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Johann Christoph Bach (1642-1703) - Der "profunde Componist"

Unbekannt Dienstag, 29. Juni 2010, 20:52
Ihr Lieben Forianer, hier beginne ich einen Thread über einen Komponisten, der seit einiger Zeit immer mehr in mein Blickfeld rückt und den ich für einen wirklich großen solchen halte.
Johann Christoph Bach, geboren 1642 in Arnstadt, war seit 1663 Organist an der Schlosskapelle tätig, bevor er 1665 zusätzlich an der Georgenkirche in Eisenach den selben Job ausübte.
Innerhalb der weitverzweigten und von Namensvettern geradezu übersäten Bach-Familie (JS Bach gibt ihm in seiner Familien-Genealogie die Nummer 13) nimmt er aus musikalischer Sichtweise einen Sonderstatus ein. Johann Sebastian Bach bezeichnete ihn in eben dieser Genealogie als "profunden Componisten", und Carl Philipp Emanuel nennt ihn den "großen und ausdrückenden Komponisten". Und tatsächlich sucht man in den Werken der Bach-Familienmitgliedern vor (und meines Erachtens auch nach) dem Genie Johann Sebastian Bach nichts, was ein annährendes Spektrum an Expressivität, Harmonik, Melodieführung und instrumentalem wie vokalem Abwechslungsreichtum bietet wie die (leider nicht gerade zahlreichen) überlieferten Werke von Johann Christoph. Was mich fasziniert, ist seine Fähigkeit, ganz im Sinne der barocken Affektenlehre einzelnen Worte oder Wortgruppen durch eine harmonische Verschiebung oder unerwartete Wendung besonderes Gewicht und Bedeutung zu verleihen. Eindrucksvoll ist auch die Tatsache, dass durch Instrumentierung und Harmonik gerade seine ernsten geistlichen Werke eine große athmosphärische Dichte haben, die einem mitunter einen Schauer über den Rücken jagt.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mein derzeitiges Lieblingswerk von ihm näher vorzustellen:

Hochzeitskantate "Meine Freundin du bist schön", für 4 Konzertisten, 4 Ripienisten, Solo-Violine, 3 Violen und Basso Continuo.
Dieses faszinierende Werk ist uns nur in einer einzigen Quelle überliefert worden; einem Stimmsatz von der Hand Johann Ambrosius Bachs mit einem Umschlag von der Hand Johann Sebastians (heute in der Singakademie zu Berlin verwahrt).
Es besteht ausschließlich aus Texten des Hoheliedes, jenem rätselhaften Kompendium an Hochzeits- und Liebesliedern des Alten Testaments, welches angeblich auf König Salomo zurückgehen soll. Die Theologen wussten nicht genau, wie sie die mitunter recht gewagten Texte deuten sollten und stempelten die knisternden Liebesdialoge zum "Gespräch des Gläubigen mit seiner Kirche" ab, was allen merkwürdig vorkommen sollte, die mal einen Blick in eine gute Übersetzung geworfen haben (unter anderem im Netz verfügbar). Zur Barockzeit war dem Lied natürlich hauptsächlich Theologisches abzuringen (eine Liste der Vertonungen gibt's hier ) und gerade deshalb nimmt die Kantate Johann Christoph Bachs einen solchen Sonderstatus ein: Sie betrachtet den Text nicht nur von einem ausgesprochenen weltlichen Standpunkt aus, sondern schafft durch Umstrukturierung einen neuen Zusammenhang, der zu einer eigenen "Story" wird. Ich möchte den Inhalt und die musialischen Abschnitte vorstellen, keineswegs eine musialische Analyse verfassen noch den originalen Wortlaut der Ambrosius'schen Inhaltsangabe beibehalten, sondern versuchen, neu formuliert den Ablauf dieser Kantate darzustellen.
Das ganze beginnt mit einem Dialog für Sopran, Bass und Continuo. Zwei Liebende - offensichtlich nicht verheiratet - treffen sich, wahrscheinlich in der Stadt, und turteln. Meine Freundin, du bist schön - wenden deine Augen von mir, denn sie machen mich brünstig. - Oh, dass ich dich, mein Bruder, draußen finden könnte, und dich küssen müsste. Offesichtlich können die beiden in der Athmosphäre der Stadt sich nicht die Erfüllung ihrer Wünsche erhoffen, also verabreden sie sich kurzerhand im Garten des Liebhabers - außerhalb der Stadt, auf dem Feld. Der Dialog wirkt intim, vertraut, und knistert vor Spannung - was dadurch verstärkt wird, dass keine begleitenden Instrumente "dabei" sind, sondern jediglich das Continuo zuschaut. Hiernach folgt eine zum Sterben schöne Ciaconna, die darstellt, wie die Liebste sich auf dem Weg in den Garten alles in heller Freude ausmalt, was da so passieren wird. Seine Linke lieget unter meinem Haupt, und seine Rechte herzet mich. Das besondere an diesem Stück ist, dass es über eine Länge von 264 Takten eine Sogwirkung und ein Gefühl von Glückseligkeit, Liebessehnsucht und Trunkenheit ausstrahlt,die einen nicht kalt lassen. Der Sopran steht im Dialog mit der Solo-Violine, die kommentiert, unterstützt und die Raserei virtuos darstellt. Obwohl in g-moll und von der Bassfunktion her einem Lamento-Bass ähnlich, könnte man sich kein erhebenderes Stück vorstellen. Auf halben Weg trifft die Liebste ein baar Kerle (Alt und Tenor), deren Grund für nächtliches Umherstreifen außerhalb der Stadt uns nicht genannt wird. ;) Das Rezitativ besteht daraus, dass die Jungs das Mädel nach dem Grund für ihre Mission befragen, und kurzerhand beschließen, mitzukommen (ob das ihr so gefällt, wird auch nicht verraten). Schließlich gelangen sie (Rez.-Acc.) zum Garten, wo der Liebste bereits wohlweislich und vorrausahnend alles gedeckt hat für eine nächtliche Fete mit Freunden. Das folgende Stück ist eine humorvolle Darstellung der Einladung des Gastgeberpaares: Esset, meine Lieben, und trinket - und werdet trunken, was wiederum von der Violine eindrucksvoll dargestellt wird. Es kommen noch vier weitere Stimmfachvertreter hinzu, sodass die Gesellschaft zum Schluss acht Mann zählt. Nachdem die Party vorbei ist, kommt noch - als sei das noch nicht genug gewesen - ein Gratias-Choral, der in wunderbarer Ruhe und Sinnlichkeit das Werk zum Ausklang bringt (natürlich nicht, ohne vorher noch einmal der Violine ausreichend Platz für virtuoses Gefiedel gegeben zu haben). Alles in allem beträgt die ungefähre Spielzeit 25 Minuten und eignet sich besonders für Hochzeiten (also auf meiner wird das Stück gespielt!!!!). Es ist witzig, anrührend und meisterlich gemacht - zu welchem konkreten Anlass es entstanden ist, weiß man natürlich nicht, manche vermuten, dass es zu Ambrosius' Hochzeit komponiert wurde (was den Stimmsatz erklären würde). Christoph Wolff geht sogar so weit zu behaupten, dass es vielleicht sogar bei Johann Sebastians erster Vermählung erklungen ist.
Wie dem auch sei, das Werk ist ein Traum für Hörer wie Musiker (habe den Geigenpart schon versucht zu spielen... :hide: ).
Zum Schluss noch die drei Aufnahmen die ich kenne:


Sehr goebellig in der Interpretation - mit teilweise ziemlich drittklassigen Sängern. Aber die erste Aufnahme des Stückes, insofern verdienstvoll.


Gefällt mir auch nicht so - sehr glatt, perfekt, klanglich superb - aber ohne die Erotik, die dieses Stück braucht. Aber Ulla Bundies an der Friedoline ist großartig! :jubel:


Die überzeugendste Einspielung bis jetzt - obwohl Peter Kooij nicht gerade der Jüngste ist, und Johanette Zomer als Freundin eindeutig die Knusprigere ist. Außerdem ist die Chaconne ziemlich flott - weshalb auch hier nicht alles knistert, so wie es sein könnte.

Ich bin ja in froher Erwartung, dass Gardiners Live-Einspielung von 2009 mit Julia Doyle, Peter Harvey und Maya Homburger als Fiddlerin bald mal erscheint. Das könnte die neue Referenz sein!!!

Ich hoffe, euer Interesse erweckt zu haben - nach einem 3,5-km-Post - und vielleicht habt ihr auch Eindrücke zum Komponisten und seinen Werken! Täte mich freuen!! 8o
Unbekannt Dienstag, 29. Juni 2010, 23:14
Guten Abend

als Organist in Eisenach und Cembalist in der dortigen Hofkapelle steckte Johann Christoph Bach, wie aus Eingaben und Ratprotokollen zu ersehen ist, ständig in Geldnöten. In einer Eingabe an den Rat bat er um freie Wohnung: "ich habe bißhehr, wenn ein quartal fellig gewest, nach diesem Gelde so offt schicken müssen, daß ich mich geschämet, weil ich sonnst nicht weiß, wie ich mich mit meinen kindern behelfen und fortbringen soll". Ungeachtete dessen zählt er zu den bedeutesten deutschen Komponisten des 17. Jhd., Buxtehude durchaus ebenbürdig. Von seinen Instrumentalwerken hat sich wenig erhalten, eine Aria Eberliana pro dormente Camillo für Cembalo ist auf dieser



CD eingespielt.

Von seinen Kantaten gefällt mir sehr das Lamento "Ach dass ich Wassers g´nug hätte" für Altstimme, Violine, drei Violen und Bc. wovon ich bestimmt 4-5 Aufnahmen habe, hier höre ich gerne diese



Einspielung mit Magdalena Kozena und der Musica antiqua Köln

Herrlich auch seine großbesetzte, 22-stimmige Micheals-Kantate "Es erhub sich ein Streit", die Johann Sebastian Bach noch in Leipzig aufführte. Carl Philipp Emanuel Bach schrieb darüber an Nikolaus Forkel -den ersten Bachbiograph- in einem Brief:

" Hierbey, habe ich das Vergnügen aus meinem alten Bachischen Archive zu überschicken [...] Das 22stimmige Stück ist ein Meisterstück. Mein seeliger Vater hat es einmal in Leipzig in der Kirche aufgeführt, alles ist über den Effekt erstaunt. Hier habe ich nicht Sänger genug, außerdem würde ich es gerne einmal aufführen."

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 30. Juni 2010, 17:14
Ich finde Goebels Aufnahme sehr gut - Michael Schopper hat mir auch hier wieder gut gefallen. Drittklassig ist ein sehr hartes Urteil, solche Urteile sollten immer begründet werden. Ich habe Schopper etliche Male im Konzert erlebt, er war immer ausgzeichnet.

Auf der originalen Doppel-LP/CD der MAK war übrigens das komplette Kantatenwerk von Johann Christoph Bach, das sehr hörenswert ist - leider scheint es diese Ausgabe nirgendwo zu geben.

Ich sehe seinen sehr phantasievollen Kantatenstil eher in der Nähe von Pachelbel, der bei der Hochzeit auch anwesend war, als "Meine Freundin, Du bist schön" aufgeführt wurde. Eine weitere gute Aufnahme war auf der netten Anthologie "Musikalischer Humor in der Bach-Familie", die leider nur noch zu überhöhten Preisen zu finden ist.



Ich werde mir die ganzen Kantaten nochmals zu Gemüte führen ...
Unbekannt Mittwoch, 30. Juni 2010, 19:22

Zitat

Sehr goebellig in der Interpretation - mit teilweise ziemlich drittklassigen Sängern.
Auf das "teilweise" kommt es an. Ich finde Herrn Schopper auch sehr gut, allerdings finde ich die beteiligte Sopranistin und den Altus sehr - gewöhnungsbedürftig. Da sind wir heute einfach anderes gewöhnt, oder etwa nicht? Ich jedenfalls höre mir lieber Johanette Zomer und Elisabeth Popien an. Das wollte ich damit sagen.

Komischerweise ist die Streit-Kantate nicht mein liebstes JC'ph-Stück, obwohl es da natürlich so ziemlich zur Sache geht. Ich finde die Lamenti oder die Hochzeitskantate subtiler, das liegt mir jedenfalls persönlich näher. Obwohl das Michaelisgeschrammel natürlich fetzig ist und prima in einem Hollywoodblockbuster als Hubschrauberbegleitmusik dienen könnte, was jetzt nicht abwertend gemeint ist.
Unbekannt Mittwoch, 30. Juni 2010, 20:35
Ich habe Deine Einführung überwiegend mit Vergnügen gelesen, auch wenn die Sprache vielleicht ab und an gewöhnungsbedürftig ist - jedenfalls, wenn man die 30 bereits deutlich überschritten hat. :D Aber ich finde auch, hier sollte man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen. Und an der Subjektivität Deiner Wertungen hast du ja keinen Zweifel gelassen. Dass Du Johann Christoph noch über Carl Philip Emanuel stellst, nehme ich einfach als Ausdruck Deiner großen Begeisterung für diesen Komponisten. Beurteilen kann ich es eh nicht.

Ich kenne Johann Christoph Bach bisher lediglich von dieser Doppel-CD.



Die Stücke dort (fast die Hälfte ist von J.C.) gefallen mir gut, das Fetzige von "Es erhub sich ein Streit" und auch die Hochzeitskantate liegen mir allerdings nicht so sehr. Am meisten beeindruckt mich das Lamento "Wie bist du denn, o Gott, im Zorn auf mich entbrannt". Sehr dramatisch, sehr intensiv. Dann im Gegensatz dazu das ganz einfache und mich sehr anrührende "Es ist nun aus". Wunderschön.

Gruß, Carola
Unbekannt Donnerstag, 1. Juli 2010, 08:36
Den Altus David Cordier habe ich oft live gesehen, auch damals, als diese Aufnahme entstand, er hat eine etwas dünne Stimme, aber das hauchige mit wenig Schönklang könnte dem Stimmklang der damaligen Zeit vielleicht auch nahe kommen - das waren ja keine italienischen Power-Kastraten.
Maria Zedelius ist gar nicht schlecht, die schlichte Sangesweise finde ich nach wie vor sehr erfrischend. Ich habe seinerzeit von Musikern mehrere positive Urteile über sie gehört.
Unbekannt Donnerstag, 1. Juli 2010, 08:41
Ein wunderschönes Stück finde ich übrigens "Ach das ich Wassers gnug hätte" - was für ein Lamento!

Meine Lieblingsaufnahme ist die mit Henri Ledroit und dem Ricercar Consort, aber von der hat es nicht mal ein Bildchen ...
Unbekannt Freitag, 2. Juli 2010, 07:52
Von seinen Instrumentalwerken hat sich wenig erhalten, eine Aria Eberliana pro dormente Camillo für Cembalo ist auf dieser



CD eingespielt.

Das habe ich mir gestern nochmal angehört - ein tolles Variationsstück und ohrenfälliger Beweis, wie profund der Komponist war, und in welcher Tradition Johann Sebastian bei der Verfassung seiner eigenen Variationswerke stand. Ich würde mir von Léon Berben noch die restlichen Tastenwerke wünschen, so wie er hier spielt.
Unbekannt Montag, 5. Juli 2010, 22:07
Meine Lieblingsaufnahme ist die mit Henri Ledroit und dem Ricercar Consort, aber von der hat es nicht mal ein Bildchen ...


Ist das vielleicht diese Aufnahme?



Habe mir gerade inspiriert durch diesen Thread noch mal meine beiden Stücke von Johann Christoph Bach angehört: Die Kantate "Ach, dass ich Wassers g'nug" und die "Aria Eberliana pro dormente Camillo" auf den beiden Goebel-Platten, die hier schon erwähnt wurden, angehört. Da lohnt sich ja wirklich eine intensivere Entdeckungsreise.

Viele Grüße,

Melanie
Unbekannt Montag, 5. Juli 2010, 22:59
Das könnte sein, diese Doppel-CD ist dann allerdings eine spätere Wiederveröffentlichung. Ich muß mal das Programm vergleichen.
Unbekannt Dienstag, 6. Juli 2010, 19:01
Die eine Originalquelle des Alt-Lamentos "Ach dass ich Wassers" aus Uppsala - die andere liegt in der Berliner Singakademie - kann man hier online anschauen.
Unbekannt Donnerstag, 22. September 2011, 16:21
Neue Aufnahmen geistlicher Kompositionen von Johann Christoph Bach: