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J. S. Bach: Clavier Übung III

Unbekannt Samstag, 14. November 2009, 11:13
Dritter Theil
der
Clavier Übung
bestehend
in
verschiedenen Vorspielen
über die
Catechismus- und andere Gesaenge,
vor die Orgel:
Denen Liebhabern, und besonders denen Kennern
von dergleichen Arbeit, zur Gemüths Ergezung
verfertiget von
Johann Sebastian Bach,
Koenigl. Pohlnischen, und Churfürstl. Saechs.
Hoff-Compositeur Capellmeister, und
Directore Chori Musici in Leipzig.
In Verlegung des Authoris


Die Reihenfolge, wie sie im Druck erschienen ist:

Praeludium Es-Dur; „pro Organo pleno“; ¢; BWV 552/1

Andere Gesänge (Missa brevis)

Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit – g-phrygisch; „canto fermo in soprano, a 2 Clav. e Pedale“; BWV 669
Christe, aller Welt Trost – g-phrygisch; „canto fermo in Tenore, a 2 Clav. e Ped.“; BWV 670
Kyrie, Gott Heiliger Geist – g-phrygisch; „à 5 canto fermo in Basso, con Organo pleno”; BWV 671
Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit – 3/4 G-Dur; „Alio modo. Manualiter“; BWV 672
Christe, aller Welt Trost – 6/8 C-Dur; „manualiter“; BWV 673
Kyrie, Gott Heiliger Geist – 9/8 G-Dur; „manualiter“; BWV 674

Allein Gott in der Höh' sei Ehr' – ¾; F-Dur „a 3, canto fermo in alto“; BWV 675
Fughetta super: Allein Gott in der Höh' sei Ehr' – 6/8; G-Dur „a 2 Clav. e Pedale“; BWV 676
Fughetta super: Allein Gott in der Höh' sei Ehr' – c; „Manualiter“; BWV 677

Catechismus-Gesänge
Dies sind die heil'gen zehn Gebot' – 6/4 G-Dur „Canto fermo in Canone, a 2 Clav. e Pedale“; BWV 678
Fughetta super: Dies sind die heil'gen zehn Gebot' – 12/8 G-Dur „Manualiter“; BWV 679

Wir glauben all' an einen Gott – 2/4 „In Organo pleno“; BWV 680
Fughetta super: Wir glauben all' an einen Gott – c „Manualiter“; BWV 681

Vater unser im Himmelreich – 3/4 „a 2 Clav. e Pedale“; BWV 682
Vater unser im Himmelreich – 6/8 „Alio modo. Manualiter“; BWV 683

Christ unser Herr zum Jordan kam – c c-Moll; „a 2 Clav. et Canto fermo in Pedale“; BWV 684
Christ unser Herr zum Jordan kam – 3/4 „Alio modo. Manualiter“; BWV 685

Aus tiefer Not schrei' ich zu dir „a 6. In Organo pleno con Pedale doppio“; BWV 686
Aus tiefer Not schrei' ich zu dir „Alio modo. Manualiter“; BWV 687

Jesus Christus unser Heiland – „a 2 Clav. e Canto fermo in Pedale“; BWV 688
Fuga super: Jesus Christus unser Heiland – „a 4 Manualiter“; BWV 689

Duetto e-Moll – 3/8; BWV 802
Duetto F-Dur – 2/4; BWV 803
Duetto G-Dur – 12/8; BWV 804
Duetto a-Moll – c; BWV 805

Fuga à 5; Es-Dur – „pro organo pleno“; ¢; BWV 552/2

(Die Reihenfolge ist aus Wikipedia übernommen, wurde aber ein bisschen aufpoliert.)

Erschienen ist dieser überhaupt erste Druck bachscher Orgelmusik 1739.

Geboten wird alles, was man auf der Orgel überhaupt anstellen kann. Schon das Präludium kommt als typischer Bach daher: Eine französische Ouvertüre als italienischer Konzertsatz mit drei verschiedenen Themen. Auf die zahlreichen Anspielungen auf die Trinität in BWV 552 muss man nicht gesondert eingehen. Die sind allgegenwärtig, so dass sie auch ein Blinder mit Filzbrille nicht übersehen kann. Die Fuge ist selbstverständlich eine überdeutlich dreigeteilte Tripelfuge. Anlässe für weitere Zahlenspielereien gibt es zuhauf.

Die Choralbearbeitungen kann man als Kompendium dessen lesen, was Bach – gerade als Orgelkomponist – möglich war. Wirkt die 6-stimmige Quasi-Motetten-Intavolierung mit Doppelpedal (c. f. im rechten Fuß, Kontrapunkt dazu im linken) „Aus tiefer Not“ wie eine Verbeugung vor den alten Meistern vom Schlage Scheidt, ist das große Trio über „Christ, unser Herr, zum Jordan kam“ ein Griff in die allerneueste Galanterieabteilung. Außerdem gibt es sämtliche Spielarten bachscher Kompositionskunst in allen möglichen Ausprägungen.

Natürlich gibt es einen riesigen Stapel an exegetischer Literatur zur Clavierübung 3. Zwei Fragen sind aber nie eindeutig oder endgültig beantwortet worden:
• Wofür sind die manualiter-Stücke in erster Linie gedacht?
• Welche Funktion haben die vier Duette?

Zieht man sich bei der ersten Frage auf die praktische Position zurück, dass Bach auch für die Kollegen, die nur ein kleines Instrument zur Verfügung hatten, etwas liefern wollte, liegt man wahrscheinlich nicht ganz falsch. Darüber hinaus kursieren Argumentationen, die diese Stücke der häuslichen Andacht – vielleicht sogar mit Cembalo – zuweisen wollen, während der ‚Rest‘ in die große Kirche gehört.

Zu den Duetten gibt es zahlreiche Verschwörungstheorien, die mit allen möglichen und unmöglichen Interpretationsversuchen Geheimnisse zu lüften versuchen, die womöglich gar nicht vorhanden sind. Handelt es sich um Interludien für die manualiter-Abteilung? Haben sie unentdeckte theologische Inhalte? Gehören sie überhaupt in den Zusammenhang? Worauf spielt man sie am besten?

Die Einspielungen sind Legion. Wobei mir eine wirklich schlechte noch gar nicht untergekommen ist. Was mich manchmal etwas stört, ist das Auseinanderreißen der Clavierübung 3 in manchen Gesamtaufnahmen, aber das ist Geschmacksache. Vorteil dieser Methode ist meistens immerhin die Verteilung auf verschiedene Instrumente, die der Unterscheidung – große-pedaliter-Stücke mit BWV 552 / kleine manualiter-Kompositionen mit den vier Duetten – Rechnung trägt.

Was man auf jeden Fall für eine gelungene Aufnahme braucht, ist „eine recht schöne und große Orgel“ (und vielleicht eine ebenso schöne kleine).
So, jetzt zeigt Eure Aufnahmen her und empfehlt sie.
Unbekannt Samstag, 14. November 2009, 12:00
So, jetzt zeigt Eure Aufnahmen her und empfehlt sie.
Dann fange ich mal an:



Diese Aufnahme entstand 1999 als Bestandteil der "Edition Bachakademie" von Hänssler zum Bach-Jahr 2000. Kay Johannsen spielt auf der Bielfeldt-Orgel (Baujahr 1736) in St. Wilhadi, Stade. Diese Orgel hat einerseits genug "Gravität" für die "grossen" Choralbearbeitungen, vermag aber andererseits auch intim genug für die Manualiter-Bearbeitungen zu klingen, die sonst des öfteren auf grossen Orgeln eher etwas "verloren" wirken. Die Aufnahmetechnik ist erstklassig, eine gelungene Balance zwischen "zu direkt" und "zu räumlich".

Bemerkenswert und mustergültig ist das umfangreiche Booklet: Hier findet man neben Informationen zur Orgel auch die Registrierung der einzelnen Stücke sowie ausführliche Erläuterungen zu den Choralbearbeitungen, die insbesondere den theologischen Hintergrund verdeutlichen.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 14. November 2009, 14:20
Guten Tag

ich habe diese



Einspielung der Clavier-Übung Teil III mit Francis Jacob an der von Bernard Aubertin erbauten Orgel zu St Louis de L'Isle in Paris. Schöne Orgel, gediegenes Spiel.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 14. November 2009, 20:32
Unbedingt hörenswert ist auch die Clavier-Übung Teil III aus dieser schlanken Box:



Weinberger spielt Präludium und Fuge Es-dur sowie die "grossen" Choralbearbeitungen auf der Treutmann-Orgel des Klosters Grauhof bei Goslar, erbaut 1734 bis 1737:

http://www.marktplatz-goslar.de/orgel/orgel.jpg

Von der Instrumentenwahl, der Interpretation und der Tontechnik her ist das die beste Aufnahme, die ich kenne. Leider gibt es sie nur noch im Rahmen der Gesamtaufnahme, die aber relativ preisgünstig und insgesamt sehr hörenswert ist.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 14. November 2009, 21:01
Ein meiner Meinung nach ideales Instrument für die Manualiter-Choralbearbeitungen ist dieses:

http://www.silbermann.org/orgeln/burgk.jpg

Von Gottfried Silbermann in der Schlosskapelle Burgk 1743 erbaut, hat diese kleine Orgel 12 Register, ein Manual und Pedal. Zu hören ist sie, gespielt von Johannes-Ernst Köhler, in dieser Gesamtaufnahme:



Die Tontechnik ist nichts für verwöhnte Ohren, diese Gesamtaufnahme entstand beim damaligen VEB Deutsche Schallplatten Berlin überwiegend in den 1960er Jahren. Köhlers Interpretation ist eher unauffällig-konventionell, die Orgel ist aber unbedingt hörenswert - solch ein Instrument mag Bach vielleicht vorgeschwebt haben...

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Dienstag, 17. November 2009, 15:04
Eine Aufnahme, die unbedingt mit in die erste Reihe gehört, ist diese:



Man wird sie auch für weniger bekommen können als dort.

Das Instrumentist trotz der nur 35 Register "eine recht große und schöne Orgel", gebaut von Ahrend, was genug zur Qualität sagt.
Radulescus Spiel ist makellos, fast modellhaft.

:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Donnerstag, 19. November 2009, 09:38
Keineswegs schlechter als die bisher Genannten:



Suzuki kann nicht nur Kantaten dirigieren. Er spielt auf der 2000 von Marc Garnier erbauten Orgel Tokyo National University of Fine Arts and Music (norddeutscher Barock, 77/V+P) recht zügig, aber präzise und regsitriert auch ausgezeichnet.
Auf dieser Aufnahme singt der Chor seines Bach Collegiums vor den jeweiligen Orgelbearbeitungen einen entsprechenden schlichten Choralsatz des betreffenden Liedes in Bachscher Aussetzung.

Auch :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Mittwoch, 25. November 2009, 07:17
Matteo Messori hat seine Brilliant-Einspielung an drei bestens geeigneten Orgeln aufgenommen:



Die meisten großen Stücke an der schon von Fugato oben gelobten Treutmann-Orgel im Kloster Grauhof bei Goslar, die meisten kleinen auf der einmanualigen Orgel des von Bach geschätzten Leipziger Universitäts-Orgelbauers Scheibe in Zschortau bei Leipzig und einige wenige große und kleine Bearbeitungen sowie eines der Duette auf der Trost-Orgel in Waltershausen.

Auf die etwas eigenwillige Agogik muss man sich einlassen: Jede Phrase kommt quasi mit Anlauf daher, beginnt langsam und wird in ihrem Verlauf dann rasch beschleunigt. Harald Vogel lässt grüßen.

Sonst ist das aber ebenfalls eine rundum empfehlenswerte Aufnahme:
:jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Sonntag, 6. Dezember 2009, 09:51
Eine weitere, wirklich sehr beachtenswerte Einspielung hat sich Wim van Beek an 'seiner' Schnitger-Orgel der Martinikirche Groningen zum 50. Dienstjubiläum selbst spendiert.

Aus den 50 Jahren Organistentätigkeit könnte man schließen, dass da ein langsamer, bedächtiger Bach zu hören wäre. Im Gegenteil: Mit ziemlichem Zug, dabei wunderbarer Registrierung – was bei diesem Instrument kaum Wunder nimmt – und trotzdem deutlicher, schöner Artikulation gehört die Doppel-CD unbedingt auch in die erste Reihe.

Man bekommt sie leider nur hier, und manchmal dauert es ein bisschen. Trotzdem wäre die Stiftung auch ein Fall für 'kleine und feine Labels', denn einige – nicht alle – der nur dort zu bekommenden CDs sind außerordentlich bemerkenswert.
Unbekannt Mittwoch, 16. Dezember 2009, 10:44
Zu der Jacob-Aufnahme, die Bernhard oben schon kurz vorgestellt hat, muss man noch etwas sagen:



Da ist die Orgel: Aubertin baut fast immer in einem historischen Stil. Hier hat er sich an Hildebrandts Naumburger Instrument orientiert – so schreibt er das jedenfall in einem Kommentar im Beiheft. Allerdings weicht das akustische Ergebnis doch ein wenig vom Original ab: Zum einen klingt alles sehr viel direkter als in der etwas halligeren Wenzelskirche, aber das mag auch wenigstens zum Teil an der Aufnahme liegen. Zum anderen mag man meinen, dass die 32'-Zunge im Pedal "Dulciane" ein eher diskretes Grummeln hervorbringt, aber das entpuppt sich als purer Euphemismus. Was man beim Einsatz des Registers um die Ohren gehauen bekommt, ist ein wahres Donnerwetter, das so kaum eine herkömmliche Posaune zustande bringt - Gravität, bis der Arzt kommt. :D
Ansonsten ist die Orgel ein wundervoll geratenes Werk mit zahlreichen, sehr charaktervollen Registern, die viele wunderbare Farben ermöglichen. Und die hört man dann auch gerne.

Und da ist Jacob: Er hat die Noten völlig neu gelesen und sich ganz offensichtlich überhaupt nicht von irgendwelchen Traditionen beeinflussen lassen. Das fängt bei der Tempowahl an, die bisweilen schockierend langsam gerät. Dabei kann er auch schneller spielen. Das tut er aber dann, wenn man es gerade nicht erwartet hatte. Er artikuliert immer sehr deutlich, manchmal überdeutlich, und lässt dem Hörer keine Chance, den c. f. zu überhören.

Im lobens- und lesenswerten Beiheft sind übrigens die kompletten Texte der Lieder abgedruckt.

Alles in allem eine gegen den Strich gebürstete Aufnahme, die man als Zweit- oder Kontrastaufnahme unbedingt im Schrank haben sollte.

:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Montag, 26. Juli 2010, 05:29
Wenn ich die Ankündigung hier, unter 27.8.2010, richtig lese, kommt demnächst eine Neuaufnahme der Clavier Übung III heraus, eingespielt an der Hildebrandt-Orgel der Wenzelskirche Naumburg (David Franke).

:wink:
Unbekannt Montag, 26. Juli 2010, 10:09
Wenn ich die Ankündigung hier, unter 27.8.2010, richtig lese, kommt demnächst eine Neuaufnahme der Clavier Übung III heraus, eingespielt an der Hildebrandt-Orgel der Wenzelskirche Naumburg (David Franke).

Ich denke, Du liest richtig - zu blöd, dass dies das einzige Wochenende im August ist, an dem ich nicht kann ... ;(
Unbekannt Montag, 26. Juli 2010, 11:49
Ist die gezeigte Brilliant SACD hybrid oder nur auf SACD Playern abzuspielen?

Die japanische harmonia mundi CD kriegt man bei cd.japan.co.jp für ca. EUR 25 zzgl Versand, also jedenfalls günstiger als bei Amazon. Würde mich aber wundern, wenn die auf Dauer nur in Japan erhältlich bliebe. (Staiers CPE Bach Recital hätte ich letztes Jahr um ein Haar in jp bestellt, dann kam es einige Monate später doch wieder in D heraus, in einer preiswerten Reihe)

JK jr.
Unbekannt Montag, 26. Juli 2010, 15:34
Ist die gezeigte Brilliant SACD hybrid oder nur auf SACD Playern abzuspielen?

Das ist eine Hybrid-CD mit Stereo Red Book, Stereo Super Audio und Multi-Channel Super-Audio Layer, läuft also auf einem CD-Spieler.
Auf www.sa-cd.net findet man meistens genauere Angaben.

Wegen der Radulescu-CD: Die Niederlassungen der Konzerne planen ihre Wiederveröffentlichungen auf den Kontinenten völlig unabhängig voneinander: Was in Japan neu herauskommt, muss es in Europa noch lange nicht geben und umgekehrt. Also spekulatives Risiko ...
Unbekannt Montag, 26. Juli 2010, 16:50
Ist die gezeigte Brilliant SACD hybrid oder nur auf SACD Playern abzuspielen?


"These SACDs can also be player [!] on CD players." Originaltext auf der Cover-Rückseite.
Unbekannt Mittwoch, 28. Juli 2010, 14:07


Jean-Patrice Brosse teilt die Stücke, wie oben schon als häufige Praxis erwähnt, in zwei Gruppen ein:
  • auf der großen Orgel der Kathedrale von St. Bertrand-de-Comminges spielt er BWV 552, 669, 670, 671, 676, 678, 680, 682, 684, 686, und 688, wobei er Präludium und Fuge von BWV 552 getrennt an Anfang und Ende der CD platziert, als Umrahmung
  • au dem Kroll-Cembalo spielt er die "kleinen" Choräle BWV 672, 673, 674, 675, 677, 679, 681, 683, 685, 687 und 689 sowie die vier Duetti BWV 802-805

So wie er diese Stücke auf dem Cembalo spielt, ist mir wie noch nie zuvor die Verwandschaft der Gestaltungsmethoden in Bachs Orgelwerken und der "weltlichen" Musik für Cembalo aufgefallen, die Elemente von französischen Ouvertüren u.v.a. - das spricht mich sehr an. Die vier Duetti sieht er wie eine Art Concerto grosso in vier Sätzen, er sieht da Solo- und Tutti-Passagen und macht das gut hörbar.
Die Orgel kennt Brosse wie seine Westentasche und spielt entsprechend, das grand jeu dieser Orgel ist typisch französisch-mächtig, aber die Transparenz bleibt im erforderlichen Mindestmaß erhalten. Ausgesprochen wunderbar kommt das Kyrie BWV 669, das er ganz schlicht mit zwei kontastierenden Registern für die beiden Stimmen ausführt (leider sind keine Registrierungen angegeben).

Morgen muß ich mal Weinberger zum vergleich hören ... danke für diesen Thread und die Anregung, das Werk mal wieder zu hören - ich habe diese CD schon viele Jahre, aber jetzt erst kann ich wirklich etwas damit anfangen. :thumbup:
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 13:48
Wenn ich die Ankündigung hier, unter 27.8.2010, richtig lese, kommt demnächst eine Neuaufnahme der Clavier Übung III heraus, eingespielt an der Hildebrandt-Orgel der Wenzelskirche Naumburg (David Franke).
Die CD ist inzwischen erschienen, aber merkwürdigerweise finde ich sie nicht bei JPC oder Amazon, dagegen beim Verlag selbst (Bestellnummer: MOT 13731 bei http://www.motette-verlag.de/).

:wink:
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 18:30
Die CD ist inzwischen erschienen


... und bestellt. :D
Unbekannt Samstag, 25. Dezember 2010, 13:20
Und: wie ist sie? Empfehlung? :wink:
Unbekannt Samstag, 25. Dezember 2010, 17:44
Und: wie ist sie? Empfehlung? :wink:


Natürlich.
Aber ein paar Haken und Ösen sind doch dabei.
Das Problem der Musik in der Wenzelskirche ist die Überakustik des leeren Raumes. Die Orgel steht auf der oberen Empore, und der Nachhall ist sehr groß.
Man kann sagen, die Aufnahme bildet diese Situation ziemlich genau ab. :D
Vielleicht hätte Franke sein Legato fallweise noch ein bisschen weiter zurücknehmen sollen.
Aufgewogen wird das durch die manchmal berückend schönen Registrierungen. Endlich einmal alle vier 8‘-Labiale des Rückpositivs als c.f.-Registrierung. Aber auch mal die Rohrflöte 8‘ alleine; oder die chorisch disponierten Labiale im Verein – wirklich „sehr edel“.
Manchmal bezieht sich Franke allerdings auf seltsam abgelegene Registrieranweisungen. Grignys Empfehlungen sind doch in jeder Hinsicht recht weit weg. Und auch die berühmt-berüchtigten Silbermannschen Züge passen hier für meinen Geschmack nicht 100%ig. (Silbermann mag ich sowieso nur, wenn genügend Hildebrandt dabei ist, was öfter der Fall ist, als man nachlesen kann. Darüber ein andermal mehr.)
Trotz- und alledem: Kaufen!

Unbekannt Sonntag, 10. April 2011, 18:12
Matteo Messori hat seine Brilliant-Einspielung an drei bestens geeigneten Orgeln aufgenommen:



Die meisten großen Stücke an der schon von Fugato oben gelobten Treutmann-Orgel im Kloster Grauhof bei Goslar, die meisten kleinen auf der einmanualigen Orgel des von Bach geschätzten Leipziger Universitäts-Orgelbauers Scheibe in Zschortau bei Leipzig und einige wenige große und kleine Bearbeitungen sowie eines der Duette auf der Trost-Orgel in Waltershausen.

Auf die etwas eigenwillige Agogik muss man sich einlassen: Jede Phrase kommt quasi mit Anlauf daher, beginnt langsam und wird in ihrem Verlauf dann rasch beschleunigt. Harald Vogel lässt grüßen.

Sonst ist das aber ebenfalls eine rundum empfehlenswerte Aufnahme:
:jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Diese Aufnahme lag seit Monaten hier herum, heute ist sie endlich im Player gelandet, und gefällt mir auf Anhieb sehr gut - wie Messori die Stimmen zeitweise sehr unabhängig laufen, an entscheidenden Stellen dann wieder synchron erklingen lässt, klingt in meinen Ohren fast wie improvisiert, sein Pedal swingt fast schon: danach klingt mir seine Agogik. Macht mir viel Spaß beim Hören, und das ist mir viel Wert, weil es mich zu tieferer Auseinandersetzung mit dem Werk motiviert.

Der Klang der Orgeln und wie sie aufgenommen wurden gefallen mir nebenbei bemerkt auch.
Unbekannt Sonntag, 10. April 2011, 18:19
Gibt es eine besonders empfehlenwerte Notenausgabe der Clavierübung III? - die fehlt noch im Bach-Fach meines Notenregals.
Unbekannt Montag, 11. April 2011, 12:12
Gibt es eine besonders empfehlenwerte Notenausgabe der Clavierübung III?


Der entsprechende Band der Neuen Bach-Ausgabe läuft leider unter 'vergriffen'. Vielleicht nach antiquarischen Exemplaren Ausschau halten?

Breitkopf & Härtel: Bach: Sämtliche Orgelwerke Band 6

Da die Clavierübung 3 ja als Originaldruck vorliegt, kann man bei einer Notenedition nicht allzu viel falsch machen.
BWV 552 gibts beim Laaber-Verlag auch als Faksimile.
Unbekannt Montag, 18. April 2011, 18:11
Hier, wie in den Thread "Auswirkungen der Bachschen Musik für Tasteninstrumente" herrschen schon beachtliche Begriffsverwirrungen.
- Für wen wurde Teil III der Clavierübung geschrieben? Bach gibt darauf eine präzise Antwort: für Kenner und Liebhaber dererlei Sachen "zur Gemüthsergötzung".
- Welche gottesdienstliche Funktion könnte Teil III gehabt haben? Ist es eine "Orgelmesse"? Gibt es gar eine "protestantische Orgelmesse"? Letztere Frage kann eindeutig mit NEIN beantwortet werden. Der reformierte Teil des Protestantismus hat die Messe de jure und de facto abgeschafft. Es verbleibt folglich nur mehr das Luthertum (die Kirche der Augustana invariata), welches die Messe nicht abgeschafft, sondern inhaltlich "gereinigt" hat. Funktional war alles beim Alten geblieben: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei.
Sehr früh hat Luther seine Vorstellung über den Ablauf der Messe zu Papier gebracht:
- "formula missae et communionis" (1523) Latein
- "von ordenung gottes dienst ynn der gemeine" (1526) Deutsch
Diese Ordnungen bildeten im gesamten lutherischen Bereich die Grundlagefür für die Gottesdienstformen, seien diese mitteldeutsch (Osiander et al) oder niederdeutsch (Bugenhagen et al). Sie waren alle konservativ, erlaubten in Grenzen "Lokalkolorit", und unterschieden sich von der römischen Messe durch die Einführung des deutschsprachigen Gemeindegesangs, deutsche Schriftlesung (ob gesungen oder nicht) und vor allem: die Einsetzungsworte mussten für alle verständlich laut und auf (Nieder)Deutsch gebracht werden.
Und wo bleibt da die Orgel? Neben vielerlei Lokalkolorit bestand ihre Aufgabe während der Messe: Spielen zum Ein/Ausgang, Präludieren zur Figuralmusik, Musik "sub communione". Ob die Gemeindchoräle durch Choralvorspiele eingeleitet wurden oder nicht, war regional, wenn nicht gar von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich. Regeln oder allg. Gesetzmäßigkeiten sucht man vergeblich.
Fast alle Kirchenordnungen haben Luthers Vorstellungen über den Gottesdienst wie folgt ausgelegt:
- die "formula missae" für Stadtkirchen, Stifte und Klöster: sie gingen davon aus, dass dort musikalisch geschultes Personal zur Verfügung stand, den liturgisch aufwendigen Gottesdienst ordnungsgemäß zu bedienen.
- die "Missa deutsch" für Land- und Dorfkirchen. Hier war das Latein vollständig durch das Deutsch ersetzt, für Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei standen gereimte deutsche Verse zur Verfügung.
Damit komme ich zu Teil III der Clavierübung zurück: für die Messe in den Stadtkirchen bestand nur ein sehr beschränkter Bedarf an derartiger Musik. Die Messe in Dorfkirchen hätte Bedarf gehabt, aber welcher Dorforganist konnte (auch schon damals) derartige Werke spielen, selbst wenn dafür geeignete Orgeln zur Verfügung standen?
Fazit:
- für den liturgischen Gebrauch hat Bach Teil III bestimmt nicht geschrieben, das Titelblatt sagt es deutlich aus.
- Die Bezeichnung "Orgelmesse" für dieses Werk ist widersinnig, spiegelt Wunschdenken wieder.