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Gabriel Fauré (1845-1924) auf historischen Instrumenten

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 16:25


Gabriel Fauré
né à Pamiers le 12 mai 1845
mort à Paris le 4 novembre 1924


Gabriel Fauré ist ohne Zweifel der wichtigste und avancierteste französische Komponist seiner Generation - dafür ist er vor allem im deutschen Konzertwesen völlig unterrepräsentiert, und bis auf sehr wenige Ausnahmen auch von den Musikern der HIP vernachlässigt. Dabei würde nach meiner Einschätzung gerade die sensible, nur an der Oberfläche einfach wirkende Musik eines Fauré von den feineren Klängen der Instrumente des 19. Jahrhunderts hörbar profitieren. Ohne Fauré wären die Innovationen eines Debussy und Ravel und der ersten Komponisten des 20. Jahrhunderts kaum denkbar. Seine Musik ist die Brücke von der französischen Musik des frühen 19. Jahrhunderts zu ihnen.

Der unweit der Pyrenäen in Pamiers geborene Fauré hat schon früh eine musikalische Begabung gezeigt; auf den Rat von Freunden schickte der Vater, ein Lehrer, ihn 1854 nach Paris auf die frisch gegründete École de Musique Classique et Religieuse von Louis Niedermeyer. Der Bischof von Pamiers förderte die Ausbildung durch ein Stipendium. Das Ziel der Ausbildung war in erster Linie die Befähigung zum Organisten und Chorleiter gemäß den Anforderungen der französischen Kirchenmusik der Zeit: Gregorianik, Kirchen- und Orgelmusik der Renaissance usw. Fauré hatte das Glück, dass Camille Saint-Saëns nach Niedermeyers Tod 1861 die Klavierklasse übernahm und ihn mit moderner Musik vertraut machte, darunter Schumann, Liszt und Wagner.

Nach einer ersten Anstellung in Rennes, wo er zwar viel komponierte, aber es letztlich zu provinziell fand (und u.a. einen Streit mit dem Priester nach seiner Aufführung von Gounods Faust provozierte), kehrte er 1871 nach Paris zurück und wurde nach und nach zu einer der geachtetsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des französischen Musiklebens.

Eine Liste seiner Werke findet man in der französischen Wikpédia - sein Desinteresse an symphonischer Musik wurde ihm in der üblichen oberflächlichen Manier an der deutschen Sinfonik orientierter Musikhistoriker und -kritiker als Schwäche ausgelegt; an seinem Liedschaffen kommt man nicht vorbei, weil es schon rein quantitativ das umfangreichste eines französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts ist; seine Klavier- und Kammermusik wird gegenüber der deutschen gerne als zu leichtgewichtig abgewertet; alleine seine Vokalmusik findet ungetrübte Anerkennung.

Gerade die Klavier- und Kammermusik würde sicherlich von den Erkenntnissen der HIP profitieren, sind doch die französischen Klaviere bei den Originalinstrumenten des 19. Jahrhunderts sehr gut vertreten.
Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 16:31
Eine der seltenen historisch orientierten Aufnahmen war die 1994 erschienene CD des Franzosen Thierry Félix, der mit angenehmer Tenorstimme und viel Sensibilität und Sympathie diese Auswahl von 26 der etwa 100 Lieder Faurés präsentiert, alles komplette Zyklen von zwei bis neun Liedern, darunter sein berühmtester, La Bonne Chanson opus 61 nach Gedichten von Paul Verlaine. Erika Guiomar spielt einen Érard von 1921, ein schon sehr moderner, aber nicht zu lauter Flügel, der die Singstimme nicht bedrängt und eine sehr feine Klangfarbe hat. Der Sänger vermeidet das Vibrato nicht, besonders in den hohen Lagen, und wenn er ausdrucksbedingt etwas lauter wird, geht es bei ihm nicht ohne, aber man kann damit leben. In den tieferen Lagen und wenn er leiser singt, passiert ihm das nicht. Auf seiner Debussy-CD kommt mir Félix etwas souveräner und differenzierter vor.

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 16:41
Eine CD mit den beiden Violinsonaten erschien 2003 bei dem Label carpe diem und ist auf dem Marktplatz sehr günstig zu haben - Roglit Ishay spielt einen Érard von ca. 1900, scheint mir aber mit unverändert moderner Klavierschulung vorzugehen und bedrängt die Geigerin manchmal mehr, als ihr der Flügel mit einem sensibleren Anschlag ermöglichen würde; Ariadne Daskalakis, die auch nicht so 100%ig HIP klingt, hat einen schönen, runden Ton, kommt aber nicht ohne deutliches Vibrato auf jeder längeren Note aus - ein wenig macht die Aufnahme auf mich den Eindruck, als ob sich die Interpretinnen im Wesentlichen auf den Klang des historischen Flügels verlassen haben - der ist natürlich ein Gewinn.

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 16:48
Faurés gut halbstündiges Requiem ist eines der wenigen Werke, die im modernen Repertoire einen festen Platz haben. John Eliot Gardiner hat sich ein originelles Begleitprogramm mit Chorliedern von Fauré, Camille Saint-Saëns und Maurice Ravel ausgedacht, die orginale Orchestration neu erarbeiten lassen und alles mit seinem Monteverdi Choir und Orchestre Révolutionaire et Romantique sehr schön umgesetzt - eine empfehlenswerte Aufnahme:

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 16:54
Philippe Herreweghe hat 1988 die Kammerversion des Requiems eingespielt, zusammen mit der Messe de Pêcheurs de Villerville - die Einspielung ist sehr gelobt worden:




2001 legte er die Orchesterversion nach, die Fauré 1901 auf Bitte seines Verlegers anfertigte, und kombinierte sie mit der Symphonie in d von César Franck:

Unbekannt Mittwoch, 2. November 2011, 17:36
Hierher gehört jetzt eigentlich die Diskussion über frankophones Latein; ich habe neulich in einem anderen Thread über lateinische Aussprachen dazu was geschrieben.

Ich kenne die Herreweghe-Orch.-fassg. Lässt er in der Kammerfassung, und lässt Gardiner auch frankophones Latein sprechen? Sonst nützt einem ja die schönste authentische Auführungspraxis nichts...
Unbekannt Mittwoch, 2. November 2011, 23:12
Ich habe nur Gardiners Aufnahme, zur Aussprache bei Herreweghe weiß ich leider nichts. Ich werde die Tage mal nachhören ...
Unbekannt Freitag, 30. Dezember 2011, 02:15
Vielleicht ist dies eine Halb-HIP-Aufnahme:



1. Elégie In C Minor Op. 24
2. Sonata In D Minor Op. 109
3. Romance In A Major Op. 69
4. Papillon In A Major Op. 77
5. Sonata In G Minor Op. 117
6. Sicilienne Op. 78
7. After A Dream (Pablo Casals Transcription)

Die Cellistin Ophélie Gaillard spielt im auf barocke Musik spezialisierten Ensemble Amarillis, hat die kompletten Vivaldi-Sonaten aufgenommen. Sie spielt Fauré auf einem Violoncello von Bernardel (Père) aus dem Jahr 1852. Bruno Fontaine spielt auf einem Steinway von 1960.
Unbekannt Sonntag, 8. Januar 2012, 16:12
Hm, also, Faure starb ´24, jetzt haben wir 2012 - rein rechnerisch ist das mehr als halb-HIP! 8))