J. S. Bach: Die Markus-Passion – Endgültig verloren oder noch zu retten?
Als führender Musikwissenschaftler mit einem Fokus auf die Alte Musik betrachten wir J. S. Bachs verschollene Markus-Passion nicht nur als eine Lücke in seinem Passionen-Oeuvre, sondern als ein faszinierendes musikologisches Rätsel, das bis heute Gelehrte und Musiker gleichermaßen herausfordert.
Thematische Einführung
Die Markus-Passion von Johann Sebastian Bach, uraufgeführt am Karfreitag des Jahres 1731 (BWV 247), steht im Schatten ihrer berühmteren Schwestern, der Matthäus- und der Johannes-Passion. Während von diesen monumentalen Werken detaillierte Partituren und Stimmen erhalten sind, existiert von der Markus-Passion nur das Libretto. Die Musik selbst gilt als verschollen. Doch gerade dieser Verlust hat eine intensive Forschungs- und Rekonstruktionsarbeit angestoßen, die die zentrale Frage aufwirft: Ist Bachs Markus-Passion endgültig dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen, oder können wir sie durch musikwissenschaftliche Detektivarbeit und kreative Interpretation „retten“?
Historischer Kontext & Werkanalyse
Der historische Verlust und die Quellenlage:Die Markus-Passion BWV 247 wurde höchstwahrscheinlich am 23. März 1731 in der Nikolaikirche in Leipzig erstmals aufgeführt. Sie ist die einzige der drei bekannten Leipziger Passionen Bachs, deren Musik nicht überliefert ist. Es existieren keine autographen Partituren, keine Originalstimmen und keine Kopien aus Bachs Umfeld. Die einzige Primärquelle ist das Textbuch (Libretto) von Christian Friedrich Henrici, besser bekannt unter seinem Pseudonym Picander, welches im Rahmen seiner Sammlung „Ernst-Schertzhaffte und Satyrische Gedichte, dritter Theil“ (Leipzig, 1732) überliefert ist. Dieser Text ist die Grundlage aller Rekonstruktionsversuche und bietet den einzigen authentischen Einblick in die Struktur und den narrativen Ablauf des Werkes.
Bach und die Parodie-Praxis:Ein entscheidender Faktor für die Möglichkeit einer Rekonstruktion liegt in Bachs weit verbreiteter Praxis der Parodie (nicht im modernen Sinne, sondern als Wiederverwendung oder Neufassung bestehender Musik). Bach passte oft bereits komponierte Arien, Chöre und instrumentale Sätze aus weltlichen Kantaten oder Trauermusiken an neue geistliche Texte an. Für die Markus-Passion wird angenommen, dass Bach umfangreich auf Material aus seiner Trauermusik für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen (BWV 244a, die sogenannte „Köthener Trauermusik“, deren Musik ebenfalls weitgehend verloren ist, aber Picander auch das Libretto dazu verfasste) und/oder der Trauer-Ode BWV 198 („Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl“) zurückgegriffen hat. Beide Werke stammen aus der Zeit um 1729 und weisen thematische und strukturelle Parallelen zum Libretto der Markus-Passion auf.
Herausforderungen der Rekonstruktion:Die Rekonstruktionsversuche konzentrieren sich auf folgende Aspekte:
1. Chöre und Arien: Für diese Nummern können geeignete Parodievorlagen aus Bachs erhaltenem Œuvre (insbesondere BWV 198 und BWV 244a, aber auch andere Kantaten) mit dem Picander-Text in Einklang gebracht werden. Diese Zuordnungen sind oft überzeugend, basieren jedoch auf musikwissenschaftlicher Argumentation und Stilanalysen.
2. Rezitative: Dies ist die größte Herausforderung. Die erzählenden Rezitative, die den Evangelientext in direkter Rede vertonen, wurden von Bach mit hoher Wahrscheinlichkeit neu komponiert und sind unwiederbringlich verloren. Rekonstruktionsversuche hier reichen von Neukompositionen im Bach-Stil über die Adaption von Rezitativen aus anderen Passionen bis hin zum gänzlichen Weglassen oder Ersatz durch gesprochenen Text.
3. Turba-Chöre: Auch die Chöre der „turbam“ (der Volksmenge) waren in der Regel neu komponiert. Hier müssen ebenfalls stilistische Annahmen getroffen oder auf sehr freie Adaptionen zurückgegriffen werden.
4. Einleitungschor und Schlusschor: Basierend auf der Struktur der Matthäus- und Johannes-Passion sind diese Chöre essentiell. Für den Einleitungschor wird oft auf den Chor "Lass Fürstin, lass noch einen Strahl" aus BWV 198 zurückgegriffen, für den Schlusschor auf "Die Häscher aber nahmen Jesum" oder ähnliches Material.
Bedeutende Rekonstruktionsversuche:Seit den 1960er Jahren haben verschiedene Musikwissenschaftler und Komponisten versucht, die Markus-Passion zu rekonstruieren. Zu den bekanntesten gehören:
- Andor Gomme (1960er): Eine der frühen wissenschaftlichen Rekonstruktionen.
- Diethard Hellmann (1964/1999): Seine Version gilt als eine der einflussreichsten und wurde mehrfach aufgeführt und aufgenommen.
- Simon Heighes (1995): Eine weitere prominente Rekonstruktion, die den Einsatz von BWV 198 und BWV 244a stark berücksichtigt.
- J. A. St. John (2000): Eine jüngere Rekonstruktion, die ebenfalls auf umfassender Quellenforschung basiert.
- Andreas Fischer (2007): Eine sehr detaillierte und musikalisch fundierte Rekonstruktion.
- Ton Koopman (2005): Seine aufgenommene Version, oft als Referenzaufnahme genannt, stützt sich maßgeblich auf die Forschung von Jan. H. van Biezen und Cornelis P. van de Bor.
Bedeutende Einspielungen & Rezeption
Die Markus-Passion ist vor allem durch die Bemühungen führender Dirigenten und Ensembles der Alten Musik in der Aufführungspraxis lebendig geblieben. Die kritische Rezeption dieser Einspielungen unterstreicht die Komplexität und die fortwährende Debatte um die Authentizität:
- Ton Koopman & Amsterdam Baroque Orchestra & Choir (Erato/Challenge Classics): Eine der prominentesten und meistzitierten Einspielungen. Koopman verwendet die Rekonstruktion von Jan. H. van Biezen und Cornelis P. van de Bor, die sich stark auf BWV 198 und BWV 244a stützt. Diese Aufnahme hat maßgeblich dazu beigetragen, die Markus-Passion einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und die Diskussion um ihre Existenz zu befeuern.
- Philippe Herreweghe & Collegium Vocale Gent (Harmonia Mundi): Herreweghe präsentierte eine Version, die auf der Rekonstruktion von Simon Heighes basiert. Diese Einspielung zeichnet sich durch Herreweghes bekannte Sensibilität für Bachs Textvertonung und seine historisch informierte Aufführungspraxis aus.
- Masaaki Suzuki & Bach Collegium Japan (BIS): Auch Suzuki hat eine Rekonstruktion eingespielt, die seinen Ruf als herausragender Bach-Interpret festigt und eine weitere Perspektive auf die mögliche Gestalt des Werkes bietet.
- Roderich Kreile & Kreuzchor Dresden (Carus): Eine neuere Aufnahme aus dem Jahr 2018, die eine Rekonstruktion von Andreas Fischer verwendet und die musikalische Qualität dieser Werke unterstreicht.