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Gottlieb Muffat (1690-1770)

Unbekannt Donnerstag, 3. Dezember 2009, 01:07
Gottlieb (Theophil) Muffat war das zweitjüngste von neun Kindern Georg Muffats und wurde 1690 in Passau geboren. Er verlor seinen Vater, der mit Sicherheit sein erster Clavierlehrer war, mit 14 Jahren (1704) und ging nach Wien, wo einer seiner Brüder bereits Hofmusiker war. 1711 erhielt er ein Stipendium an der Hofkapelle bei Johann Joseph Fux, der ihn nach Kräften förderte. 1716 wurde er zum kaiserlichen Hof- und Kammerorganisten ernannt.
Nach schriftlichen Quellen muss ihm ein Auslandsstipendium verliehen worden sein, doch wo und bei wem er studierte, liess sich bis jetzt nicht ermitteln. Auf jeden Fall muss man mit seinem Spiel sehr zufrieden gewesen sein, denn sein Salär wurde bald erhöht. Er wirkte bei Opernaufführungen mit (z.B. Fuxens Krönungsoper Constanza e Fortezza 1733 in Prag), war Mitglied der Kapelle der Kaiserin-Witwe Wilhelmine Amalie und unterrichtete die Kinder der kaiserlichen Familie, unter ihnen die spätere Kaiserin Maria Theresia, die ihn kurz vor ihrer Thronbesteigung 1740 zum ersten Hoforganisten ernannte. Bis zu seinem Tod 1770 blieb Muffat am Wiener Hof in dieser Position. Nach diesem Zeitpunkt scheint er nur noch wenige Stücke niedergeschrieben zu haben, auch die ungedruckten Stücke datiert man vor diesen Zeitpunkt.

Dieser Lebenslauf klingt relativ ereignislos, aber Gottlieb Muffat prägte die Musik für Tasteninstrumente in Wien vom Hochbarock bis zum Beginn der Mozartzeit und war aufgrund seiner Veröffentlichungen in ganz Europa bekannt und geschätzt.

Sein Werk konzentriert sich auf die Tasteninstrumente, wovon zu seinen Lebzeiten zwei Sammlungen gedruckt wurden:

72 Versetl sammt 12 Toccaten (1726) für Orgel
Componimenti musicali (vor 1739) für Cembalo

Darüber hinaus gibt es:
weitere handschriftlich überlieferte einzelne Stücke für Cembalo und Orgel
eine Missa in F für Orgel
ein Salve regina für Sopran, Alt, zwei Violinen und b.c.
eine Sonata pastorale für zwei Violinen und b.c.
Konzert in B-Dur B-Dur für Cembalo, Violine und Bass
Konzert in C-Dur C-Dur für Cembalo, 2 Violinen und Kontrabass
Konzert in F-Dur F-Dur für Cembalo, 2 Violinen und Bass

DieCembalokonzerte lagerten im Archiv der Berliner Singeakademie und wurden angeblich schon von Martin Haselböck und der Wiener Akademie eingespielt - auf jeden Fall hat Haselböck die neuen Notenausgaben bei der Universal Edition Wien herausgegeben.

Die bis heute zum größten Teil ungedruckten Orgelstücke sollen das Niveau der Sammlung von 1726 deutlich übersteigen - eine Gesamtausgabe ist überfällig.

Vor allem die Componimenti musicali waren ein sehr populäres Werk - Georg Friedrich Händel hat es wie einen Selbstbedienungsladen ausgeschlachtet: sage und schreibe 17 der Sätze, etwa ein Drittel, hat er für seine Cäcilienode, Concerti grossi, Orgelkonzerte u.a. verwendet.

Aktualisiert am 10.07.2011
Unbekannt Donnerstag, 3. Dezember 2009, 01:20
Im krassen Gegensatz zu seinem hervorragenden Ruf im späten Barock kennt heute kaum jemand seine Musik, obwohl mancher Händel-Liebhaber beim Hören der Componimenti musicali seine Aha-Erlebnisse haben dürfte. Trotzdem musste man auf die erste Gesamtaufnahme des Druckes bis 1987 warten, von der Ungarin Borbála Dobozy für Hungaroton eingespielt:


:jubel: :jubel: :jubel:

Sie spielt ein Cembalo von Eckehart Merzdorf nach Francois Etienne Blanchet I, Paris 1733. Für die damalige Zeit war das eine sehr zufriedenstellende Einspielung, die der Musik völlig gerecht wurde.

Erst 2006 hat sich eine Kollegin, Mitzi Meyerson diese Stücke wieder vorgenommen und für Glossa ebenfalls komplett aufgenommen:


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Die hervorragende Darbietung auf einem Taskin-Nachbau von Keith Hill bringt die Großartigkeit dieser Suiten voll zur Geltung, die ich ohne Zögern an die Seite von Bachs Partiten stellen würde, denn sie sind absolut exemplarisch, von ungeheurer Vielfalt und gleichzeitig perfekt ausgearbeitet. Ebenso gut, wenn nicht etwas besser als die von Händel oder Graupner, als deren Generationsgenosse Muffat angesehen werden muß, sind sie allemal.

Dann gibt es eine Auswahl von Joseph Payne, der aber Kürzungen (Wiederholungen?) vorgenommen haben muß, wenn er die Suiten 1,2,4,5,6 auf einer CD unterbringt (2000 für Centaur, habe ich noch nicht gehört):

Unbekannt Donnerstag, 3. Dezember 2009, 01:31
nach diversen Einzelstücken, die Organisten hin und wieder in Sammelprogrammen untergebracht haben, machte Wolfgang Baumgratz 2004 eine Gesamtaufnahme der 72 Versetl sammt 12 Toccaten auf den Orgeln der Basilika St. Mang, der Heilig-Heist-Spitalkirche, Friedhofskirche St. Sebastian, Kirche Unsere Liebe Frau am Berg - habe ich leider noch nicht:



Von der Missa in F gibt es mittlerweile zwei Aufnahmen, von Wolfgang Baumgratz:



und Elisabeth Ullmann:



mit jeweils verschiedenem Ergänzungsprogramm - bei Frau Ullmann ist interessant, daß sie eine der Suiten aus den Componimenti musicali auf der Orgel spielt.
Unbekannt Samstag, 5. Dezember 2009, 23:15
Die Bewunderung zwischen Händel und Muffat beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit: Wie Händel Muffats Componimenti musicali besaß, hatte Muffat die im Druck erschienenen Cembalosuiten von Händel. Und er hat die Ausgabe mit seinen persönlichen Verzierungen ergänzt! Ein äußerst wichtiges Dokument für die Händel-Überlieferung, da Händel selbst seine Verzierungen nicht notierte, damit sie ihm keiner nachmachen konnte. Christopher Hogwwod hat diese Noten mit Muffats Verzierungen jetzt neu herausgegeben, s. hier und hier.

Hogwoods Essay darüber ist auf seiner Website zu finden: Click here. Eine der Suiten in Muffats Fassung hat er auf seiner CD The Secret Handel eingespielt:

Unbekannt Mittwoch, 23. Dezember 2009, 08:17
Bei mir ist gestern diese CD eingelaufen:

Konnte mich mit ihr noch nicht gründlich beschäftigen, aber verspricht viel Gutes: gespielt wird auf vier einmanualigen Kleinorgeln (alle in Füssen), die sämtlich einen sehr schönen Klang haben. Es handelt sich um kurze Tokkaten (ugf. ein-einhalb Minuten) worauf 6 ähnlich kurze (im Durchschnitt halbminütige) Versette, ie. kunstreiche Fugen, anschließen. Wie der Begleittext erklärt wurden die Stücke so aufgeführt, dass die Tokkate als Einleitung zu Choral diente und die Fugen zwischen die Versen eingeschoben wurden.
(Interessanterweise sagt der Autor auch, diese Stücke stünden in der Tradition der Tokkaten des Vaters, worauf mir freilich die Frage kam: waren die auch so aufgeführt worden? Sie sind ja auch mehrteilig...)
Die Stimmung der Tokkaten des jüngeren Muffats wirkt meistens sehr galant, melodiös und zurückhaltend, nicht so "herrschaftlich" wie die des Vaters. Das mag aber auch an der Kleinorgel liegen. Schöne Stücke immerhin!

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 6. Februar 2010, 00:54
Christopher Hogwood hat gerade eine Neuausgabe der Componimenti Musicali herausgegeben, incl. alternativer Frühfassungen dreier Sätze und vier, die noch nie publiziert wurden.

Zu den von Muffat verfassten Handschriften im Archiv der Singe-Akademie gehören "9 Suiten, 2 Cembalokonzerte und 2 Pastorellen" - neben den verzierten Versionen der Suiten Händels, die Hogwood schon herausgegeben hat, und zahlreichen Froberger-Bearbeitungen.

Ich kann es nicht erwarten, daß endlich die Aufnahme der Cembalokonzerte erscheint ...

Darüber hinaus ist eine Dissertation über Gottlieb Muffat in Vorbereitung: Alison Dunlop: The Life and Works of Gottlieb Muffat. Sie verarbeitet die wieder zugänglichen Bestände der Singe-Akademie.
Unbekannt Donnerstag, 11. Februar 2010, 15:12
Und endlich ist auch eine Aufnahme der Händel-Suiten in der von Gottlieb Muffat verzierten Fassung, die Hogwood herausgegeben hat, erschienen - die Klangschnipsel sind sehr verlockend:



p.s. Inzwischen habe ich diese Aufnahme: Sehr gut gespielt, ein interessantes Cembalo, gut aufgenommen, und natürlich hochinteressant. Die verzierte Version geht weit über das hinaus, was sich manche Cembalisten in den letzten Jahren an improvisierten Verzierungen getraut haben.
Unbekannt Mittwoch, 17. März 2010, 00:21
Eine neue CD mit einer Auswahl von Orgelstücken ist mit Jörg-Andreas Bötticher angekündigt, an der Orgel der Klosterkirche Muri (Schweiz):

Unbekannt Montag, 11. Juli 2011, 00:38


Elisabeth Ullmanns CD scheint mir eine gute und ansprechende Auswahl aus Gottlieb Muffats Orgelwerk zu sein. Mit der Egedacher-Orgel im Stift Zwettl ist sei seit langem vertraut, sie wurde in Zwettl geboren. Einführungen in Werke und Beschreibung der Orgel sind vorbildlich, bis hin zur Auflistung der verwendeten Notenausgaben.
Muffats Orgelstücke sind sehr an den Gegebenheiten und Bedürfnissen des Orgelspiels innerhalb der Liturgie orientiert - freie Orgelwerke größeren Ausmaßes darf man nicht erwarten. Am beeindruckendsten beim ersten Hören dürfte die Missa in F sein, die von sehr guter Kenntnis der Möglichkeiten einer Orgel zeugt; aber auch die Toccaten oder "Fugen" (man darf hier nicht die elaborierten Gebilde wie in der nord- oder mitteldeutschen Schule erwarten) können sich hören lassen. Alle Stücke sind recht kurz, selten über zwei Minuten lang, eben am praktischen Gebrauch des Kirchenorganisten im Österreich der Zeit orientiert. Modernistischen Tendenzen gibt sich Muffat ebensowenig hin. Spätbarocke Tastenkunst in hoher Vollendung.
Interessant ist Elisabeth Ullmanns Versuch, vier Sätze aus der fünften Suite aus den Componimenti musicali auf der Orgel darzubieten - ob Muffat selbst das je getan oder in diesem Stil auf der Orgel improvisiert hat, wissen wir nicht. Dass er ein erstklassiger Organist war, ist bezeugt - aber wesentlich mehr konnte er sicher, als seine überlieferten Werke uns verraten ...