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Ludwig van Beethoven: Violinkonzert op. 61

Unbekannt Montag, 9. November 2009, 15:47
Hallo!

Beethovens Violinkonzert D-dur op. 61 entstand 1806 "par Clemenza por Clement" (aus Barmherzigkeit für Clement, wie Beethoven scherzhaft auf dem Manuskript notierte) und wurde noch im Dezember des selben Jahres von eben jenem Geiger Franz Clement uraufgeführt. Für die Gattung Violinkonzert bedeutete es einen Quantensprung hin zu großsymphonischen Ausmaßen. Die Publikumsgunst konnte Beethoven mit dem Konzert allerdings nicht gewinnen. Erst nach Beethovens Tod nahmen es nach und nach mehr Geiger in ihr Repertoire (vor allem Joseph Joachim sorgte für die Popularität des Werkes), den heutigen Stellenwert erreichte es erst im 20. Jahrhundert.
Für mich ist und war Beethovens op. 61 immer DAS Violinkonzert schlechthin - Höhepunkt dieser Musikgattung. Dennoch habe ich (auch, weil Violinkonzerte mich ganz allgemein immer weniger interessiert haben) hier keine Aufnahmen gesammelt, da ich früh eine für mich ideale Aufnahme gefunden hatte: Frank-Peter Zimmermann, English Chamber Orchestra, Jeffrey Tate. So wunderschön und gleichzeitig "unkitschig", klassich und doch "revolutionär" habe ich das sonst nie gehört.



Nun allerdings würde mich noch eine HIP-Aufnahme durchaus interessieren. Kürzlich bin ich auf die Neuaufnahme von Patricia Kopatchinskaja, Orchestre des Champs-Elysees, Philippe Herreweghe aufmerksam geworden. Kennt die schon jemand? Werden da die Metronomangaben von Czerny berücksichtigt, die das Konzert (insbesondere den 1. Satz) ja deutlich schneller machen würden als es heutzutage üblicherweise dargeboten wird?



Was gibt es sonst für HIPpe Aufnahmen?

Gerne kann hier auch auf die Klavierfassung (op. 61a) eingegangen werden, meine Frage bezieht sich allerdings nur auf die Violinfassung. Op. 61a mit Schoonderwoerd habe ich schon. Die Aufnahme ist zwar sehr gut, aber ich vermisse doch irgendwie eine Geige.



Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 10. November 2009, 18:23

Nun allerdings würde mich noch eine HIP-Aufnahme durchaus interessieren. Kürzlich bin ich auf die Neuaufnahme von Patricia Kopatchinskaja, Orchestre des Champs-Elysees, Philippe Herreweghe aufmerksam geworden. Kennt die schon jemand? Werden da die Metronomangaben von Czerny berücksichtigt, die das Konzert (insbesondere den 1. Satz) ja deutlich schneller machen würden als es heutzutage üblicherweise dargeboten wird?



Diese Aufnahme wurde heute bei WDR 3 TonArt rezensiert. Überwiegend positiv, zu den Tempi wird allerdings nur gesagt, dass Kopatchinskaja den letzten Satz "rekordverdächtig" spiele.

Gruß, Carola
Unbekannt Dienstag, 10. November 2009, 22:15
Auf youtube gibt es ein Video mit Kopatchinskaja. Was ich da an Ausschnitten gesehen und anderswo gehört habe, gefällt mir gar nicht. Sie benutzt das Konzert zur solistischen Selbstdarstellung, wozu es eigentlich gar nicht geeignet ist. Da muß der Geiger schön integriert mit dem Orchester zusammenspielen. Das hat Monica Huggett so getan, und auch Stephanie Chase. Sogar Viktoria Mullova gefällt mir besser. Allerdings bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn konventionell ausgebildete und etablierte Solisten meinen, HIP machen zu können, nur weil sie mit einem solchen Orchester zusammenarbeiten. Thomas Zehetmaier bekommt das inzwischen gut hin, aber sonst unter den GeigerInnen?
Ich bin mit Huggetts Aufnahme nach wie vor zufrieden - Wärme und Esprit, und keine Pagagnini-Attitüden.

Unbekannt Mittwoch, 18. November 2009, 20:37
Hallo!



Die CD habe ich jetzt auch sehr günstig im neuen JPC+Courier gesehen. Für diesen Preis kann man ja nichts falsch machen, zumal ich Zehetmaier sehr schätze. Steht schon auf der Wunschliste.

Bei den JPC-Hörschnipsel von Kopatchinskaja/Herreweghe habe ich allerdings nichts abschreckendes hören können, aber auch nichts, was diese Aufnahme besonders interessant für mich macht.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 23. November 2009, 10:24

Nun allerdings würde mich noch eine HIP-Aufnahme durchaus interessieren. Kürzlich bin ich auf die Neuaufnahme von Patricia Kopatchinskaja, Orchestre des Champs-Elysees, Philippe Herreweghe aufmerksam geworden. Kennt die schon jemand? Werden da die Metronomangaben von Czerny berücksichtigt, die das Konzert (insbesondere den 1. Satz) ja deutlich schneller machen würden als es heutzutage üblicherweise dargeboten wird?



Diese Aufnahme wurde heute bei WDR 3 TonArt rezensiert. Überwiegend positiv, zu den Tempi wird allerdings nur gesagt, dass Kopatchinskaja den letzten Satz "rekordverdächtig" spiele.

Gruß, Carola


Salvete Posperoni,

der erste Satz dauert in dieser Einspielung inkl. der Kadenz 22'41" - mir persönlich kam er nicht übermäßig schnell vor, doch eher zwar fließend, aber weitestgehend verhalten und wenig hektisch. 'Mehr oder weniger' orientieren sich die Interpreten gem. Booklet an die Metronomangaben: Allegro non troppo mit 4tel = 126, Larghetto mit 4tel = 60, Rondo mit punkt. Viertel = 100. Die Metronomangaben stammen allerdings nicht von Beethoven, sondern von Carl Czerny für die Klavierfassung op. 61a. Das Larghetto dauert 9'13, das finale Rondo 9'05. Ich habe das Konzert ansonsten nur in der Klavierfassung (Jenö Jandó 9'43, Schoonderwoerd 8'28, Berezovsky 9'07). Die Differenzen dürften jeweils auf die Kadenzen zurückzuführen sein.

Mir gefällt die Interpetation übrigens sehr gut, so lasse ich mir op. 61 (auch ohne Klavier) durchaus gefallen. Herreweghe hat mich bisher meistens enttäuscht, hier finde ich das Ergebnis ziemlich gelungen! Das Konzert erhält hier einen romantischen Touch, ohne in Kitsch abzudriften oder gar langweilig zu werden.

Was die Kadenz betrifft, so ist dies hier allerdings deutlich unHIP - es wurde die originale Paukenkadenz zugrundegelgt, und zwar wohl weitestgehend in der überlieferten Klavierfassung, retranskribiert auf die Violine. Das machte es wohl erforderlich, daß die Geigenstimme 'zweikanalig zu überblenden' (Booklet). Das klingt sehr interessant, kann aber natürlich live so niemals dargeboten werden.

Enthalten sind auch die beiden Romanzen opp. 40 und 50 sowie das Fragment WoO 5, das ich ebenfalls sehr schön finde. Leider sind Teile der Partitur des ersten Satz verloren gegangen - hier bricht der Konzertsatz plötzlich ab...

:wink:
Unbekannt Montag, 23. November 2009, 11:13
Wenn Zehetmaiers Aufnahme bei mir eingetroffen ist, werde ich die Spielzeiten mal auflisten zum Tempovergleich.
Unbekannt Montag, 23. November 2009, 11:27
Wenn Zehetmaiers Aufnahme bei mir eingetroffen ist, werde ich die Spielzeiten mal auflisten zum Tempovergleich.


Steht ja mit 8'54 für das Rondo drin. ;) Aber das hat ja wegen der Kadenz nichts zu sagen (die müßte man mathematisch extrahieren, um einen echten Vergleich zu bekommen)...

:wink:
Unbekannt Montag, 23. November 2009, 12:01
Wenn ich bis dahin die Batteriekontakte von meinem elektronischen Meß-Metronom wieder gelötet kriege, kann ich ja auch die Anfangstempi der Sätze messen ... ;)
Unbekannt Dienstag, 24. November 2009, 22:35
Auf youtube gibt es ein Video mit Kopatchinskaja.


Hier mal die Adresse: "http://www.youtube.com/watch?v=VKOUIEpa6cA"

ich habe es mir nochmals angesehen, sind zwar nur werbewirksam zusammengeschnitene Schnipsel, aber sie stellt sich mir zu sehr vor das Orchester, statt mit ihm zu spielen. Und ein kritisches Verhältnis zum automatisierten Vibrato auf längeren Notenwerten kann ich auch nicht erkennen. Da ist mir Huggett immer noch die liebste, weil das Konzert auch vom Dirigat her als "klassisches" Werk daherkommt, nicht zu romantisch gesehen.
Morgen dürfte Zehetmair bei mir eintreffen - ich bin sehr gespannt.
Unbekannt Donnerstag, 4. März 2010, 21:12
Auf youtube gibt es ein Video mit Kopatchinskaja. Was ich da an Ausschnitten gesehen und anderswo gehört habe, gefällt mir gar nicht. Sie benutzt das Konzert zur solistischen Selbstdarstellung, wozu es eigentlich gar nicht geeignet ist. Da muß der Geiger schön integriert mit dem Orchester zusammenspielen. Das hat Monica Huggett so getan, und auch Stephanie Chase. Sogar Viktoria Mullova gefällt mir besser. Allerdings bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn konventionell ausgebildete und etablierte Solisten meinen, HIP machen zu können, nur weil sie mit einem solchen Orchester zusammenarbeiten. Thomas Zehetmaier bekommt das inzwischen gut hin, aber sonst unter den GeigerInnen?
Ich bin mit Huggetts Aufnahme nach wie vor zufrieden - Wärme und Esprit, und keine Pagagnini-Attitüden.
Die Einschätzungen von >>aficionado54<< bzgl. Zehetmair und Kopachinskaja teile ich voll und ganz. Die Aufnahme mit Huggett kenne ich leider nicht. Welche Kadenzen spielt Huggett? Welche Spielzeiten haben die einzelnen Sätze?
Unbekannt Donnerstag, 4. März 2010, 21:46
Also hier die schon vor längerer Zeit versprochenen Spieldauern:

Solist / Dirigent Spieldauern Kadenzen von:

Huggett / Mackerras 21:50 - 8:02 - 8:58 Monica Huggett
Chase / Goodman 22:34 - 9:40 - 9:43 Stephanie Chase
Zehetmaier / Brüggen 22:14 - 9:15 - 8:55 Wolfgang Schneiderhan
Beths / Weil 19:56 - 7:11 - 8:46 ?
Mullova / Gardiner 23:10 - 8:16 - 9:26 Ottavio Dantone
Unbekannt Donnerstag, 4. März 2010, 22:33
Also hier die schon vor längerer Zeit versprochenen Spieldauern:
Klopfzeichengebender Forianer. :D
Unbekannt Donnerstag, 4. März 2010, 22:42
Also so selbstdarstellerisch erklingt Kopatschinkaya in meinen Ohren nicht. Es ist vielmehr die bisher einzige Einspielung mit Violine, die ich überhaupt ertragen kann (das mag u. U. daran liegen, daß ich Violinkonzerte prinzipiell nicht mag), ich ziehe die Fassung mit Klavier (op. 61a) vor. An Kopatschinskaya fasziniert mich eben vor allem auch diese genial eingespielte Kadenz!

Als Variante mit Klavier empfehle ich



Boris Berezovsky mit Hammerkadenz (allerdings nicht auf Hammerflügel...)
Swedish Chamber Orchestra Örebro
Thomas Dausgaard

oder HIP:



Arthur Schoonderwoerd, Hammerflügel (allerdings ohne Paukenkadenz...)
Ensemble Cristofori

Für beide Interpretationen: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Samstag, 6. März 2010, 11:28
... Als Variante mit Klavier empfehle ich ... HIP:



Arthur Schoonderwoerd, Hammerflügel (allerdings ohne Paukenkadenz...)
Ensemble Cristofori

Für beide Interpretationen: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Ich habe gestern nochmals die Aufnahme mit Schoonderwoerd gehört. Eine gelungene Aufnahme, keine Frage. Aber so richtig konnte ich mit ihr bisher nicht warm werden. Mir fehlt die Violine ... ;)
Unbekannt Samstag, 6. März 2010, 11:34
Mir fehlt die Violine ...


Ich bin grad froh, sie nicht hören zu müssen...

:hide:
Unbekannt Samstag, 3. April 2010, 21:20
Zur Aufnahme mit Mullova unter Gardiner:



Kann jemand etwas zum Instrument sagen, das von Frau Mullova bespielt wird? Ich habe weder im Booklet noch bei Recherchen im Internet etwas dazu finden können.
Unbekannt Samstag, 18. Dezember 2010, 09:23
CD-Rezension beiklassik.com



Der Rezensent spricht einerseits von der Verwendung "historischen Instrumentariums", schreibt aber andererseits: "Das Ergebnis klingt so, als hätten sich moderner und ‚authentischer Klang‘ auf halbem Weg getroffen, um zu etwas Neuem zu verschmelzen".

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 8. Oktober 2011, 14:31
Ich mag auch Huggetts/Mackerras´ klassizistische unprätentiöse Einspielung.

Aber zur Frage: ist op. 61 jetzt eher klassisch oder eher romantisch - interessant, dass man dafür nicht auf die HIP warten musste: Schon meine beiden ältesten Aufnahmen - Fritz Kreisler mit dem Berliner Hofopernorchester (!) und Joseph Wolfsthal mit den Berlinern unter Manfred Gurlitt, beide 20er Jahre, verdeutlichen, dass es diesen Gegensatz (romantisch-virtuose Subjektivität vs. klassizistische Werktreue) damals schon gab. Kriesler spielt Kreisler und Wolfsthal spielt Beethoven.

Dann höre man mal Jascha Heifetz! Ich glaube, es dirigiert Charles Munch. oder Fritz Reiner? Natürlich ist das mit "goldenem" vibrato-Ton, aber die Sicht auf das Werk, die eigentliche "Interpretation" ist wunderbar klassizistisch und geradeaus (übrigens auch bei Brahms, was immernoch die empfehlenswerte Aufnahme ist, oder hat jemand was Authentisches??).

Ähnlich uneitel in der Haltung finde ich übrigens Hilary Hahn mit dem Tonhallo Orch. unter David Zinman. (Und wiederum auch bei Brahms, mit dem kammermusikalischen Neville Marriner!)

Vielleicht ist es einfach nur eine Geisteshaltung der Verantwortung und Demut, dem Komponisten dienen zu wollen, die leider nicht allgemein verbreitet ist, und die heute von der HIP besetzt wird, die es aber schon immer gab. Bevor Norrington die Metronomzahlen auf die CD-Hülle der Beethoven Sinfonien drucken ließ, gab es schon denselben Diskurs mit Gielen (Eroica), und davor mit Rene Leibowitz, der in den 50er Jahren alle LvB-Sinfonien nach den Metronomzahlen einspielte.