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Jan Ladislav Dusík (1760-1812)

Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 16:05
Jan Ladislav Dusík
deutsch: Johann Ludwig Dussek, auch Johann Ladislaus Dussek oder französisch: Jean Louis Dussek
* 12. Februar 1760 in Tschaslau (Čáslav) in Böhmen
† 20. März 1812 in Saint-Germain-en-Laye bei Paris



In seinem Artikel über Dussek im New Grove Dictionary of Music and Musicians stellte Howard Allen Craw 1980, nach zwanzig Jahren Beschäftigung mit dem Komponisten - er hatte 1964 seine Dissertation über Dussek an der University of Southern California vorgelegt und das heute noch gültige Werkverzeichnis erstellt - ernüchtert fest, er sei ein immer noch ein ungerechtfertigterweise vernachlässigter Komponist. Andreas Staier, der 1993 bis 1995 drei CDs mit Werken Dusseks einspielte, musste in seinen sehr lesenswerten Kommentaren immer noch das gleiche konstatieren, und auch im Jubiläumsjahr 2010, wo es eigentlich den 250. Geburtstag zu feiern gilt, sucht man vergeblich seine Werke in Konzertprogrammen oder Neueinspielungen. Von den bei Jottpeezee als lieferbar angezeigten CDs scheint gerade mal eine in diesem Jahr neu erschienen zu sein. Woran könnte dies liegen? Liegt es, wie Staier meint, daran, dass mehr als drei große Namen für die Zeit der Wiener Klassik - Haydn, Mozart und Beethoven - als zuviel angesehen werden? Wird hier ein erfolgreicherer, aber vemeintlich weniger qualitätvoller Konkurrent der drei großen abgestraft? Dussek ist ja nicht der einzige Komponist, der darunter zu leiden hatte: Clementi, Kraus, Kozeluh, Vanhal, Hummel, Brunetti, Mehul, Jadin ... eigentlich schade, dass die ungeheure Vielfalt der Musikszene jener Zeit noch immer nicht angemessen gewürdigt wird.
Dabei hatte Dussek das geschafft, was Mozart vergeblich versucht hatte, nämlich als Virtuose in Europas Metropolen gefeiert und dafür angemessen honoriert zu werden, hat ähnlich wie Clementi den Klavierbau seiner Zeit massgeblich beeinflusst (durch seine Kontakte mit John Broadwood, dessen Innovationen bis heute wirksam sind) und spieltechnisch Maßstäbe gesetzt - es führt sozusagen eine direkte Linie von C.P.E. Bach (den der junge Dussek in Hamburg besucht und möglicherweise dessen Unterricht genossen hat) über Dussek zu Field und Chopin. Dussek schöpfte aus den gleichen Quellen wie Haydn und Mozart und hat seine, manchmal ähnlich klingenden Resultate weitgehend ohne Kenntnis von deren Musik entwickelt und auf die sog. Romantiker sicherlich größeren Einfluß ausgeübt.

Seine Biografie kann man auf Wikipedia recht ordentlich beschrieben nachlesen, inclusive eines vernünftigen Werkverzeichnisses nach Craw, so dass ich mir das hier sparen kann und lieber auf empfehlenswerte Aufnahmen auf historischen Instrumenten und darauf zu hörende Werke eingehen möchte.
Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 16:21
Nur noch gebraucht erhältlich sind Andreas Staiers drei CDs der 1990er Jahre, mit klugen Kommentaren von ihm selbst, auf einem originalen Broadwood-Flügel gespielt, der optimal zu dieser eher auf dramatische Kontraste setzenden Musik passt. Das ist nicht so subtil wie der Klang eines Wiener Flügels (Wien ist interessanterweise die einzige europäische Metropole, in der Dussek nie aufgetreten ist), und die Musik ist mehr auf Virtuosität ausgerichtet als z.B. die Mozarts, der auf die technischen Geläufigkeiten eines Clementi oder Dussek durchaus neidisch gewesen sein könnte, und da gibt es Stellen, die strengen Kritikern zu nachlässig gestaltet sind, wenn er die geschmähten Quintparallelen stehen lässt oder alle drei Sätze des Konzertes op. 22 in der gleichen Tonart B-Dur schreibt; über die Fuge am Anfang der zweiten CD hätte Bach eher gelacht, meint Staier ... aber da ist so viel an tiefer Empfindung und so weit von den manchmal in technischen Leerlauf ausuferndern Virtuosen des späten 19. Jahrhunderts entfernt, deren Urvater Dussek in mancher Hinsicht war, dass man sich mehr von diesem Komponisten wünscht.

Bis es mehr gibt, bieten Staiers Aufnahmen eine ausgezeichnete Einführung - seine kleinen Eingriffe in den Notentext hat er begründet und benannt und spielt mit herrlichem Engagement. Das g-moll Konzert op. 49 lässt den Hörer berauscht zurück ... längst nicht so ausgefeilt konstruiert wie die Beethovens, eher schon eine Vorwegnahme Chopins, aber doch von interessanterer Orchesterbehandlung.

Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 16:31
Die Klaviertrios in der Einspielung des Trio 1790 bieten ebenfalls eine gute Gelegenheit, Dussek kennenzulernen und stehen gleichberechtigt neben denen von Kozeluch, Just, C.P.E. und Johann Christian Bach und Haydn, die das Trio bedacht hat.

Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 16:33
Diese einzige Neuerscheinung des Jubiläumsjahres soll auf historischen Instrumenten eingespielt sein, aber ich kenne das Camesina Quartett noch nicht:

Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 16:36
Sicherlich HIP sind diese Aufnahmen von Werken für Harfe und Klavier mit Masumi Nagasawa & Richard Egarr oder Derek Bell & Joanna Leach:

Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 16:46
Die Klaviertrios in der Einspielung des Trio 1790 bieten ebenfalls eine gute Gelegenheit, Dussek kennenzulernen und stehen gleichberechtigt neben denen von Kozeluch, Just, C.P.E. und Johann Christian Bach und Haydn, die das Trio bedacht hat.



Diese CD ist in der Tat phantastisch. Besonders liebe ich den Variationssatz op. 24 Nr. 3 über Paisiellos Nel cor piu non mi sento, welches auch Beethoven - allerdings für Clavier solo (WoO 70) - variierte.
Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 17:24
Ebenso famos wie die Trios ist das Klavierquintett op. 87 (mit Kontrabass), das es sehr schön gespielt vom Nepomuk Fortepiano Quintett gibt:



Dusseks Quintett habe ich heute nachmittag noch einmal angehört: eine leidenschaftliche Musik, die mehr gleichberechtigte Rollenverteilung zwischen Klavier und den Streichern zeigt, als man von einem ausgebufften Virtuosen erwartet. Riko Fukuda spielt ein Kirckman-Fortepiano - nicht unlogisch, denn solche Klaviere hat Dussek bei seiner Ankunft in London vorgefunden. Ich finde Dusseks Brillianz wesentlich abwechslungsreicher als manches von Mozart ...
Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 17:44
Vier Lieder mit Begleitung des Claviers befinden sich auf dieser wunderschönen CD Bohemian Songs:



Claron McFadden wird begleitet von Bart van Oort und singt aus Dusseks Feder:

Or che un istante
A che congiuri
Dolce speme, del ciel dono
Leggiarde ninfe

:music:
Unbekannt Samstag, 6. November 2010, 21:06
Malcolm Bilson, einer der Pioniere für Musik der Klassik auf historischen Klavieren, hat Dussek mit zwei seiner ebenfalls zeitweilig in London weilenden Kollegen kombiniert, Cramer und Haydn:

Unbekannt Sonntag, 7. November 2010, 17:11
Die Klaviertrios in der Einspielung des Trio 1790 bieten ebenfalls eine gute Gelegenheit, Dussek kennenzulernen und stehen gleichberechtigt neben denen von Kozeluch, Just, C.P.E. und Johann Christian Bach und Haydn, die das Trio bedacht hat.



Diese CD ist in der Tat phantastisch. Besonders liebe ich den Variationssatz op. 24 Nr. 3 über Paisiellos Nel cor piu non mi sento, welches auch Beethoven - allerdings für Clavier solo (WoO 70) - variierte.


Und ich bin der dritte im Bunde, der diese CD toll findet (vor ca. 2 Wochen erst kennengelernt)! Die 1790er kann man sicher blind kaufen. :yes2:
Auf die Staier-CD (Vol. 1) mit Dusík-Sonaten warte ich gerade noch.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 14. November 2010, 12:03
Ebenso famos wie die Trios ist das Klavierquintett op. 87 (mit Kontrabass), das es sehr schön gespielt vom Nepomuk Fortepiano Quintett gibt:



Dusseks Quintett habe ich heute nachmittag noch einmal angehört: eine leidenschaftliche Musik, die mehr gleichberechtigte Rollenverteilung zwischen Klavier und den Streichern zeigt, als man von einem ausgebufften Virtuosen erwartet. Riko Fukuda spielt ein Kirckman-Fortepiano - nicht unlogisch, denn solche Klaviere hat Dussek bei seiner Ankunft in London vorgefunden. Ich finde Dusseks Brillianz wesentlich abwechslungsreicher als manches von Mozart ...


Das Klavierquintett von Dussek ist übrigens das erste in der Besetzung Klavier-Streichtrio-Kontrabaß. Er begründete damit eine kleine Sub-Gattung, in der ihm in den folgenden paar Jahrzehnten einige Komponisten folgten (Cramer, Farrenc, Goetz, Hummel, Limmer, Onslow, Ries, Schubert). Die Uraufführung fand 1799 im King's Theatre in London statt, kurz bevor Dussek aus London floh.
Auch ich mag sein Klavierquintett gerne, es hat allerdings große "Konkurrenz" (z.B. auf der abgebildeten CD) von anderen schönen Klavierquintetten. Den Vergleich mit Mozart möchte ich eigentlich nicht anstellen. Jedenfalls ist und war KV 478 für mich das Nonplusultra der Klavierkammermusik im späten 18. Jahrhundert. Bei den Klaviertrios finde ich Mozarts Bedeutung nicht so groß; da sehe ich andere Zeitgenossen wie auch Dussek oder Kozeluch auf Augenhöhe.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 18. April 2011, 14:55
Die sehr gelungene Aufnahme von Kompositionen für Klavier und Orchester mit Andreas Staier und Concerto Köln ist wieder lieferbar:

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 02:16
Eines der Duos von Dussek für Klavier und Harfe haben übrigens Virginie Tarrête (Harfe) and Alain Roudier (Fortepiano) auf zwei originalen Érard-Instrumenten eingespielt, gibt es nur als Download:

Unbekannt Samstag, 14. Januar 2012, 14:05
Am 20. März begeht die Musikwelt den 200. Todestags Dusseks - oder eher nicht, wie bei seinem mehr oder weniger übergangenen 250. Geburtstag? Neuerscheinungen von Einspielungen seines immer noch nur teilweise wiederaufgeführten Oeuvres kann ich bisher leider nicht ausmachen ....