Thematische Einführung
Unter den unzähligen Erfindungen und Entwürfen Leonardo da Vincis (1452–1519) nimmt die „Claviviola“ – oder in anderen Quellen auch als „Viola organista“ bezeichnet – einen besonderen Platz ein. Sie ist ein faszinierendes Beispiel für Leonardos interdisziplinäres Denken, das Kunst, Wissenschaft, Mechanik und Musik miteinander verband. Anders als viele seiner Gemälde oder literarischen Werke existiert die Claviviola nicht als vollendetes Instrument aus Leonardos Hand, sondern ausschließlich in Form detaillierter Skizzen und Notizen, die in seinen Codices erhalten geblieben sind. Sie stellt den Entwurf eines mechanisierten Saiteninstruments dar, das durch eine Klaviatur bedient wird und den Klang gestrichener Saiten erzeugen sollte – eine kühne Synthese der Prinzipien von Tasten- und Streichinstrumenten, die die Grenzen des musikalischen Instrumentenbaus ihrer Zeit sprengte.
Historischer Kontext & Werkanalyse
Leonardos Entwurf der Claviviola findet sich hauptsächlich im sogenannten *Codex Atlanticus* (ca. 1488-1489 und später). Die Idee eines mechanischen Saiteninstruments, das durch Reiben oder Drehen von Saiten Töne erzeugt, war zu Leonardos Zeit nicht völlig neu; die Drehleier (Hurdy-Gurdy) war beispielsweise bereits ein etabliertes Instrument, das mit einem Rad Saiten in Schwingung versetzte. Leonardos Genius zeigte sich jedoch in dem Versuch, dieses Prinzip zu verfeinern und zu einem polyphonen Instrument mit einem erweiterten Tonumfang und verbesserter Spielkontrolle zu entwickeln, das über eine Klaviatur bedient werden konnte.
Die Claviviola, wie von Leonardo konzipiert, sah eine Reihe von Saiten vor, die über ein System von rotierenden Rädern – den „Bögen“ – gestrichen werden sollten. Jedes Rad war mit Filz oder einem ähnlichen Material überzogen, um die Saiten kontinuierlich anzureiben. Eine Klaviatur würde durch das Herunterdrücken von Tasten Mechanismen aktivieren, die die entsprechenden Saiten gegen die rotierenden Räder drückten und so den gewünschten Ton erzeugten. Leonardos Skizzen zeigen verschiedene Ansätze zur Realisierung dieser Mechanik, einschließlich Detailzeichnungen für Zahnräder, Hebel und die Konstruktion der „Bögen“. Der Hauptunterschied zu den damals verbreiteten Tasteninstrumenten wie dem Cembalo (wo Saiten gezupft werden) oder dem Clavichord (wo Saiten angeschlagen werden) lag in der angestrebten Fähigkeit, einen kontinuierlichen, singenden Ton mit variabler Dynamik zu erzeugen, ähnlich dem Bogenstrich eines Violineninstruments.
Die Herausforderung bei der Umsetzung dieses Konzepts war enorm. Leonardos Entwürfe adressierten Probleme wie die gleichmäßige Anpressung der Saiten an die Räder, die Geräuschminimierung der Mechanik und die Frage, wie ein musikalischer Ausdruck – etwa durch Vibrato oder präzise Artikulation – erreicht werden konnte. Seine Claviviola war somit mehr als nur eine technische Skizze; sie war ein tiefgründiges Gedankenexperiment über die Verbindung von Mechanik, Akustik und musikalischer Ästhetik. Obwohl Leonardo selbst keine funktionstüchtige Claviviola baute, beeinflusste sein Denken – bewusst oder unbewusst – spätere Instrumentenbauer, die ähnliche Konzepte verfolgten, etwa Hans Heyden (Nürnberg, 1575) mit seiner „Geigenwerk“ oder George Rieff (Nürnberg, 1621).
Bedeutende Einspielungen & Rezeption
Da Leonardo da Vincis Claviviola in seiner Lebenszeit nicht als funktionierendes Instrument realisiert wurde, gibt es naturgemäß keine historischen Einspielungen im Sinne von Aufführungen zeitgenössischer Musik auf dem Originalinstrument. Die Rezeption der Claviviola beschränkte sich über Jahrhunderte auf die musikwissenschaftliche und ingenieurtechnische Analyse von Leonardos Skizzen.
Erst im 20. und 21. Jahrhundert führten moderne Forschungen und Fortschritte im Instrumentenbau zu ernsthaften Versuchen, Leonardos visionären Entwurf in die Realität umzusetzen. Mehrere Instrumentenbauer haben sich dieser Herausforderung gestellt, die sowohl die Interpretation von Leonardos oft rätselhaften Skizzen als auch die Lösung komplexer mechanischer Probleme umfasste. Zu den bekanntesten und erfolgreichsten Rekonstruktionen gehört die „Viola Organista“ des japanischen Künstlers und Instrumentenbauers Akio Obuchi, der basierend auf Leonardos Entwürfen ein funktionstüchtiges Instrument schuf. Eine weitere herausragende Realisierung stammt vom polnischen Pianisten und Instrumentenbauer Sławomir Zubrzycki, der ebenfalls eine „Viola Organista“ konstruierte und seit 2013 öffentlich präsentiert. Zubrzyckis Instrument, das auf insgesamt 61 Saiten verfügt und eine Klangästhetik zwischen einer Viola da Gamba und einem Harmonium entfaltet, hat weltweit Aufmerksamkeit erregt und zu den ersten "Einspielungen" von Musik auf einem solchen Instrument geführt. Die musikalischen Darbietungen auf diesen rekonstruierten Instrumenten eröffnen einen einzigartigen Blick auf das potenzielle Klangbild, das Leonardo im Sinn gehabt haben könnte. Es handelt sich um ein Instrument von singender Qualität, oft mit einem melancholischen und gleichzeitig vollen Klang, der an das Streicherensemble erinnert, jedoch mit der präzisen Kontrolle eines Tasteninstruments.
Die Rezeption dieser modernen Claviviola-Rekonstruktionen ist überwältigend positiv. Sie bestätigen nicht nur Leonardos Genialität als Erfinder, sondern bereichern auch die musikalische Welt um eine neue Klangfarbe und ein historisch inspiriertes Instrument. Ob auf diesen Instrumenten Musik der Renaissance oder zeitgenössische Kompositionen gespielt werden, die Claviviola bleibt ein lebendiges Zeugnis für die unendliche Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Handwerk, die das Erbe Leonardo da Vincis so einzigartig macht.