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Georg Philipp Telemann: Pariser Quartette

Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 16:12
Hallo,

als "Pariser Quartette" werden zwei Werksammlungen Telemanns mit je sechs Quartetten für Flöte, Violine, [Violoncello oder Viola di gamba] und Basso continuo bezeichnet. Für die (eher ungewöhnliche) Besetzung von drei Soloinstrumenten mit b.c. gelten diese Quartette als die herausragenden Kompositionen ihrer Zeit und erfreuten sich seinerzeit europaweit größter Beliebtheit (zu den Subskribenten gehörten auch J.S. Bach und G.F. Händel), insbesondere in Paris. Auch heute zählen die "Pariser Quartette" zu den beliebtesten barocken Kammermusikwerken.
Die ersten sechs Quartette entstanden allerdings völlig unabhängig von Paris im Jahre 1730 und wurden von Telemann in Hamburg im Selbstverlag veröffentlicht. Der Titel Quadri a Violino, Flauto traversiere, Viola di gamba o Violoncello e Fondamento legt auch eher eine Bestimmung für den Markt des deutschen Sprachraums nahe. Formal sind auch nur zwei der sechs Quartette in französischer Suiten-Form, die anderen sind als Concerto (eines von beiden in der dreisätzigen "Vivaldi-Form") bzw. als Sonata (beide formal eine Sonata di chiesa) betitelt.
Wie bereits gesagt, wurden die Werke aber insbesondere in Paris sehr beliebt und dort 1736 ohne Telemanns Autorisierung in neuer Auflage mit französischem Titel nachgedruckt (zu "Pariser Quartetten" wurden die Werke aber erst 1965 durch den Telemann-Forscher Walter Bergmann). Bei seiner Reise nach Paris 1737/1738 sicherte sich Telemann wieder die Rechte an seinen Werken und komponierte eine weitere Sechsergruppe von Quartetten für die selbe Besetzung. Der originale Titel lautet Nouveaux Quatuors en Six Suites a une Flûte Traversiere, un Violon, une Basse de Viole ou Violoncel, et Basse Continue. Die Stücke der zweiten Sammlung sind alle in französischer Suiten-Form und umfangreicher als die der ersten Sammlung. Bei der Uraufführung in Paris spielten mit Michel Blavet (Flöte), Jean-Pierre Guignon (Violine) und Jean-Baptiste-Antoine Forqueray (Gambe) die drei Musiker mit, die Telemann nach Paris eingeladen hatten. Auch sonst war die Reise nach Paris ein großer Erfolg für Telemann: Ihm wurde als erstem Deutschen überhaupt ein Konzert des berühmten öffentlichen "Concert Spirituel" gewidmet.

Mit den ersten sechs "Pariser Quartetten" verbinde ich persönlich den Moment, von dem an ich mich für Telemanns Musik begeistern konnte (zuvor fand ich seine Musik eher uninteressant), und zwar durch diese Aufnahme des Freiburger BarockConsort, die ich noch immer sehr schätze:



Inzwischen habe ich auch eine Gesamtaufnahme aller Quartette durch Jed Wentz / Musica ad Rhenum. Dazu äußere ich mich später nochmal.
Wie steht Ihr zu den "Pariser Quartetten"?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 17:29
Die sog. Pariser Quartette haben sich schon immer einer gewissen Beliebtheit bei Interpreten und Publikum erfreut, wegen ihrer Eleganz und wie immer bei Telemann für den Musiker extrem gut spielbaren, aber trotzdem anspruchsvollen Schreibart, und wegen der guten Zugänglichkeit der Noten.

Ich mag die erwähnte Aufnahme von Jed Wentz und Musica ad Rhenum, weil sie diese Stücke sehr virtuos und temperamentvoll angeht, und nicht nur mit dem goût des höfisch-erlesenen, der früher der Kammermusik im französischen Stil angedeutet wurde - aber die Aufnahme von Wilbert Hazelzet und dem Trio Sonnerie ist mir genauso lieb, oder die in ihrer Art sehr "französische" des Pariser Quartett, die allerdings kaum noch zu bekommen ist.

Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 18:13
Guten Tag
Wie bereits gesagt, wurden die Werke aber insbesondere in Paris sehr beliebt und dort 1736 ohne Telemanns Autorisierung in neuer Auflage mit französischem Titel nachgedruckt

Der Musikverleger Charles Nicolas Le Clerc schrieb in einem Vorwort über die Quartette:

" Die Quartette Telemanns sind so allgemein gelobt, daß man glaubt, der Öffentlichkeit mit einer neuen Ausgabe, die schöner gestochen und auf besseren Papier gedruckt ist als alle bisher erschienen, eine Freude zu bereiten. Es bleibt zu hoffen, daß die hierauf verwendete Sorgfalt nicht nur der Schönheit dieses Werkes entspricht, sondern daß sie auch von großen Nutzen ist für eine vollendete Aufführung"

Telemann selbst warb für seine Quartette um Subskribenten, es kamen 287 mit insgesamt 294 Exemplare zusammen, allein 133 in Paris ! Weitere Bestellungen kamen aus Cadiz, Oslo, Riga, Venedig, einem Mr. Bach de Leipzig, aber auch von Fasch aus Zerbst und Pisendel aus Dresden.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 18:42
Besonders begeistert über den Raubdruck wird Telemann trotz der schönen Worte dennoch nicht gewesen sein. Jedenfalls erwirkte er anlässlich seiner Pariser Reise ein königliches Druckprivileg für die nächsten 20 Jahre.

Gruß, Carola
Unbekannt Dienstag, 13. Juli 2010, 20:08



Mit den ersten sechs "Pariser Quartetten" verbinde ich persönlich den Moment, von dem an ich mich für Telemanns Musik begeistern konnte (zuvor fand ich seine Musik eher uninteressant), und zwar durch diese Aufnahme des Freiburger BarockConsort, die ich noch immer sehr schätze:




Ich habe diese Aufnahme zwar auch, muss aber zugeben, dass diese Musik für mich eher was "für nebenbei" ist, sie begeistert mich nicht, ich finde sie aber auch nicht gänzlich uninteressant. Eher würde ich die Pariser Quartette (wie überhaupt das Meiste von Telemann) in die Kategorie: Ganz nett einordnen. :hide:

Gruß, Carola
Unbekannt Mittwoch, 14. Juli 2010, 12:11
Zwei Dinge sind es für mich, die diese Quartette aus der Masse der spätbarocken Kammermusik herausheben:
  • Eine absolut instrumentengerechte Schreibweise, die die technischen und klanglichen Möglichkeiten der Instrumente berücksichtigt und geschickt einsetzt. Jeder Musiker bekommt so immer wieder die Gelegenheit, sein Können den Zuhörern vorteilhaft zu präsentieren - sicher ein Grund dafür, dass die Quartette bei den Musikern so beliebt waren.
  • Telemann gelingt hier die Balance zwischen "zu banal" und "zu gelehrt", also gewissermaßen die kompositorische Quadratur des Kreises (wobei das "Gelehrte" oft vorhanden, aber ähnlich wie bei Haydns späten Sinfonien erst auf den zweiten Blick erkennbar ist). Die Quartette sprechen sowohl die Kenner unter den Zuhörern an als auch diejenigen, die weniger von Musik verstehen.
Was die Aufnahmen angeht, ist mein Favorit nach wie vor die Aufnahme aller zwölf Quartette mit dem Seniorenquartett bestehend aus den Gebrüdern Kuijken (Barthold, Sigiswald, Wieland) und Gustav Leonhardt am Cembalo - die Herren brauchen niemanden mehr etwas zu beweisen und sich durch irgendwelche Mätzchen von anderen abzuheben. Alles wirkt hier ganz natürlich, als könne es gar nicht anders gespielt werden - nichts ist irgendwie aufgesetzt oder gewaltsam gegen den Strich gespielt. Diese Aufnahme hat mich so überzeugt, dass ich nie das Bedürfnis hatte, eine andere zu kaufen. Leider ist sie allenfalls noch gebraucht erhältlich.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Mittwoch, 14. Juli 2010, 14:45
Guten Tag
Was die Aufnahmen angeht, ist mein Favorit nach wie vor die Aufnahme aller zwölf Quartette mit dem Seniorenquartett bestehend aus den Gebrüdern Kuijken (Barthold, Sigiswald, Wieland) und Gustav Leonhardt am Cembalo - die Herren brauchen niemanden mehr etwas zu beweisen und sich durch irgendwelche Mätzchen von anderen abzuheben.

Ich habe von dieser



gelobten Einspielung leider nur die Quartets 1-6 und kann da wirklich zustimmen, eine ausgewogene Aufnahme.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 19:26
Hallo,

beim Vergleich meiner beiden Aufnahmen der 1730er-Quartette (Freiburger BarockConsort und Musica ad Rhenum) fiel mir auf, daß beide flotte Tempi wählen, die MaR im Vergleich die noch flotteren. Dies begründen sie im Booklet mit überlieferten Metronomangaben aus Frankreich aus der Zeit von Telemanns Besuch sowie ihrer Ansicht, Telemann habe die Werke für herausragende Solisten geschrieben, die so ihr virtuoses Können unter Beweis stellen konnten. Dafür und für ihre (ebenfalls historischen Quellen / Überlegungen entnommene) "unpoetische" und "unempfindsame" Spielweise entschuldigt sich Jed Wentz gar im Booklet, unsicher, ob das dem Hörer gefallen kann. Etwas übertrieben finde ich diese Sorge schon, denn es gibt ja auch andere HIP-Ensembles, die einen harschen, sehr spritzigen Stil pflegen (die MAK z.B.) - zudem bleibt die Darbietung klar im Bereich des Wohlklingenden und ist, wie gesagt, vom Tempo gar nicht weit weg von den Freiburgern. Der größte Unterschied besteht bei den langsamen Sätzen. Vergleicht man z.B. das einleitende Andante der zweiten Sonate, dann ist klar, daß es hier zwei verschiedene Auffassungen gibt, wie ein solches Andante zu verstehen ist. Ich kann aber mit beiden Deutungen gut leben und höre sowohl die rasante MaR-Aufnahme als auch die "bravere" der Freiburger gerne.

Viele Grüße,
Martin.