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„Meine Musik ist nicht alt, wenn ich sie spiele.” – Scott Ross

Unbekannt Samstag, 31. Oktober 2009, 01:48
Scott Stonebreaker Ross wird am 1. März 1951 in Pittsburgh, Pennsylvania geboren.
Er hat eine angeborene schwere Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) und muss jahrelang ein Korsett tragen.
1956 stirbt sein Vater.
1957 beginnt er, Klavier und Orgel zu lernen.
1964 geht seine Mutter mit dem älteren Bruder James und ihm nach Frankreich, zunächst nach Paris. Scott wird Pierre Cochereau vorgestellt, der ihn ans Konservatorium von Nizza vermittelt, wohin die Familie übersiedelt. Seine Mutter kehrt mit seinem Bruder bald darauf in die USA zurück.

In Nizza sind René Saorgin (Orgel) und Huguette Grémy-Chauliiac (Cembalo) seine Lehrer. Ihre Technik bewundert er und übernimmt sie, ihre musikalischen Ansichten teilt er weniger.

1968 – mit 17 – tritt er beim höchst angesehenen Wettbewerb in Brügge an und schafft es bis ins Halbfinale. Ein Finale findet nicht statt.

1969 wird er Privatlehrer der Kinder im Chateau d’Asass (nahe Montpéllier), wo ein altes Cembalo steht. Dieses Instrument ist sein erster Kontakt mit dem „Originalinstrument“ Cembalo; bisher hatte er es immer mit den ‚modernen‘ Rastencembali zu tun gehabt. Und obwohl der alte Kasten manche Macken hat, wird es eine Ehe bis zu Ross‘ Tod. Auf ihm nimmt er die meisten seiner Schallplatten auf und gibt zahllose Konzerte damit.

Kleiner Exkurs: Dieses Cembalo (anonym, frz., 18. Jh.) hat eine bewegte Geschichte. So wurde es schon 1913 für Wachszylinder-Aufnahmen benutzt, und u. a. hat später Lionel Rogg damit Aufnahmen gemacht.

Im selben Jahr gewinnt er auf dem Konservatorium in Nizza den ersten Preis für Orgel und auch für Cembalo. Er geht nach Paris und wird Student am Conservatoire National Supérieur de Musique. Allerdings verbringt er mehr Zeit in der Restaurierungswerkstatt des Instrumentenmuseums als im Konservatorium. Er trifft aber auch Kenneth Gilbert wieder, den er als Juror aus Brügge kennt, und lernt andere Szenegrößen kennen.

1971 tritt er wieder in Brügge an und erhält den bis dahin überhaupt noch nie vergebenen ersten Preis für sein Cembalospiel.

Daraufhin hält er weitere Studien in Paris für überflüssig und wird 1973 auf Vermittlung von Gilbert Cembalolehrer an der Musikhochschule in Quebec. 1978 wird ihm – quasi auf dem zweiten Bildungsweg – der Doktor der Musikwissenschaften verliehen und er daraufhin zum Professor ernannt. Allerdings kehrt er jedes Jahr für mehrere Monate nach Nizza und vor allem ins Chateau d’Asass zurück. Später mietet er sich ein kleines Haus im Dorf, das er bei seinen Visiten bewohnt.

1983 erst wird übrigens in Brügge der erste Cembalo-Preis zum zweiten Mal vergeben. Der Gewinner heißt Christophe Rousset, und in der Jury sitzt Scott Ross.

Ross‘ Aufnahmen bis hierhin: Ein bisschen Bach, Gesamteinspielungen von Rameaus und Couperins Cembalokompositionen, frz. Orgelmusik der Renaissance und eine Auswahl von Scarlatti-Sonaten. Dann beide Teile des WTC, Couperins Orgelmessen, Mitwirkung bei einer Aufnahme der Brandeburgischen Konzerten (in Kanada) und die acht großen Händel-Suiten.

1983 oder 1984 macht sich seine HIV-Infektion bemerkbar: Er ist stark abgemagert und wirkt oft schwach und müde – allerdings nicht, wenn er am Cembalo sitzt. 1984/85 nimmt er als erster alle Scarlatti-Sonaten auf. Er sei sich vorgekommen wie ein Angestellter, der jeden Morgen mit Aktentasche und Thermoskanne mit der Tram zur Arbeit fährt.

Er kann seiner Krankheit wenig entgegensetzen, denn weder ist er krankenversichert noch verfügt er über nennenswerte finanzielle Mittel. Dafür stürzt er sich in die Arbeit. Er gibt zahlreiche Meisterkurse hauptsächlich in Italien und Frankreich, nimmt vor allem aber viele Platten auf:
2 x die Goldbergvariationen (davon einmal live),
Bach: 6 Partiten,
Bach: Ital. Konzert, Chromatische F&F, frz. Ouvertüre, 4 Duette,
Soler: Fandango und eine Sonatenauswahl,
d’Anglebert: Gesamtwerk für Cembalo,
Frescobaldi: Toccatas & Danses,
mehrere gemischte Orgel- und Cembaloprogramme.

Als es ihm immer schlechter geht, bringt ihn sein Bruder in das kleine Haus in Asass, wo Scott Ross am 13. 6. 1989 stirbt. Seinem Wunsch entsprechend wird seine Asche aus einem Flugzeug über dem Dorf verstreut.

Was an Ross‘ Spiel so bemerkenswert ist, bekommen wir das nächste Mal.
Immerhin so viel: Er konnte weder Wanda Landowska noch Glenn Gould etwas abgewinnen.

Und bis dahin das hier als Pausenmusik:
"http://www.youtube.com/watch?v=XwnqAPpUOEg&feature=related
Unbekannt Samstag, 31. Oktober 2009, 05:09
vielen Dank für diesen informativen und bewegenden Beitrag.

Ich habe leider nicht ganz so viele Aufnahmen von Ross, aber die ich habe, mag ich sehr gerne.

An den kompletten Scarlatti hab ich mich nicht herangetraut, aber es gab bei Erato eine Auskopplung mit 3 CD's




das Instrument allein klingt schon phänomenal, und in Verbindung mit seinem Spiel ist das wirklich pure Extase.

Leider habe ich die Gesamtaufnahme der Cembalwerke von Couperin verpasst, aber zumindest konnte ich damals den Rousset ergattern.




Der Fandango hat mich immer etwas genervt, die Interpretation von Ross kannte ich nicht - was für eine völlig andere Welt.
Hier reißt er echt mit, Gänsehäute ohne Ende :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Samstag, 31. Oktober 2009, 10:15
Danke, Hilde, für den schönen Beitrag und die Pausenmusik.
Ich glaube, die Goldbergvariationen und einiges andere, was Du sicher bald vorstellen wirst, muß ich mir bestellen. :yes:
Unbekannt Mittwoch, 11. November 2009, 18:43
Ross war ein besessenes Arbeitstier. Schon während des Studiums in Nizza ließ er sich öfter nachts in der Bibliothek einschließen, um ungestört lesen zu können. Tagsüber übte er dann Stunde um Stunde Cembalo und Orgel.

Den gesamten theoretischen und geschichtlichen Hintergrund hat er sich selbst beigebracht. Übernommen hat er von seiner Cembalo-Lehrerin, Huguette Grémy-Chaulliac, die Spieltechnik, bei der die Hände möglichst nah an den Tasten bleiben und mit sehr wenig Kraftaufwand gespielt wird. Mit ihrem Legato, ihrer ‚konventionellen‘ Agogik und den willkürlichen Temposchwankungen wollte er hingegen nichts zu tun haben.

Wichtig war ihm eine Synthese aus Rhetorik und Metrik, ein Non-Legato im Sinne des ‚allgemeinen Fortschreitens‘ und eine Einbindung der originalen Tanzrhythmen dort, wo sie hingehörten.

Dazu kam eine Arbeit an der Komposition, die schon dem kleinsten Detail größte Beachtung schenkte. Für jeden Komponisten hatte er dessen Verzierungstabelle parat und hielt sich exakt an diese Anweisungen.

Gerade wenn ein Stück eher improvisatorischen Charakter hatte, feilte er besonders lange daran. Bei französischen Préludes im style brisée etwa bedachte er jede einzelne Note mit einem kleinen Plus- oder Minuszeichen, dass ihre individuelle Bedeutung und Länge festhielt.

Und er war ein gnadenloser Perfektionist, der kaum etwas mehr hasste als falsche Noten. Als er sich gesundheitlich angeschlagen in der ersten Hälfte eines Konzertes dreimal verspielt hatte, wurmte ihn das so, dass er sich zusammenriss und ankündigte, dass es in der zweiten Hälfte keine Fehler mehr geben werde. Es gab auch keine mehr.

Nur musste am Schluss sich alles zusammenfinden. „Ich höre viele schöne Einzelheiten, aber nichts Ganzes“ ist eine überlieferte Mahnung an seine Schüler.

Einen guten Eindruck von seiner Spielweise bekommt man hier:


Ähnlich wie bei der besseren seiner beiden Goldberg-Variationen-Einspielung merkt man auch erst, wenn der Applaus losbricht, dass es sich um Live-Aufnahmen handelt.
Unbekannt Samstag, 30. Januar 2010, 23:16
Ross' Aufnahme der Pièces de Clavecin von d'Anglebert habe ich vor ein paar Monaten ergattern können - da habe ich zum ersten mal verstanden, was das Besondere an seiner Art zu interpretieren ist.



Hier kann man Ross neben dem Cembalo im Chateau d'Assas stehen sehen, auf dem er diese Aufnahme spielt:

Unbekannt Mittwoch, 7. Juli 2010, 17:49
Scott Ross war auch – eigentlich zuerst - Organist. Als er mit 14 Jahren nach Frankreich kam, begann seine Laufbahn mit einem Vorspiel vor Cocherau, dem einflussreichen Organisten an Notre Dame, der ihn an René Saorgin als Lehrer weiterreichte.
Als Ross später selbst in Kanada unterrichtete, gehörte er bald zum Kreis der Organisten, die regelmäßig für den kanadischen Rundfunk Orgelaufnahmen machten.
Ein paar dieser Aufnahmen sind auf dieser CD enthalten:



Ross spielt auf kleineren bis mittelgroßen, modernen, norddeutsch-barock orientierten Instrumenten allerhöchster Qualität (z. B. hier, da oder dort und auch da)

Die Registrierungen sind vorzugsweise markant, die Tempi meist rasant. Dabei bleibt alles glasklar und deutlich strukturiert. Typisch das immer Federnde, vorwärts Drängende, das so etwas wie Ross‘ Markenzeichen bei Bach wurde.