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Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (c.1620-c.1669)

Unbekannt Montag, 16. November 2009, 14:30
Über das Leben des Pandolfi Mealli is kaum etwas bekannt, sogar sein Werk ist bis auf zwei Sammlungen von Violinsonaten fast vollständig verloren. Diese zwei Sammlungen von Sonate per chiesa e camera, op.3 und op.4, mit je 6 Sonaten machen den um 1620 geborenen und irgendwann nach 1660 gestorbenen, am Innsbrucker Hof von Erzherzog Sigmund Franz wirkenden Italiener (sowohl Geburts-, wie auch Sterbeort sind unbekannt) zu einem der wichtigsten Vertreter der noch jungen Gattung der Violinsonate. Seine Wirkung ist nicht nur bei seinem Kollegen am Tiroler Hof, Giovanni Maria Viviani, bemerkbar, sondern auch bei Schmelzer (dessen 6 Sonatae Violino solo 4 Jahre danach den in Innsbruck erschienenen Meallischen Stücken folgen), und auch bei Biber.
Pandolfis Musik ist freilich mehr italienisch, zwar virtuos herausfordernd, jedoch nicht auf der Weise, wie bei den österreichisch-deutschen Kollegen. Seine Musik steht dem Gesang näher, vor allem seine Adagii sind daher ergreifend.
Mit Sibelius Scorch sind die Partituren auf der Seite des Innsbrucker Landesmuseums zugänglich:
http://www.musikland-tirol.at/html/html/…ion/mealli.html

Einspielungen gibt's nicht so viele:
Andrew Manze und Richard Egarr bei harmonia mundi usa auf einer CD (ca.80 Minuten Spieldauer) (jetzt wieder in der Serie hm Gold wirklich günstig zu haben)


Bei Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum ist die Einspielung (zwei Konzertmitschnitte und die Aufnahmen der Proben wurden zu einer Einspielung zusammengeschnitten) von
Gunar Letzbor und Ars Antiqua Austria entstanden (auf 2 CDs, ca. 100 Minuten Speildauer)
http://www.tiroler-landesmuseum.at/shop/…_11019_main.jpg
http://www.tiroler-landesmuseum.at/shop.…i_violinsonaten
Die Manze-Aufnahme kenne ich noch nicht, die Letzbor-Aufnahme gerade eben im Postkasten gefunden.
Unbekannt Montag, 16. November 2009, 16:39
Die Sammlung op. 3 erschien in Innsbruck, 1660, und wurde Erzherzogin Anna von Medici gewidmet.



und enthält die Sonaten:
1) La Stella 2) La Cesta (also Cesti gewidmet) 3) La Melana 4) La Castella 5) La Clemente 6) La Sabbatina

op.4 erschien im selben Jahr und ist Erzherzog Sigmund Franz von Österreich-Tirol gewidmet



enthält die Sonaten:
1) La Bernabei 2) La Viviana (also Viviani gewidmet) 3) La Monella Romanesca 4) La Biancuccia 5) La Stella 6) La Vinciolina

Die "Beinamen" der Sonaten kann man alle als Widmungen verstehen, die verschiedene Personen - meist Musiker am Tiroler Hof - ansprechen. Eine Ausnahme bilden die beiden Sonaten "La Stella" die dem Zistenzienser-Prior in Perugia, Benedetto Stella, zugedacht worden ist.
Unbekannt Dienstag, 17. November 2009, 14:18
Nun, ich habe gestern Abend und heute Vormittag die beiden CDs der Letzbor-Aufnahme gründlich durchgehört - sowohl die Werke, wie auch die Interpretation sind beeindruckend. Für Pandolfi ist eine oft sehr unkonvetionelle Melodiebildung typisch, die sogar oft an das Banale zu grenzen scheinen würde, wenn da nicht dieser Hauch von "melankolischer Metaphysik" ware, die alles durchdringt. Viele seine Läufe und Melodien riefen bei mir großes Erstaunen hervor, etwas stark Provokantes ist ihnen eigen. Ich möchte jetzt noch keine Stücke hervorheben, dafür muss ich mir diese Stücke noch mehrmals anhören.

Da ihr aber so schweigsam seid: was haltet ihr von den Violinsonaten Pandolfis? Kennt ihr sie überhaupt? Wenn nicht, hab ich dazu - schon - Lust gemacht?

^^

LG
Tamás
Unbekannt Dienstag, 17. November 2009, 20:00


Da ihr aber so schweigsam seid: was haltet ihr von den Violinsonaten Pandolfis? Kennt ihr sie überhaupt? Wenn nicht, hab ich dazu - schon - Lust gemacht?


Ich kenne Pandolfi nicht, hatte die Manze-CD aber vor langer Zeit mal abwägend in der Hand, aber dann doch nicht gekauft. Ein bißchen mehr Lust habe ich jetzt schon darauf, falls Dich das beruhigt... :wink:
Unbekannt Dienstag, 17. November 2009, 21:04
:thumbsup: Fantastische Werke, unbedingt empfohlen!
Unbekannt Dienstag, 17. November 2009, 22:11
Guten Abend
Da ihr aber so schweigsam seid: was haltet ihr von den Violinsonaten Pandolfis? Kennt ihr sie überhaupt?



Vier Minuten " Passacaglio " von Pandolfi habe ich bei mir auf dieser



CD gefunden :yes2:

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 18. November 2009, 13:06
Auch seine Violinsonaten enthalten übrigens Passacagli und andere Ostinato-Sätze, in op.3 Nr.4 ("La Castella") gibt's z.B. ein wunderbar schönes Beispiel von einem Variationssatz über den abfallenden Tetrachord.
(Von AAA hervorragend gespielt! :jubel: :jubel: :jubel: )
Unbekannt Montag, 30. November 2009, 14:37
Zu dieser Aufnahme:





Manze spielt auch hier (vgl. Rosenkranz-Sonaten) nicht so kantig und expressiv, wie Letzbor: so nimmt er auch weniger große Differenzen in der Tempowahl, was zu einem mehr ausgeglichenen, aber insgesamt schnelleren Duktus führt (ie. Manze braucht nur 80 Minuten - und eine CD - für den Zyklus). Er spielt auch mit mehr selbstverstandlichkeit, was oft gesanglicher wirkt, und auch durchaus geschmeidiger, bezaubernder wirkt. Dabei macht er mehr von Verzierungen gebrauch, als Letzbor es tut, jedoch ohne dabei vordergründig zu werden: alles ist glatt und musikalisch fließend.

Wirklich eine wunderschöne Einspielung, und ich würde sie in den Himmel loben wollen, würde ich die andere nicht kennen: ich kann aber nicht umhin, das mich die mehr aufregende, in seiner Drastik fast "barbarische", und eben deshalb bodenständigere Interpretation von Letzbor mehr anspricht, als die von Manze und Egarr, wobei ich durchaus einräume, dass beide hervorragend sind, un der Stücke durchaus gerecht werden.

Mit lieben Grüßen

Euer

Tamás

:wink:
Unbekannt Montag, 30. November 2009, 15:19
Und was ist mit dieser? Eine andere Aufnahme des gleichen Violinisten?



Die drei Cembalosuiten reizen mich mehr als so viel Violinmusik auf einmal ...
Unbekannt Montag, 30. November 2009, 15:27
Ich kenn sie auch nicht: was ich darüber weiß: eine andere Aufnahme, jedoch nicht alle Sonaten werden gespielt, sondern nur Auszüge. Dabei noch einige Cembalostücke von Mealli. (Die wahrscheinlich von zweifelhafter Urheberschaft sind.)
Unbekannt Dienstag, 1. Dezember 2009, 11:25
Obwohl ich gut weiß, dass die im Booklet angegebene "Spieldauern" kaum etwas über Tempo und Spielweise sagen, oder nur bedingt, schaue ich dennoch oft nach, was für Differenzen sich da vielleicht doch entpuppen... und siehe, ich wurde fündig!

Die Sonata Terza des Op.4, "La Monella Romanesca", dem Sänger (Kastrat) Felippo Bombaglia gewidmet, dauert bei Manze 6'33... man sieht bei Letzbor - und ich erschrak: 13'48!!! Das Doppelte. Ich musste gleich zweimal hintereinander mir das Stück in beiden Aufnahmen anhören (also insgesamt viermal), damit ich am Ende doch glaube: es handelt sich um die gleiche Sonate...

Wenn man sich die Partitur ansieht:
http://www.musikland-tirol.at/html/html/…li/op4/03f.html
(man braucht Sibelius Scorch downloaden dazu)

Un dabei mithört, kann man's verstehen: am Anfang steht "Adagio". Dabei nimmt Manze eher ein Mitteltempo, Letzbor aber wirklich ganz-ganz langsam (übrigens wunderschön!). Dieses Adagio wird dann 123 Takte lang nicht aufgehoben, erst jetzt wird "Presto" geschrieben. Manze aber fängt schon das Presto beim Takt 26 an, wo dann wilde Läufe in 16teln kommen. Letzbor hält sich an die Partitur - und es ist einfach wunderschon, was da passiert - nur fantastisch ungewohnt... Manze scheint da nach dem Klang "richtiger", der Stil hieß aber doch "sylus phantasticus" - und das trifft bei Letzbor nun wirklich eher...

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 4. Februar 2010, 19:04
Hallo,

als ich die HMF-CD mit den Violinsonaten gekauft hatte, war mir noch gar nicht richtig bewußt, daß ich damit dann das (zumindest das überlieferte) Gesamtwerk Pandolfis in der Sammlung habe. Von den Cembalostücken ist im Booklet dieser CD jedenfalls nichts erwähnt - oder sind die plötzlich aufgetaucht?
Die Sonaten sind noch vor den bedeutenden Sonatensammlungen Schmelzers und Bibers entstanden und haben daher IMO einen hohen Repertoirewert und mehr Aufmerksamkeit verdient - denn sie sind wirklich gut! Von Klang und Ästhetik dieser Musik ausgehend, dürfte es klar sein, daß insbesondere die, die Bibers Sonaten mögen, auch an Pandolfi Gefallen finden werden. ;) :)
Die Namensgebung der Sonaten ist wirklich ulkig - oder war das damals gängig so?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 4. Februar 2010, 19:39
Die Namensgebung der Sonaten ist wirklich ulkig - oder war das damals gängig so?


Also die Instrumentalsätze der Renaissance tragen auch ähnliche Titel (Isaac: La Morra; Josquin: La Bernardina, etc.), ähnliches kann man auch unter den frühbarocken Instrumentalmusik in Italien (Marini, Farina, Legrenzi, etc.) finden.
[PS.: auch die (Trio-) Sonaten op.1. von Viviani (n.b. Kollege am Innsbrucker Hof!) tragen ähnliche Titel/Widmungen]

In welcher Verbindung die Sonaten dann zur Bezugsperson stehen, bleibt natürlich eine Frage.

Über die Cembalosonaten weiß ich nichts.
Ich hab noch irgendwas darüber gelesen, dass es noch eine weitere Sammlung von Violinsonaten (aus Florenz??? - erinnere mich nicht ganz) gibt unter den Namen "Pandolfi", die aber nicht so anspruchsvoll wären, wie die des "Pandolfi Mealli".

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 4. Februar 2010, 23:39

Über die Cembalosonaten weiß ich nichts.


Es sind Suiten, nicht Sonaten (weiter oben hatte ich erst falsch 'Sonaten' geschrieben) - alles was ich bisher herausfinden konnte, ist, daß sie aus einem anonymen Manuskript stammen.
Unbekannt Sonntag, 13. Juni 2010, 18:42
Die Sonaten sind wirklich sehr speziell und ziemlich abgedreht. Ich habe bloß die Manze-Aufnahme und finde sie fantastisch. Letzbor habe ich noch nicht gehört, gibt es davon irgendwelche Hörproben?
Muss ja interessant sein, dass es jemanden gibt, der noch langsamer als Manze spielt... :rolleyes:
Außerdem ist auf dieser CD von Enrico Onofri auch eine Sonate - "La Cesta" aus Op. 3, mit dem erschröcklichen Chromatik-Ostinato... :D

Allerdings finde ich Onofris Interpretation nicht so überzeugend... Mir ein bisschen zu "harmlos", falls ihr versteht was ich meine - Manze und Egarr klingen da bedrohlicher... 8o
Aber bei diesen Stücken ist persönlicher Geschmack und individuelles Empfinden eben nicht diskutierbar, und das ist ja auch das schöne daran. Hoffen wir, dass bald mal ein paar Menschen mehr diese Musik spielen, es würde sich lohnen.
Unbekannt Sonntag, 13. Juni 2010, 18:43
Und auf dieser CD spielen Georg Kallweit und Björn Collel (Laute) "La Melana" - habe ich aber noch nicht gehört.
Unbekannt Sonntag, 13. Juni 2010, 21:34
Letzbor habe ich noch nicht gehört, gibt es davon irgendwelche Hörproben?
Muss ja interessant sein, dass es jemanden gibt, der noch langsamer als Manze spielt...

Probier's mal hier:
http://www.musikland-tirol.at/cdeditione…lfi-mealli.html


Leider nur Nr.5 aus op.4, aber ein Bild kann man sich schon davon machen. Letzbor spielt viel dramatischer und haarsträubender (im positiven Sinne) als Manze: der Engländer spielt auch hier etwas glatter. Ich mag aber beide sehr.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 23. Juni 2010, 20:34
Musikland Tirol wollte mir 8 Euro für Schnecken-Versand berechnen, und nur Kreditkartenbezahlung geht, auf Nachname kostet es nochmal 5 Euro xtra! Haben die ein Ei auf dem Kopf oder was?? :motz: :boese: :evil: :thumbdown: :cursing: ?( X(
Wisst ihr, ob man das Album noch anders bekommen kann außer in Tirol, was ja nun wirklich nicht die nächste Ecke ist... :no: :?:
Unbekannt Samstag, 16. Oktober 2010, 19:47
Digitalisate der Originaldrucke (Michele Wagner, Innsbruck 1660) der Violinsonaten sind unter folgenden Links abrufbar:

Opera Terza: http://badigit.comune.bologna.it/cmbm/im…4/BB074_001.asp

Opera Qvarta: http://badigit.comune.bologna.it/cmbm/im…5/BB075_001.asp
Unbekannt Samstag, 16. Oktober 2010, 20:50
Musikland Tirol wollte mir 8 Euro für Schnecken-Versand berechnen, und nur Kreditkartenbezahlung geht, auf Nachname kostet es nochmal 5 Euro xtra! Haben die ein Ei auf dem Kopf oder was?? :motz: :boese: :evil: :thumbdown: :cursing: ?( X(
Wisst ihr, ob man das Album noch anders bekommen kann außer in Tirol, was ja nun wirklich nicht die nächste Ecke ist... :no: :?:

Da ist Urlaub in Innsbruck angesagt, würde ich sagen ... :D
Unbekannt Samstag, 16. Oktober 2010, 22:22
Da ist Urlaub in Innsbruck angesagt, würde ich sagen ... :D
Oh ja... :yes2: ...nur leider ist "dann-muss-ich-keine-Versandkosten-für-den-Pandolfi-bezahlen" kein sehr überzeugendes Urlaubszielargument... :no:
Unbekannt Dienstag, 19. Oktober 2010, 18:29
In welcher Verbindung die Sonaten dann zur Bezugsperson stehen, bleibt natürlich eine Frage.
Ich hätte mich über eine "La Frinckina" hocherfreut gezeigt und den Maestro auf meinem nächsten Ballo seine Musik zum Besten geben lassen. :baeh:
Ein bisschen Eitelkeit wäre ebenfalls befriedigt, dank des Druckes. :yes:
Unbekannt Dienstag, 19. Oktober 2010, 19:09
In welcher Verbindung die Sonaten dann zur Bezugsperson stehen, bleibt natürlich eine Frage.
Ich hätte mich über eine "La Frinckina" hocherfreut gezeigt und den Maestro auf meinem nächsten Ballo seine Musik zum Besten geben lassen. :baeh:
Ein bisschen Eitelkeit wäre ebenfalls befriedigt, dank des Druckes. :yes:
:D Das glaub' ich gern!

Ich meinte aber natürlich, ob und wie die Sonaten ihr Bezugsperson darstellen oder auf ihr - musikalisch - Bezug nehmen.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 12. Januar 2011, 17:12
Gerade über den Mailverteiler von Edition Walhall hereingeschneit:

Zitat

NEW: To be released at the end of February
Pandolfi-Mealli, Giovanni Antonio (17. Jh.): Sonatae op. 3 & 4
for violin & b. c., Innsbruck 1660, facsimile, edited by Enrico Gatti and Fabrizio Longo. A facsimile edition is particularly important for Pandolfi’s substantive violin sonatas, since in the case of this early print the interpretational possibilities of a modern edition are multifarious.
• EW 829

:prost: 8)) :D 8o :thumbup: