Niccolò Jommelli (1714-1774): Ein Opernreformator zwischen Barock und Klassik

Thematische Einführung

Niccolò Jommelli, geboren am 10. September 1714 in Aversa und verstorben am 25. August 1774 in Neapel, ist eine Schlüsselfigur in der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts. Er gilt als einer der wichtigsten Opernkomponisten seiner Zeit und als entscheidender Wegbereiter der Opernreform, die das *dramma per musica* aus seinen spätbarocken Konventionen herausführte und auf die ästhetischen Ideale der Aufklärung und des frühen Klassizismus vorbereitete. Jommellis Schaffen zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Synthese aus italienischer Melodik, deutschem Orchestersatz und französischer dramatischer Expressivität aus, was ihn zu einem wahrhaft europäischen Komponisten macht, dessen Einfluss weit über Italien hinausreichte.

Historischer Kontext & Werkanalyse

Jommellis musikalische Ausbildung begann in seiner Heimat Neapel, einem der Zentren der europäischen Musik. Hier studierte er bei führenden Meistern wie Francesco Feo, Ignazio Sarro und Leonardo Leo, was ihn tief in der neapolitanischen Operntradition verwurzelte. Seine frühen Erfolge in Neapel und Rom mit Opern wie *L'errore amoroso* (1737) und *Ricimero re de' Goti* (1740) etablierten ihn schnell als vielversprechendes Talent.

Die entscheidende Phase seiner Karriere begann jedoch mit seiner Tätigkeit in Stuttgart. Nach Stationen in Venedig und Wien wurde Jommelli 1753 als Hofkapellmeister an den Hof Herzog Carl Eugens von Württemberg berufen, wo er bis 1768 wirkte. Diese Jahre in Stuttgart gelten als der Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines experimentellen Geistes. Hier fand er ein ideales Umfeld mit einem ausgezeichneten Orchester und großzügigen Ressourcen, um seine reformatorischen Ideen umzusetzen. Der Kontakt mit der französischen Tragédie lyrique und dem deutschen Singspiel beeinflusste seine Opern nachhaltig.

Jommellis Opernreformen zielten darauf ab, die dramatische Kohärenz und psychologische Tiefe des *dramma per musica* zu stärken und es von den reinen *bel canto*-Exzessen zu befreien. Seine wesentlichen Neuerungen umfassen:

            Meisterwerke dieser Periode sind *Fetonte* (1768), *Vologeso* (1766) und verschiedene Fassungen seiner Vertonung von Metastasios *Didone abbandonata*. Besonders *Fetonte* demonstriert Jommellis Fähigkeit, monumentale Szenen, tiefe psychologische Studien und eine reiche Orchestrierung zu einem überzeugenden Ganzen zu verbinden. Seine Sakralmusik, darunter mehrere Messen, Requien und Oratorien (wie *Isacco figura del Redentore*), zeigt ebenfalls seine kompositorische Meisterschaft und dramatische Sensibilität.

            Nach seiner Rückkehr nach Neapel im Jahr 1768 hatte Jommelli es schwer, an frühere Erfolge anzuknüpfen. Der musikalische Geschmack hatte sich geändert, und seine komplexen, anspruchsvollen Werke wurden von einem Publikum, das leichtere, galantere Stile bevorzugte, zunehmend kritisch aufgenommen. Er starb 1774, nur wenige Jahre nach seiner Rückkehr, ohne die verdiente Anerkennung seiner letzten Werke erfahren zu haben.

            Bedeutende Einspielungen & Rezeption

            Obwohl Jommelli zu Lebzeiten als einer der führenden Opernkomponisten Europas galt und Christoph Willibald Gluck seine Reformen bewunderte und weiterführte, geriet sein Werk nach seinem Tod relativ schnell in Vergessenheit. Die Dominanz des frühen Klassizismus und später der Romantik überschattete die Komplexität und den spezifischen Stil Jommellis. Er wurde oft als eine Übergangsfigur wahrgenommen, dessen Musik nicht ganz zur Barockzeit gehörte und noch nicht vollständig den Klassizismus repräsentierte.

            Erst im späten 20. Jahrhundert, mit dem Aufkommen der Historischen Aufführungspraxis und einem verstärkten Interesse an der Musik des 18. Jahrhunderts jenseits der etablierten Kanonwerke, begann eine Wiederentdeckung Jommellis. Moderne Forscher und Musiker erkannten seine innovative Kraft, seine dramatische Intensität und die Schönheit seiner Musik.

            Die Aufführung seiner Werke stellt aufgrund der oft großen Orchesterbesetzungen, der anspruchsvollen Vokalpartien und der Länge der Opern eine Herausforderung dar. Dennoch gibt es heute eine wachsende Anzahl bedeutender Einspielungen, die Jommellis Genie eindrucksvoll belegen:

              * *Fetonte*: Eine herausragende Einspielung unter der Leitung von Frieder Bernius mit dem Concerto Köln (cpo) hat maßgeblich zur Wiederentdeckung dieses Meisterwerks beigetragen und seine dramatische Wucht und orchestrale Brillanz offenbart.

              * *Didone abbandonata*: Eine Einspielung unter Christophe Rousset mit Les Talens Lyriques (Erato) bietet einen faszinierenden Einblick in Jommellis Umgang mit dem Metastasio-Libretto und seine emotionale Tiefe.

              * *Vologeso*: Eine Aufnahme unter Franco Piva mit den Neue Hofkapelle Graz (Dynamic) zeigt eine weitere Facette seines opernhaften Schaffens.

                * *Requiem*: Mehrere Einspielungen existieren, darunter eine beeindruckende Interpretation von Frieder Bernius mit dem Kammerchor Stuttgart und dem Barockorchester Stuttgart (Carus), die die dramatische und zugleich tiefsinnige Qualität dieses Werkes hervorhebt.

                * *L'Endimione*: Eine Serenata unter der Leitung von Frieder Bernius (cpo) demonstriert Jommellis Kunst in einem kleineren, pastoralen Format.

                Die moderne Rezeption würdigt Jommelli heute als einen Komponisten von europäischem Rang, dessen Opernreformen nicht nur seine Zeitgenossen beeinflussten, sondern auch den Weg für die Werke Glucks und Mozarts ebneten. Seine Musik besticht durch ihren Reichtum an Ausdruck, ihre dramatische Spannung und ihre technische Brillanz, die sie zu einem faszinierenden Studienobjekt und einem lohnenden Hörerlebnis für Liebhaber der Alten Musik macht.