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Händel und die Opera Seria

Unbekannt Sonntag, 2. August 2009, 13:53
Mittlerweile ist es ja fast nicht mehr so eine Sensation, das Händel eben nicht nur der allbekannte Oratorienkomponist gewesen ist, sondern den größten Teil seines Lebens der Oper gewidmet hat.
Doch aufgrund veränderten Geschmacks wurde sein Opernschaffen bis ins 20. Jahrhundert fast schon negiert. Als sei es ein Makel, dass sich das Genie mit der abgezirkelten Nummernopern abgegeben hat.
Die Opera Seria ist noch Heute sehr vorurteilsbehaftet – und auch das haben wir mal wieder Herrn Wagner zu verdanken, dessen polemische Äußerungen über diese Opernform wohl am bekanntesten sind.
In den 50er und 60er Jahren gab es zaghafte Versuche die Opern Händels wieder zu spielen.
Der Erfolg schien sich in Grenzen zu halten, ganze Partien mussten transponiert werden, da man keine Kastraten für die Titelpartien haben wollte und Frauen in Hosenrollen wohl auch nicht glaubwürdig erschienen.
Seit den 90er Jahren aber erleben wir einen wahren Händelopernboom, der glücklicherweise aber auch andere Barockopern andere Komponisten aus der unverdienten Versenkung entrissen hat.
Heute ist fast jede Oper Händels auf Tonträger zu haben, teilweise auch gleich in mehreren Einspielungen. Im Grunde kann man von einem richtigen Revival der Barockoper in unserer Zeit sprechen.

Am Lebensweg Händels und seinem Werk kann man allerdings sehr gut beschreiben und verstehen, was diese besondere Opernform eigentlich ausmacht.


Händel in Hamburg

Händel sollte ja bekanntermaßen als Jurist ausgebildet werden, nur interessierte es ihn kein Stück.
So nahm er seinen Abschied aus Halle und erreichte schließlich Hamburg als nächst größere Musikmetropole. Und Hamburg war in der Tat eine internationale Musikmetropole.
Das Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt hatte längst Berühmtheit erlangt.
Ein Haus das so prächtig und mit allen technischen Raffinessen der Zeit ausgestattet war – und das obwohl kein mächtiger Fürst den Auftrag dazu erteilte, es wurde von den Bürgern der Stadt finanziert.




Die Opern die hier gespielt wurden waren international, man scherte sich nicht um die Rivalität des französischen oder italienischen Geschmacks. Hier wurde gespielt was einfach gut war. Aber natürlich gab es nicht nur Importe aus Frankreich und Italien, einheimische Komponisten wurden selbstverständlich und recht häufig herangezogen.
Georg Conradi, Agostino Steffani, Rheinhard Keiser und später auch Mattheson, Telemann und Händel selbst.
Doch diese Opern hatten eine Besonderheit – sie waren entweder in deutscher Sprache oder mehrsprachig verfasst.
Bei italienischen Opern z.B. wurden die Arien in der originalen Sprache belassen, die Rezitative jedoch wurden übersetzt.
Ähnlich war es auch bei französischen Werken.
Und schließlich entstand daraus die deutsche Symbiose: deutsche Rezitative, italienische Koloraturarien und französische Chöre und Ballets.
Charakteristisch ist auch die Marktschreierszene, die in eigentlich jedem hamburgischem Opernwerk auftaucht.

Händel fand eine Anstellung als Violinist und Cembalist am Opernhaus. In dieser Tätigkeit dürfte er unglaublich viel gelernt haben.
Und in diesem gemischten Stil komponierte auch Händel seine erste Oper, Almira.
Kompositorisch recht unelegant im Vergleich mit seinen späteren Werken – was er jedoch schon perfekt beherrschte war der französische Ballett-Stil.
Eine Sarabande aus dieser Ballettmusik taucht jedoch auch immer wieder in späteren Werken auf, wie z.B. die berühmteste Version „Laschia ch’io pianga“ aus Rinaldo.

Und in diesem Zusammenhang ist eine kleine Episode überliefert in der er dem Komponisten Steffani eine seiner Kompositionen vorlegte, dieser aber meinte: „Mein Freund das hat nichts mit italienischer Musik zu tun, das ist französisch.“
Andere Quellen berichten wiederrum, das der Ausspruch von Corelli stammte.


Händel in Italien

Vielleicht war es Steffani, der Händel geraten hatte nach Italien zu gehen.
Denn nur dort an Ort und Stelle konnte er den aufkommenden modernen Stil lernen.
Diese Reise unternahm er auf eigene Kosten. Von einem Risiko kann jedoch kaum die Rede sein, denn durch seine Opern in Hamburg hatte er bereits eine gewisse Bekanntheit.

Er machte Station in Florenz, Neapel, venedig und schließlich Rom
In Rom traf er dann auch mit Corelli, Lotti und den Scarlattis zusammen.
Händel hatte es anscheinend verstanden seine Netzwerke frügh genug aufzubauen und so folgte Konzert auf Konzert und innerhalb weniger Wochen war er als „Il Sassone“ berühmt. [/i]







Einige der berühmtesten Kompositionen Händels entstanden in dieser Zeit.
Das Oratorium „Il Trionfo del tempo i del disinganno” (1707) und das Dixit Dominus.
Die Aufführung seiner neuen Oper “Agrippina” (1709/10) bedeutete den endgültigen Durchbruch für den jungen Musiker.
Agrippina war eine Oper ganz im Stile Scarlattis.
Allerdings waren die Arien noch bestechender Kürze, so wie es um 1700 noch allgemein üblich war, aber der ständige Wechsel zwischen Rezitativ und Arie hatte sich längst etabliert.

In der darauf folgenden Zeit komponierte er in Rom. Doch da war die Aufführung von Opern verboten – allerdings gab es ja die Oratorien.
Papst Clemens XI hatte das Verbot nach einem schweren Erdbeben ausgesprochen, bei denen aber keine Todesopfer zu beklagen waren:







„Das keine Weibsperson bei hoher Strafe Musik aus Vorsatz lernen solle.
Denn man wisse wohl, dass eine Schönheit die auf dem Theater singen und dennoch ihre Keuschheit bewahren wolle, nichts anderes tue, als wenn man in den Tiber springen und doch die Füße nicht nass machen wolle.“





(O-Ton des Papstes)

Händel und andere Komponisten waren von dem Verbot nicht gerade begeistert und so kam es hinter verschlossenen Türen, z.B. in den Häusern des Kardinals Panfili und Ottoboni zu Aufführungen von Oratorien – aber eben mit Frauen.
Dummerweise kam heraus das Händel die Maria Magdalena in seinem Oratorium „La Ressurezzione“ von einer frau hatte singen lassen.
Jedoch konnte durch Vermittlung der mächtigen Kardinäle eine Bestrafung abgewendet werden.
In der weiteren Zeit in Italien entstanden noch die Oper „Rodrigo“ sowie die italienischen Kantaten, und die Serenata „Acis, Galatea e Polifemo“








1709 ereilte Händel dann der Ruf zum Kapellmeister am Hofe des Kurfürsten Georg von Hannover.

Die Italienreise war für Händel ein voller Erfolg. Das gelernte machte ihn nun zu einem international gefragten Komponisten.







Die Da Capo Arie – der Grundstein der Opera Seria

Der größte Vorwurf den die italienische Opernform zu ertragen hat ist die Unnatürlichkeit der Da Capo Arie – „Wiederholungsarie“
Wie kam man auf die Idee eine solch seltsame Form für eine Arie zu wählen ?
Entstanden ist die Da Capo Arie bereits im 17. jahrhundert – jedoch nicht als bereits geplante Form.
In den frühen Opern von Peri, Monteverdi und später Cavalli und Cesti fanden sich nur wenige Arien. Denn die Oper sollte ja vor allem eines sein, in Musik gesetzte Poesie – erst mit den öffentlichen Opernhäusern, zu denen auch schlichtere Gemüter zugelassen waren, entstand der Wunsch nach mehr Musik.
So wurde jedes „Lied“ mit Begeisterung erwartet und beklatscht – und wenn diese „Strophen - Aria“ besonders gefallen hatte, so wurde „Da Capo“ gerufen.

Aber wie sollte es anders sein, im Barock gibt man sich mit so platten Lösungen nicht zufrieden.
Und so entstand ein geniales und in sich vollkommen schlüssiges Model: die Da Capo Arie fußt auf den Regeln der antiken Rhetorik!

Die Oper hatte bald festgeschriebene Regeln, die einfach einzuhalten waren.
Nach einer einleitenden Sinfonia, deren Form wenige Jahre später die Entwicklung der Sinfonie nach sich ziehen wird, folgt ein ständiger Wechsel von Rezitativen und Dacapo Arien.
In den Rezitativen wird nach wie vor die Handlung der Oper vorangetrieben, diese Rezitative sind weiterhin dem Text untergeordnet und haben eine rein dienende Funktion.
Die Arien dienen allein der Illustration bestimmter Gefühle. Jedoch mutieren die Arien im Laufe des 18. Jahrhunderts fast zu reinen Spielfeldern der Stimmakrobatik der Starsänger – vor allem der Stimmkunst der Kastraten.



Der Aufbau der Da Capo Arie






Die Arie wird fast immer mit einem Orchestervorspiel eingeleitet, in der Rhetorik als Introducio bezeichnet (der Redner versucht das Interesse des Zuhörers zu finden)
Dann folgt das Thema der Arie, in der Rhetorik „Narratio“ genannt, wo ebenfalls das Thema vorgestellt wird.
Dann das Argumentatio, die Verteidigung seines Themas (In der Arie die Entwicklung des Themas)
Confutatio – der Redner entkräftet die Gegenargumente seiner Gegner, in der Dacapo Arie kommt nun der „B Teil“, ein musikalisch anderes Thema, das ebenfalls dazu dient Gegenargumente zu entkräften oder aber das eigene in Frage zu stellen.
Confirmatio – der Redner nimmt seine Argumente wieder auf, ebenso der Sänger, der nun wieder den A-Teil der Arie wiederholt, aber eben wie der Redner, mit Verzierungen und Erweiterungen ausschmückt.
Zum Schluss das Conclusio, hier setzt der Redner seine Schlusspointe oder das Finale, ebenso muss es der Sänger tun, indem er nun alles an Können und Stimmakrobatik aufweist. Dieses Conclusio, wie auch die Verzierungen im Confirmatio sind nicht in den Partituren notiert, es obliegt den Sängern, diese Dinge zur richtigen Zeit gekonnt zu improvisieren.

Dieses vergessene Wissen um die Rhetorik in der Barockmusik hat dazu geführt, dass man die Opera Seria als langweilig und unnatürlich abqualifizierte.
Jedoch haben neuer Forschungen und Interpretationen gezeigt, dass dem nicht so ist.




Händel in London


In England gab es bereits versuche die Oper zu etablieren, jedoch blieb es stets ein höfisches Amüsement, da die Bevölkerung diesem ständigen Gesang nichts abgewinnen konnte.
Robert Cambert, der ausgebotete Erfinder der französischen Oper hatte versucht hier Fuß zu fassen, auch Matthew Locke und John Blow schrieben kleine Opern – sogar in landessprache, jedoch ohne nennenswerte Nachwirkung.
In Mode waren nach wie vor die Masques, eine Mischung aus Theater, gesungen Passagen, Chören, Instrumentalmusik und Ballett.

Als Händel 1711 am Haymarket Theatre seine neue Oper „Rinaldo“ aufführte geriet diese Aufführung zum Überraschungserfolg, fast zu einer Sensation.
Der Erfolg dieser Oper war so berauschend, das es Händel vorzog nicht mehr nach Hannover zurück zukehren – ohne um Erlaubnis zu fragen.

Rinaldo ist bereits moderner komponiert als Agrippina, hier findet sich bereits das voll ausgebildete Schema der da Capo Arie, jedoch gelingt es Händel niemals den dramatischen Fluss zu unterbrechen, oder die Oper langweilig werden zu lassen. Er schiebt Duette ein, Accompagnato Rezitative, das im Gegensatz zum einfachen Rezitativ mit dem gesamten Orchester begleitet wird.

Der Opernboom war im vollen Gange und Händel komponierte weitere Werke, es folgten u.a. Teseo und Amadigi, die ähnlich erfolgreich waren.


Die englische Königin starb ohne Nachkommen, und zu Händels Ungunsten wurde sein alter Brötchengeber Georg von Hannover zum neuen englischen König erhoben.
Die Versöhnung mit der Wassermusik sei hier nur kurz erwähnt. (Zumal die Geschehnisse nicht wirklich belegt sind)
In der nachfolgenden Zeit folgte er seinem König jedenfalls ohne Eskapaden.
Bei einem kürzeren Aufenthalt in Deutschland komponierte er die Brockespassion.

Zurück in England wurde er Hauskomponist des Earl of Carnavon (der spätere Herzog von Chandos) Hier entstanden die ersten englischen Werke, seine Chandos Anthems, eine erste Version von Esther und Acis and Galatea (das später u.a. von Mozart neu instrumentiert wurde)






In London gab es derweil mit der Protektion des Königs ein neues Opernunternehmen, das King’s Theatre.
Und Händel wurde zum Direktor der Royal Academy of Music.
Händel begann eine kleine Reise zu unternehmen um Kastraten anzuwerben – den diese Sängerstars waren für die neuen Opern ein Muss.

Die erste Oper die mit großem Erfolg gegeben wurde war „Radamisto“ (1720) und es folgten bekanntere Werke wie „Giulio Cesare“ oder „Riccardo Primo“ die als Krönungsoper Georg II. komponiert wurde.


Der Niedergang der Opera Seria in London


Doch dieser Opernboom lockte auch andere Opernunternehmer nach London.
Die Opera of Nobility wurde gegründet.
Dort wurden allerdings andere Komponisten verpflichtet: Hasse, Porpora, Bononcini...

Händel hatte bereits Schwierigkeiten das Publikum bei Laune zu halten.
Ein ehemaliger Bekannter aus dem Dunstkreis des herzogs von Chandos, John Gay brachte mit seiner Opernparodie „The Beggar’s Opera“ Händels Opernunternehmen ins Wanken.
Der wirkliche Feind war jedoch das neue Opernunternehmen, das Händel nicht nur das Publikum abspenstig machte, sondern auch noch die Sänger abwarb.
Vor allem glänzte die Opera of Nobility mit Stars wie Farinelli.


Händel hatte bereits parallel immer wieder englischsprachige Oratorien aufgeführt, die mit großem Erfolg gegeben wurden. Jedoch gab er den Opernbetrieb nicht auf und aus den 1730er Jahren stammen vielleicht seine schönsten Opern überhaupt:
Alcina, Ariodante, Orlando und Xerxes.


Ganz London lag im Streit, der Zwist zwischen den beiden Opernhäusern entszeite nicht nur Musiker und Komponisten, sondern auch die königliche Famile.
Wärend der König Händel weiter unterstützte, schlug sich der Thronfolger, der Prince of Wales auf die Seite der Opera of Nobilty und protegierte sie.


1737 kam es zum endgültigen Bankrott und zwar für beide Unternehmen.
Händel erlitt einen Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen.
Jedoch verordnete er sich eine Art Rosskur und konnte sehr bald mit gewohnter Produktivität
An seine Kompositionen gehen.
Jedoch hatte es mit der Oper vorerst ein Ende.


Allerdings gibt es durchaus noch spätere Oratorien, die man durchaus als Opern bezeichnen könnte. Man denke nur an Semele.
Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens widmete er aber nun hauptsächlich dem Oratorium.





In jedem Fall sind Händels Opern absolute Meisterwerke unserer Musikgeschichte und es ist ein Glücksfall in einer Zeit leben zu dürfen, in der diese Schätze eine neue Wertschätzung erfahren.
Unbekannt Montag, 3. August 2009, 19:07
Hallo Matthias,

vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag zu Händels Opern!

Bisher hatte ich mich bei Händels Vokalmusik eher auf die Oratorien konzentriert (die ja bisweilen auch opernhaft sind).
Zumindest eine Händel-Oper habe ich allerdings in der Sammlung, und die hat mir wirklich gut gefallen: Rodelinda.
Die hat doch ein ernstes Sujet und ist somit auch der Opera seria zuzurechnen, oder? (bei Opern kenne ich mich nicht so gut aus)

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 3. August 2009, 19:19
eigentlich sind alle Opern Händels der "Opera Seria" zuzurechnen, wenn man unbedingt diese Schubladen haben will. :D

Ein Streitfall sind ja jene Werke wie Herkuless oder Semele, eigentlich Opern, weil mythologische Stoffe, aber teilweise wie Oratorien komponiert.





Rodelinda ist schon eine der schönsten Opern von Händel, sie fällt in die 2. große Phase der Opera Seria London (in den 1720ern).

Das war noch bevor die Opera of Nobility zuschlug, aber in dieser Zeit kam die Beggars Opera auf die Bühne (1728 ) und machte Händel das Leben schwer, ab da begann der Niedergang.

Es sind vor allem Radamisto (1720), Giulio Cesare (1724) , Ottone (1723) und Riccardo Primo (1727) die aus dieser Periode seines Opernschaffens herausstechen.



Glaub mir, wenn Du die Opern von Händel noch nicht kennst, dann steht es Dir erst bevor diesen genialen Mann und seine Musik kennen zu lernen :thumbsup:
Unbekannt Sonntag, 9. August 2009, 09:53
Almira, Händels Erstlingsoper, verdankt ihre Entstehung dem Umstand, dass sich Keiser, der Hauskomponist am Gänsemarkt, vorübergehend nach Weißenfels absetzte, um Schuldeneintreibern zu entgehen.
So hat sich der 19jährige Georg Friedrich die Notizen und schon fertig komponierten Teile der Almira geschnappt, denn eigentlich war Keiser schon mit dem Libretto beschäftigt, und seine erste Oper auf die Bühne gebracht. Keiser muss nach seiner Rückkehr nicht schlecht mit den Zähnen geknirscht haben.
Herausgekommen ist eine undeklarierte Koproduktion Keiser/Händel, die unter GFH läuft, aber da hatte der gute Händel selbst für seine Zeit ja stets auffällig wenig Skrupel. Es soll jedenfalls einen ganz schönen Krach gegeben haben.
Almira war vergleichsweise erfolgreich, dem nächsten Opernversuch Händels ging es schlechter, aber man schob die Schuld dem wirren Libretto zu.

Almira gibt es, soweit ich weiß, in nur einer Einspielung:



Das ist ganz nett, aber ich wenigstens brauche keine zweite. Ein paar Perlen, die auch einzeln auf anderen CDs auftauchen sind dabei, wobei ich jetzt nicht weiß, ob ich da Keiser oder Händel höre.
Unbekannt Sonntag, 9. August 2009, 14:27
Ich empfand Händels "Almira" als ziemlich ungeschliffen, vielleicht ist der Anteil von Keiser die Antwort warum :D

Denn mit Keisers Opern bin ich bis Heute nicht so wirklich warm.

Hier taucht wohl auch erstmals diese berüchtigte Sarabande auf, die Händel dann im Oratorium "Il Trionfo del tempo" und im Rinaldo (lacia ch'io pianga) nochmals verwurstete.

Ich lernte Händels Hamburger Oper bzw dessen Instrumentale Fragmente über diese CD kennen:


Händel in Hamburg
The Parley of Instruments

falls jemanden die Wassermusik nicht reicht, hier gibts noch 4 unbekanntere Suiten:

eine Suite aus besagter "Almira"
eine Suite die aus der Oper "Nero" stammen könnte
eine Suite aus "Florindo e Daphne"
und eine Suite aus Rodrigo
dazu gibts noch ein Oboenkonzert in g-moll


wenn man Händel scherzeshalber mal chronologisch entdeckt, dann ist die nächste Station natürlich die Oper "Agrippina" die ich in folgender Aufnahme besitze:


Agrippina
Capella Savaria / McGegan

Und das ist wirklich faszinierend, seit Almira ist das ein wahrhafter Quantensprung. Was muss die Italienreise für einen unglaublichen Einfluss gehabt haben - wenn man dann noch seine anderen Werke dieser Zeit hinzunimmt, "Il trionfo del Tempo" das "Dixit Dominus" und seine dramatischen Kantaten, dann kann man nur auf die Knie fallen - was für ein Genie!
Die Oper Agrippina hat auch keine Längen, nicht eine schwache Arie.
Natürlich gibt es hier noch keine "Reißer" wie später in Rinaldo, Giulio Cesare oder Alcina, aber das hier ist schon Händel vom Feinsten.

Kein Wunder, dass er mit dieser Oper schlagartig berühmt wurde und sich erstmal Monate feiern lassen konnte.
Bemerkenswert ist auch, das zu dieser Zeit diese monumentalen da Capo Arien noch eher Besonderheiten darstellen, die meisten Arien dauern kaum mehr als 3 Minuten.
Unbekannt Dienstag, 11. August 2009, 10:05

Agrippina
Capella Savaria / McGegan

Die Agrippina sah ich an der Oper Frankfurt. Vor allem William Towers als Ottone hat mich mit der Arie Voi che undite il mio lamento völlig getroffen und wie in Trance versetzt. Felice Venanzoni hat das ganze dann noch so schmerzlich, filigran, zerbrechlich und sanft dirigiert, das man sich des Mitleids für diese Figur nicht erwehren konnte. Diese Arie ist für mich der Höhepunkt der Oper. Die McGegan-Aufnahme befriedigt mich hier leider nicht so sehr wie ich dieses erschütternde Erlebnis in der Oper Frankfurt noch in Erinnerung habe.
Unbekannt Montag, 16. August 2010, 22:40
Hallo liebe die Barockoper liebende Forumsmitglieder,

die Barockmusik habe ich eigentlich durch Händels Opern entdeckt, denn das erste Konzert, das ich besuchte, stelle Hamburger Opern von Keiser, Telemann und Händel (Almira) vor.
Danach kam Agrippina und danach viele weitere seiner Opern...
Leider habe ich jetzt keine Zeit, ausführlich auf alle einzugehen, ein anderes Mal.

In der Tat ist es wichtig Händels Leben und sein Opernschaffen Hand in Hand dazustellen, aber wie groß und tief seine Leidenschaft und Hingabe zur Oper war, läßt sich in Worten gar nicht beschreiben. Er hat noch Opern auf die Bühne gebracht als sie keiner sehen wollte, und ich persönlich glaube, dass die Hinwendung zum Oratorium aus Not und Verzweiflung darüber erfolgt ist.

Über den Ursprung von Händels Liebe zur Oper wissen wir ja so gut wie gar nichts, aber ich glaube sie ist eher als in Hamburg entflammt. Vielleicht war Händel ja wirklich mit Telemann in Berlin und hat dort seine erste italienische Oper gesehen. Und in Weißenfels, wo ja sein Bruder arbeitete, wurden regelmäßig deutschsprachige Opern von Krieger und vermutlich auch von Keiser (der ganz in der Nähe geboren ist) gebracht. Ich denke mal, dass der jugendliche Händel da mal eine Aufführung gesehen hat. Aber das sind natürlich nur Spekulationen...
Unbekannt Dienstag, 17. August 2010, 23:19
Hallo!

Heute habe ich einwenig mehr Zeit und seit gestern ist mir die Idee gekommen, dass es eventuell sinnvoll ist, Händels Opernschaffen in vier Phasen aufzuteilen, die da wären:

Phase 1: Lehrjahre in Hamburg und Italien.

Keiser in Hamburg und A. Scarlatti in Italien werden zu Händels Lehrmeistern.
In Italien komponiert Händel 150 Miniaturopern, sprich Kantaten, und bekommt die Gelegenheit zwei Opern auf die Bühne zu bringen.
Meiner Meinung nach aber gibt es keine stichhaltigen Beweise, dass die italienischen Jahre Händel zu einem international gefeierten Komponisten gemacht haben. Die Biographen Händels haben diese Zeit vermutlich glorifiziert. Händel hatte als Protestant in Italien wohl einige Schwierigkeiten zu überwinden.

Phase 2: Etablierung in London (1710-1718)

London war ein Ort, an dem Händel seiner Leidenschaft für Italien und die italienische Oper frönen, gleichzeitig aber auch Protestant bleiben konnte. Die Begeisterung für alles Italienische in England war seine Chance und er nutzte sie. Gleichzeitig hatte er auch viel Kritik seitens der britischen Intellektuellen einstecken müssen, weil er sich mit englischen Texten schwer tat.

Phase 3: Royal Academy of Music, ersten Jahre (1719-1729).

Viele von Händels berühmten Opern entstanden in dieser Zeit; es gab ein festes Team; es gab Zusammenarbeit und auch befruchtende Konkurrenz. Neben Händel waren auch Bononcini und Ariosti für die Academy tätig. Das Ende kam meiner Meinung nicht primär durch die Beggar’s Opera, sondern durch eine Verkettung von Umständen:
-es kam zum Streit zwischen zwei Divas
-durch den Tod von Georg I. verlor die Adademy eine finanzielle und gesellschaftliche Stütze
-Bononcinis Plagiatsskandal führte zu einem Imageverlust der Academy

Phase 4: Second Academy of Music und danach (1729-1741).

Eine Zeit der Experimente und des wirtschaftlichen Überlebenskampfes:
Als Manager der neues Academy versucht Händel mit neuartigen Opern wie Ezio (Libretto des berühmte Dramatikers Metastasio) und Orlando der Oper neues Leben einzuhauchen, was am konservativen Publikum scheitert. Auch sein späterer Versuch, Elemente der Opera buffa vorzustellen, scheitern (Xerxes). Der Druck der Konkurrenz (Opera of Nobility) bringt Händel auch dazu, eine Ballettruppe zu verpflichten.
Unbekannt Mittwoch, 18. August 2010, 08:54
-Bononcinis Plagiatsskandal führte zu einem Imageverlust der Academy

Etwas OFF:
Ein Freund von mir, der recht bewandert in der italienischen Barockoper und der dazugehörenden Fachliteratur ist, will diesen "Skandal" anders sehen. Es sagt, Bononcini hätte eigentlich nichts von Lotti gestohlen, das alles wäre eben nur ein Skandal gewesen, hinter dem aber nichts gestanden habe (soetwas kennen wir auch aus unserer heutigen Zeit). Und Händel wäre im Entstehen dieses Skandals stark beteiligt.
Leider weiß ich näheres dazu nicht. Wie gesagt, ist das die Forschung eines Freundes von mir - was ich bisher dazu gelesen hab, bestätigt den Diebstahl von Bononcini.


Der Pointe: Händel hat aber eine Arie aus Bononcinis "Polifemo" (1703) in seine eigene Serenata "Aci, Galatea e Polifemo" (1708) ohne eine Veränderung, ungezeichnet übernommen. Seit es Aufnahmen von beiden gibt, kann man das leicht nachprüfen. :boese:

Händel war ohne Zweifel ein Genie, aber zum Charakterbild, gehört auch das... :stumm:

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 19. August 2010, 23:27
Was damals Plagiat war und was nichts, das wäre eigentlich eines eigenen Threads würdig. Dort könnten wir das Thema ausweiten.

Zum einleitende Text möchte ich nur noch eine ergänzende Bemerkung machen und mich dann in den Urlaub verabschieden.

Zitat

Dummerweise kam heraus, dass Händel die Maria Magdalena in seinem Oratorium „La Resurezzione“ von einer Frau hatte singen lassen.
Diese Frau war Margherita Durastanti, eine sehr gute und aufstrebende Sängerin. Von allen MusikerInnen und SängerInnen kannte sie Händel am längsten (1707-1733). An ihrer Vita und ihrere Karriere bin ich höchst interessiert und versuche so viele Informationen wie möglich über sie zu sammeln.
Unbekannt Freitag, 20. August 2010, 09:00
Guten Morgen

Zitat

Dummerweise kam heraus, dass Händel die Maria Magdalena in seinem Oratorium „La Resurezzione“ von einer Frau hatte singen lassen.
Diese Frau war Margherita Durastanti, eine sehr gute und aufstrebende Sängerin. Von allen MusikerInnen und SängerInnen kannte sie Händel am längsten (1707-1733). An ihrer Vita und ihrere Karriere bin ich höchst interessiert und versuche so viele Informationen wie möglich über sie zu sammeln.
Die Durastanti sang z.B. 1708 im Oratorium La resurrezione die Arie "Ho un non so che nel cor", die sie nahezu identisch in Text und Musik ein Jahr später als Arie der "Agrippina" in der gleichnamigen Oper sang :yes2:

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Freitag, 20. August 2010, 16:21
Und Händel wäre im Entstehen dieses Skandals stark beteiligt.
Leider weiß ich näheres dazu nicht.


Naja, das wäre auch nicht ganz unklug gewesen (von Händel). Schließlich konnte er nach Bononcinis Imageverlust diesen ausschlachten bis zum Abwinken :beatnik:
Unbekannt Freitag, 20. August 2010, 22:51
Guten Abend
Phase 3: Royal Academy of Music, ersten Jahre (1719-1729).

Viele von Händels berühmten Opern entstanden in dieser Zeit; es gab ein festes Team; es gab Zusammenarbeit und auch befruchtende Konkurrenz.

Mit welchen Bandagen sich auch Händels Libretisten Haym und Rolli untereinander bekriegten zeigt ein Brief von 1725 über Händels Libretist Nicola Haym:

" So schön die in England aufgeführten Opern in Hinblick auf die Musik und die Sänger sind, so abgedroschen sind ihre Texte. Unser Freund Rolli, der nach Gründung der Royal Academy zunächst damit beauftragt wurde, sie zusammenzustellen, schrieb wirklich gute Opern, aber nachdem er mit Direktoren in Streit geraten war, nahmen die einen gewissen Haym in ihre Dienste, einen Römer und Violoncellisten, der soweit es die Dichtkunst betifft, ein kompletter Idiot ist. Nachdem er frech aus dem Orchester zu den Höhen des Parnaß emporgestiegen war, ist er seit drei Jahren damit beschäftigt, die Libretti, die schon in ihrer Orginalform schlecht genug sind, adaptieren, oder vielmehr, sie noch schlechter zu machen ! "

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Sonntag, 5. September 2010, 23:14
Hallo Bernhard,

Danke für das Zitat. Ist der Verfasser dieses Briefs bekannt (oder habe ich da etwas überlesen)? Er schien Heym wirklich nicht leiden zu können. Berechtigt oder nicht?

Heyms Libretto "Giulio Cesare" gehört ja nun nicht zu den schlechtesten Arbeiten...oder irre ich mich da?
Unbekannt Montag, 6. September 2010, 14:49
Guten Tag
Danke für das Zitat. Ist der Verfasser dieses Briefs bekannt

Das Zitat stammt von einem gewissen Giuseppe Riva aus einen Brief an Ludovico Muatori (beide Namen sind mir kurzfristig nicht geläufig).

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 6. September 2010, 22:09
Guten Tag
Danke für das Zitat. Ist der Verfasser dieses Briefs bekannt

Das Zitat stammt von einem gewissen Giuseppe Riva aus einen Brief an Ludovico Muatori (beide Namen sind mir kurzfristig nicht geläufig).




Es gibt einen Aufsatz von Colin Timms, Music and Musicians in the Letters of Giuseppe Riva to Agostino Steffani (1720-27), erschienen in Music & Letters Vol.79-1, Seite 27-50 , aus dem ich auszugsweise zu Riva und Muratori (Muatori dürfte ein Tippfehler sein), zitiere:

"Although the name of Giuseppe Riva is familiar to students of music in eighteenth-century London, the man behind it is relatively unknown.(1) Having been secretary to the Modenese historian Lodovico Antonio Muratori from 1712 and acquired diplomatic experience in Bologna and Rome, he served as the Modenese diplomatic representative in London from 1715 to 1729, when he moved to Vienna. In London he was a prominent and active member of an Italian circle that included Giovanni Bononcini, the alto castrato Francesco Bernardi (known as Senesino), the librettist Paolo Rolli and others associated with the Royal Academy of Music.(2)

Den Auszug habe ich hier gefunden:

http://www.accessmylibrary.com/article-1…ns-letters.html

Der kpl Artikel ist kostenpflichtig. Riva ist demnach wohl ein intimer Kenner der Londoner Musikszene dieser Zeit.
Unbekannt Sonntag, 31. Oktober 2010, 20:52
Der umstrittene Rolli hat die neue Sängerin 1720, Margherita Durastanti (für die ich mich ja so interessiere), als "Elephant" "gepriesen":

"It is said for certain that Durastanti will be coming for the operas. Oh! What a bad choice for England! I shall not enter into her singing merits, but she really is an Elephant!" (Zitat aus dem englischen Wikipedia-Artikel).

Viele Freunde wird er sich damit wohl nicht gemacht haben...
Händel jedenfalls hat in den 20er Jahren fast nur Librettis von Haym (Ausnahme: Floridante, aber in dieser Oper trat M. Durastanti nicht auf) verwendet, aus welchem Grund auch immer.
Unbekannt Sonntag, 28. November 2010, 09:02
Ich hätte es ja nicht für möglich gehalten, dass man bei Händel Opern noch soviel an der Interpretation schrauben kann.

Ich habe mir vor einiger Zeit die Neuaufnahme des "Amadigi" unter Lopez-Banzo zugelegt.
Mit der etwas älteren Aufnahme unter Minkowski war ich allerdings sehr zufrieden, sie gehörte zu meinen Lieblings Opern von Händel.

Aber diese Aufnahme stellt alles in den Schatten:



:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Von der ersten bis zur letzten Szene ein Fest.
Bei der berühmten Arie "Pena tiranna" stockte mir fast der Atem - die Verzierungen im Dacapo sind überirdisch.
Der Schlusschor und das Ballett sind nochmal ein absoluter Ohrwurm und richtig zackig gespielt.

Das ist für mein Empfinden eine der besten Barockopernaufnahmen der letzten Zeit - wenn das Schule macht, dann her mit den Aufnahmen.
Ich hatte wirklich das Bedürfnis aufzuspringen und zu schreien - SO MUSS HÄNDEL KLINGEN !! :thumbsup:

Ich hoffe dass Lopez-Banzo mit seinem Ensemble noch viele weitere Aufnahmen machen darf...und man dafür - na ihr wisst schon wem :thumbdown: - das Handwerk legt.
Unbekannt Samstag, 18. Dezember 2010, 21:09
Liebe Duc, ich hoffe Du hast nichts dagegen, wenn ich diese unsere Diskussion im Judas Maccabaeus-Thread hierher transferiere. Sie bereichert ja auch diesen Thread.


Zitat

Mineva: "Das stimmt sicherlich im Allgemeinen, nicht aber konkret für Händels Publikum. Das war konservativ und hat Händel, der ja wirtschaftlich vom Publikum abhängig war, einige künstlerische Wege verbaut, sprich seine innovativen Tendenzen in "Orlando" oder "Xerxes"."

Zitat

Duc de Berry: "Das scheitern der Opern, gerade bei Händel, sehe ich aber aus einem anderen Blickwinkel, eben in dem Faktum, dass das Publikum übersättigt war.
Der Oper of Nobilty ging es ja nicht anders - nach einer Zeit glänzender Erfolge, mussten sie ebenfalls dicht machen.
Und Porpora oder Hasse waren wesentlich moderner als Händel, sie komponierten ja im Stil der damaligen Avantgarde und hatten teils größeren Zulauf als Händel.

Ich bin mir nicht sicher ob der Begriff "konservativ" so wirklich passend ist für das engl. Publikum.
Immerhin kamen hier auch relativ schnell Werke im neuen Mannheimer Stil in Mode.
Ich denke religiös geprägt trifft es eher."
Porpora und Hasse waren stilistisch die Avantgarde, änderten aber vom Aufbau nicht die Struktur einer Opera Seria (korrigiert mich, wenn ich da etwas falsch sage, ich bei ja relativ neu in diesem Sujet). In "Orlando" und "Xerxes" hat Händel jedoch strukturmäßig Elemente der Opera buffa einfließen lassen. Das war für das englische Publikum zu viel.

Aber natürlich hast Du recht, London vertrug zwei Operhäuser nicht - dazu gab es nicht genug an der Oper interessierte Adelige...

Ein paar Jahre später wollten sie die Oper wieder haben, aber in englischer Sprache. Das gab Händel ihnen nicht: er führte sogar "Semele" nur konzertant auf.
Für Händel musste eine Oper wohl in italienischer Sprache sein. Auf Englisch gab es nur Oratorien.
Unbekannt Sonntag, 19. Dezember 2010, 07:07
Es gibt eigentlich kaum eine Oper Händels, in der er sich an das Metastasio-Medell gehalten hat. Händel hielt sich weder daran, dass die Anzahl der Arien stimmte, noch dass es einen ständigen Wechsel zwischen Rezitativ und Arie gab. Er komponierte sehr häufig Ensembles und machte schließlich nach frz. Vorbild Chor und Ballett zum Teil der Handlung.
Wahrscheinlich sind auch seine Opern deshalb etwas besonderes und stechen aus den Werken der Zeit einfach heraus.
Mal ganz abgesehen, dass er sich selbst noch einen Auftritt als Tastenvirtuose jedesmal gönnte und ein Orgelkonzert erklingen ließ.
Die riesige Orgel war natürlich auf der Bühne zu sehen.
Leider ist das Instrument nicht erhalten, im 19. Jh. brannte das Theater aus und vernichtete die Orgel.


Komische Szenen sind in der Opera Seria in der Tat "verboten" dafür nutzte man ja dann später die Pausen zwischen den Akten.

Bei seinen letzten Opern, also alles was nach Alcina und Ariodante kam, hätte er eh alles machen können, weil das Publikum aus blieb.
Seit 1728 die Beggar's Opera aufgeführt wurde, hätte Händel Probleme sein Publikum zu finden.
1733 gründete der Prince of Wales die "Opera of Nobility" das brach Händel ganz klar den Hals.

Die Werke die in dieser Zeit entstanden sind allesamt Mißerfolge gewesen und lassen meiner Meinung nach auch die Genialität vermissen, die er z.B. in Amadigi, Rinaldo, Agrippina, Giulio Cesare, Radamisto, Riccardo Primo oder Rodelinda zeigte.

[/b]1728: Tolomeo / Siroe
beide Opern durchgefallen, Tolomeo bezeichnete man sogar als "schlechtes Stück"

[b]1729: Lotario
1730: Partenope
1731: Sosarme

(eigentlich Dionisio, re di Portugalo oder später 1732 Fernando) musste Händel zurückziehen und zweimal umarbeiten, wegen politischen Gründen, finanzielles Desaster)
1731: Poro, Re dell'Indie
(auch kein so großer Erfolg, Hasse hatte mit Cleofide auf das exakt gleiche Libretto in Dresden einen Sensationserfolg)
1731: Ezio
1733: Orlando
1734: Oreste
(ein Pasticcio)

alle Opern durchgefallen.

Allein durch das Auftragswerk vom Hofe "Parnaso in Festo" konnte er einen kleinen Erfolg verbuchen.

Dann komponierte er die beiden Opern "Alcina" und "Ariodante" die an die großen Erfolge der ersten beiden Jahrzehnte in London anknüfen.
Der Erfolg war aber sicherlich auch der Ballett-Truppe von Marie Salle zu verdanken.
Und dem Umstand, das Riccardo Broschi zuerst eine Oper auf das Libretto zur Alcina schrieb - die Neugier wer nun das bessere Werk schrieb, dürfte ebenfalls ein Grund gewesen sein. Die Partitur der Oper ist angeblich nicht erhalten, so dass uns dieser Vergleich wohl nicht vergönnt sein wird.


Alle Opern die danach noch kamen, sind wieder große Mißerfolge gewesen.



Ich würde mich dem Urteil des Londoner Opernpublikums gerne anschließen, allerdings finde ich die Oper "Orlando" zeimlich grandios.
Auch weil ich mittlerweile von der Thematik fasziniert bin.
Allerdings musst Du mir etwas auf die Sprünge helfen, wo gibt es im Orlando witzige Szenen ?
Ich finde die Oper ganz und gar nicht komisch (ist aber wahrscheinlich eine typisch männliche Sicht :D )
Unbekannt Sonntag, 19. Dezember 2010, 19:16
"Orlando" enthält tatsächlich Elemente der Opera Buffa, in der Figur der Schäferin Dorinda nämlich, die eigentlich unter Königinnen und Rittern, d.h. in einer Opera Seria, nichts zu suchen hat.
Und dann macht der wahnsinnige Orlando ihr auch noch einen Heiratsantrag...das konnte man damals im strengen Ständesystem entweder komisch oder als Beleidigung verstehen.
Dorindas Arie "Amor è qual vento" wirkt auch dementsprechend ziemlich volkstümlich (im Vergleich zu anderen Arien).
Celeste Gismondi war ja auch eine Opera buffa-erfahrene Sängerin.



In der Berliner Inszenierung im März wurden die tragikomischen Elemente der Oper sehr gut ausgearbeitet, in der Halle-Inszenierung weniger (die war aber auch in anderer Hinsicht für mich einwenig ärgerlich).

Was den Flop "Partenope" angeht, sehe ich mir den ja im Februar in Karlsruhe an, neben Ariodante (ja, ich fahre den weitern Weg, um zwei Opern zu sehen und natürlich wegen des Prospero-Treffens da). Ich bin also gespannt.
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 08:17
so streng habe ich das noch nicht gesehen, in der Oper des 17. jahrhunderts ist diese Standestrennung auf der Bühne eigentlich gar nicht vorhanden.
Im Ballett traten Fürsten sogar als Bettler oder Diebe auf (zynische Selbstkritik ? )

Wahrscheinlich empfand ich es bisher nie als Buffo-Element, weil ich Schäfer und Schäferinnen nie mit diesem Genre in Verbindung brachte, sondern eher mit der mythologischen Pastorale. Interessanter Gedanke.
Mir fallen da sofort noch extremere Libretti ein, z.B. Giustino, ein Kuh-Hirte wird zum König...

Ich definierte die Oper Buffa wohl auch anders, vielmehr als Gesellschaftskritik und stets mit einer realistischen Handlung - eben aus dem Leben gegriffen.
Könnte man natürlich auch im Orlando sehen, es war ja bestimmt nicht außergewöhnlich, dass sich ein Adliger in eine Bürgerliche verliebte.

Aber die zentrale "Message" ist für mich eher das Thema der unerwiderten Liebe und die Gefühle die sich daraus ergeben.
Wahrscheinlich eignet sich gerade auch deshalb das Thema so gut für Heutige Bühnen, weil das ständig wieder passiert und das jeder nachempfinden kann.


Allerdings vermute ich das Scheitern des "Orlando" von Händel in der auf den ersten Blick, unspektakulären Musik.
Es gibt eigentlich auch keine großen Knalleffekte in der Oper (was aber gerade zu jener Zeit erwartet wurde)
Halsbrecherische Koloraturen gibt es ja auch eher wenig (obwohl die meisten Bässe / Baritone mit "Sorge infausta" mehr als zu kämpfen haben :rolleyes: )


Was auch sehr lohnend ist, ist der direkte Vergleich verschiedener Orlando Vertonungen mit Händels Version:

Lully - Roland
Porporo - Orlando
Vivaldi - Orlando Furioso
Vivaldi - Orlando finto pazzp
Steffani - Orlando generoso

Der Zorn des Orlando kommt allerdings für mich am besten und am erschütternsten bei Lully zur Geltung.
Das ist wahrhaftig ein rasender Roland.

Mehr Opern mit diesem Thema (mal abgesehen von den anderen Episoden aus dem Epos) habe ich leider noch nicht entdecken können.
Mich würde es interessieren, ob es noch mehr Vertonungen aus der Barockzeit gibt.
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 22:31
Die Standesargumentation hat die Berliner Inszenierung aufgegriffen. Sie geht auf Silke Leopold zurück. Das Scheitern der Oper sieht sie im Erschrecken des Publikums über den Verlust der Kontrolle eines Mannes ihres Standes. Auch Senesino hatte mit der Rolle Probleme.
Der große Höhepunkt der Oper ist die rondoartige Wahnsinnsarie, die musikalisch - so erklärt es das Programmheft und De Marchi - das Publikum in eine andere Epoche warf - Zitat: "Sicherlich ging diese Passage an die Schmerzensgrenze des konservativen englischen Publikums - so als hätte man im 19. Jahrhundert kurzzeitig Schönberg vorweggenommen."

Es geht in der Oper tatsächlich um unglückliche Liebe und wie der idealistische Ritter (Mann) und die bürgerlich-bäuerische Schäferin (Frau) damit umgehen.
Dabei zeigt sich, dass Dorinda, wie die bodenständige Colombina in der Commedia dell' Arte, den Dingen realistisch ins Auge sieht und vernünftig bleibt, während Orlando fast alle umbringen möchte und es fast auch tut, wäre da nicht der gottartige Zauberer.

Zum Vergleich konnte ich mir bis jetzt nur Vivaldis "Orlando furioso" ansehen. Das ist aber Alcina und Orlando in einem. Die Alcina-Figur lenkt von Orlando ab. In der Wahnsinnsszene fängt Orlando an, Französisch und wirres Zeug zu reden und wird dann depressiv. Nicht zu vergleichen mit der Kraft und Tiefe der Händelschen Wahnsinnsszene.

Auf Lully bin ich gespannt.

Ich werde danach Ausschau halten, ob noch weitere Komponisten den Orlando-Stoff verarbeitet haben. Für meine Recherche durchsuche ich ich ja die Werklisten vieler nicht so bekannter Komponisten...
Unbekannt Montag, 3. Januar 2011, 14:40
Hallo!

Habe tatsächlich noch eine weitere Vertonung des Orlando Furioso-Stoffes gefunden, von Carlo Francesco Pollarolo nämlich. Außerdem scheint Perti sich auch mit dem Thema beschäftigt zu haben.
Eigentlich geht das aber über das Thema "Händel und die Opera Seria" hinaus. Gibt es einen Ort, wo wir das passender diskutieren können?
Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 10:01
Vielleicht einfach ein Thema über den Orlando Stoff eröffnen - ich wär dafür :thumbsup:
Aber ich werd dafür erstmal das original von Ariost lesen.

An Opern, die sich mit dem Stoff befassen, mangelt es ja nicht, allein drei von Händel: Orlando, Alcina, Ariodante, von Lully zwei: Roland, Armide... da gäbe es durchaus genug.