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Padre Antonio Soler (1729-1783)

Unbekannt Mittwoch, 5. August 2009, 21:36
Hallo!

Hier soll es um den spanischen Komponisten Antonio Francisco Javier José Soler y Ramos gehen, der am 3.12.1729 im spanischen Olot geboren wurde.
Seine weiteren Lebensstationen kopiere ich aus der Wikipedia:

Zitat

Seine Ausbildung als Organist und Komponist erhielt Soler als Chorknabe in der Escolania de Montserrat. Etwa 1750 wurde er Kapellmeister in Lleida, dort setzte er auch seine geistliche Laufbahn fort. 1752 trat er den Hieronymiten von El Escorial bei und wurde dort 1757 Kapellmeister. 1762 veröffentlichte er sein großes musiktheoretisches Werk "Llave de la modulación", das er später gegen Anfeindungen anderer Musiker verteidigen musste.


Soler wurde Cembalolehrer des spanischen Prinzen Gabriel (Sohn von Carlos III.) und schrieb viele seiner ca. 120 Cembalosonaten für ihn. Die Cembalowerke sind es auch, die unter Solers Kompositionen heute noch den größten Bekanntheitsgrad haben. Besonders sein Fandango d-moll für Cembalo scheint häufiger gespielt zu werden. Naxos hat nach und nach sämtliche Sonaten auf CD herausgebracht.

In Escorial traf Soler übrigens auf den berühmtesten Cembalosonatenkomponisten, Domenico Scarlatti.
Zudem komponierte Soler zahlreiche geistliche Vokalwerke sowie Lieder und Orgelmusik.
Am 20.12.1783 starb Soler in Escorial.

Ich kenne Soler allerdings vorwiegend - wie könnte es anders sein :D - als "Vater des Klavierquintetts", als den man ihn wegen seiner sechs Quintette für Cembalo (alternativ: Orgel) und Streichquartett bezeichnen kann.
Die Werke entstanden 1776, und das erste von ihnen ist überschrieben mit:

Obra primera

Quinteto primera con violinos, viola, violoncello y organo o clave obligado.

Para la Real camara del Serenissimo Señor Infante Don Gabriel

Compuesta i dedicada a su Alteza Real por el Fray Antonio Soler. Ano 1776.


Es ist nicht sicher, aber möglich, daß Soler Boccherinis Streichquartette kannte (Boccherini lebte im nahen Madrid in den 1770ern) und so zu dieser Besetzung angeregt wurde. Soler war im Gegensatz zu Boccherini noch mehr in den Traditionen des Barock verhaftet, daher ist dieser „Schritt in die Moderne“ (Komposition für Streichquartett) durchaus überraschend. Umgekehrt ist es ebenfalls nicht sicher, aber möglich, daß Boccherini Solers Klavierquintette als grobe Vorbilder kannte, als er seine eigenen zwölfe zwischen 1797 und 1799 komponierte.

Ich habe folgende CDs mit den Soler-Quintetten:



Diese CDs höre ich gerne, denn die Quintette gefallen mir (wenn auch nicht so sehr wie die von Boccherini); die Kombination Cembalo/Streichquartett hat einen interessanten Klang (das hier eingesetzte Cembalo klingt IMO wunderschön). Diese Interpretation hat sicher nicht viel Konkurrenz, aber auch ohne diesen Fakt möchte ich sie als sehr gelungen und empehlenswert anpreisen.

Über den Charakter der Werke schreibt der Reclam Kammermusikführer sehr treffend:

Zitat

Es sind groß angelegte, drei- bis fünfsätzige Werke ohne normierte Satzfolge in einem sehr differenzierten, teils polyphonen Satz, in dem das Tasteninstrument streckenweise auch virtuos-solistisch heraustritt; die Tonfälle sind galant.


Die Werke erschienen übrigens lange nicht im Druck, sondern die Noten sind aus fünf Notizbüchern Solers überliefert, die in einem Archiv in Escorial entdeckt wurden.

Inzwischen habe ich dank unseres Michael noch weitere Soler-Werke kennengelernt, und zwar die auf dieser Doppel-CD erhaltenen:



Die teils sehr eingängigen und flotten Orgelduette haben mir spontan so gut gefallen, daß sie gleich auf meine MP3-Playlist gewandert sind. :music:

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Mittwoch, 5. August 2009, 22:03
Wenn ich den Namen "Soler" lese, denke ich sofort an seinen Fandango für Cembalo in d-moll, eindeutig ein Vorläufer von Ravels "Bolero" und wegen des Ostinato-Basses von ähnlicher Wirkung auf den Hörer. Ich habe diese Aufnahme:



Sie enthält neben dem Fandango noch 12 Cembalosonaten Solers, darunter eine in Fis-Dur und zwei in Des-Dur. Offensichtlich hatte der gute Mann eine Vorliebe für ungewöhnliche Tonarten, wobei Fis-Dur zu einem Padre schon gut passt :D

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Donnerstag, 6. August 2009, 08:31
jepp den Fandango vergisst man so schnell nicht mehr, obwohl ich fast sagen würde, das Ding nervt :D

Ich habe jene CD:



französische und spanische Cembalomusik
Chambonieres - L. Couperin - Soler

Jörg Becker


das Instrument klingt recht scharf, somit verlangt das komplette anhören doch etwas Durchhaltevermögen.

Bei Soler empfand ich auch die Aufnahmen bei Glossa auf dem Fortepiano wesentlich angenehmer und charmanter.
Welches Instrument man wählt bleibt wohl Geschmackssache, der Fandango jedenfalls muss wohl auf dem Cembalo ins Ohr geschlagen werden :thumbsup:
Unbekannt Mittwoch, 12. August 2009, 03:25

Ich habe folgende CDs mit den Soler-Quintetten:


Was mich bei Soler immer fasziniert oder manchmal auch irritiert, ist die völlige stilistische Verschiedenheit seiner Werkgruppen. Die Cembalosonaten klingen wie von Scarlattis jüngerem Bruder; die Sonaten für zwei Orgeln sind ziemlich einzigartig; und die Quintette sind fast Wiener Klassik. Was Boccherini, Soler und andere da in Spanien geschaffen haben, muß sich nicht hinter Haydn & Co. verstecken.

Auf der CD steht "first time on compact disc" - aus welchem Jahr ist diese Aufnahme? Jean-Patrice Brosse hat die Quintette mit seinem Concerto Rococo schon 1992 bzw. 1999 veröffentlicht - eine sehr schöne Aufnahme.

Unbekannt Mittwoch, 12. August 2009, 19:33
Hallo!


Was Boccherini, Soler und andere da in Spanien geschaffen haben, muß sich nicht hinter Haydn & Co. verstecken.


Naja, Haydn spielt mit seinen Streichquartetten in einer Liga für sich.
Aber im Feld direkt dahinter sind sie schon - das sehe ich auch so.

Zitat

Auf der CD steht "first time on compact disc" - aus welchem Jahr ist diese Aufnahme? Jean-Patrice Brosse hat die Quintette mit seinem Concerto Rococo schon 1992 bzw. 1999 veröffentlicht - eine sehr schöne Aufnahme.


Die Aufnahme aus Chicago ist ebenfalls von 1992.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 17:50

Die teils sehr eingängigen und flotten Orgelduette haben mir spontan so gut gefallen, daß sie gleich auf meine MP3-Playlist gewandert sind. :music:

Die Aufnahme mit Koopman & Mathot ist auch die beste. So viel Spielfreude, und die Orgeln und wie die beiden registrieren ist Klasse! Die Originalveröffentlichung sah so aus:



Eine vor kurzem bei Brilliant Classics veröffentlichte Aufnahme mit Maurizio Croci & Pieter van Dijk kommt da nicht ganz mit:



Es gibt auch Einspielungen auf zwei Cembali, oder Cembalo und Orgel, oder zwei Clavichorden - alles erlaubt, aber vom Komponisten gedacht waren sie für zwei Orgeln, die ihm auch bei seiner Tätigkeit am Hof zur Verfügung standen.
Unbekannt Montag, 22. März 2010, 21:06
Vor kurzem ist endlich die zweite Folge von Pieter-Jan Belders Gesamteinspielung der Sonaten Solers erschienen - mir gefällt sein Soler besser als sein Scarlatti, muß ich sagen, und auch die Wahl des Fortepiano, wenn er sie trifft, ist immer überzeugend. So gut und inspiriert, wie er hier spielt, muß ihm Soler sehr liegen. (Bei Dreitausendzwei momentan aber deutlich billiger zu haben.)




Manchmal klingt Soler in seinen Solosonaten wie die Fortsetzung von Domenico Scarlatti - wobei sich ein Unterricht bei letzterem aber nicht nachweisen lässt. Da spielt die spanische Folkore sicher eine ebenso große Rolle, deren Umsetzung auf dem Cembalo so fantastisch gut gelingt. Denn von diesem Spanischen Flair findet sich in den Orgelduetten oder Quintetten kaum noch etwas ...
Unbekannt Freitag, 9. April 2010, 00:46
Die zweite Folge Soler von Belder habe ich mir inzwischen gekauft und gehört - er spielt auf der ersten CD einen italienischen Typus Cembalo nach Giusti, der gut passt, und er trifft den richtigen Ton mit einer guten, aber nicht übertriebenen Dosis spanischen Colorits.

Der Blanchet-Nachbau der zweiten CD passt überraschenderweise auch - ein sehr klar klingendes Cembalo, mit guter Durchhörbarkeit der Lagen, die Solers Linienführungen sehr gut nachvollziehbar machen. Es ist fast einen Tick zu elegant für diese Musik, mildert das spanische Flair etwas ab, das die italienischen Cembali besser hörbar machen, trifft aber die Mittelstellung zwischen Scarlatti-Einflüssen und galantem Still, die Solers Musik u.a. charakterisiert, recht gut.

Insgesamt könnte Belder ein wenig mehr Abwechslung in die Tempi und Chrakterisierungen bringen - er hat die nötige Geläufigkeit, aber es klingt alles ein klein wenig zu routiniert. Er ist inspiriert, ihm liegt diese Musik, aber ein Quentchen mehr könnte man da schon noch herausholen. Was zugegebenermaßen nicht leicht ist, denn so sehr unterschiedlich sind diese Stücke nun auch wieder nicht.
Wesentlich besser als Van Asperens temperamentlose Aufnahme bei Astrée vor vielen Jahren ist sie aber auf jeden Fall, wer Solers "Sonaten" preiswert kaufen möchte, kann hier zugreifen - die zweite Folge ist momentan bei Viertausenddrei zu haben.
Sechs Folgen und Jahre wird Belder wohl brauchen, wenn er so weitermacht ...
Unbekannt Mittwoch, 11. August 2010, 21:44
Inzwischen ist die dritte Folge erschienen und momentan bei Viertausenddrei zu haben.
Sechs Folgen und Jahre wird Belder wohl brauchen, wenn er so weitermacht, hatte ich gesagt - scheint doch etwas flotter zugehen.

Unbekannt Freitag, 16. September 2011, 00:40
... und Folge 4:

Unbekannt Samstag, 17. September 2011, 13:06
Der Vollständigkeit sei noch einmal erwähnt, das Bob van Asperen um 1990 herum eine Gesamteinspielung aller Cemablosonaten Solers auf 11 CDs gemacht hat, eine als Beispiel:



Dieser Serie war wenig Erfolg beschieden, sie verschwand in kürzester Zeit wieder vom Markt und wurde nie wieder aufgelegt. Gebraucht sind alle noch zu bekommen, aber zu teuer - da ist man mit Belder besser bedient, zumal van Asperen zu einförmig und temperamentlos spielt, die Kritiker damals waren auch nicht unbedingt begeistert.
Unbekannt Samstag, 17. September 2011, 13:12
Auch Cembalist David Schrader, der eine der ersten Aufnahmen der Quintette gemacht hat, scheint immer mal wieder Soler aufzunehmen - scheint nach den Klangbeispielen zu urteilen gar nicht übel zu sein:

Unbekannt Samstag, 17. September 2011, 13:19
Auch von den Konzerten für 2 Tasteninstrumente gibt es mittlerweile weitere Aufnahmen:

Maria Clotilde Sieni & Catia Rocci auf zwei Cembali:



Bruno Beaufils & Elisabeth Hehr-Desi auf Orgel und Cembalo:



Montserrat Torrent (Orgel), Maria Lluisa Cortada (Clavicembal):



Marju Vatsel & Jordi Reguant, Cembalo - die scheint sehr schön temperamentvoll zu sein:



Johannes Skudlik & Winfried Bönig auf den Chororgeln der neuen Kathedrale Salamanca:



... und sogar auf zwei Lautenwercken gibt es sie von John Paul & Shawn Leopard - aber so wie die beiden spielen klingt mir das zu sehr nach Spieldose :hide: :



... und das sind noch nicht alle!
Unbekannt Samstag, 17. September 2011, 13:33
Die vielleicht beste Neuaufnahme der letzten Jahre ist die von Nicolau De Figueiredo, der das nötige iberische Temperament, Sinn für Dramatik und ein toll klingendes, prägnantes Cembalo zur Verfügung hat:

Unbekannt Samstag, 17. September 2011, 13:37
Empfehlenswert wäre auch die alte Aufnahme von Virgina Black, die eigentlich immer gut und angemessen spielt (auch ihr Scarlatti und Johann Christian Bach beim gleichen Label CRD sind sehr gut):

Unbekannt Samstag, 17. September 2011, 13:44
Ebenfalls nicht schlecht, aber nicht ganz so begeisternd wie Figueredo ist der Argentinier Mario Raskin: