eingeschobenen Motetten von Clemens non Papa, Ockeghem, Willaert, und Josquin Desprez vorgestellt.
Laut Booklet ist die Missa cum iucunditate eine Ostinato-Messe und zählt zu den berühmtesten Kompositionen Pierre de La Rues. Die digitale MGG führt aus: “In der Missa cum iucunditate werden die gregorianischen Motive in unendlicher dynamischer Vielfalt wiederholt und sequenziert, durch Synkopierung und leichte Kolorierung jede Monotonie vermieden und Zusammenhang und Einheitlichkeit durch Wiederholung und Sequenz bewirkt.” Das Motiv von 5 Noten, auf das sich die Messe gründet, wird allein im Tenor in schier endlos abgewandelten rhythmischen Variationen 98 mal wiederholt.
Die Messe ist vierstimmig mir Ausnahme des Credo, das zwei Altstimmen hat und somit fünfstimmig ist.
Das achtköpfige Ensemble singt gut, wie man es von englischen Gruppierungen gewohnt ist. Leider konnte ich keine Angaben zu der Gruppe finden, auch nicht im knappen, aber aufschlussreichen Booklet.

(NB.: Mit dem Urteilen ist das so eine Sache für sich. Zunächst habe ich diese CD nach den meinen beiden Naxos-Aufnahmen gehört, da fand ich sie überaus gut. Nun habe ich sie nach der Amarcord-CD gehört, da finde ich die Amarcord-CD noch etwas besser. Aber gut ist sie, ohne Frage.)

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 15:11
Kleine Frage am Rande: An welcher Stelle im Alphabet soll er im Inhaltsverzeichnis erscheinen:
P - Pierre de la Rue
L - Pierre de La Rue
R - Pierre de la Rue
?( :dontknow:
Unbekannt Donnerstag, 5. August 2010, 15:22
In MGG usw ist er als La Rue, Pierre de verzeichnet, eigentlich werden ausser Josquin in
dieser Zeit und Gegend alle unter Nachnamen geführt, bei Hayne van Ghizeghem weiß ichs
nicht genau, ob Hayne ein Vorname oder Teil des Zunamens ist.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Samstag, 7. August 2010, 14:38


Requiem
Ensemble Officium , Ltg. Wilfried Rombach

Das Requiem vermittelt durch die Bevorzugung der tiefen Lagen und die vom Wort bzw. der gregorianischen Phrase bestimmten Motivik eine große Ruhe und Ernsthaftigkeit. Der Chor singt auch gut und man spürt, dass er gregorianisch erfahren und geschult ist. Als gemischter Chor mit für diese Periode der Musikgeschichte doch vielen Stimmen kann man es nicht viel besser machen.

Und da fangen meine Probleme beim Hören an: Pierre de La Rue, und das gilt für die meisten Komponisten burgundischen Hofkapelle in dieser Zeit hat für solistische Besetzungen mit 1-2 Sängern pro Stimme komponiert. Und Frauen waren in diesen Kapellen, bestehend aus Geistlichen, - nicht immer auch Priestern, aber schon mit den früher sogenannten “niederen Weihen” die der Priesterweihe vorausgingen, - nicht denkbar.

Und das gilt auch für die Zahl der Sänger: Diese geistliche Musik ist eine “melodische”, keine “harmonische”. Die Melodie hat absoluten Vorrang, man muss ja die Imitationen, die Zitate erkennen können. Bei einem vollen Chorklang wird das schwer, v.a. die inneren Stimmen verschwinden oder gehen unter. Diese Kompositionen entsprechen dem Baustil der Kathedralen, in denen sie zum ersten Mal erklungen sind, dem reichverzierten Maßwerk der Scheldegotik.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Samstag, 7. August 2010, 15:10


Pierre de La Rue: Mass of Seven Sorrows of tue Blessed Virgin. Easter Mass.
Ars Antiqua de Paris, Ltg. Michel Sanvoisin.

Die CD enthält die Missa de Septem Doloribus Beatissime Marie Virginis zu 5 Stimmen, die Motette Pater de Caelis, Deus zu 6 Stimmen, eine Missa Pascale zu 5 Stimmen und die Motette Vexilla Regis zu 6 Stimmen.

Die Missa de Septem Doloribus liegen 4 cantus firmi zugrunde (im sehr ausführlichen Booklet und in der Literatur wird die Messe auch als 4stimmig bezeichnet.) Die cantus firmi der Ostermesse sind der Ostersonntagsmesse und Stundengebeten entnommen.

Eigentlich haben sie alles richtig gemacht, aber vielleicht bin ich zu verwöhnt von den englischen Ensembles, die schon in der Schule angefangen haben, diese Musik zu singen. Hier klingen die Stimmen nicht ausgewogen, spitz gesagt: es singt der Contratenor mit Begeleitung.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Samstag, 7. August 2010, 15:42


Pierre de La Rue: The Complete Magnificats. Three Salve Reginas.
Viva Voce . Ltg. Peter Schubert.

Eine wichtige Gruppe der geistlichen werke Pierre de La Rues bilden die Vertonungen von Magnificat und dem Salve Regina.
Dazu führt die Digitale MGG aus: “Der Zeit entsprechend enthalten La Rues Magnificat-Vertonungen lediglich polyphone Kompositionen geradzahliger Strophen, während die ungeradzahligen …einstimmig gesungen werden.”
Da besondere an diesen Magnificat-Kompositionen ist der Umstand, dass es sich hier um einen Kranz von Kompositionen in allen Kirchentonarten handelt. Auf den beiden hier vorliegenden Cds werden sie mit jeweils verschiedenen Antiphonen zusammengefasst.
Mit solistischer Besetzung, gleichen Stimmen ordentlichem Booklet hätte so eine tolle Aufnahme daraus werden können!

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Sonntag, 8. August 2010, 23:11
Hallo Chris,

Es gibt eine Reihe von Namen, unter denen man ihn mit einigem Recht vermuten kan. Ausser Pierre auch Pieron, Pieter oder Petrus van der Straten - das alles bedeutet dasselbe: Pierre de La Rue.
Das Geburtsdatum 1452 hat man in den letzten Jahren "errechnet", indem man vom Alter seiner Mutter, die ihn wohl überlebte, auf ein Datum um 1452 für die Geburt geschlossen hat, (näheres woher die Daten kommen, habe ich nicht gelesen, vermutlich aus Kirchenakten bzw. dem Testament.)


Ein Name, unter dem er definitiv noch bekannt war, ist "Petrus Loroe". So kommt er in einem Zitat Martin Luthers vor: "Ach wie feine musici sindt in zehn jahren gestorben! Josquin, Petrus Loroe, Finck et multi alii excellentes."
Mal angenommen, "Pieter van der Straten" (oder einer der anderen verdächtigen) ist mit Pierre de la Rue identisch - welche zusätzlichen biographischen Informationen ergäben sich dadurch?
Was das Geburtsdatum betrifft, ist aber "ca. 1460" deutlich häufiger in Artikeln / auf CDs zu lesen als eines um 1452. (was natürlich nicht heißt, daß es wahrscheinlicher ist, aber man scheint sich irgendwie auf 1460 geeinigt zu haben)

Zitat

Kleine Frage am Rande: An welcher Stelle im Alphabet soll er im Inhaltsverzeichnis erscheinen:


Definitiv bei R! So listen ihn z.B. auch Wikipedia und Reclam.
Ich hab's in unserem Inhaltsverzeichnis gerade auch geändert.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 8. August 2010, 23:35

... Margarete von Österreich, Schwester von Philipp und Regentin in den Niederlanden. Sie wird als sehr melancholisch geschildert; ...


So melancholisch wurde sie aber erst durch diverse Schicksalsschläge: Ihr erster Mann, Juan von Aragon, starb 1497 kurz nach der Hochzeit. Ihr gemeinsames Kind (Margaretes erstes und einziges) starb ebenfalls bei der Geburt.1504 starb Margaretes zweiter Ehemann, Philibert II. von Savoyen. 1506 starb ihr Bruder Philipp der Schöne, und dessen Ehefrau Johanna wurde daraufhin wahnsinnig.
Margarete ordnete daraufhin an, daß ihr gesamter Hofstaat sich in eine vornehme Melancholie zu versetzen habe - und entsprechend komponierte de la Rue einen traurigen Chanson nach dem anderen. Einige davon habe ich letzte Woche im Konzert hören können.
Zu den traurigeren Werken gehört sicher auch das Requiem. Ich habe die Aufnahme der auch hier hervorragend singenden Clerks' Group:



Das Werk ist als Missa pro fidelibus defunctis betitelt (also als Messe für die treuen Toten) und stammt wahrscheinlich aus den Dienstjahren für Margarete. Rue orientiert sich an Ockeghem, sowohl was das Vertonen des Tractus und des Offertoriums und das Auslassen des Dies irae betrifft, als auch bei der Wahl einiger kompositorischer Mittel (z.B. eine zusätzliche Stimme für das zweite Kyrie). Auffällig ist, wie stark betont die Baßstimme in diesem Requiem ist, und wie tief sie "hinunter" geht. Die gregorianischen Totenmessen-Melodien finden sich verstreut in den höheren Stimmlagen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 9. August 2010, 10:31
Lieber Martin,

bei der Frage des Geburtsdatums wirst Du wohl Recht haben; ich habe mal gerade meine Skripte und Kopien durchgesehen. Offensichtlich hat nur noch der New Grove das Datum 1452, alle anderen haben sich auch 1460 geeinigt. Meine Kritik am Booklet der Magnificat-CD habe ich deshalb auch entfernt.
Bei den Namensansetzungen ist es mal so - mal so. Digitale MGG, New Grove, Harenberg Chormusikführer setzen in mit La an,
Morbach, Wikipedia mit Rue. Als Bibliothekarin hätte ich auch unter La angesetzt und unter beiden Namensteilen gesucht.

Noch eine Bemerkung zu Johanna der Wahnsinnigen: Ob sie wirklich krank war oder nur der Politik wegen zur Wahnsinnigen erklärt wurde, die man dann besser von der Macht entfernen konnte ist m. E. zweifelhaft. Aber ein Anlass zur Melancholie wäre das auch allemal. Die Biographie von Margarete finde ich sehr beeindruckend, deshalb auch der Link zur Wikipedia.

lg vom eifelplatz, Chris.

Edit: Das Geburtsdatum im Thread-Titel habe ich auch geändert und auf 1460 gestzt. Ich geh am besten mal alle Daten durch.
Unbekannt Montag, 9. August 2010, 11:48

Bei den Namensansetzungen ist es mal so - mal so. Digitale MGG, New Grove, Harenberg Chormusikführer setzen in mit La an, Morbach, Wikipedia mit Rue. Als Bibliothekarin hätte ich auch unter La angesetzt und unter beiden Namensteilen gesucht.

Nach ähnlichen Überlegungen hatte ich ihn auch unter L eingeordnet - da sollten wir beim überwiegenden Lexikonstandard bleiben.
Unbekannt Freitag, 3. September 2010, 16:46
Hallo,

die Missa de Sancto Job, wahrscheinlich am in der Zeit am Hofe Margaretes von Österreich entstanden, ist eine ungewöhnliche Komposition. Ihr Titelträger, Hiob, ist m.W. nicht mal ein echter Heiliger und auch sonst keiner der Namen, den man für ein Kirchenfest oder einen liturgischen Gebrauch erwarten würde. Dennoch gab es im Spätmittelalter im französischsprachigen Raum eine Art "Hiob-Kult", und Hiob galt als Schutzpatron für Hospitäler und deren Insassen - und für Musiker. Vor diesem Hintergrund mag man die ungewöhnliche Widmung verstehen. Zudem dürfte die Figur des Hiob der ihre leidende und duldende Attitüde pflegenden Margarete nahegestanden haben.
Kompositorisch ließ sich de la Rue von einer dem Genter Stadtheiligen Livinius gewidmeten Messe Matthaeus Pipelares inspirieren. Von den zwanzig (!) darin vorkommenden Cantus firmi (Liedern über das Leben Livinius') wählte de la Rue zehn für seine Hiob-Messe aus, ließ die Texte weg und vereinheitlichte die heterogene Melodiestruktur weitgehend zu einem sehr homogenen Werk.
Dies wird schon durch die mottoartigen Satzanfänge betont und durch die auffällige Zurückhaltung unterstrichen, mit der der Komponist allzu affektive Textausdeutungen vermeidet. Die Messe erhält gerade dadurch einen unverkennbar meditativen Charakter, der der Verehrung des titelgebenden Heiligen besonders entsprechen mochte. (aus dem Booklet der CD)



Die Aufnahme des Orlando Consort kann ich empfehlen, es ist ein gutes und renommiertes Ensemble, dem dieses Repertoire liegt. Angesichts des geringen Preises bei Amazon Marketplace ist das eine prima Gelegenheit, diese Messe oder gar die Musik de la Rues überhaupt kennenzulernen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 5. September 2010, 12:20
Hallo,

auf der CD mit der Missa de Sancto Job ist auch der Chanson "Pour ung jamais" enthalten. Es handelt sich um die Vertonung eiens Gedichtes von Margarete persönlich. Wie nicht anders zu erwarten ist der Inhalt sehr trist: Nimmer endet der Schmerz, der immer wieder, Tag und Nacht, zu jeder Stunde mich so quält, daß ich sterben möchte; denn mein leben besteht aus Dahinsiechen... usw.
Margarete war mit Pierre de la Rue als Hofkomponisten bekanntlich sehr zufrieden und sorgte für eine bessere als übliche Bezahlung, indem sie ihren Vater Maximilian 1509 in einem Brief um einen Zuschlag für ihn bat "für die guten Dienste, die er die letzten 15 oder 16 Jahre sowohl meinem Bruder als auch mir erwiesen hat."
Pierre de la Rue revanchierte sich mit Werken wie der Missa O gloriosa Margaretha, die zwar offiziell der heiligen Margareta gewidmet ist, aber wohl als Huldigung an seine Dienstherrin zu verstehen ist - in einer überlieferten Handschrift ist die erste Seite mit dem Wappen Margaretes von Österreich versehen.
Der vierstimmigen Messe (alle Sätze beginnen zunächst zweistimmig als sog. Bicinium, wie das bei vielen Messen dieser Zeit der Fall war) liegt der gregorianische cantus firmus "O gloriosa domina" zugrunde. Die Messe ist durch "plötzliche harmonische Farbwechsel" und "reizvolle Kontraste zwischen ruhigen, fast statisch anmutenden Passagen und einer äußerst beweglichen und von französischer Eleganz durchtränkten Musik" (aus dem Booklet zitiert) sehr abwechslungsreich vertont.
Die Messe gibt es auf der unten abgebildeten empfehlenswerten CD des Peñalosa-Ensemble, das ich mit diesem Programm neulich auch live erlebt habe:



Viele Grüße,
Martin.