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Johann Rosenmüller alias Giovanni Rosenmiller (1617?-1684)

Unbekannt Samstag, 30. Oktober 2010, 18:33
Das Geburtsdatum von Johann Rosenmüller wird für gewöhnlich mit dem 24.8.1617 angegeben, es gibt aber auch Quellen, die seine Geburt später datieren (1619). Sicher ist, dass er im Vogtland geboren wurde, wahrscheinlich in Oelsnitz. Dort besuchte er jedenfalls die Lateinschule. Danach studierte er ab etwa 1640 an der theologischen Fakultät in Leipzig und nahm parallel Musikunterricht beim Thomaskantor Tobias Michael. Nach und nach etablierte sich Rosenmüller in der Leipziger Musikszene.

1642 wurde Leipzig von den Schweden besetzt, und es herrschte Ausnahmezustand. Nach dem Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden von 1645 beruhigte sich die Lage in Leipzig und Umgebung. In der Folgezeit blühte auch das Musik(er)leben der Stadt wieder auf, und viele weltliche und geistliche Kompositionen entstanden. Der Komponist, dessen Rang und Name in dieser Zeit in Leipzig ganz besonders aufstieg, war Johann Rosenmüller. Bereits 1645 fiel Heinrich Schütz bei einem Besuch in Leipzig das erste veröffentlichte Werk Rosenmüllers, „Paduanen mit drey Stimmen“, positiv auf – sein ausdrückliches Lob ist überliefert. Später unterstützte Schütz den Druck von Werksammlungen Rosenmüllers (1648 und 1652), indem er ihm sein privates Papier zur Verfügung stellte (Rosenmüller musste damals ohne die Unterstützung von Mäzenen auskommen).
Rosenmüller nutze die politisch ruhigeren Verhältnisse für eine Reise nach Italien (insbesondere Venedig) im Winter 1645/46 (andere Quellen sprechen vom vorausgegangenen Winter). Die musikalischen Eindrücke, die er jenseits der Alpen erhielt, sollten von nun an sein Musikschaffen prägen. Durch den Dreißigjährigen Krieg bedingt war jahrzehntelang keine neue Musik aus Italien (wo damals sozusagen die musikalische Avantgarde tätig war) nach Mitteldeutschland gekommen. Und was Rosenmüller schließlich von dort mitbrachte, führte zu einer kleinen Kulturrevolution. Denn solche Musik, wie er sie aus Italien mitbrachte und alsbald selber komponierte, hatte man weit und breit noch nie gehört.
Insbesondere an den großen kirchlichen Festtagen führte Rosenmüller in der Paulinerkirche Konzerte in venezianischen Dimensionen auf: großbesetzte Vokalpartien mit imposanten Tutti und kunstvollen virtuosen und polyphonen Passagen sowie abwechslungsreiche instrumentale Zwischenspiele. Solche Konzerte waren in deutschen Landen zunächst einmalig, jedoch fand Rosenmüller bereits bald Nachahmer.

Bedeutung und Anerkennung Rosenmüllers stiegen bis 1655 beständig an. Er engagierte sich im studentischen „Collegium musicum“, das er bei der Aufführung eigener Werke auch selbst leitete. An der Thomaskirche z.B. durchlief er diverse Ämter („Collaborator“ und „Baccalaureus funerum“, später auch – ebenso wie in der Nikolaikirche – Organist). Zudem vertrat er immer wieder den Thomaskantor Tobias Michael, da dieser krankheitsbedingt häufiger sein Amt nicht ausüben konnte. Schließlich sicherte ihm 1653 der Rat der Stadt Leipzig schriftlich die Nachfolge Michaels als Thomaskantor zu.
Auch in Dresden wollte man Rosenmüller als Kreuzkantor haben, da eine qualificirtere Persohn in dirigirung des Musicalischen Chors, componiren und andern, was zu eines Cantoris Ambt gehörig schwerlich in Leipzigk, Dresden und andernorts finden würde. Rosenmüller lehnte allerdings ab.
Allerdings übernahm er 1654 pro forma die Leitung der Musik am fürstlichen Hof in Altenburg, ohne sich aber aus Leipzig zurückzuziehen.
1655 allerdings ging seine Karriere in Leipzig (bzw. in ganz Deutschland) abrupt zu Ende.
Unbekannt Sonntag, 31. Oktober 2010, 20:35
Was den Knack- und Wendepunkt in Rosenmüller Biographie betrifft, versuche ich, die Thematik möglichst vorurteilsfrei und objektiv darzustellen, so wie sie sich mir nach dem Lesen verschiedener Darstellungen insgesamt darstellt:
Im Frühjahr 1655 wurde Johann Rosenmüller verhaftet und ins Gefängnis gesperrt, zudem aller seiner Ämter enthoben.
Der Tatbestand, der ihm vorgeworfen wurde, wird in der Literatur gewöhnlich als „Sodomiterey” angegeben. Allerdings stammt diese häufig zitierte Angabe m.W. aus dem Musikalischen Lexikon von Johann Gottfried Walther (1732) und ist damit keine zeitgenössische Quelle – ebenso wenig wie die ebenfalls häufig zitierte Beschreibung von Johann Gottfried Stallbaum, dem Thomasschulrektor von 1835-1861:
Zum ordentlichen Cantorate an der Thomasschule ist er [Rosenmüller], wie wir gewiß versichern können, niemals gelangt. Eines unnatürlichen Vergehens wegen gerieth er 1655 in Verhaft; entflohe jedoch daraus, ging zunächst nach Hamburg, und begab sich dann nach Italien.
Was dies zu bedeuten hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. In vielen Darstellungen wird „Sodomiterey“ mit Pädophilie gleichgesetzt – Rosenmüller hatte sich demnach an minderjährigen Chorknaben sexuell vergangen.
Andere, wie z.B. Arno Paduch, setzten „Sodomiterey“ allgemein mit Homosexualität gleich (die damals ebenfalls tabu war), somit muß sich Rosenmüller nicht zwangsläufig an Minderjährigen vergangen haben. Es bleibt in diesem Fall zudem offen, ob die sexuellen Handlungen im Einverständnis erfolgt sind oder nicht. Falls die Version der Geschichte von Peter Holman stimmt, dass neben Rosenmüller auch mehrere der betroffenen Schüler mitverhaftet wurden, liegt es nahe, davon auszugehen, dass die Schüler zum einen schon etwas älter waren, zum anderen, dass Rosenmüller die Verantwortung für das Geschehen nicht alleine trug.
Somit ergibt sich ein Spektrum von Möglichkeiten, das am einen Ende Rosenmüller auch im heutigen Gesetz- und Moralempfinden als schuldig und verwerflich darstellt, am anderen Ende nach heutigen Maßstäben als gänzlich unschuldig. Daher werde ich persönlich, solange die Quellenlage unklar bleibt, Rosenmüller hier (und auch sonst) weder verurteilen noch verteidigen.

Rosenmüller gelang die Flucht aus dem Leipziger Gefängnis. Wo er sich in den Jahren danach aufhielt, ist unbekannt. Daß er, wie von Stallbaum beschrieben, zunächst nach Hamburg floh, gilt als nicht gesichert, da die früheste Erwähnung hiervon erst von Martin Schamelius (1724) stammt.
Schließlich tauchte Rosenmüller 1658 in Venedig auf und nahm eine Stellung als Posaunist am Markusdom an. Zudem bemühte er sich, auch in seiner neuen Heimat als Komponist einen Namen zu machen – und zwar als Giovanni Rosenmiller.
Rosenmüller war der erste deutsche Komponist, der sich in Norditalien niedergelassen hatte und betrat somit völlig neue Pfade. Der Erfolg Rosenmüllers in Leipzig war stark mit den Elementen venezianischer Musik verbunden, die er in seine Kompositionen einfließen ließ. Doch auch in Venedig gelang es ihm, als origineller Komponist aufzutreten und Interesse für seine Kompositionen zu wecken. Hierzu zitiere ich Peter Wollny (der sich auf das Werk Nihil novum sub sole, noch aus der Leipziger Zeit, bezieht):
Die eigenartige Zusammenstellung von Bibelworten und neolateinischer mittelalterlicher Dichtung muß im orthodox lutherischen Leipzig ein gewagtes Experiment gewesen sein, das mancher gewiß mit Argwohn betrachtete. Kühn und experimentell ist auch die Musik: Statt canzonenhafter Gravität wartet bereits die einleitende Sinfonia mit einem keck auftrumpfenden Dreiertakt auf, und im weiteren Verlauf wechseln sinnliche Sopranduette mit tanzhaften Rhythmen im Baß und in den Instrumenten ab. Es ist dieser Stil, der Rosenmüller nach seiner Flucht aus Leipzig auch in Italien berühmt machen sollte.
Die Synthese aus „deutscher Gravitas“ und „italienischer Suavitas“ war es also, die Rosenmüller beiderseits der Alpen zu einem erfolgreichen Komponisten machte.
Allerdings kamen auch in Italien die meisten Kompositionsaufträge aus deutschen Landen.
Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 22:31
Der Großteil der Werke, die Rosenmüller in Italien komponierte, wurde von deutschen Höfen beauftragt. Dabei tat sich der 1660 zum Katholizismus konvertierte Hof von Hannover besonders hervor. Die Hannoversche Hofkapelle, die zahlreiche Werke Rosenmüllers aufführte, wurde vorwiegend mit Musikern aus Italien besetzt (darunter Matteo Lotti, der Vater von Antonio Lotti, welcher möglicherweise sogar in Hannover geboren wurde) – vermutlich wurden viele von ihnen durch Rosenmüller vermittelt.
Weitere Interessenten an Rosenmüllers waren u.a. am Weimarer Hof und am Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel, dessen Herzog Anton Ulrich 1682 nach einem Venedig-Besuch Johann Rosenmüller mit zurück nach Deutschland an seinen Hof nahm.
Zuvor war Rosenmüller fast zweieinhalb Jahrzehnte (von 1658 bis 1682) als „maestro di coro“ am Ospedale della Pietà in Venedig angestellt (wo später auch Antonio Vivaldi wirkte) und genoß auch in Italien großes Ansehen.
Dabei war er anscheinend kein einfacher Mensch – zumindest über seine letzten Lebensjahren in Wolfenbüttel ist folgendes Zitat von Joachim Meyer überliefert: Ich habe diesen Rosenmüller nach seiner Wiederkunft aus Italien in Wolfenbüttel, woselbst er als Kapellmeister lebete, gesprochen und ihn damals noch als einen hitzigen Kopf und Alters wegen verdrießlichen Mann gefunden, dem es niemand zu Danck machen konnte, und daher mit all seinen Adjuvanten immerhin polterte.
Johann Rosenmüller starb im September 1684 in Wolfenbüttel, noch bevor der Wiederaufbau der Wolfenbütteler Hofkapelle abgeschlossen war. Beerdigt wurde er am 12.9.1684. Die Grabinschrift kann man im Wikipedia-Artikel nachlesen; darunter findet man ein umfangreiches Werkverzeichnis. Allerdings täuscht dort der kurze Punkt 3 – nicht erhaltene Werke – über den großen Verlust an Werken hinweg. Rosenmüller komponierte z.B. allein über 200 Psalmen und geistliche Konzerte, und selbst dies ist nur ein kleiner Teil seines Gesamtschaffens. Laut Arno Paduch ist der allergrößte Teil der Musik Rosenmüllers verlorengegangen.
Bei Wikipedia wird auch ein Portrait von Rosenmüller gezeigt – da ich es allerdings sonst noch nirgends gesehen habe, bin ich etwas skeptisch was die Echtheit betrifft:


Wie bereits gesagt ist das besondere an Rosenmüllers Musik die Verwendung sowohl typisch italienischer als auch typisch deutscher Charakteristika, die er meisterlich zu einer Synthese verband. Besonders viele Anregungen erhielt Rosenmüller vom damals bedeutendsten venezianischen Komponisten Francesco Cavalli. Laut Arno Paduch sind es die langsamen Melodien in einem 3er-Metrum, meist in Moll, mit häufigen Vorhalten, sowie der melancholische Charakter der Musik, die Rosenmüller aus den Opern Cavallis auf die eigene Kirchemusik übertrug (er selbst komponierte keine Opern). Zudem kombinierte er die in Venedig seit Gabrieli gepflegte Tradition der Mehrchörigkeit mit dem, was er in Deutschland über Kontrapunktik gelernt hatte. An einigen für die damalige venezianische Musik untypischen Instrumentierungen (starker Einsatz von Posaune oder Zink) äußert sich, dass die Werke dann doch größtenteils für die Aufführung in deutschen Landen bestimmt waren.
Rosenmüllers bedeutendster Schüler war ebenfalls ein Deutscher, nämlich Johann Philipp Krieger, der ihn 1672 in Venedig besuchte.

Rosenmüllers Musik blieb auch nach dessen Tod beliebt, insbesondere in Norddeutschland. Man nannte ihn posthum den „Amphion“ seines Jahrhunderts (nach dem berühmten Lyraspieler in der altgriechischen Mythologie), und noch Telemann und Mattheson schwärmten von Rosenmüllers Werken. Auch J.S. Bach verwendete den in Leipzig noch lange sehr beliebten Trauerchoral „Welt ade“.
Irgendwann verblaßte allerdings das Gedenken an Rosenmüller, und im 20. Jahrhundert setzte, wie bei vielen barocken Meistern, eine Wiederentdeckung der Werke ein. Wirklich viele Tonträger mit der Musik Rosenmüllers sind dennoch nicht erscheinen, jedoch gab es alleine dieses Jahr fünf Neuveröffentlichungen von explizit Johann Rosenmüller gewidmeten CDs (nachdem vor einigen Monaten nur zwei bis drei überhaupt verfügbar waren).

Damit sind wir auch schon bei CD-Empfehlungen und CD-Beschreibungen angekommen, bei denen man mir gerne zuvor kommen kann. Meine einleitenden Sätze sind hiermit abgeschlossen.
Eine erste CD-Empfehlung möchte ich auch gleich geben; es handelt sich um eine Aufnahme mit Instrumentalmusik aus allen Lebensabschnitten Rosenmüllers:



Es ist eine Suite, die 1654 in Leipzig im Druck erschien, enthalten. Diese war für die sogenannte „Studentenmusic“ des weiter oben erwähnten Collegium musicum bestimmt. Sie enthält die damals beliebten Tanzsätze Pavane, Allemande, Courante, Sarabande. Solche Werke für Streicher wurden in Anlehnung an die englische Tradition auch in Deutschland als „Consort music“ bezeichnet.
Die Sonaten von 1667 sind stärker „italienisiert“ und als Sinfonia bezeichnet. Aus der homogenen Fünfstimmigkeit treten zunehmend auch virtuosere Passagen (insbesondere der Violine) hervor. Gewidmet sind sie Johann Friedrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.
Die Sonaten von 1682 sind dem späteren Dienstherren Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel gewidmet und wurden in Nürnberg gedruckt – möglicherweise auf der Durchreise von Venedig nach Wolfenbüttel. Sie folgen in ihrer Charakteristik einer „typisch italienischen“ Sonatensammlung.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 22:58
Bei Wikipedia wird auch ein Portrait von Rosenmüller gezeigt – da ich es allerdings sonst noch nirgends gesehen habe, bin ich etwas skeptisch was die Echtheit betrifft:


Das stellt wohl Johann Georg Rosenmüller (* 18. Dezember 1736 in Ummerstadt bei Hildburghausen; † 14. März 1815 in Leipzig), deutscher protestantischer rationalistischer Theologe, dar - es ist 1790 datiert, wie man auf der Vergrößerung sehen kann, und sieht dem auf seiner Wikipedia-Seite sehr ähnlich. Der Stil der Kleidung ist auch aus jener Zeit und nicht aus der des Komponisten.
Unbekannt Sonntag, 7. November 2010, 13:06
Guten Tag
Damit sind wir auch schon bei CD-Empfehlungen und CD-Beschreibungen angekommen, bei denen man mir gerne zuvor kommen kann.



Von Rosenmüller habe ich folgende Einspielungen:



" Sacri Concerti "

mit den Cantus Cölln





" Weihnachtshistorie "

Ebenfalls mit dem durch das Ensemble Concerto Palatino verstärkten Cantus Cölln





" "Beatus Vir "

Motetten und Sonaten vom Ensemble Gli Incogniti interpretiert





" Lo Zuane Tedeso "

Vokal- und Instrumentalwerke mit I Fedeli



und



" Vox Dilecti Mei "

Solomotetten & Sonaten mit Alex Potter (Altus und dem Chelycus Ensemble

(Dazu gelegendlich mehr)

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Sonntag, 7. November 2010, 13:30
Guten Tag

Schließlich tauchte Rosenmüller 1658 in Venedig auf und nahm eine Stellung als Posaunist am Markusdom an. Zudem bemühte er sich, auch in seiner neuen Heimat als Komponist einen Namen zu machen – und zwar als Giovanni Rosenmiller.

Es ist noch völlig ungeklärt wie sich der "Fremde" Rosenmüller in der starren und reglementierten Musikerszene mit ihren Bruderschaften etc. in Vendig behaupten und z.B. als Posaunist an San Marco etaplieren konnte. Ob man von seiner Bekanntschaft in Leipzig überhaupt in Venedig wußte ? Evtl. hatte Rosenmüller in Venedig Fürsprecher, die er vieleicht schon bei seinen ersten Venedigaufenthalt 1645/46 kennen gelernt hatte. In Venedig bestand eine Bruderschaft deutscher Händler, die Fondaco dei Tedeschi, die am Canale Grande in der Nähe der Rialtobrücke eine Niederlassung hatte, Rosenmüller konnte über Leipziger Händler Beziehungen geknüpft haben. Möglich auch, dass Rosenmüller als Händler von in Deutschland nur schwer beschaffenden venezianischen Musikalen betätigte, der Bedarf an italienischer Musik war an deutschen Höfen enorm.

Zitat

Doch auch in Venedig gelang es ihm, als origineller Komponist aufzutreten und Interesse für seine Kompositionen zu wecken.

Es adelt Rosenmüller, dass eine Kompositionon eines Confitebor tibi Domine a 6 ihm oder Monteverdi zugeschrieben wird, als Posaunist an San Marca dürfte er jedenfalls noch mit Musikern, die Monteverdi kannten, zusammengekommen sein. Möglicherweise ist das genannte Confitebor a 6 eine Orginalkomposition Monteverdis, die Rosenmüller bearbeitet hat.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Sonntag, 7. November 2010, 13:59
Der Großteil der Werke, die Rosenmüller in Italien komponierte, wurde von deutschen Höfen beauftragt. Dabei tat sich der 1660 zum Katholizismus konvertierte Hof von Hannover besonders hervor. Die Hannoversche Hofkapelle, die zahlreiche Werke Rosenmüllers aufführte, wurde vorwiegend mit Musikern aus Italien besetzt (darunter Matteo Lotti, der Vater von Antonio Lotti, welcher möglicherweise sogar in Hannover geboren wurde) – vermutlich wurden viele von ihnen durch Rosenmüller vermittelt.
Weitere Interessenten an Rosenmüllers waren u.a. am Weimarer Hof und am Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel, dessen Herzog Anton Ulrich 1682 nach einem Venedig-Besuch Johann Rosenmüller mit zurück nach Deutschland an seinen Hof nahm.
Zuvor war Rosenmüller fast zweieinhalb Jahrzehnte (von 1658 bis 1682) als „maestro di coro“ am Ospedale della Pietà in Venedig angestellt (wo später auch Antonio Vivaldi wirkte) und genoß auch in Italien großes Ansehen.

Hat Rosenmüller auch selbst konvertiert, oder ist er in Venedig weiterhin beim Protestantismus geblieben?

Setzt die Anstellung bei dem Ospedale nicht sogar die Priesterweihe vor?

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 7. November 2010, 16:05




" Weihnachtshistorie "

Ebenfalls mit dem durch das Ensemble Concerto Palatino verstärkten Cantus Cölln


Da sich die Weihnachtszeit nähert, möchte ich auch eine Empfehlung für diese CD loswerden. Sie enthält sehr hörenswerte Musik aus Rosenmüllers ersten Schaffensphase in Leipzig. Die Interpretation ist erstklassig.
Der Titel täuscht allerdings. Es handelt sich nicht um eine zusammenhängende Weihnachtshistorie, sondern um mehrere Stücke, die einen Bezug zu Weihnachten haben und/oder zu Wiehnachten aufgeführt wurden.
Eine Weihnachtshistorie im engeren Sinne ist nur das erste Stück "Es waren Hirten auf dem Felde", eine Vertonung von Lukas 2, 8-15; es dauert aber nur ca. 8 Minuten.
Das längste Stück der CD ist "Entsetze dich, Natur", das Weihnachten 1649 uraufgeführt wurde. Der Text stammt von Rosenmüllers Freund Caspar Ziegler. Es handelt sich um eines von den Werken, die Rosenmüller als besonders innovativen Komponisten erscheinen ließen - ebenso wie z.B. das weiter oben erwähnte "Nihil novum sub sole".
"Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn" verbreitet nicht unbedingt Weihnachtsstimmung, ist aber ebenfalls sehr bemerkenswert. Mich erinnert der Anfang (vom Charakter her) an die textlich ähnliche Passage aus Schütz' Exequien ("Leben wir, so leben wir dem Herrn....").

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 8. November 2010, 21:26
Guten Abend
Bereits 1645 fiel Heinrich Schütz bei einem Besuch in Leipzig das erste veröffentlichte Werk Rosenmüllers, „Paduanen mit drey Stimmen“, positiv auf – sein ausdrückliches Lob ist überliefert. Später unterstützte Schütz den Druck von Werksammlungen Rosenmüllers (1648 und 1652), indem er ihm sein privates Papier zur Verfügung stellte

Rosenmüller nahm Werke von Schütz in Kommision um sie zu vertreiben, beispielsweise waren die Synphoniae sacrae II in Leipzig bei "Herrn Johann Rosenmüller, vornehmen Musico" zu haben.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 10. November 2010, 09:33
Die bereits erwähnte neue Aufnahme mit Weltersteinspielungen von Vokalwerken



wurde jetzt bei klassik.heute - allerdings recht dürftig - rezensiert.

Gruß, Carola
Unbekannt Freitag, 12. November 2010, 19:38
Zeitig vor dem Beginn des Rosenmüllerjahres 1984, kaufte ich ein LP Album mit Musik aus der Zeit vor Bach, Ausführende Goebel und sein MAK, 3 Sonaten Rosenmüllers waren dabei.
Besonders interessant finde ich die Sonaten 1,2,4 und 6 für kleinere Ensembles. Vor etwa 10 Jahren konnte ich eine Aufnahme mit Mensa Sonora unter der Leitung von Jean Maillet vom Label Pierre Verany vertrieben erstehen, die leider seit Jahren vergriffen ist. Hoffentlich erbarmt sich bald ein Ensemble die gesamten Serie der breiten Öffentlichkeit in Neuauflage zu präsentieren.


Unbekannt Samstag, 13. November 2010, 22:11


Es gibt kein Requiem von Johann Rosenmüller. Die obige Doppel-CD konstruiert (hier muß man wirklich "konstruiert" und nicht "rekonstruiert" sagen) eine großangelegte Totenmesse mit diversen Zugaben aus Werken Rosenmüllers und Gregorianik-Teilen. Kernstück der Konstruktion ist eine ausführliche, wirklich sehr interessante "Dies irae"-Vertonung Rosenmüllers, die aber nur einzeln überliefert ist, d.h. es gibt keine Hinweise darauf, daß er neben der Sequenz weitere Requiem-Teile vertont hatte. Eine Kyrie und ein Agnus Dei von Rosenmüller ließen sich allerdings noch einfügen. Der komplette Rest (Introitus, Graduale, Tractus, Offertorium, Sanctus, Benedictus, Communio) des Requiems ist Gregorianik. Eingefügt wurden drei zusätzliche größere geistliche Werke Rosenmüllers, nämlich "Ad dominum cum tribularer clamavi" (Psalm 120), "Miserere" (Psalm 51) und "Domine ne in furore tuo" (Psalm 6). Alle Werke Rosenmüllers auf der CD haben zumindest gemeinsam, daß sie in e-moll stehen und in der selben Werksammlung (heute: Bokemeyer-Sammlung, Berlin) überliefert sind. Die drei Psalmtexte an sich wurden früher gelegentlich auch explizit für Requien verwendet.
Die Konstruktion kann mich dennoch nicht überzeugen - zu viel Essenzielles am Requiem ist "nur" Gregorianik, die Aufmerksamkeit lenkt sich zwangsläufig auf die vier großen Kompositionen (Dies irae und 3 Psalmen), die dann doch eher für sich stehen. Zudem muß ich anmerken, daß man bei einer Gesamtspielzeit von 90 Minuten gut mit nur einer CD ausgekommen wäre (z.B. durch das Weglassen der nicht notwendigen Teile Graduale, Tractus und In paradisum).
Ansonsten bleibt festzustellen, daß jenseits der Konstruktion die Interpretation durch La Capella Ducale und Musica Fiata Köln unter Roland Wilson absolut überzeugend und gelungen ist, und daß "Dies irae" und "Ad dominum cum tribularer clamavi" mir von allen Werken, die ich von Rosenmüller kenne, mit am besten gefallen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Mittwoch, 24. November 2010, 22:02
Hallo,

Johann Rosenmüller komponierte eine Vielzahl von Werken, die als Psalmkonzerte in verschiedenen Kombinationen in Vespergottesdiensten aufgeführt werden konnten. Welches Werk ursprünglich für welchen Anlaß komponiert wurde, ist heute unbekannt. Daher ist eine "Marienvesper" Rosenmüllers keine zusammenhängende, feststehende Komposition, sondern eine von den heutigen Interpreten passend zusammengestellte Auswahl von Psalmenkonzerten. So geschehen etwa im Mareinvesper-Konzert des Rosenmüller-Ensembles, das ich hier rezensiert hatte, oder auf der folgenden Doppel-CD des Cantus Cölln und Concerto Palatino:



Für Vespermusiken sind sehr unterschiedlich lange und unterschiedlich groß besetzte Werke von Rosenmüller überliefert. An den größten Vesperkonzerten in Venedig waren laut Arno Paduch ca. 50 Musiker beteiligt. Sie konnten bis zu fünf Stunden lang dauern, und eine einzelne Psalmvertonung ca. 20 Minuten lang sein. Statt (gregorianischer) Antiphonen wurden häufig rein instrumentale Concerti bzw. Sonaten gespielt. Die oben abgebildete CD kann durchaus einen Eindruck davon geben, wie das damals in Venedig geklungen haben mag. Ich finde sie sehr gelungen - mehr als die neueste CD des Rosenmüller Ensembles mit vergleichsweise kleineren Psalmkonzerten:



Aber auch das ist eine hörenswerte Aufnahme mit dankenswerterweise "wiederentdeckter" Musik.
Möge die Rosenmüller-Renaissance weitergehen...

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 09:44
Die bereits erwähnte neue Aufnahme mit Weltersteinspielungen von Vokalwerken



wurde jetzt bei klassik.heute - allerdings recht dürftig - rezensiert.

Bei klassik.com gibt es jetzt eine weitere Rezension

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 25. Dezember 2010, 09:27


Aber auch das ist eine hörenswerte Aufnahme mit dankenswerterweise "wiederentdeckter" Musik.

Bei klassik.com ist man jedenfalls sehr angetan.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 25. Dezember 2010, 16:22
Hat Rosenmüller auch selbst konvertiert, oder ist er in Venedig weiterhin beim Protestantismus geblieben?
Das ist nicht bekannt, jedoch unwahrscheinlich.
In Venedig besteht die älteste lutherische Gemeinde außerhalb Deutschlands, seit der Reformation. Es gibt sogar einen Brief Luthers an diese Gemeinde. Der "fondaco dei tedeschi" ist eng mit der Geschichte dieser Gemeinde verknüpft.
Die Religionsgesetze der Republik Venedig waren sehr strikt hinsichtlich röm. Katholizismus, solange es Bürger der Republik betraf. Beim Geschäft hörte jedoch der Spaß auf. Ausländer genossen relative Religionsfreiheit.
Unbekannt Montag, 27. Dezember 2010, 09:42

Zitat

Was dies zu bedeuten hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. In vielen Darstellungen wird „Sodomiterey“ mit Pädophilie gleichgesetzt – Rosenmüller hatte sich demnach an minderjährigen Chorknaben sexuell vergangen.
Andere, wie z.B. Arno Paduch, setzten „Sodomiterey“ allgemein mit Homosexualität gleich (die damals ebenfalls tabu war), somit muß sich Rosenmüller nicht zwangsläufig an Minderjährigen vergangen haben. Es bleibt in diesem Fall zudem offen, ob die sexuellen Handlungen im Einverständnis erfolgt sind oder nicht. Falls die Version der Geschichte von Peter Holman stimmt, dass neben Rosenmüller auch mehrere der betroffenen Schüler mitverhaftet wurden, liegt es nahe, davon auszugehen, dass die Schüler zum einen schon etwas älter waren, zum anderen, dass Rosenmüller die Verantwortung für das Geschehen nicht alleine trug.
Somit ergibt sich ein Spektrum von Möglichkeiten, das am einen Ende Rosenmüller auch im heutigen Gesetz- und Moralempfinden als schuldig und verwerflich darstellt, am anderen Ende nach heutigen Maßstäben als gänzlich unschuldig. Daher werde ich persönlich, solange die Quellenlage unklar bleibt, Rosenmüller hier (und auch sonst) weder verurteilen noch verteidigen.




Ob er Kindesmißbrauch betrieben hat ist wahrscheinlich nicht zu klären - in diesem Falle auch bedeutungslos, da er nach damaliger Rechtsprechung, deswegen nie angeklagt worden wäre.
So hart das klingt - Gewalt gegen Kinder, egal in welcher Form, war zu jener Zeit völlig straffrei, weil es an der Tagesordnung war und kaum Beachtung fand.

Was aber unter Strafe stand, war Homosexualität, das wurde entweder als "Sodomie" oder als "italienische Sitten" bezeichnet.
Wurde man erwischt, bedeutete das Knast. Aber natürlich nicht für den hohen Adel - der genoss das Privileg etwas verbotenes tun zu dürfen, und kostete das voll aus:
Man denke nur an den Herzog August Wilhelm von Wolfenbüttel, der sich ganz offen eine männliche Mätresse hielt, oder den Duc d'Orlèans (Bruder Louis XIV) der sich einen komplett "lauwarmen" Hofstaat hielt.
Die gleiche Geschichte gibt es übrigens mit Lully und einem Pagen der königlichen Kapelle.
Lully sollte nicht angeklagt werden, weil er einen "Schutzbefohlenen" wie man Heute sagen würde, mißbraucht hat.
Er wurde angezeigt, weil es ein homosexuelles Verhältnis war - und weil er nicht von Adel war.

Das 17. Jahrhundert ist eine extrem brutale Zeit, zwar besser als die Jahrhunderte davor, aber für unsere heutigen Maßstäbe extrem grausam.
Gewalt und Mißbrauch war an der Tagesordnung, wegen einer Beleidigung gabs tödliche Duelle, Kriege ohne Ende prägten das Zeitalter, öffentliche Hinrichtungen von Beispielloser Brutalität waren Alltag und natürlich auch sexuelle Gewalt in allen Schichten und Berufen.
Dienstmädchen musste generell damit rechnen, dass sie der Hausherr bestieg, ob sie das wollten oder nicht, er hatte das Recht dazu, weil er sie ja bezahlte.
Dieser Umstand war übrigens noch bis zum WK I üblich, da gibt es recht umfangreiche Literatur drüber.

Die elegante und schöne Musik lässt das alles schnell vergessen, aber das sollte man sich immer im Bewusstsein halten.


~.~.~.~.~



das kann in der Tat niemals Johann Rosenmüller sein,
Rosenmüller lebte zu einer Zeit in der Allongeperücken in Italien und Deutschland noch nicht in Mode waren.
Zudem trägt der Herr eine Perücke, wie sie typisch für ältere Herren, geistlichen Standes Mitte des 18. Jahrhunderts waren.

Wenn es eine Darstellung Rosenmüllers gäbe, dann würde sie wohl Ähnlichkeit haben mit der Darstellung von Adam Krieger:

Unbekannt Montag, 5. September 2011, 23:02

Besonders interessant finde ich die Sonaten 1,2,4 und 6 für kleinere Ensembles. Vor etwa 10 Jahren konnte ich eine Aufnahme mit Mensa Sonora unter der Leitung von Jean Maillet vom Label Pierre Verany vertrieben erstehen, die leider seit Jahren vergriffen ist.



Hier kann man ein kurzes Klangbeispiel hören.