Unbekannt
Montag, 3. August 2009, 11:11
Ich stütze mich neben den üblichen, frei zugänglichen Quellen hauptsächlich auf das Buch „Ein Traum vom Mittelalter - Die Wiederentdeckung mittelalterlicher Musik in der Neuzeit“ von Annette Kreutziger-Herr, erschienen 2003 im Böhlau-Verlag.
Guillaume de Machauts um 1365 entstandene „Messe de Nostre Dame“ gilt allgemein als erste vollständige Vertonung des Ordinarium missae als Zyklus, die verläßlich einem einzelnen Komponisten zugeordnet werden kann (bei der vorher entstandenen Messe de Tournai kann keine Zuordnung erfolgen). Sie ist vierstimmig und besteht aus den sechs Teilen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei und Ite missa est.
Im Zeitpunkt ihrer Entstehung war Machaut zweifellos der berühmteste Dichter und Komponist Europas. Über Jahrzehnte hinweg stand er in den Diensten des höchsten europäischen Adels und wird bis heute als der wichtigste Komponist der Ars Nova angesehen.
Die Messe selbst wurde für die Kathedrale von Reims geschrieben, wo Machaut um 1333 Domherr geworden war. Die Kathedrale war Krönungsort der französischen Könige und spielte eine herausragende Rolle im religiösen Leben des Königreichs.
Die Rezeptionsgeschichte der Messe stellt einen Sonderfall dar, weil sie im Verhältnis zu anderer Musik des Mittelalters schon recht früh das Interesse der Musikwissenschaft fand. Die erste Übertragung in das moderne Notensystem fand bereits im 19.Jahrhundert statt, ohne jedoch veröffentlicht zu werden. 1904 werden einzelne Teile der Messe in der Notationskunde von Johannes Wolf veröffentlicht; im Nachlaß des Forschers und Wisssenschaftlers Friedrich Ludwig findet sich eine weitere komplette Übertragung aus den 20er Jahren, die zwar vor dem 2.Weltkrieg nicht veröffentlicht wird, jedoch einzelnen Ensembles zur Verfügung steht. Der französische Forscher Amédée Gastoué überträgt die Messe ebenfalls, ohne sie jedoch zu veröffentlichen. Er verwendet die Übertragung nur für Aufführungen seines Chores. Erst nach dem 2.Weltkrieg erscheinen, dann aber in schneller Folge, mehrere Ausgaben, zwei im Jahre 1948, je eine 1949, 1954, 1956 und 1957.
Die Rezeption ist bis weit in die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts von Legendenbildung bestimmt. So hat man lange Zeit behauptet, bei der Messe handele sich um die Krönungsmesse Karls V, oder Machauts Messe sei das Modell für die gesamte franko-flämische Schule gewesen. Man brachte Machaut sogar in Verbindung mit Palestrinas Auftrag zur Bewahrung der Kirchenmusik, der sein Ziel dadurch erreicht habe, daß er zu den Wurzeln, also zu Machaut, zurückgekehrt sei.
Die Diskographie auf http://www.medieval.org/emfaq/composers/machaut/mass.html
enthält (Stand 2008 ) 31 komplette Einspielungen der Messe, dazu 26 Teilaufnahmen. Auf der Seite ist auch der Text der Messe zu finden.
Ich möchte in chronologischer Folge die 8 Aufnahmen aus meiner Sammlung vorstellen.
Das sind:
1. 1951 The Dessoff Choir und das New York Brass Ensemble
2. 1961 Deller Consort und Mitgliedern des Collegium Aureum
3. 1987 Hilliard Ensemble
4. 1990 Ensemble Gilles Binchois
5. 1996 Oxford Camerata
6. 1996 Ensemble Organum
7. 1999 Clemencic Consort
8. 2008 Diabolus in Musica
Da ich durch die Arbeit an der Satzung weniger Zeit als erhofft gehabt habe, beginne ich mit der nachfolgenden Aufnahme und werde die anderen nach und nach einstellen.
Die erste vollständige Aufnahme der Messe stammt aus dem Jahre 1951. The Dessoff Choirs und das New York Brass Ensemble unter der Gesamtleitung von Paul Boepple spielten das Werk für die Concert Hall Society auf LP ein. Auf CD ist die Aufnahme bisher nicht erschienen.
The Dessoff Choirs entstanden als zwei Laienchöre auf hohem Niveau 1924 (Frauenchor) bzw. 1929 (gemischter Chor). Sie bestehen noch heute. Boepple war 32 Jahre lang ihr künstlerischer Leiter. Der Chor hat sich von Anfang an in den USA für alte Musik eingesetzt. Zu seinem Repertoire gehörten zB. die Notre Dame - Schule, Schütz, di Lasso oder Monteverdi.
Die Webseite ist hier: http://www.dessoff.org
Von einem Versuch, die Messe historisch möglichst korrekt wiederzugeben, kann natürlich nicht die Rede sein. Stattdessen hört sich das Werk an wie geistliche Musik aus einem Ritterfilm made in Hollywood. Die groß besetzen Chöre singen schwerfällig, weihevoll und wenig flexibel, dazu die modernen Blechbläser, alles kombiniert mit einer mittelmäßigen Klangqualität und viel Hall. Die Aufnahme hat heute nur noch historischen Wert für die Rezeptonsgeschichte.
Immerhin, wer die Messe in dieser Form gehört hat, weiß die späteren Einspielungen zu schätzen, und kann erst richtig ermessen, welchen weiten Weg die Wiedergabe mittelalterlicher Musik seit 1951 zurückgelegt hat.
Die zweite Aufnahme der Messe de Nostre Dame stammt aus der Stiftskirche Fröndenberg und wurde 1961 aufgenommen. Sie erschien als Mono-LP und wurde in den folgenden Jahrzehnten mit wechselndem Cover immer wieder neu als LP und CD aufgelegt (bei der DHM).
Sie verdeutlicht, welche Entwicklung die Wiedergabe mittelalterlicher Musik inzwischen genommen hatte. Der britische Countertenor Alfred Deller und sein 1948 formiertes Deller Consort gehören zu den ersten Künstlern, die sich nach dem 2.Weltkrieg im UK der historisch informierten Aufführungspraxis verschreiben (und haben Musikgeschichte geschrieben). Sie musizieren wesentlich schlanker und durchsichtiger als die Dessoff Choirs und verzichten auf instrumentale Begleitung. Die Messe ist nicht wiederzuerkennen! Das Tempo ist insgesamt schneller, ohne jedoch auch nur ansatzweise hastig zu wirken. Gewöhnungbedürftig ist - jedenfalls für mich - Dellers Stimme. Da es Frauen grundsätzlich nicht gestattet war, in der Kirche zu singen, werden in der Reimser Kathedrale Knaben die Sopranstimme gesungen haben. Von einer Besetzung mit Countertenor in einer Messe des MA habe ich bisher nichts gelesen. Oder weiß da jemand mehr?
Für meinen Geschmack „fließt“ die Musik gelegentlich zu wenig. Es klingt dann abgehackt durch die Betonung der einzelnen Worte des Messtextes, die Übergänge fehlen. Das kann aber mein persönlicher Eindruck sein. Vielleicht auch, weil ich die Aufnahme parallel zum Hillard Ensemble gehört habe.
Deren Ende März 1987 für Hyperion entstandene Einspielung ist die dritte CD in der Sammlung.
Kyrie, Gloria, Credo und Ite Missa est sind deutlich schneller als beim Deller Consort, der Rest etwas langsamer. Trotzdem klingt die Aufnahme nicht gehetzt. Obwohl mit David James und Ashley Stafford gleich zwei Countertenöre mitwirken, fügen sich ihre Stimmen perfekt in den Ensembleklang ein. Der typische kühle, fast schon zu glatte und perfekte Klang des Ensembles ist auch hier zu finden. Dies ist die Aufnahme aus den acht, die ich insgesamt vorstellen werde, die ich demjenigen empfehle, der die Messe überhaupt erst einmal kennenlernen möchte. Instrumentale Begleitung fehlt, sehr zum Vorteil der Aufnahme.
Die Zahl der Einspielungen nimmt ab den 90er Jahren deutlich zu. 1996 ist die Oxford Camerata unter Jeremy Summerly im Studio, um die Messe für Naxos einzuspielen.
Die Camerata besteht im Kern aus zwölf Sängern, hat aber für verschiedene Projekte mit einer Besetzungsstärke zwischen vier und zwanzig Sängern gearbeitet. An der Aufnahme der Messe waren sechs beteiligt. Gesanglich gibt es an der Aufnahme nichts auzusetzen. Im Tempo unterscheidet sie sich teilweise von den anderen. So ist zB. das Kyrie 8.29 Minuten lang, während Deller 6.16 und das Hilliard Ensemble sogar nur 5.46 benötigen. Es fällt deshalb aber nicht auseinander und ist auch nicht weniger spannungsreich. Die Camerata singt sehr homogen, nach meinem Eindruck eine Spur inniger als Hilliard.
Die übrigen vier Aufnahmen haben sich dadurch ab, daß sie sich nicht mit der Wiedergabe der Messe de Nostre Dame selbst begnügen, sondern einen vollständigen mittelalterlichen Gottesdienst bzw. eine komplette lateinische Messe rekonstruieren.
Das Clemencic Consort zB. eröffnet die CD mit Musik von Spielleuten und Bettlern, die vor dem Eingang der Kirche aufspielen, danach folgt der Einzug in die Kirche und dann erst das Kyrie (Track 9) und das Gloria (Track 10) der Messe. Das Credo ist erst Track 13, das Sanctus Track 18, das Agnus Dei Track 20. Das Ite missa est beschließt als Track 24 die CD. Eingestreut sind Hymen, Glockenspiele, Instrumentalstücke, zB aus dem Codex Faenza, und andere Stücke. Darstellen soll das Ganze ein mittelalterliches Marienfest. Das kann jedoch im Ergebnis nicht überzeugen, da die verschiedenen Werke aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Ländern Europas zusammengewürfelt worden sind. Ich glaube nicht, daß um 1370 noch Stücke aus dem frühen 13.Jahrhundert gespielt wurden. Ein Orgelstück um 1400 kann zu Lebzeiten Machauts auch nicht aufgeführt worden sein.
Das sängerische Niveau des Consort läßt sich kaum bemängeln, wenn auch für meinen Geschmack die letzte Perfektion fehlt. Der Klang ist aber bemühter, weniger fließend als zB bei Hilliard.
Nähere Angaben zur Besetzung und zur Trackliste hier:
http://www.medieval.org/emfaq/cds/atn85289.htm
Das Ensemble Organum unter Marcel Peres beschränkt sich 1996 auf eine vollständige lateinische Messe und läßt das überflüssige Drumherum der Clemencic-Aufnahme weg. Die Aufnahme entstand 1996 in der Kathedrale von Reims, um größtmögliche Authentizität zu erzielen.
Stabangaben und Trackliste hier:
http://www.medieval.org/emfaq/cds/hmu1590.htm
Der Ensembleklang - es wird auf Spitzenniveau gesungen - ist aber kantiger, herber. Eigentümlich sind die vielen ungewöhnlichen Verzierungen beim Gesang, die mich persönlich stören. Insgesamt besteht ein deutlicher Unterschied zB. zu Einspielungen der Hilliards und des Ensemble Binchois, weshalb ich die Aufnahme nicht als Einstieg empfehlen kann.
Das Ensemble Gilles Binchois legte bereits 1990 seine Aufnahme von Machauts Messe vor, wie beim Ensemble Organum als vollständige lateinische Messe. Ensembleleiter Dominique Vellard wählte allerdings nicht die Kathedrale für seine Aufnahme. Nicht nur wegen des Nachhalls, sondern vor allem mit der Begründung, die Kapelle, wo Machaut die Messe habe aufführen lassen, sei 1700 umgebaut worden, und nicht mehr im Originalzustand. Aufgenommen wurde stattdessen in der Stiftskirche von Saint-Martin de Champeaux, wo nach Vellard ein reiner und perfekter Nachhall vorhanden war. Countertenor bei der Aufnahme ist übrigens Andreas Scholl. Vellard und sein Ensemble sind für gründliches Quellenstudium bekannt, was der Musik zugutekommt.
In Bezug auf die sängerische Perfektion steht das Ensemble den Hilliards in nichts nach. Weitere Kennzeichen sind Präzision, Wortdeutlichkeit und perfektes Zusammenspiel der Stimmen. Die kühle Glätte fehlt dem Ensemble zwar, dafür aber besitzt der Gesang mehr Spiritualität, was einer Messe zweifellos sehr gut bekommt. Er klingt auch nicht herb wie das Ensemble Organum. Ich bewege mich zwar im Bereich des persönlichen Geschmacks, aber das Ensemble hat für mich die beste Aufnahme überhaupt eingespielt.
Die letzte Aufnahme ist auch die aktuellste Gesamteinspielung, aufgenommen im Oktober 2007 in der Zisterzienserabtei von Fontevraud. Diabolus in Musica musizieren unter Antoine Guerber für das französische Label Alpha.
Das Ensemble rekonstruiert eine vollständige Weihmesse für die Jungfrau Maria, so wie sie Machaut für den samstäglichen Gottesdienst vor dem Rouelle Alter in der Kathedrale vorgesehen haben muß. Das informative Booklet gibt hierzu wertvolle Erläuterungen.
Zwischen die einzelnen Teile der lateinischen Messe sind hier Motetten eingesetzt. Details der Aufnahme finden sich hier http://www.medieval.org/emfaq/cds/alp132.htm
Es singen zwei Tenöre, zwei Baritone, drei Baßbaritone und ein Baß (kein Countertenor). Wie bei fast allen modernen Ensembles, die sich mit mittelalterlicher Musik befassen, ist auch bei Diabolus in Musica ein sehr hoher Standard erreicht. Auch hier lassen Wortdeutlichkeit, Zusammenspiel der Stimmen und ein am ehesten dem Ensemble Gilles Binchois vergleichbarer Klang keine Wünsche offen.
Dem Musikliebhaber, der vom romantischen oder klassischen Repertoire her kommt, wird der Zugang zur Messe nicht leicht fallen. Ein mehrfaches intensives Hören, ein Einlassen auf diesen fremdartigen Klang aus der fernen Vergangenheit wird notwendig sein, bevor sich ihre Schönheit erschließt.
Für den Einsteiger in diese Musik bleibt es bei der Empfehlung Hilliard; empfohlen auch dem, der nur die sechs Teile von Machauts Messe haben möchte. Für alle anderen ist das Ensemble Gilles Binchois erste Wahl. Eine preiswerte, aber qualitativ hochwertige Alternative ist die Oxford Camerata.
Guillaume de Machauts um 1365 entstandene „Messe de Nostre Dame“ gilt allgemein als erste vollständige Vertonung des Ordinarium missae als Zyklus, die verläßlich einem einzelnen Komponisten zugeordnet werden kann (bei der vorher entstandenen Messe de Tournai kann keine Zuordnung erfolgen). Sie ist vierstimmig und besteht aus den sechs Teilen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei und Ite missa est.
Im Zeitpunkt ihrer Entstehung war Machaut zweifellos der berühmteste Dichter und Komponist Europas. Über Jahrzehnte hinweg stand er in den Diensten des höchsten europäischen Adels und wird bis heute als der wichtigste Komponist der Ars Nova angesehen.
Die Messe selbst wurde für die Kathedrale von Reims geschrieben, wo Machaut um 1333 Domherr geworden war. Die Kathedrale war Krönungsort der französischen Könige und spielte eine herausragende Rolle im religiösen Leben des Königreichs.
Die Rezeptionsgeschichte der Messe stellt einen Sonderfall dar, weil sie im Verhältnis zu anderer Musik des Mittelalters schon recht früh das Interesse der Musikwissenschaft fand. Die erste Übertragung in das moderne Notensystem fand bereits im 19.Jahrhundert statt, ohne jedoch veröffentlicht zu werden. 1904 werden einzelne Teile der Messe in der Notationskunde von Johannes Wolf veröffentlicht; im Nachlaß des Forschers und Wisssenschaftlers Friedrich Ludwig findet sich eine weitere komplette Übertragung aus den 20er Jahren, die zwar vor dem 2.Weltkrieg nicht veröffentlicht wird, jedoch einzelnen Ensembles zur Verfügung steht. Der französische Forscher Amédée Gastoué überträgt die Messe ebenfalls, ohne sie jedoch zu veröffentlichen. Er verwendet die Übertragung nur für Aufführungen seines Chores. Erst nach dem 2.Weltkrieg erscheinen, dann aber in schneller Folge, mehrere Ausgaben, zwei im Jahre 1948, je eine 1949, 1954, 1956 und 1957.
Die Rezeption ist bis weit in die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts von Legendenbildung bestimmt. So hat man lange Zeit behauptet, bei der Messe handele sich um die Krönungsmesse Karls V, oder Machauts Messe sei das Modell für die gesamte franko-flämische Schule gewesen. Man brachte Machaut sogar in Verbindung mit Palestrinas Auftrag zur Bewahrung der Kirchenmusik, der sein Ziel dadurch erreicht habe, daß er zu den Wurzeln, also zu Machaut, zurückgekehrt sei.
Die Diskographie auf http://www.medieval.org/emfaq/composers/machaut/mass.html
enthält (Stand 2008 ) 31 komplette Einspielungen der Messe, dazu 26 Teilaufnahmen. Auf der Seite ist auch der Text der Messe zu finden.
Ich möchte in chronologischer Folge die 8 Aufnahmen aus meiner Sammlung vorstellen.
Das sind:
1. 1951 The Dessoff Choir und das New York Brass Ensemble
2. 1961 Deller Consort und Mitgliedern des Collegium Aureum
3. 1987 Hilliard Ensemble
4. 1990 Ensemble Gilles Binchois
5. 1996 Oxford Camerata
6. 1996 Ensemble Organum
7. 1999 Clemencic Consort
8. 2008 Diabolus in Musica
Da ich durch die Arbeit an der Satzung weniger Zeit als erhofft gehabt habe, beginne ich mit der nachfolgenden Aufnahme und werde die anderen nach und nach einstellen.
Die erste vollständige Aufnahme der Messe stammt aus dem Jahre 1951. The Dessoff Choirs und das New York Brass Ensemble unter der Gesamtleitung von Paul Boepple spielten das Werk für die Concert Hall Society auf LP ein. Auf CD ist die Aufnahme bisher nicht erschienen.
The Dessoff Choirs entstanden als zwei Laienchöre auf hohem Niveau 1924 (Frauenchor) bzw. 1929 (gemischter Chor). Sie bestehen noch heute. Boepple war 32 Jahre lang ihr künstlerischer Leiter. Der Chor hat sich von Anfang an in den USA für alte Musik eingesetzt. Zu seinem Repertoire gehörten zB. die Notre Dame - Schule, Schütz, di Lasso oder Monteverdi.
Die Webseite ist hier: http://www.dessoff.org
Von einem Versuch, die Messe historisch möglichst korrekt wiederzugeben, kann natürlich nicht die Rede sein. Stattdessen hört sich das Werk an wie geistliche Musik aus einem Ritterfilm made in Hollywood. Die groß besetzen Chöre singen schwerfällig, weihevoll und wenig flexibel, dazu die modernen Blechbläser, alles kombiniert mit einer mittelmäßigen Klangqualität und viel Hall. Die Aufnahme hat heute nur noch historischen Wert für die Rezeptonsgeschichte.
Immerhin, wer die Messe in dieser Form gehört hat, weiß die späteren Einspielungen zu schätzen, und kann erst richtig ermessen, welchen weiten Weg die Wiedergabe mittelalterlicher Musik seit 1951 zurückgelegt hat.
Die zweite Aufnahme der Messe de Nostre Dame stammt aus der Stiftskirche Fröndenberg und wurde 1961 aufgenommen. Sie erschien als Mono-LP und wurde in den folgenden Jahrzehnten mit wechselndem Cover immer wieder neu als LP und CD aufgelegt (bei der DHM).
Sie verdeutlicht, welche Entwicklung die Wiedergabe mittelalterlicher Musik inzwischen genommen hatte. Der britische Countertenor Alfred Deller und sein 1948 formiertes Deller Consort gehören zu den ersten Künstlern, die sich nach dem 2.Weltkrieg im UK der historisch informierten Aufführungspraxis verschreiben (und haben Musikgeschichte geschrieben). Sie musizieren wesentlich schlanker und durchsichtiger als die Dessoff Choirs und verzichten auf instrumentale Begleitung. Die Messe ist nicht wiederzuerkennen! Das Tempo ist insgesamt schneller, ohne jedoch auch nur ansatzweise hastig zu wirken. Gewöhnungbedürftig ist - jedenfalls für mich - Dellers Stimme. Da es Frauen grundsätzlich nicht gestattet war, in der Kirche zu singen, werden in der Reimser Kathedrale Knaben die Sopranstimme gesungen haben. Von einer Besetzung mit Countertenor in einer Messe des MA habe ich bisher nichts gelesen. Oder weiß da jemand mehr?
Für meinen Geschmack „fließt“ die Musik gelegentlich zu wenig. Es klingt dann abgehackt durch die Betonung der einzelnen Worte des Messtextes, die Übergänge fehlen. Das kann aber mein persönlicher Eindruck sein. Vielleicht auch, weil ich die Aufnahme parallel zum Hillard Ensemble gehört habe.
Deren Ende März 1987 für Hyperion entstandene Einspielung ist die dritte CD in der Sammlung.
Kyrie, Gloria, Credo und Ite Missa est sind deutlich schneller als beim Deller Consort, der Rest etwas langsamer. Trotzdem klingt die Aufnahme nicht gehetzt. Obwohl mit David James und Ashley Stafford gleich zwei Countertenöre mitwirken, fügen sich ihre Stimmen perfekt in den Ensembleklang ein. Der typische kühle, fast schon zu glatte und perfekte Klang des Ensembles ist auch hier zu finden. Dies ist die Aufnahme aus den acht, die ich insgesamt vorstellen werde, die ich demjenigen empfehle, der die Messe überhaupt erst einmal kennenlernen möchte. Instrumentale Begleitung fehlt, sehr zum Vorteil der Aufnahme.
Die Zahl der Einspielungen nimmt ab den 90er Jahren deutlich zu. 1996 ist die Oxford Camerata unter Jeremy Summerly im Studio, um die Messe für Naxos einzuspielen.
Die Camerata besteht im Kern aus zwölf Sängern, hat aber für verschiedene Projekte mit einer Besetzungsstärke zwischen vier und zwanzig Sängern gearbeitet. An der Aufnahme der Messe waren sechs beteiligt. Gesanglich gibt es an der Aufnahme nichts auzusetzen. Im Tempo unterscheidet sie sich teilweise von den anderen. So ist zB. das Kyrie 8.29 Minuten lang, während Deller 6.16 und das Hilliard Ensemble sogar nur 5.46 benötigen. Es fällt deshalb aber nicht auseinander und ist auch nicht weniger spannungsreich. Die Camerata singt sehr homogen, nach meinem Eindruck eine Spur inniger als Hilliard.
Die übrigen vier Aufnahmen haben sich dadurch ab, daß sie sich nicht mit der Wiedergabe der Messe de Nostre Dame selbst begnügen, sondern einen vollständigen mittelalterlichen Gottesdienst bzw. eine komplette lateinische Messe rekonstruieren.
Das Clemencic Consort zB. eröffnet die CD mit Musik von Spielleuten und Bettlern, die vor dem Eingang der Kirche aufspielen, danach folgt der Einzug in die Kirche und dann erst das Kyrie (Track 9) und das Gloria (Track 10) der Messe. Das Credo ist erst Track 13, das Sanctus Track 18, das Agnus Dei Track 20. Das Ite missa est beschließt als Track 24 die CD. Eingestreut sind Hymen, Glockenspiele, Instrumentalstücke, zB aus dem Codex Faenza, und andere Stücke. Darstellen soll das Ganze ein mittelalterliches Marienfest. Das kann jedoch im Ergebnis nicht überzeugen, da die verschiedenen Werke aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Ländern Europas zusammengewürfelt worden sind. Ich glaube nicht, daß um 1370 noch Stücke aus dem frühen 13.Jahrhundert gespielt wurden. Ein Orgelstück um 1400 kann zu Lebzeiten Machauts auch nicht aufgeführt worden sein.
Das sängerische Niveau des Consort läßt sich kaum bemängeln, wenn auch für meinen Geschmack die letzte Perfektion fehlt. Der Klang ist aber bemühter, weniger fließend als zB bei Hilliard.
Nähere Angaben zur Besetzung und zur Trackliste hier:
http://www.medieval.org/emfaq/cds/atn85289.htm
Das Ensemble Organum unter Marcel Peres beschränkt sich 1996 auf eine vollständige lateinische Messe und läßt das überflüssige Drumherum der Clemencic-Aufnahme weg. Die Aufnahme entstand 1996 in der Kathedrale von Reims, um größtmögliche Authentizität zu erzielen.
Stabangaben und Trackliste hier:
http://www.medieval.org/emfaq/cds/hmu1590.htm
Der Ensembleklang - es wird auf Spitzenniveau gesungen - ist aber kantiger, herber. Eigentümlich sind die vielen ungewöhnlichen Verzierungen beim Gesang, die mich persönlich stören. Insgesamt besteht ein deutlicher Unterschied zB. zu Einspielungen der Hilliards und des Ensemble Binchois, weshalb ich die Aufnahme nicht als Einstieg empfehlen kann.
Das Ensemble Gilles Binchois legte bereits 1990 seine Aufnahme von Machauts Messe vor, wie beim Ensemble Organum als vollständige lateinische Messe. Ensembleleiter Dominique Vellard wählte allerdings nicht die Kathedrale für seine Aufnahme. Nicht nur wegen des Nachhalls, sondern vor allem mit der Begründung, die Kapelle, wo Machaut die Messe habe aufführen lassen, sei 1700 umgebaut worden, und nicht mehr im Originalzustand. Aufgenommen wurde stattdessen in der Stiftskirche von Saint-Martin de Champeaux, wo nach Vellard ein reiner und perfekter Nachhall vorhanden war. Countertenor bei der Aufnahme ist übrigens Andreas Scholl. Vellard und sein Ensemble sind für gründliches Quellenstudium bekannt, was der Musik zugutekommt.
In Bezug auf die sängerische Perfektion steht das Ensemble den Hilliards in nichts nach. Weitere Kennzeichen sind Präzision, Wortdeutlichkeit und perfektes Zusammenspiel der Stimmen. Die kühle Glätte fehlt dem Ensemble zwar, dafür aber besitzt der Gesang mehr Spiritualität, was einer Messe zweifellos sehr gut bekommt. Er klingt auch nicht herb wie das Ensemble Organum. Ich bewege mich zwar im Bereich des persönlichen Geschmacks, aber das Ensemble hat für mich die beste Aufnahme überhaupt eingespielt.
Die letzte Aufnahme ist auch die aktuellste Gesamteinspielung, aufgenommen im Oktober 2007 in der Zisterzienserabtei von Fontevraud. Diabolus in Musica musizieren unter Antoine Guerber für das französische Label Alpha.
Das Ensemble rekonstruiert eine vollständige Weihmesse für die Jungfrau Maria, so wie sie Machaut für den samstäglichen Gottesdienst vor dem Rouelle Alter in der Kathedrale vorgesehen haben muß. Das informative Booklet gibt hierzu wertvolle Erläuterungen.
Zwischen die einzelnen Teile der lateinischen Messe sind hier Motetten eingesetzt. Details der Aufnahme finden sich hier http://www.medieval.org/emfaq/cds/alp132.htm
Es singen zwei Tenöre, zwei Baritone, drei Baßbaritone und ein Baß (kein Countertenor). Wie bei fast allen modernen Ensembles, die sich mit mittelalterlicher Musik befassen, ist auch bei Diabolus in Musica ein sehr hoher Standard erreicht. Auch hier lassen Wortdeutlichkeit, Zusammenspiel der Stimmen und ein am ehesten dem Ensemble Gilles Binchois vergleichbarer Klang keine Wünsche offen.
Dem Musikliebhaber, der vom romantischen oder klassischen Repertoire her kommt, wird der Zugang zur Messe nicht leicht fallen. Ein mehrfaches intensives Hören, ein Einlassen auf diesen fremdartigen Klang aus der fernen Vergangenheit wird notwendig sein, bevor sich ihre Schönheit erschließt.
Für den Einsteiger in diese Musik bleibt es bei der Empfehlung Hilliard; empfohlen auch dem, der nur die sechs Teile von Machauts Messe haben möchte. Für alle anderen ist das Ensemble Gilles Binchois erste Wahl. Eine preiswerte, aber qualitativ hochwertige Alternative ist die Oxford Camerata.