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Ludwig Senfl (1486 - 1543) - Ein Liedermacher der Renaissance

Unbekannt Mittwoch, 3. Februar 2010, 15:07
Guten Tag

Ludwig Senfl wurde Mitte der 1480-ziger Jahre in Basel geboren. Sein erstes gesichertes Lebensdatum ist 1496, wo er als Chorknabe und Notist in die Hofkapelle des Königs und späteren Kaisers Maximilians I. eintrat. Der königlichen Kapelle gehörte Senfl in verschiedenen Positionen über 20 Jahre an.







Sein Lehrmeister war Heinrich Issac, der wohl vielseitigste Komponist seiner Zeit.
In seinem stark autobiografischen Lied mit dem Text (Auszüge):



„Lust hab ich ghabt zur Musica
Von Jugend auf wie noch bisher,
von erst ut, re, mi, fa, so ,la
geübt danach durch weitere Lehr,
kam es dazue,
dass ich keine Ruh
mehr haben mocht, dann nur im Gesang
stuend mein Begier.
Da half nichts dafür:
Aus dem erfolgt der erst Anfang.

Issac das war der Name sein,
halt wohl, es wird vergessen nit,
wie er sein Kompositz so fein
und klar hat gesetzt, darzue auch mit
Mensur geziert,
dadurch probiert
noch heutigs Tag sein Lob und Kunst
verhanden ist.
Herr Jesus Christ,
teil ihm dört mit göttlicher Gunst.

Gern wollt ich Gott drum dankbar sein,
wann ich nur das verbringen kunnt,
wie jeder soll. Es steht gar fein,
dass man ihn lob weil er eim gunnt
zu lernen hie.
Was einr vor nie
Hätt mugen von ihm selb verstahn,
des mir erzeigt,
und zugeeigt,
mit Gnaden ward durch diesen Mann.

Sein Fleiß der ward an mir erkennt,
deshalb truegt mir der Kaiser Huld.
Dann weil man mich sein schueler nennt,
mueßt ich erfüllen ohn mein Schuld
den Chorgesang sein
wiewohl da mein
erlernte Kunst was viel zue schwach.
Noch tät ich`s Best,
so viel ich weßt,
mit Arbeit groß, die ich noch mach.“



schildert Senfl, wie wichtig ihm Heinrich Issac für seine frühe Komponistenlaufbahn war.
Nachdem mit dem Tode Kaiser Maximillan I. dessen Hofkapelle aufgelöst wurde, war Senfl vier Jahre ohne ein festes Amt. Ab 1523 fand er eine neue Anstellung als „Musicus intonator“ oder auch als „Musicus primarius in der Kapelle das Bayernherzoges Wilhelm IV. zu München. Dort wirkte er bis zu seinem Tod 1542 oder 1543.
Mit über 260 Liedern zur Gattung des Tenorliedes war Senfl der wichtigste Vertreter des deutschen Gesellschaftslieds, seine Lieder waren einfache volkstümliche Weisen, aber auch Literaturvertonungen zeitgenössiger Texte.
Einige Beispiele seiner Liedanfänge:

- Es het ein Bidermann ein Weib
- Wohl krumbt der Mai
- Lust mag mein Herz
- Es taget vor dem Walde
- Mit Lust tät ich ausreiten
- Lust hab ich ghabt zuer Musica
- Im Maien
- Ein Maidlein zu dem Brunnen ging
- Mag ich, Herzlieb, erwerben dich
- Nun grüeß dich Gott
- Ich stuend an einem Morgen


Weiterhin komponierte er 240 geistliche lateinische Motetten, Messen, Magnificats, Psalmodien, Hymnen und Responsorien. Seine Melodien waren mal schlicht akkordisch gesetzt, mal verschlungen kontrapunktisch verflochten.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 3. Februar 2010, 15:16
Guten Tag

Viele Aufnahmen von Senfl habe ich nicht, einige seiner Tenor-Lieder wurden auf dieser



CD mit dem Tenor Charles Daniels und dem Ensemble Fretwork ganz lebendig eingespielt.

Von den rund 300 (!) mehrstimmigen Liedvertonungen Senfl sind leider nur ganze zwei orginale Sätze aus seiner Sammlung "Der erste teil Hundert und ainund zweintzig newe lieder" (Nürnberg 1534) erhalten:

"Das Gläut zu Speyr" und "Ach Elslein, liebes Eslein mein".

Bedauerlicherweise sind fast alle Quellen aus Maximillians Hofkapelle verschollen.

Eine schöne Einspielung dieser zwei Liedsätze hat das
Amarcord Ensemble u.a. auf dieser:



CD frisch und kompetent aufgenommen. Geistliche Musik von Senfl kenne ich überhaupt nicht.

Gruß

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 3. Februar 2010, 16:05
Es gab mal eine LP in der ersten Reflexe-Serie der EMI, also in den 1970er Jahren, die Senfl allein gewidmet war - muß ich später mal heraussuchen. Auf CD gab es die nur im Rahmen einer Box (die Reflexe kamen damals in Schubern von 6 LPs, die es aber auch einzeln gab, aber als CD-Wiederveröffentlichungen gab es außer den kompletten Boxen nur wenige Titel). Ich habe diese Aufnahme in guter Erinnerung. Details später.
Unbekannt Mittwoch, 3. Februar 2010, 16:40
Neben der erwähnten Fretwork-Platte, habe ich noch diese:


mit Sätzen aus Missa Nisi Dominus, Motetten, Lieder und Instrumentalsätzen gespielt vom Ensemble Orlado Fribourg. Ist wirklich gut!

Einige Stücke sind noch auf dieser schönen Platte zu hören:

Musik am Hofe Maximilians I.
concentus musicus Wien
Nikolaus Harnoncourt


LG
Tamás
Unbekannt Montag, 8. März 2010, 23:11
Lieber Aficionado54, ja die Reflexe-LP von Senfl. Großartig.

Ludwig Senfl war ja eine meiner ersten großen Lieben in der Ernsten Musik.
Ich war Anfang zwanzig, als ich eine Platte mit Senfl-Liedern (die aus der
Reflexe-Reihe) auf dem Bücher- und Plattenbasar in der AGB kaufte (Amerika
Gedenkbibliothek - größte Freihand-Bibliothek Deutschlands), ich glaube für 2
Mark. Verblüffenderweise ganz ohne Kratzer, war wohl nicht oft ausgeliehen
worden bevor sie ausgemustert wurde. Besonders "Elslein..." und "Lust hab
ich g´habt zur Musika" waren mehr oder minder Mitsing-Popsongs für mich.

Für mich eine wirklich wichtige Platte, die mir das Tor zur Renaissance-Musik
aufschloss. Damals, 1992, war es ja noch schwer solche Musik zu bekommen,
Alte Musik (vor 1650) zu hören, galt als etwas exzentrisch.

Jedenfalls in meinen Kreisen... :pfeif:

(Dieser Beitrag ist eine Zweitverwertung)

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Unbekannt Dienstag, 9. März 2010, 08:16
Die Senfl-CD ist in der Reflexe-Box Nr. 1 enthalten - das ist die, die mir leider fehlt.

lg vom eifelplatz, Chris.