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Jan Pieterszoon Sweelinck (1562–1621) – Hausmaus und Organistenmacher

Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 19:10
Im frühen 16. Jahrhundert siedelt ein gewisser Swibbert, römisch katholischer Geistlicher und Musiker, von Kaiserswerth bei Düsseldorf nach Deventer über und wirkt dort an der Lebuinuskerk.

Seine beiden Söhne Gerrit Swibbertszoon und Peter Swibbertszoon, wohl vom Vater ausgebildet, bleiben im Metier. Gerrit folgt seinem Vater als Organist (und Geistlicher) an der Lebuinuskerk in Deventer nach.

Peter heiratet 1558 Elske Sweling (Sweelinck), 1562 kommt Jan Pieterszoon zur Welt, und 1564 zieht die Familie nach Amsterdam, wo Peter den Organistenposten an der Oude Kerk (damals noch Nikoilaikerk) erhalten hat. Bis zu seinem Tod 1573 ist Peter der Organist der Oude Kerk und bringt es zu Ansehen und Wohlstand.


Sein Sohn Jan Pieterszoon bekommt seinen ersten Unterricht mit Sicherheit auch vom Vater, ist aber bei dessen Tod erst elf Jahre alt. Der Nachfolger des Vaters stirbt nach wenigen Monaten im Amt, und schon jetzt scheint klar zu sein, dass als nächster Organist der Oude Kerk nur Jan Pieterszoon in Frage kommt, denn das Amt wird bis zur Übernahme durch ihn – irgendwann zwischen 1577 und 1580 – nicht neu besetzt.
Die Lehrzeit Jan Pieterszoons ist nicht komplett rekonstruierbar, aber er hat auf jeden Fall einige Zeit in Haarlem, Nachbarstadt Amsterdams und bedeutende Kulturmetropole, verbracht, wo er von Jan Willemszoon Lossy, Sänger und Instrumentalist an St. Bavo, unterrichtet wurde.
Jan und sein jüngerer Bruder Gerrit, der ein bekannter Maler werden sollte, nehmen später den Nachnamen der Mutter an – der eine schreibt sich Sweelinck, der andere allerdings meistens Sweling.


Jan Pieterszoon Sweelinck (wahrscheinlich von seinem Bruder Gerrit gemalt)


Ein kleiner Blick zwischendurch auf die Verhältnisse in den Niederlanden zu dieser Zeit kann nicht schaden:
Während des 16. Jahrhunderts tobt in den Niederlanden ein Bürgerkrieg mit vielen Todesopfern zwischen Protestanten und Katholiken. Bis zur Besetzung Amsterdams durch Wilhelm von Oranien (1578) unterdrücken die Spanier unter dem Herzog von Alba die Reformatoren. Danach ist es umgekehrt: Die Anhänger Roms können ihrem Glauben nur noch im Geheimen nachgehen, während die Calvinisten nach anfänglich eher liberaler Haltung einen sehr streng ausgerichteten Protestantismus institutionalisieren.
Am liebsten hätten sie auch alle Orgeln aus den Kirchen verbannt, doch da siegt der Kaufmannsgeist in Gestalt der weltlichen Obrigkeit: Da die Orgeln fast immer mit städtischen Mitteln finanziert worden waren, untersagt überall der jeweilige Rat deren Demontage. Während in den Gottesdiensten nun ausschließlich ohne Intrumentalbegleitung gesungen werden darf (ausschließlich Psalmen nach dem Genfer Psalter, eventuell noch einige Hymnen), erklingt die Orgel lediglich vor und nach der Liturgie. Allerdings werden von der weltlichen Obrigkeit bald öffentliche Orgelkonzerte installiert, die in keinem Zusammmenhang mehr mit religiösen Veranstaltungen stehen. Sweelinck hat jedenfalls während seiner gesamten Amtszeit keine einzige Note in einem Gottesdienst gespielt. Den ersten Gottesdienst mit Orgelbeteiligung gibt es in Amsterdam vermutlich erst wieder 1680, in anderen Städten hatte man früher damit begonnen (ab etwa 1630).

Man singt gern privat in Amsterdam. Überall entstehen Gemeinschaften von Sängern und wohl auch Sängerinnen, die mit neuer Literatur versorgt sein wollen. Möglicherweise spielt da die Sehnsucht nach der plötzlich abgebrochenen Tradition der katholischen Liturgie mit ihrer vergleichsweise abwechslungsreicheren musikalischen Gestaltung eine Rolle (aber das ist Interpretation).

Amsterdam erlebt sein ‚Goldenes Jahrhundert‘, es wird zur reichsten Stadt der Welt. Auch der Zusammenbruch der Tulpenspekulation ändert daran nichts, obwohl viele ihr Vermögen verlieren – auch Rembrandt erwischt es. Allerdings ist Sweelinck da schon seit etwa 25 Jahren tot.

In dieser Situation der Ungewissheiten und Umstürze zwischen 1577 und 1580 wird der katholisch erzogene Sweelinck städtisch bestellter und besoldeter Organist an der neuerdings calvinistischen Oude Kerk (oder auch Nikolaikerk). Er hat dort zwei vorzügliche Instrumente des Orgelbauers Hendrik Niehoff zur Verfügung.
Eine eindrucksvolle Arbeit Niehoffs ist im Wesentlichen erhalten: Das Hauptgehäuse der
Lüneburger St. -Johannis-Orgel (also ohne Rückpositiv und Pedaltürme) stammt von ihm, ebenso sind 11 Register Niehoffs ganz oder teilweise darin erhalten. Allerdings ist die Orgel heute in einem hoch- bis neobarocken Zustand, der die Bezüge zur Spätrenaissance völlig unterdrückt. Eine gründliche Restaurierung mit historischer Stimmungslegung ist ebenfalls überfällig.

Auch wenn er sich selbst kaum aus Amsterdam fortbewegt – daher der Spitzname ‚Hausmaus‘ –, kennt Sweelinck offensichtlich alles, was in der Welt der Musik irgendwie Bedeutung hat, von Portugal über Spanien und Italien bis zu französischen, deutschen und natürlich englischen Komponisten, auch wenn die neuesten, weiter entfernten Entwicklungen erst mit einiger Verspätung in den Niederlanden eintreffen. So bekommt man von den Umbrüchen im Italien der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert erst etwa 1615 etwas mit. Da der Generalbass sich aber offensichtlich schon schneller verbreitet hatte, druckt man die ältere italienische Vokalmusik jetzt mit b. c.-Bezifferung nach.
Eine Reihe englischer Glaubensexilanten hat es allerdings in die noch von den Spaniern dominierten katholischen Teile der Niederlande (Antwerpen vor allem) verschlagen. So gehören Peter Philips und John Bull zu seinen unmittelbaren musikalischen Nachbarn. Vielleicht ist es diesen Verbindungen auch zu verdanken, dass Sweelinck als einziger ‚Ausländer‘ Aufnahme ins Fitzwilliam Virginal Book findet.

Sweelincks weiteste Reise führt 1604 nach Antwerpen, wo Bull und Philips leben. Allerdings ist er im offiziellen Auftrag der Stadt unterwegs: Er soll bei Ruckers ein Cembalo für Amsterdam kaufen. Immerhin ist der reich bemalte Deckel des Instruments erhalten und kann heute im Rijksmuseum besichtigt werden.
Sonst bequemt er sich selten aus der Stadt heraus. Nur ein paar Orgelneubauten überprüft er als offizieller Gutachter in der näheren und selten weiteren Umgebung.
Die typische Frühbarock(oder doch Spätrenaissance-?)orgel der Niederlande ist heute nur noch in wenigen Exemplaren erhalten. Ein selbstständiges Pedal ist nur bei großen Instrumenten vorhanden und dann auch nur mit wenigen Registern zur c. f. –Führung; vor allem Trompete 8‘ und Flöte 2‘ sind dann wichtig. Das Rückpositiv wird gerade erst modern und verleitet möglicherweise zu mancher Echofantasie.

Inneres der Oude Kerk mit der großen Orgel im Hintergrund, die Sweelinck gespielt hat.



Da Sweelinck als Organist nicht reich werden kann, macht er es wie später Bach auch: Er nutzt seinen Ruf zur Rekrutierung zahlreicher Schüler. Kaum ein Komponist hat eine solche Wirkung erreicht wie Sweelinck. Bis ins 18. Jahrhundert hinein ist er in Hamburg noch als der ‚Organistenmacher‘ berühmt, denn Johann und Jacob Praetorius, Heinrich Scheidemann und Ulrich Cernitz werden von Sweelinck jahrelang unterrichtet und sind danach die musikalische Avantgarde in ihrer Heimatstadt.
Aber auch in anderen deutschen Städten werden seine Schüler tonangebend: Paul Siefert und Matthias Leder in Danzig, Jonas Zornicht in Königsberg, Melchior Schildt in Hannover, August Brücken in Berlin, Gottfried und Samuel Scheidt in Halle, Andreas und Martin Düben in Leipzig.

Am 16. Oktober 1621 stirbt Sweelinck, möglicherweise an den Folgen einer strapaziösen Reise zu einer seiner Orgelvisitationen, jedenfalls wohl recht unerwartet, denn er steckte mitten in der Arbeit. Er liegt an seinem Arbeitsplatz, der Oude Kerk, begraben.






Werke


Am besten und einfachsten folgt man der noch nicht komplett erschienenen neuen Gesamtausgabe der Werke durch die „Kononklijke Vereniging voor Nederlandse Musiekgeschiedenis“.


1. Musik für Tasteninstrumente (und Laute):
Fantasien und Toccatas,
Variationen über geistliche Melodien,
Variationen über weltliche Melodien und Tänze (+ Lautenwerke)
2. 50 Psalmen Davids
3. Zweites Buch der Psalmen Davids
4. Drittes Buch der Psalmen Davids
5. Viertes und letztes Buch der Psalmen Davids
6. Cantiones sacrae
7. Weltliche Vocalwerke und Vermischtes
8. Sweelincks Kompositionsregeln
9. Werkverzeichnis, Dokumente, Bibliografie
(1 bis 7 sind bereits erschienen)
Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 19:13
Weltliche Werke
Sweelincks älteste Kompositionen gehören zur weltlichen Vokalmusik. Italienisches Madrigal heißt sein Programm, und er bleibt mit beiden Beinen in der Renaissance.
1594 erscheinen 18 frz. Chansons, die hier – vor allem in den südlichen Niederlanden – abseits von Paris auch fast 50 Jahre nach ihrer Hochblüte noch sehr beliebt sind.
1612 folgen die „Rimes francoises et italiennes“, zwei- oder dreistimmige, vom Gehalt her leichtere weltliche Stücke, allerdings z. T. technisch sehr anspruchsvoll und auch in einer sehr gediegenen Kontrapunktik geschrieben. Dabei sind auch einige Bearbeitungen italienischer Madrigale (von Gabrieli, Marenzio, de Macqe u. a.), deren Stimmenanzahl Sweelinck stark reduziert, die erhaltenen Stimmen aber gewaltig ‚aufgebohrt‘ hat.

Wer diese wirklich hoch virtuosen und dabei doch sehr sanglichen Stücke in einer angemessenen Interpretation hören möchte, muss zu dieser Aufnahme greifen:


Geistliche Vokalmusik

Sweelincks geistliche Vokalmusik war keine Kirchenmusik, denn sie ist nie im Rahmen irgendeiner Liturgie erklungen. Im Gegensatz zu seiner Tastenmusik ist alles zu seinen Lebzeiten im Druck erschienen, was aber nicht immer mit ‚einwandfreier Quellenlage‘ gleichzusetzen ist, denn der hin und wieder enthaltene B. c. stammt nicht vom Komponisten, sondern ist eine editorische Zutat.
Wie die weltlichen Werke waren die geistlichen Kompositionen für den privaten Gebrauch der Bürger gedacht.

Die Psalmkompositionen
Als Sweelincks Hauptwerk darf wohl die Vertonung des Genfer Psalters gelten. 1604 erscheint sein erstes Psalmbuch mit 50 Psalmen im vorwiegend fünfstimmigen Satz. 1630 wird das zweite Psalmbuch mit lediglich 30 Psalmen gedruckt, 1631 das dritte mit ebenfalls 30 Psalmen. Die beiden Bücher enthalten eine Reihe achtstimmiger Sätze in höchster Vollendung. Das vierte und letzte Psalmbuch erscheint kurz nach seinem Tod und versammelt sehr unterschiedliche Kompositionen, vor allem wieder geringstimmige Sätze.

Cantiones sacrae
1619 erscheint eine Sammlung von 37 Motetten im Druck. Die Werke sind durchgehend fünfstimmig, aber kontrapunktisch nicht so anspruchsvoll wie Sweelincks Psalmen.

Mittlerweile sind drei CDs mit Sweelincks „Choral Works“ in unterschiedlicher Aufmachung erschienen. Es singt der Netherlands Chamber Choir unter jeweils anderer prominenter Leitung (Jan Boeke, Philippe Herreweghe, Peter Philips, William Christie, Ton Koopman, Paul van Nevel):
oder


Weitere Einspielungen erscheinen glücklicherweise häufiger. Sweelinck wird auch als Vokalkomponist wiederentdeckt. Empfehlenswert ist z. B. diese hier:


Wobei man sich schon vor Augen und Ohren halten sollte, dass eine möglichst kleine (also die solistische) Besetzung wohl dem am nächsten kommt, womit Sweelinck gerechnet hat. Es geht ja um das Singen im privaten Kreis, innerhalb der Familie oder bei bürgerlichen Gesangstreffen.
Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 19:27
Zeit seines Lebens und auch die nächsten 250 Jahre ist keine einzige Komposition
Sweelincks für Tasteninstrumente im Druck erschienen. Auch eigene Handschriften sind nicht erhalten, falls es sie je gegeben haben sollte. Die gesamte Überlieferung stützt sich auf Ab- oder besser Niederschriften seiner zahlreichen Schüler.
In vielen Fällen ist die exakte Zuweisung an Sweelinck deshalb nicht beweisbar, was sich wohl auch nicht ändern wird.

Aber nicht von der Hand zu weisen ist, dass Sweelinck offensichtlich erst im Alter von etwa 40 Jahren überhaupt begonnen hat, für Tasteninstrumente zu komponieren.
Am persönlichsten und einflussreichsten wird Sweelinck auf der Orgel und am Cembalo. Man merkt seinen Werken hier an, dass er nicht nur einen kompletten Überblick über Europas Tastenmusik seiner Zeit hat, sondern sie sich auch so einverleibt hat, dass daraus ein charakteristischer Personalstil wird, der auch wieder mit wenigen Stimmen Kontrapunktik bis zur Vollendung treibt.

Das gilt besonders für die Fantasien, die eher Fugen als freie Form sind. Hier kann man schon all die Techniken finden, die auch noch Bach begeistern –Vergrößerung, Umkehrung, Engführung u. dergl. mehr.

Sweelincks Toccaten sind ein eigenständiges Modell, eine Kreuzung aus venezianischer Toccata und englischem Klavierstil mit reichlich Kontrapunktik zwischen den geläufigeren Teilen. Sie gehören wohl am ehesten nur aufs Cembalo (bzw. Virginal), während die Instrumentenzuweisung sonst nicht immer einfach ist.

Am populärsten sind seine Variationswerke, die mit allen üblichen und einigen noch unüblichen Techniken die Melodie nicht nur variieren, sondern wie bei den Choralbearbeitungen der folgenden Orgelmeister den Text ausdeuten.

Hier gehört jetzt natürlich die Gesamtaufnahme der Sweelinckschen Kompositionen für Tastenistrumente durch ein niederländisches Konsortium höchster Güte hin:


Allein die Aufmachung ist schon preiswürdig. Selbst das Beiheft ist ein 200 Seiten starkes Hardcoverbuch mit Lesebändchen.
Sollte die Anzahl der CDs und der Werke verblüffen, muss man wissen, dass hier alles, was je in Verdacht stand, von Sweelinck zu stammen, eingespielt worden ist. Man hört also mit Sicherheit auch Stücke, die nicht von ihm komponiert worden sind (und von denen man das stark annimmt).
Spieler und Instrumente sind bestimmt nie besser zusammenzubekommen:

CD 1: Leo van Doeselaar & Peter van Dijk
Leiden, Pieterskerk(van Hagerbeer, 1643)


CD 2: Bernard Winsenius
Alkmaar, St. Laurentius, kleine Orgel (Hans von Koblenz, 1511)
und
Amsterdam, Nieuwe Kerk(Schonat, 1655)


CD 3: Freddy Eichelberger & Liuwe Tamminga

Cuijk, St. Martinus(Severin, ca. 1651)
und
Pistoia(Hermans, 1664)


CD 4: Reinhard Jaud & Stef Tuinstra
Innsbruck, Hofkirche (Ebert, 1558)
und
Tangermünde, St.Stephan(Scherer, 1624)


CD 5: Bert Matter & Vincent van Laar
Zutphen, St. Walburgiskerk(Bader, 1643)
und
Norden, St. Ludgeri(Schnitger, 1687)


CD 6: Vincent van Laar & Peter van Dijk
Pilsum, Kreuzkirche (Grotian, 1694)
und
Wijk, Grote Kerk(Kiespenning, ca. 1615)
und
Blessum, Mariakerk(Hervormde Kerk) (Meijnert, 1659)
und
Sassenheim, Hervormde Kerk(Dorpskerk) (Goltfus, 1657)

CD 7:
Pieter Dirksen (Ruckers(1620)-Kopie von Nunez)
Bob van Asperen (Ruckers, 1640, Graf Landsberg-Velen)

CD 8:
Menno van Delft (Ruckers, 1640, Graf Landsberg-Velen)
Siebe Henstra (Ruckers(1637)-Kopie von van Gelder)

CD 9:
Glen Wilson (Ruckers, 1640, Graf Landsberg-Velen)
Pieter-Jan Belder (Ruckers, 1640, Graf Landsberg-Velen)
Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 19:30
Gerade von Sweelincks Musik für Tasteninstrumente gibt es inzwischen so viele Einzelaufnahmen, dass es sich lohnt, die eine oder andere hervorzuheben.

Besonders gut haben mir bisher gefallen:
Robert Wooley mit zwei CDs an der Hagerbeer-Orgel der Pieterskerk, Leiden, (siehe CD 1 der Gesamtaufnahme) und Cembalo (nach Theewes) sowie Virginal (nach Ruckers).





Die Instrumente sind wunderbar, und Woolley spielt ein wenig beherzter als die Lordsiegelbewahrer der Gesamtaufnahme.

wird fortgesetzt
Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 21:27
Hut ab, Herr Prof. Dr. Feinfinger :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :umfall:
Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 21:57
Wäre Sweelinck nicht besser im Renaissance-Forum unterzubringen? Er ist die gleiche Generation wie Dowland und Brade, die dort sind ...
Monteverdi andererseits ... wie schätzt Du den Organistenmacher ein? Wohl wie Monteverdi eine Übergangsfigur.
p.s. Durch die Neugliederung des Forums eine obsolete Frgae.
Unbekannt Dienstag, 4. Mai 2010, 23:33
Danke für den Thread, das ist eine tolle Einführung! Das macht wirklich neugierig auf die Musik.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 06:19
Danke für die Blumen.

Wäre Sweelinck nicht besser im Renaissance-Forum unterzubringen? Er ist die gleiche Generation wie Dowland und Brade, die dort sind ...
Monteverdi andererseits ... wie schätzt Du den Organistenmacher ein? Wohl wie Monteverdi eine Übergangsfigur.

Der Vokalkomponist Sweelinck ist der letzte große Renaissance-Meister der Niederlande.
Der Tastenmensch Sweelinck prägt die entsprechende Musik für die nächsten 50 bis 100 Jahre.
Angesichts seiner Schüler, die man ja auch vielleicht irgendwann einmal verhackstücken möchte, würde ich ihn lieber hier im Barock lassen.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 06:26

Eine sehr gute und zugleich günstige Gelegenheit zum Kennenlernen Sweelinkscher Orgelmusik bietet diese Naxos-CD. Zwar ist das Beiheft sehr spärlich ausgestattet, über die Orgel kann man sich aber hier informieren – ein wirklich bemerkenswertes Instrument mit viel (kopierter) Renaissance und Frühbarock im Bestand.
Christie spielt lebhaft, akkurat und sehr auf non-legato bedacht.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 07:45

Wobei man sich schon vor Augen und Ohren halten sollte, dass eine möglichst kleine (also die solistische) Besetzung wohl dem am nächsten kommt, womit Sweelinck gerechnet hat. Es geht ja um das Singen im privaten Kreis, innerhalb der Familie oder bei bürgerlichen Gesangstreffen.

Das gilt also auch für die Kirchenmusik? Gibt es Aufnahmen, die das so praktizieren?
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 08:16
Die Psalmkompositionen
Als Sweelincks Hauptwerk darf wohl die Vertonung des Genfer Psalters gelten. 1604 erscheint sein erstes Psalmbuch mit 50 Psalmen im vorwiegend fünfstimmigen Satz. 1630 wird das zweite Psalmbuch mit lediglich 30 Psalmen gedruckt, 1631 das dritte mit ebenfalls 30 Psalmen. Die beiden Bücher enthalten eine Reihe achtstimmiger Sätze in höchster Vollendung. Das vierte und letzte Psalmbuch erscheint kurz nach seinem Tod und versammelt sehr unterschiedliche Kompositionen, vor allem wieder geringstimmige Sätze.

Die ersten zwei Bücher der Psalmen gibt's bereits eingespielt von Gesualdo Consort Amsetrdam: s. be glossamusic.com:
http://www.glossamusic.com/glossa/artist.aspx?id=50


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 08:35
Die ersten zwei Bücher der Psalmen gibt's bereits eingespielt von Gesualdo Consort Amsetrdam


Was die Antwort hierauf wäre:

Zitat

Das gilt also auch für die Kirchenmusik? Gibt es Aufnahmen, die das so praktizieren?


Die anderen Aufnahmen sind nicht schlecht und die Chöre auch nicht riesig.
Aber sie erreichen weder das Flair noch die Kompetenz des Gesualdo-Consorts, das dazu eben in Kleinstbesetzung auftritt.
Vielleicht wären La Chapelle Rhénane oder Cantus Cölln noch Kandidaten, aber bisher ist das Gesualdo-Consort ganz allein auf weiter Flur.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 08:37
Wir haben aber noch ein paar Tastenplatten vor uns:



Wie Christie spielt Rampe auch das berühmte „Balleth del granduca“ oder „Ballo del Granducca“ ein. Das stammt aber mit ziemlicher Gewissheit nicht von Sweelinck, sondern von Scheidt (was es ja nicht schlechter macht).
Rampe liest also auch nicht alles, was die Kollegen so rausfinden...

Jedenfalls bringt er eine Menge Klangwerk ins Spiel: Die Orgeln von Ostönnen (mit Bestand aus dem 15. und 16. Jh.) und Tangermünde (Scherer, 1624) sind ebenso dabei wie ein originales Ruckers-Cembalo (1637) und ein Virginal von Gheerdinck (1605) – beide aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Dazu kommen noch zwei Clavichorde (Kopien alter Instrumente).
Rampe geht gewohnt flüssig, aber nicht hektisch – wie es ihm schon einmal passieren kann – zu Werke. Langweilig wird’s hier jedenfalls nicht.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 08:43
... spielt ein wenig beherzter als die Lordsiegelbewahrer der Gesamtaufnahme.

Ich habe immer wieder in die Gesamtaufnahme reingehört, aber sie hat mich, im Kontrast zu Moroneys komplettem Byrd, um nur ein Beispiel zu nennen, über haupt nicht angemacht ...
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 09:50
Schoonbroodt nennt gleich diese ganze CD „Ballo del Granduca“:



Macht aber nix, er spielt dennoch großartig. Star der Aufnahme ist auch die Orgel, denn in St. Jacques in Liège (Lüttich) hat man es unternommen, aus den Resten einer ursprünglich großen und großartigen Renaissance-Orgel den Ursprung zu rekonstruieren.
Das Beiheft ist ganz informativ, für das Layout (kleine Schrift auf schwarz & klein gemustertem Hintergrund) sollte man es aber jemandem um die Ohren hauen.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 15:58
Guten Tag
CD 9:
Glen Wilson (Ruckers, 1640, Graf Landsberg-Velen)



Glen Wilson hat auf dieser




CD ebenfalls Claviermusik von Sweelinck -hier auf einem Ruckersnachbau von Henk van Scheevikhoven- samt einer Fantasie, die er Melchior Schildt zuschreibt, aufgenommen.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 21:24
Glen Wilson hat auf dieser

CD ebenfalls Claviermusik von Sweelinck -hier auf einem Ruckersnachbau von Henk van Scheevikhoven- samt einer Fantasie, die er Melchior Schildt zuschreibt, aufgenommen.


Daneben noch ein paar andere Sachen, die so nirgendwo sonst auftauchen.
Wenn man Sweelinck sammeln will, sollte man die Wilson-CD natürlich auch haben, denn schlecht ist sie gewisslich nicht.
Allerdings ist die Aufnahme ein bisschen hallig geraten, und er bleibt immer in der Nähe eines andante-Tempos. Bei den getrageneren Sachen passt das ganz wunderbar, aber ob Sweelinck sich alles so leicht phlegmatisch vorgestellt hat?
Wie gesagt, schlecht ist das alles nicht, bloß gefallen mir die anderen deutlich besser.
Unbekannt Donnerstag, 6. Mai 2010, 10:39
Dieselbe Orgel, die auch Schoonbroodt eingesetzt hat: Die Renaissance-Rekonstruktion in Liège.



Auf „Sweelinck - Der Organistenmacher“ versammelt Berben neben dem Lehrer auch Heinrich Scheidemann, Melchior Schildt, Dirck Sweelinck (Jan Pieterszoons Sohn) und Paul Siefert.
Die Raumklang-CD ist hervorragend aufgenommen; die Aufmachung ist sehr gelungen, und Berben spielt gnadenlos gut.
Auf Berbens begonnene Sweelinck-Gesamteinspielung bei Aeolus darf man sehr gespannt sein.
Unbekannt Donnerstag, 6. Mai 2010, 16:37
Dass Sweelincks Musik durchaus virtuos gespielt werden kann, beweist Noelle Spieth sehr eindrücklich auf dieser CD:



Dabei artikuliert sie ausgesprochen differenziert und übertreibt es auch nirgends mit der Schnelligkeit.
Sweelincks Hits sind fast alle versammelt: More Palatino, Onder een Linden Groen, Fantasia Chromatica, Malle Sijmen, Mein junges Leben hat ein End etc. pp. – Ballo del Granduca ist auch wieder dabei. :D
Zum Einsatz kommen zwei gelungene Kopien nach Ruckers und nach einem italienischem cembalo vom Beginn des 17. Jahrhunderts.
Unbekannt Donnerstag, 6. Mai 2010, 17:37
Auch für die Freunde der gepflegten Zimmerlautstärke gibt es eine sehr gute Sweelinck-CD:



Péter Ella spielt nicht wie von JPC behauptet Cembalo, sondern er traktiert ein sehr wohlklingendes Clavichord von Martin Pühringer, das einem Instrument von Donat, Leipzig, 1700 nachgebaut worden ist.
Clavichord bedeutet zwar automatisch leise, aber bei weitem nicht langsam, und so geht es hier ab und an ordentlich zur Sache.
Unbekannt Dienstag, 11. Mai 2010, 16:53
Auf einem Cembalo nach Ruckers, einem Virginal nach Couchet und einer Metzler-Orgel, die der Schonat/Müller-Orgel von 1658 der Amsterdamer Oude Kerk nachempfunden ist, spielt Anneke Uittenbosch Jan Pieterszoons greatest hits.



Sie spielt ausgezeichnet, die Instrumente sind eine Wucht, aber die Orgel verdient noch ein Extra-Sternchen.
Unbekannt Dienstag, 11. Mai 2010, 16:59
Ganz ähnlich in Intrumenten- und Repertoirewahl:

Roland Götz auf einer Ruckers-Kopie (Cembalo), einem Virginal nach flämischen Vorbildern um 1600 und einem Truhenörgelchen nur mit Gedackt 8'.



Götzens Spielweise ist wie immer jenseits von Gut und Böse, statt der Kleinstorgel hätte es vielleicht ein bisschen mehr sein dürfen, aber so kann man Sweelinck wenigstens auch mal putzig finden.
Unbekannt Dienstag, 11. Mai 2010, 17:09
Und zum (vorläufigen) Schluss er mal wieder:



Masaaki Suzuki spielt an einer Orgel, die Marc Garnier 2002 für die reformierte Kirche in Kobe (Japan) gebaut hat.
Das Instrument orientiert sich an europäischen Vorbildern aus der Renaissance - das Resultat klingt mit seinen vielen feinen und auch kräftigen Farben ausgesprochen überzeugend.
An den beiden letzten Stücken 'Allein Gott in der Höh sei Ehr' und 'Puer nobis nascitur' merkt man dann, dass Sweelinck auch Mitschuld an der kommenden deutschen Choralbearbeitung trägt.

Alle CDs kann ich wärmstens empfehlen. Diese hier sogar allerwärmstens.
Unbekannt Samstag, 5. Juni 2010, 18:16
Drittes Buch der Psalmen mit Gesualdo Consort bei Glossa erschienen!
http://www.glossamusic.com/glossa/reference.aspx?id=206

Unbekannt Mittwoch, 16. Juni 2010, 21:38
Hallo Hildebrandt,


Eine sehr gute und zugleich günstige Gelegenheit zum Kennenlernen Sweelinkscher Orgelmusik bietet diese Naxos-CD.


vielen Dank für den Tip. Die CD gefällt mir sehr.
Zuvor hatte ich von Sweelinck nur ein "De Profundis" auf CD, das mir nicht im Gedächtnis hängengeblieben ist - zu unrecht: Ich habe es eben gerade nochmal gehört (Interpreten: A Sei Voci / naive) - ein wunderschönes Stück der Spätestrenaissance.

Zitat

Der Vokalkomponist Sweelinck ist der letzte große Renaissance-Meister der Niederlande.


Eine direkte Linie zu den franko-flämischen Meistern läßt sich aber nicht herstellen (oder doch?), dazu ist Sweelinck wohl zu jung.

Viele Grüße,
Martin.