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Digitales Archiv & Expertenwissen

Hildebrandts kleine Orgelbibliothek

Unbekannt Freitag, 9. Juli 2010, 09:42
Eine Frage in die Runde: Gibt es empfehlenswerte Literatur über Orgeln?

Zur Zeit bin ich dabei, mich durch Bachs Orgelwerk zu hören. In vielen CD-Booklets gibt es nähere Angaben über das Instrument, die Registrierungen usw. Allerdings bin ich auf diesem Gebiet so unwissend, daß ich sehr schnell an meine Grenzen komme und nichts mehr verstehe. Solche Erläuterungen wimmeln auch oft von Fachbegriffen, und etwa die Frage, was hier HIP ist und was nicht, wäre mir völlig unmöglich zu bestimmen.

Sehr grobe (und womöglich falsche) Vorstellungen habe über den Unterschied deutscher und französischer Orgeln.

Mir scheint, daß bei der Bewertung von Interpretationen Kenntnisse über das jeweilige Instrument wesentlich wichtiger wären als z. B. bei Streich- und Blasinstrumenten, auch bei Klavieren.

Also: Gibt es eine gute Einführung in der Art: Orgel für Dummies... ;) ? Was ist wichtig zu wissen?

:wink:
Unbekannt Freitag, 9. Juli 2010, 09:59
Wenigstens einer hat Interesse an einem solchen Thema bekundet, und so werde ich das gnadenlos als Vorwand ausnutzen, eine ganze Reihe von Büchern zu empfehlen (oder auch nicht).


Fangen wir mit dem Grundsätzlichen an.

Ein Buch, aus dem man viel lernen kann:



Meine zweite Auflage stammt aus dem Jahr 1972, wo man da jetzt angekommen ist, kann ich nicht sagen, aber es handelt sich um das absolut bewährte Standardwerk zum Thema.
Jeder, der wissen will, was hinter der Pfeifenfassade wirklich geschieht, wie das alles genannt wird, zusammengehört und funktioniert, ist hier richtig. Es gibt Überblicke über die Geschichte der Orgel (sehr knapp), vor allem aber Einblicke ins Technische (gut verständlich).
Zunächst sollte man es von vorn nach hinten durchlesen; später ist es ein nützliches Nachschlagewerk.
Kann man gut zum ersten Baustein einer kleinen Orgelbücherei machen.
Unbekannt Freitag, 9. Juli 2010, 12:57
[...] werde ich das gnadenlos als Vorwand ausnutzen, eine ganze Reihe von Büchern zu empfehlen (oder auch nicht).
Ganz humorlos: Toller Service! :thumbup: Dann werde ich erstmal die weiteren Folgen abwarten, bevor ich mich entscheide, womit ich einsteige.

Zitat

Es gibt Überblicke über die Geschichte der Orgel (sehr knapp) [...]
Wie knapp denn? Konkret: Gibt es Informatives über Neuerungen des 19. Jahrhunderts, konkret: in Frankreich?

:wink:
Unbekannt Freitag, 9. Juli 2010, 15:53
Gibt es Informatives über Neuerungen des 19. Jahrhunderts


Schon, aber das bezieht sich sehr aufs Technische (verschiedene Laden-, Ventil- u. Tarktursysteme vor allem).

Zitat

konkret: in Frankreich?


Ja, wo sammer denn? Welsche Romantik? :shock:
Ohne Jux: Worum gehts denn genau?
Unbekannt Freitag, 9. Juli 2010, 16:37
Ohne Jux: Worum gehts denn genau?
Nun, ob das "welsche Romantik" ist (falsches Forum? :hide: ): Die Bach-Edition, durch die ich mich gerade mit viel Gewinn höre, ist die (vermutlich) zweite Gesamteinspielung von Marie-Claire Alain (1978-80): Für mich hört sich das sehr klar, transparent, gut durchgestaltet und vor allem klangsinnlich an. Was mich hier interessieren würde: Folgt sie einer französischen Orgel-Ästhetik, z. B. in den Registrierungen, die ein deutscher Interpret (z. B. Gerhard Weinberger) ganz anders (deutsch?) vornimmt? Welche Rolle spielt die Wahl der Orgeln dabei? M.-C. Alain spielt auf:
  • Schwenkedel de la Collégiale de Saint-Donat (Drôme)
  • Marcussen de l'église Saint-Nicolas de Kolding (Dänemark)
  • Metzler de la Basilique de Mariastein (Schweiz)
  • Busch-Marcussen de la Château d'Augustenborg (Dänemark)
Da ich mit diesen Namen nichts anfangen kann (für meine unbedarften, aber offenen Ohren klingen die Orgeln ziemlich gleich), fände ich Literatur hilfreich, die dazu Näheres erklären kann.

Mich interessiert im übrigen Orgelmusik von Bach bis Messiaen, jedenfalls zur Zeit.

:wink:
Unbekannt Freitag, 9. Juli 2010, 18:25
Die Bach-Edition, durch die ich mich gerade mit viel Gewinn höre, ist die (vermutlich) zweite Gesamteinspielung von Marie-Claire Alain (1978-80): Für mich hört sich das sehr klar, transparent, gut durchgestaltet und vor allem klangsinnlich an.


Nun ja... :stumm:
In ihren Einspielungen ging MCA immer auf Nummer Sicher und kam mir reichlich zurückhaltend vor - live war das anders. :yes:


Zitat

Was mich hier interessieren würde: Folgt sie einer französischen Orgel-Ästhetik, z. B. in den Registrierungen,


Nein, sie bewegt sich auf dem Boden der hanseatisch-barock orientierten Orgel dieser (der Aufnahme) Zeit (= leicht falsch verstandener Schnitger-Typ).

Zitat

die ein deutscher Interpret (z. B. Gerhard Weinberger) ganz anders (deutsch?) vornimmt?


Weinberger sitzt an Originalinstrumenten und versucht auch (oder gerade) bei den Registrierungen, möglichst nahe ans Authentische heranzukommen - wenn man das so formulieren kann...

Zitat

Welche Rolle spielt die Wahl der Orgeln dabei? M.-C. Alain spielt auf:
  • Schwenkedel de la Collégiale de Saint-Donat (Drôme)
  • Marcussen de l'église Saint-Nicolas de Kolding (Dänemark)
  • Metzler de la Basilique de Mariastein (Schweiz)
  • Busch-Marcussen de la Château d'Augustenborg (Dänemark)


Das sind alles streng neobraock orientierte Instrumente norddeutscher Observanz, erbaut wahrscheinlich zwischen 1960 und 1980 (oder so). Mit Fronkraisch haben die herzlich wenig zu tun und wohl auch kaum irgendwelche passenden Register. Allerdings handwerklich und für ihren Typ absolute Spitzenklasse.

Zitat

Da ich mit diesen Namen nichts anfangen kann (für meine unbedarften, aber offenen Ohren klingen die Orgeln ziemlich gleich), fände ich Literatur hilfreich, die dazu Näheres erklären kann.


Das fällt alles noch unter die Ausläufer der Orgelbewegung.
Ihre dritte und letzte Aufnahme hat MCA dann auch konsquenterweise an historischen Originalen eingespielt (wenn ich mich nicht irre ohne nachzusehen).

Zitat

Mich interessiert im übrigen Orgelmusik von Bach bis Messiaen, jedenfalls zur Zeit.


Büschen viel auf einmal... :D
Unbekannt Samstag, 10. Juli 2010, 14:33


Ein gutes Konzept, knappe Texte, ordentliche Abbildungen und sogar eine CD mit Klangbeispielen – alles in allem eine prima Sache.

Wenn nur die vielen Fehler und Ungenauigkeiten nicht wären. Bei manchen Einträgen beschleicht den Leser sogar der Verdacht, dass die Autoren selbst nicht wissen, worüber sie da schreiben.

Idee prima, Ausführung völlig daneben - eines der peinlicheren Eigentore eines Verlages, dem so etwas eigentlich nicht passieren dürfte.
Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 18:16



Zur Interpretation der Orgelmusik Johann Sebastian Bachs
von Ewald Kooiman, Gerhard Weinberger & Hermann J. Busch.
Kassel, Merseburger, 1995. ISBN 3-87537-215-8

Wer seinen Senf, bevor er ihn hier oder sonstwo dazugeben möchte, ein wenig grundieren möchte, sollte sich dieses Buch aufmerksam durchgelesen haben.

In aller Kürze einfach die Kapitelüberschriften:
• Die Spielweise (Kooiman)
• Die Manual- und Pedaltechnik (Kooiman)
• Die Verzierungen (Weinberger)
• Orgeln um Johann Sebastian Bach (Busch)
• Der Gebrauch der Register (Weinberger)
• Der Gebrauch der Manuale (Weinberger)
• Die klangliche Darstellung der großen freien Werke (Weinberger)
• Die Ausgaben (Busch)
• Verzeichnis der Orgelwerke Johann Sebastian Bachs (Busch)
• Literaturverzeichnis
• Werkregister

Es gibt wenige Fragen, die hier nicht beantwortet werden – und zwar hochkompetent und auf dem nahezu neuesten Stand der Forschung.
Ganz egal, ob man das spielen möchte (oder muss) oder schlicht und einfach grundlegende Informationen zur Steigerung des Verständnisses sucht: Das nicht mal teure Buch ist ein must have – wie das auf neudeutsch heißt.
Unbekannt Dienstag, 13. Juli 2010, 07:04
Lieber Hildebrand,

vielen Dank für Deine Tips: Die Bücher über den Orgelbau (Adelung) und über Bach (Kooiman u. a.) habe ich eben über Fernleihe bestellt.

:wink:
Unbekannt Mittwoch, 8. Dezember 2010, 17:10


Lexikon der Orgel
Hermann J. Busch / Matthias Geuting (Hrsg.)
Mit einem Geleitwort von Ton Koopman
3., stark erweiterte und überarbeitete Auflage. 922 Seiten mit 154, z.T. vierfarb. Abb. Leinen mit Schutzumschlag. Ca. € 128,– (Subskriptionspreis für die 3. Auflage bis 30.6.2011, danach ca. € 148,–); (Instrumenten-Lexika 4); Laaber, 2010. ISBN 978-3-89007-508-2.


„Das Lexikon der Orgel verknüpft Darstellungen des Schaffens von Komponisten und Orgelbauern, Interpreten und Wissenschaftlern mit Sachartikeln aus den Bereichen Orgelbau, Orgelmusik und Orgelspiel. Dabei liegt das Augenmerk nicht nur auf dem Kircheninstrument und seiner Musik. Auch die Vorläufer und profanen Nebenlinien der Orgelentwicklung, von der antiken Wasserorgel bis zum Harmonium, von der Drehorgel bis zur Kinoorgel, werden behandelt, ebenso die elektronischen Orgeln, die seit dem 20. Jahrhundert entwickelt wurden.“

Das schreibt der Verlag auf seiner Homepage.

Der einzige Haken ist der Preis. Trotzdem ist dieses Schwergewicht jeden Cent wert.
Egal was man wissen möchte, hier findet man es. Allerdings sind in der MGG manche Stichwörter ausführlicher behandelt, und auch die Gewichtung und damit die Umfänge der Texte scheinen ein wenig von den Vorlieben der ansonsten untadelig kompetenten Verfasser beeinflusst zu sein.
Aber wie gesagt, hier findet man alles. Nur Karl Richter hat offensichtlich keine Gnade gefunden und musste draußen bleiben.
Allerdings kenne ich nur die 2. Auflage von 2008, vielleicht war K. R. ja der Grund für die Neuauflage. :D
Unbekannt Mittwoch, 8. Dezember 2010, 18:05
Eine wesentlich günstigere, aber natürlich auch knappere Möglichkeit zur umfassenden Information über das Instrument ist dieses hier:



Großes Gewicht liegt auf der Erläuterung der unterschiedlichen Orgellandschaften. Es gibt aber auch genügend Text zu technischen Sachverhalten, der vorchristlichen und mittelalterlichen Orgelgeschichte und zu allen möglichen Sonderformen.
Insgesamt sehr empfehlenswert, wenn auch schon wieder nicht mehr im Druck.
Die preiswertesten Angebote finden sich hier.
Unbekannt Freitag, 18. März 2011, 22:14
Beim Kronos-Buchversand gibt es aktuell zwei Pakete des Organ Yearbook zum Spottpreis:

The Organ Yearbook – Paket 1: Die Bände 16 bis 23
8 Bände mit zus. ca. 1.600 Seiten. Kart. (M)
Statt zusammen € 314,00 jetzt nur € 48,00


The Organ Yearbook – Paket 2: Die Bände 24 bis 31
8 Bände mit zus. ca. 1.600 Seiten. Kart. (M)
Statt zusammen € 352,00 jetzt nur € 58,00