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Hildegard von Bingen - Posaune Gottes

Unbekannt Montag, 25. Januar 2010, 23:06
„Posaune Gottes“ – so hat Hildegard sich selbst einmal in einem Brief bezeichnet. Dieses Bild ist allerdings nicht in erster Linie musikalisch zu deuten. „Posaune Gottes“ – das hieß: hier leitet eine ihre Autorität direkt von Gott ab, hier traut sich eine, sogar Päpste und Kaiser ohne Umschweife und auf Augenhöhe zu kritisieren und zu ermahnen.

Aber der Reihe nach: Im Jahre 1098 als zehntes Kind der Freiherren von Bermersheim geboren, wird Hildegard bereits im Alter von acht Jahren in die Obhut eines Benediktinerklosters übergeben. Hier lernt sie Lesen, Schreiben, Liturgie und Gesang, sie wird in Bibelexegese, Philosophie, Astronomie, Naturwissenschaft und Musik unterrichtet. Schon bald wird sie von Visionen, Auditionen und göttlichen Offenbarungen ergriffen, die sie nur zögernd aufzuschreiben beginnt. Ihr erste Buch mit dem Titel Liber Scivias Wisse die Wege wird durch eine Kommission des Papstes Eugen III. als göttlich inspiriert anerkannt; Hildegard ist somit „von höchster Stelle“ in ihrer prophetischen Gabe bestätigt. Dies gibt ihr den Mut und die Autorität, sich als geistliche Führerin auch öffentlich zu betätigen. Hildegard unternimmt ausgedehnte Predigtreisen, sie gründet ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, dem schon bald darauf eine weitere Neugründung in Eibingen folgt. Im Laufe ihres achtzigjährigen Lebens veröffentlicht Hildegard zahlreiche Bücher und andere Schriften zu religiösen, aber auch medizinisch-naturwissenschaftlichen Themen. Ihre kosmischen Visionen wurden von Nonnen ihres Klosters illustriert und sind auch heute noch unmittelbar ansprechend.

Hildegard von Bingen komponierte auch, ihre Kompositionen dürften vor allem für den liturgischen Gebrauch der beiden von ihr geleiteten Klöster bestimmt gewesen sein. Neben dem geistlichen Singspiel Ordo virtutum (Ordnung der Kräfte) sind insgesamt 77 Lieder von ihr überliefert,auch die Texte dieser Lieder stammen aus ihrer Feder (ganz wunderbare Gedichte von poetischer Kraft). Mitte des 12. Jahrhunderts fasste Hildegard diese Lieder in dem Zyklus Symphonia harmoniae caelestium revelationum (Symphonie von der Harmonie der himmlischen Offenbarungen) zusammen. Diese Symphonia meint nicht nur den Zusammenklang von Stimmen und Instrumenten, sondern weist nach Hildegards Vorstellung auch auf den göttlichen Ursprung der Musik hin. Durch den Einklang von Seele und Körper, von Irdischem und Himmlischen können die Musizierenden eine Ahnung vom verlorenen Paradies bekommen und so in einen Zustand der inneren Harmonie gelangen. Die von Hildegard verfassten Liedtexte sind meist Loblieder auf christliche Heilige, Apostel und Märtyrer, hierbei spielen vor allem Frauen eine wichtige Rolle. So wenden sich insgesamt 15 Lieder an die Jungfrau Maria und dreizehn an die Heilige Ursula. Es handelt sich bei diesen Liedern um Antiphonen, Responsorien, Sequenzen und Hymnen, also frei gedichtete Texte, die an unterschiedlichen Stellen des Gottesdienstes gesungen werden, die Antiphonen vor oder nach einem Psalm, die – häufig im Wechselgesang - vorgetragenen Responsorien nach der Schriftlesung. Diese Musik ist sehr intensiv und raumgreifend, teilweise wird ein Tonumfang von zweieinhalb Oktaven durchschritten. Im Vergleich zum gregorianischen Gesang zeichnet sich Hildegards Musik auch durch eine Vielzahl von Verzierungen (Melismen) aus, die die Melodien umspielen. Ob die Lieder durch Instrumente begleitet wurden, ist nicht sicher, denkbar wäre die Begleitung durch eine Leier, aber auch durch eine Fidel oder Flöte.

Das Ensemble Sequentia hat eine Gesamtaufnahme der Kompositionen Hildegards vorgelegt. Die beiden CDs, die ich von dieser Gesamtaufnahme bisher besitze, gefallen mir ausgesprochen gut.



Neben den Gesangsstimmen werden hier auch Fidel, Harfe und Flöte eingesetzt – mir scheint das sehr stimmig zu sein. Zudem wird im Beiheft ausführlich auf Texte und Musik eingegangen. Und was haltet Ihr von dieser Musik?

Gruß, Carola
Unbekannt Montag, 25. Januar 2010, 23:42
Ich habe Sequentias Einspielungen komplett, das Ensemble mit einem Programm daraus auch live gehört - diese Gesamtaufnahme ist auch das Vermächtnis von Barbara Thornton, die kurz nach Abschluß des Projektes ihrem Krebsleiden erlag. Ihr geschickter, einfühlsamer weiblicher Zugang, gepaart mit der großen Sachkenntnis für die Musik des Mittelalters, die sie und ihr Partner Benjamin Bagby erarbeitet hatten, haben jeden Hauch von Kitsch verhindert und eine zeitlose Einspielung entstehen lassen. Ich habe seitdem nichts an Hildegard-CDs gehört, was in mir einen Kaufimpuls geweckt hätte.
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 09:19
Bei den Sequentia-Aufnahmen stören mich eigentlich die Instrumente: ob bei einstimmiger liturgischer Musik Instumente zu verwenden üblich war, ist meines Wissen zu bezweifeln. Mir gefällt auch daher die Aufnahme von Ensemble Organum am besten:
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 11:38
Bei den Sequentia-Aufnahmen stören mich eigentlich die Instrumente: ob bei einstimmiger liturgischer Musik Instumente zu verwenden üblich war, ist meines Wissen zu bezweifeln.

Wo hast Du das her? Ich habe gelesen, daß es möglich und üblich war, eine bis sogar alle Vokalstimmen durch Instrumente ausführen zu lassen - wie bei der Consort Music, wo es das Konzept des "whole consort" (nur Stimmen, nur Gambem, nur Blockflöten etc.) gegenüber dem des "mixed consort" gab (erklärt sich von selbst).
So ist man auch mit mehrstimmigen Vokalkompositionen verfahren. Ist sicher einerseits Geschmackssache, aber unüblich war das nicht; hing sicher auch davon ab, was man zur Verfügung hatte. Man konnte auch jederzeit Vokalstimmen durch Instrumente verdoppen oder mehr.
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 11:57
Wir sprechen ja jetzt über das Mittelalter. Dass in der Renaissance dann zunehmend auch Instrumente verwendet wurden, ist mir ja auch klar, das kam aber mW. erst mit der Mehrstimmigkeit. Wie auch immer: es ist mir irgendwie seltsam. Das ist als oob man Gregorianik mit Zithern und Fidelm begleiten würde: Hildegard hat ja vor allem Antiphonen komponiert. Ihre Stücke waren also streng in die mittelalterliche, klösterliche Liturgie integriert. Dabei kann ich mir nur schwer großes Instrumentarium vorstellen, aber ich mag mich vielleicht täuschen.
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 12:35
"Großes Instrumentarium" sicher nicht, aber es wurde in Hildegards Kloster auf jeden Fall musiziert und zu hohen Kirchenfesten dazu auch getanzt. Warum sollten also nicht auch in der Liturgie ein paar Instrumente zum Einsatz gekommen sein. Problematischer finde ich da schon, was Anonymous 4 macht, indem sie mehrstimmig singen - wenn auch nur in Quint- und Quartparallelen, wenn ich mich richtig erinnere.

Gruß, Carola
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 12:49
Ich kenne niemanden, der so sorgfältig über die Aufführungspraxis des Mittelalters recherchiert hat wie Benjamin Bagby und Barbara Thornton - wenn die das machen, hat das auch eine Grundlage.
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 13:11
Problematischer finde ich da schon, was Anonymous 4 macht, indem sie mehrstimmig singen - wenn auch nur in Quint- und Quartparallelen, wenn ich mich richtig erinnere.

Gruß, Carola
Singen in Organum gab's damals schon. Wie verbreitet das auf deutschem Boden war, weiß ich nicht. In England und Frankreich war singen mit Bordunstimme schon üblich.

Zitat

Ich kenne niemanden, der so sorgfältig über die Aufführungspraxis des Mittelalters recherchiert hat wie Benjamin Bagby und Barbara Thornton - wenn die das machen, hat das auch eine Grundlage.
Wie gesagt, schon möglich. Da bin ich kein Experte für. Es ist ja bloß ein subjektives Empfinden, dass das mich befremdet. Irgendwie klingt für mich das Ens. Organum überzeugender. Wissen kan ich ja nicht, wie man das damals gesungen hat.

:wink:
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 17:23

Zitat

Wo hast Du das her? Ich habe gelesen, daß es möglich und üblich war, eine bis sogar alle Vokalstimmen durch Instrumente ausführen zu lassen - wie bei der Consort Music, wo es das Konzept des "whole consort" (nur Stimmen, nur Gambem, nur Blockflöten etc.) gegenüber dem des "mixed consort" gab (erklärt sich von selbst).
So ist man auch mit mehrstimmigen Vokalkompositionen verfahren. Ist sicher einerseits Geschmackssache, aber unüblich war das nicht; hing sicher auch davon ab, was man zur Verfügung hatte. Man konnte auch jederzeit Vokalstimmen durch Instrumente verdoppen oder mehr.


Würde ich genauso sehen.
Hat dies nicht auch etwas damit zu tun gehabt, den Sängern zu helfen "tonrein" zu singen.

Ich kenne z.B. auch gregorianische Messen in denen bestimmten Stimmen von Gamben oder sogar von einem Serpent übernommen werden.
Zumindest haben die Interpretaten dass dann auch irgendwie begründet :whistling:

Wo das mit Sicherheit nicht üblich war, das war der Vatikan selbst, da mussten die Maestri di Capella noch bis weit ins 18. und 19. Jahrhundert (bis Heute wohl auch ? ) für a Capella im alten Stil komponieren. Hat der Vatikan nicht auch die Orgel bekämpft ?

Aber ich glaube auch, dass man in den Klöstern, gerade da wo Geld war, ordentlich was aufgeboten hat.


Mir sind die Aufnahmen mit dem Ensemble Sequentia übrigens auch am liebsten, ich habe diese beiden:





Aufnahmen anderer Ensembles haben mich nicht so vom Hocker gerissen.
Unbekannt Dienstag, 2. Februar 2010, 20:33
Kennt jemand diese Aufnahme?

Würdet ihr sie empfehlen?
Unbekannt Freitag, 24. Februar 2012, 17:41
Die Aufnahmen der Musik der Hildegard von Bingen mit Sequentia sind inzwischen auch in einer Box mit 8 CDs erhältlich, aber wenn kein Booklet dabei ist, wäre das nicht gerade ein Kaufempfehlung ...