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Francois Joseph Gossec (1734-1829)

Unbekannt Donnerstag, 3. September 2009, 08:21
Francois Joseph Gossec wurde am 17. Januar 1734 in Vergnies in Belgien geboren.
Nach einem langem Leben starb er in Passy bei Paris am 18. Februar 1829.
So erlebte er eine aufregende Zeit: den Niedergang des Anciènne Regime, die Revulotion, die Schreckensherrschaft, das Direktorium, die Machtergreifung Napoleons, und schließlich die Rückkehr der Bourbonen.



Jean Francois Gossec



So wie fast alle späteren Musiker trat auh er im Kindesalter in den Kirchenchor ein. In Walcourt (Belgien) begann er zu singen, später dann in Maubeuge trat er der Kapelle von St. Peter bei.

Dort hatte Jean Vanderbelen die Leitung, von ihm erhielt er wohl seinen Unterricht für Violine und Cembalo, natürlich auch Harmonielehre und Komposition.
1742 wurde er in den Chor der Kathedrale "Notre Dame" in Antwerpen aufgenommen, dort erweiterte er seine Kenntnisse bei André Joseph Blavier. In dieser Zeit verlor er den Kontakt zu seiner Familie.

1751 bekam er ein Empfehlungschreiben und stellte sich bei Jean Philippe Rameau in Paris vor.
Der alte Meister war begeister von den Fähigkeiten des jungen Mannes, dass er ihn sofort für sein Orchester verpflichtet.
Diese Orchester gehörte dem Generalsteuerpächter Alexandre-Joseph Le Riche de la Pouplinierès, er gehörte zu den wichtigsten Gönnern Rameaus.
Gossec wurde Violinist.

1764 starb Rameau und Johann Stamitz wurde für dessen Nachfolge auserkoren, dieser Mitbegründer der "Mannheimer Schule" hatte großen Einflkuß auf Gosec.
Seine ersten Symphonien entstanden nach dem mannheimer Vorbild - mit gerade einmal 25 Jahren entschloss er sich ein größeres Werk in Angriff zu nehmen, eine gewaltige Totenmesse, das "Requiem, Grand Messe des Morts" entstand und wurde 1760 in der Jakobinerkirche (die noch eine wichtige Rolle in der frz. Geschichte spielen sollte...) uraufgeführt.
Über Nacht wurde Gossec berühmt.

Er wurde an den Hof des Prinzen von Condé berufen, der in Chantilly residierte. Dort übernahm er das Amt des Kapellmeisters.
Zusätzlich übernahm er auch die Leitung der Kapelle des Prinzen von Conti.



Chateau Chantilly



Er versuchte sich auch an der Oper, aber gegen seine Konkurenten Gluck, Sacchini und Grétry konnte er sich nicht durchsetzen.
25 Jahre lang versucht er erfolglos Fuß auf diesem Gebiet zu fassen.

Als der frz. Meister der Symphonie blieb er jedoch unangefochten.
Er gründete 1769 das "Concert des Amateurs", dass unter seiner Leitung schnell den Ruhm des "Concert Spirituell" in den Schatten stellte. Saint Georges wurde hier sein Schüler und Nachfolger.

Mit dem Regierungsantritt Louis XVI wurde Gossec 1774 zum "Maitre de musique pour le service du théâtre de l'Academie Royal" ernannt.
Als ein Direktor der Oper war er nun einer der einflussreichste Musiker in Paris.
Mozart äußerste 1778 sich sehr lobend über Gossec und konnte sich seiner Protektion sicher sein.
1784 übernahm Gossec die Leitung der neugegründeteten `"École Royal de Chant et de Déclamation" (die Gründung wurde von ihm angeregt). Dort sollten junge begabte Menschen eine fundierte musikalische Ausbildung erhalten.




1789 - mit dem Ausbruch der Revolution, wandte sich Gossec sofort zu den Idealen "Liberté, égalité et fraternité" zu.
Von den 167 Revultionshymnen und 80 Orchesterwerken die in Jahren 1789 - 1799 entstanden, stammen 44 aus seiner Feder, darunter 1791 der Mache lugbure.
Beethoven nahm diesen Trauermarsch als Vorbild für seine Eroica Symphonie.

Sehr beeindruckend war auch das feierliche Te Deum, das zum Jahrestag der revolution auf dem Marsfeld gesungen wurde.
Dieses Te Deum schließt noch mit dem königlichen "Domine salvum fac regem" - denn noch achtete man Louis XVI als "König der Franzosen"
General Lafayette verlaß den Treueschwur, den alle Franzosen - auch die königliche Familie - auf die Verfassung ausprechen sollten.
Es gab wohl kaum einen Franzosen, der diesen Schwur nicht innerhalb der nächsten 3 Jahre brach...

1792 entstand sein Divertissement "Le Triomphe de la Republique"
Dieses Werk wurde in Auftrag gegeben um den Sieg von Valmy zu glorifizieren.
Die legendäre Schlacht in denen die Revolutionstruppen die vereinigten Armeen der Preussen und Österreicher besiegten die unter dem Kommando des Herzogs von Braunschweig standen.

Der offene Krieg zwischen Frankreich und den Allierten war anfangs ein Volksbegehren, als jedoch die frz. Truppen an allen Fronten besiegt wurden und Louis XVI schließlich auch noch die Flucht ergriff - brach in Frankreich die Anarchie aus.
Es folgten die Septembermorde um die "inneren Feinde" zu vernichten.

Die Royalisten hofften auf eine Niederlage Frankreichs, damit die alte Ordnung wieder hergestellt werden könnte.
Doch es kam anders.

Der Herzog von Braunschweig, sowie der Führer der Emigranten, der Graf von Artois drohten damit, ganz Paris dem Erdboden gleich zu machen, wenn man der königlichen Familie ein Haar krümmen würde.

Am 20. September 1792 kam es dann in der Nähe von Valmy zu einer erneuten Schlacht, ein Artillerie - Duell, deshalb auch "Bombarde de Valmy" genannt. Der Herzog von Braunschweig war über die Beständigkeit der Franzosen erschrocken und trat den Rückzug an.
Seine Truppen waren zudem von Krankheit und Hunger gezeichnet. Die Invasion Frankreichs war gescheitert.
Goethe notierte in seinem späteren Bericht den Ausspruch eines Offiziers (er hatte an dem Feldzug ebenfalls teilgenommen)

"Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."


Was dann folgte, sollte niemand für möglich gehalten haben, in den nächsten Jahren wurden Savoyen, die Niederlande und das ganze linke Rheinufer innerhalb kürzester Zeit von Frankreich besetzt.


die Schlacht von Valmy


Gossecs Werk hat durch diese Hintergrundgeschichte wahrhaft historische Bedeutung! Denn man kann sagen, dass durch dieses Divertissement ein neues Zeitalter der Geschichte eingeleutet wird.


Auch wärend der Schreckensherrschafft versuchte er den Betrieb der "Écolé" aufrecht zu erhalten. Diese besagte Schule wurde bald in das berühmte "Conservatoire de Musique" unbenannt, er blieb dort als Kompositionslehrer und hatte entscheidend zu der Umgestaltung beigetragen.
Als 1799 die Revultion durch den Staatstreich Napoleons endete war Gossec bereits 65 Jahre alt.

Doch war ihm ein langes Leben beschieden, er erlebte den Aufstieg Napoleons, seine Kaiserkrönung, die Abdankung und die Rückkehr der Bourbonen mit Louis XVIII. Die hundert Tage Napoleons die mit der Schlacht von Waterloo endeten und die Krönung des Grafen von Artois zu Charles X.
In seinen letzten 30 Jahren entstanden wenigere Werke als in den Jahren zuvor.

zu seinen letzten Werken gehören die "Symphonie à dix sept parties" und die "Dernier Messe des vivants"
Sein Oeuvre beläuft sich auf über 500 Werke.

Gossec gehört neben Haydn, Boccherini, Mozart und Kraus zu den wohl wichtigsten Komponisten des 18. Jahrhunderts.
Unbekannt Donnerstag, 3. September 2009, 19:06
Hallo!

Zitat

mit gerade einmal 25 Jahren entschloss er sich ein größeres Werk in Angriff zu nehmen, eine gewaltige Totenmesse, das "Requiem, Grand Messe des Morts" entstand und wurde 1760 in der Jakobinerkirche (die noch eine wichtige Rolle in der frz. Geschichte spielen sollte...) uraufgeführt.
Über Nacht wurde Gossec berühmt.


Ich halte dieses Requiem für ein epochales Meisterwerk ganz besonderen Ranges. Mir zumindest ist kein wirkliches Vorbild bekannt. Diese großangelegte Vertonung der Missa pro defunctis mit vielen einzelnen Nummern (darunter etliche hervorragende Chöre und Arien), großem Orchester (insbesondere einem zusätzlichen Bläser-Fernorchester) und stattlicher Länge (70-80 Minuten) steht in der zeit um 1760 da wie ein erratischer Block.
Allein für dieses Werk, das zwischenzeitlich sogar zu meinem Lieblings-Requiem aufstieg, hat Gossec Unsterblichkeit verdient.
Mozart hat das Werk gekannt und sich daran orientiert, aber auch der Einfluß auf noch spätere Zeit (Berlioz, Verdi - hier insbesondere die klangmächtige Sequenz und der große Bläserapparat) ist IMO klar vorhanden.
Ich kenne via Ulli (Tamino-Forum) glücklicherweise eine von Salisburgensis mitgeschnittene Radio-Aufnahme des Concerto Köln, die einem einfach nur umhaut! Aber auch in der Devos-Aufnahme kommt die Großartigkeit dieser Totenmesse gut rüber:



Zudem halte ich von Gossec als Symphoniker viel. Die Symphonien sind nicht so "sophisticated" wie die von Haydn, sondern weniger formal und in gewisser Weise "einfacher gestrickt", aber ungemein eingängig, abwechslungsreich und orchestral brillant. Ich habe zwei CDs, wobei die mit dem Concerto Köln sicher als Referenzaufnahme anzusehen ist. Insbesondere die Symphonie a 17 partes F-dur ist wirklich unbedingt kennenlernenswert!



Als Kammermusik-Komponist konnte mich Gossec allerdings nicht überzeugen. Bei seinen Streichquartetten blieb der Aha-Effekt aus. Aber das macht nichts, dafür gibts da ja in dieser Kategorie die Spezialisten Boccherini und Pleyel...

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 3. September 2009, 21:54
Ich kenne via Ulli (Tamino-Forum) glücklicherweise eine von Salisburgensis mitgeschnittene Radio-Aufnahme des Concerto Köln, die einem einfach nur umhaut!


Soso, der verteilt unautorisierte Kopien. Da ist wohl ne Abmahnung fällig... :hide:

Aber im Ernst: zu allem, was Martin über dieses Requiem geschrieben hat, meine vollste Zustimmung. Das ist wirklich ein unglaubliches Stück.

Kennt zufällig jemand die Malgoire-Aufnahme? Eine Einschätzung dazu würde mich brennend interessieren.


:wink:
Thomas
Unbekannt Freitag, 4. September 2009, 08:38
für das Requiem von Gossec gibt es wohl wirklich kein direktes Vorbild - aber dafür stilistische Vorbilder für die reine Musik.

Das ganze ist an den moderneren Grands Motets orientiert, ganz besonders an Mondonville.
z.B. das Confutatis ist schon fast eine Kopie aus Mondonvilles Grand Motet "In exitu Israel" - jordanis conversus.

Auch bei anderen Sätzen fällt die sehr starke Ähnlichkeit zu bestimmten Passagen aus solchen Werken auf.
Es ist eben deshalb schon ungewöhnlich, weil Messevertonungen in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert eigentlich nicht gefragt waren.
Am Anfang des 17. Jh. gibt es das noch, aber spätestens seit der Epoche Louis XIV, durch die Komponisten Du Mont, Robert und schließlich Lully war die einzige wirkliche Großform nur noch die Grand Motet.

Ausnahmen sind nur die reinen Orgelmessen, oder Komponisten wie Charpentier die sich ohnehin nicht an die Geflogenheiten hielten.

Gerade auch bei Totenmessen ist das was ich bisher kenne genauso gestrickt.
Vor 1650 noch die typische Miss pro defunctis, danach nur noch einzelne Sätze der Messe als Grand Motet.
Dann die Vertonungen des "De Profundis" oder aber neu gedichtete Verse (Charpentiers Totenmesse für die frz. Königin, Delalandes Cantiques Spirituelles etc.)

Ausnahmen scheinen dann die Requien von Campra und Gilles zu sein, die z.T. der alten Lithurgie wieder folgen.
Ist Gilles Requiem nicht auch beim Tode Louis XV gespielt worden ?
Es war zumindest sehr beliebt und könnte daher wohl das Vorbild gewesen sein, nur das monumentale in Gossecs Werk hat wohl kein wirkliches Beispiel.


aber auch seine anderen geistlichen Werke stehen dem Requiem nicht nach:



Neben einer Grand Motet von Gossec sind auch die Komponisten Gretry und Rigel vertreten.
Eine ganz ausgezeichnete Aufnahme, zumal hier noch nie aufgenommenes Repertoire vorgeführt wird.


Es gab mal eine 3 CD Box von Erato "Musique & Revolution" zur 200 Jahrfeier der frz. Revolution.
Die Box ist aber seit langem nicht mehr erhältlich.
Neben den bekannten Hymnen und Instrumentalstücken der revolution von Gossec, Catel, Mehul war auch Gossecs "Te Deum" dass er für den Jahrestag der Revolution komponierte und das dann auf dem Marsfeld gesungen wurde.


Seine Opern sind in der Tat eher schwach, ich habe einen Radiomitschnitt von "Toinon et Toinette" (Les Talens Lyriques / Rousset) - es hat mich wenig begeistert.
Es gibt auch einige Auszüge aus seiner Tragèdie Lyrique "Sabinus" in der 20 CD Box "200 Jahre Musik in Versailles" (da ist auch die Grand Motet der oben genannten CD enthalten: Terribilis est )

Ganz anders ist da seine Prophagandamusik:


Le Triomphe de la Republique
I Barroccisti / Fasolis

Die Interpretation ist schon hammermäßig und dieser geballte Patriotismus erschlägt auch ziemlich.
Allerdings ist diese Musik auch ziemlich anspruchslos, das Publikum war eben der rebellierende Mob... :whistling:
Unbekannt Montag, 28. September 2009, 16:03


Ganz anders ist da seine Prophagandamusik:


Le Triomphe de la Republique
I Barroccisti / Fasolis

Die Interpretation ist schon hammermäßig und dieser geballte Patriotismus erschlägt auch ziemlich.
Allerdings ist diese Musik auch ziemlich anspruchslos, das Publikum war eben der rebellierende Mob...

Das heißt, es wird mir wohl recht gut gefallen?

;)

Sind solche Werke sozusagen Zusammenstellungen der damaligen Gassenhauer oder extra Kompositionen?
Unbekannt Montag, 28. September 2009, 16:06
ich meine umgekehrt, erst kam Gossec, hat "zielgerichtet" komponiert und daraus sind dann bestimmte Chants "wie die Hymne a la liberte" in den Revolutionsgebrauch übergegangen.


Doch doch, die CD solltest Du Dir zulegen :thumbsup:

aber es hat natürlich keine so tiefgreifende und bewegende Tiefe wie Gossecs "Messe des Morts" denn das ist wirklich ein großes Meisterwerk.
Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 11:00
Guten Tag

Grossecs Singspiel " Le tonnelier - Der Faßbinder " fand den Gefallen des Kurfürsten Karl-Theodor von der Pfalz, am 14. August 1774 wurde das 14 Aufzüge umfassende Bühnenwerk im Schloßtheater Schwetzingen aufgeführt.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 14:32
Ach ja, noch ein Komponist, der in meinen CD-Regalen unterrepräsentiert ist ... ich habe da nur eine Dernière Messe des Vivants, eine lang vergriffene CD, die nur teuer zu bekommen ist, und eine Sinfonie auf Concerto Kölns Revolutions-CD:

Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 14:33
Welche Aufnahme der Messe des Morts ist denn am empfehlenswertetsten? Oder sind das drei verschiedene Werke?



Von meiner bisherigen Erfahrung mit diesen Interpreten würde ich zu Malgoire neigen ...
Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 15:13
Welche Aufnahme der Messe des Morts ist denn am empfehlenswertetsten? Oder sind das drei verschiedene Werke?



Von meiner bisherigen Erfahrung mit diesen Interpreten würde ich zu Malgoire neigen ...


Von den gezeigten Aufnahmen besitze ich Devos und Malgoire - und würde ganz klar zu letzterem raten.

Gut gefallen (deutlich besser als Devos) hat mir übrigens auch diese (allerdings nicht-HIPpe) Einspielung:



die deutlich die monumentalen Dimensionen des Werks akzentuiert und überaus erschütternd wirkt. Malgoire ist IMO aber eindeutig die erste Wahl.

Viele Grüße,
Medard
Unbekannt Mittwoch, 28. Oktober 2009, 23:11
Gerade ist mir eine Aufnahme der Symphonien Gossecs aufgefallen, die mir HIP zu sein scheint:



Symphonien op. 12 Nr. 1, 3,5 + J. Stamitz: Klarinettenkonzert in B



Symphonien op. 8 Nr. 1-3 (Brook 43-45) +Airs de Ballet aus der "Sabinus"

Les Agrémens, Guy van Waas
Unbekannt Freitag, 27. November 2009, 17:27
Welche Aufnahme der Messe des Morts ist denn am empfehlenswertetsten?



Also diese ganz sicher nicht: Geplärr und Geleyer im Stylus maximus... ganz, ganz, ganz gruselig... :shock:

Besorg Dir am besten einen Mitschnitt der Concerto-Köln-Aufführung aus Bonn. :angel:
Unbekannt Montag, 17. Januar 2011, 22:16
Jantz frisch und klingt ziemlich HIP, was die Jakobiner da blasen:



Hörexempel gibts bei ATMA direkt

:wink: