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Francoeur (1698-1787) - im Schatten Rameaus

Unbekannt Freitag, 25. September 2009, 10:08
Le parnasse françois:
François Francoeur


Was denn schon wieder ein ausgegrabener Franzose ?

ja schon, aber einer der sich mal wirklich wieder lohnt!!!


François Francoeur wurde am 8. September 1698 in Paris geboren, er starb am 5. August 1787 ebenfalls in Paris



Francoeur stammte wie so viele bedeutende Musik aus einem Musikergeschlecht, das schon zu Zeiten Louis XIV aktiv war.
Sein vater war Mitglied der 24 Violinen des Königs und spielte auch im Orchester der "Academie Royale de Musique"

Von ihm erhielt er natürlich auch seine Ausbildung.
Und François freundete sich mit einem Sohn eines weiteren Musikers der Hofkapelle an: mit François Rebel, der niemand anderes war, als der Sohn des großen Jean Fery Rebel.

Diese Freundschaft sollte eine Leben lang halten und zu eine der kuriosesten Doppelkarrieren der Musikgeschichte führen.

Beide Musiker unternahmen zusammen eine musiklaische "Grand Tour"
sie reißten nach Wien um bei Caldara und Fux zu studieren.
1726 zurück in Paris traten sie gemeinsam im Concert Spirituell auf und brachtem im gleichen jahr ihren Sensationserfolg "Pirame et Tisbe" auf die Bühne der Academie Royale.

Der Erfolg dieser Tragèdie Lyrique war enorm, sie gehörte fortan zu den beliebtesten Opern in Frankreich, es gab alle Paar Jahre leichte Modifikationen, sogar noch bis ins Jahr 1771 !

Rebel und Francoeur unterhielten freundschaftliche Beziehungen zu ihrem Altmeister Michel Richard Delalande, der greise Surintendant Louis XIV und Louis XV soll auch eigenhändig die Chöre für Pirame verfasst haben - so lautete jedenfalls ein keinesfalls böswilliges Gerücht.
(Zudem war Delalande der Onkel Rebels)

"die Musik dieser Oper ist so hervorragend, dass man zu zweifeln geneigt ist, ob die beiden jungen Musiker nicht die Hilfe eines großen Meisters beigezogen haben.."

Und die beiden jungen Musiker gaben auch respektvoll zu, das ihnen die Hand eines großen Meisters geholfen hatte, das kann man nun interpretieren wie man möchte.
So schrieben sie im Vorwort zu dem Druck der Oper:

"Unser Mangel an Erfahrung hielt uns lange zurück; der Wunsch in die Fußstapfen derer zu treten, die uns vorangegangen waren ermutigte uns; wir waren beide davon erfüllt; dieselbe Ausführung zu überwinden; Monsieur Lulli war unser Meister und Vorbild, Soe sollen unser Richter sein..."

Ein Sensationserfolg der Folgen hatte.
Im gleichen jahr wurden die Komponisten zu "Ordinaires de la Chambre du Roi" ernannt - die größte Ehre, denn der königlichen Kammer gehörten nur die besten Musiker des Landes an.

1739 wurden sie schließlich in das höchste musikalische Amt erhoben:

Zum ersten male wurden 2 Komponisten als "Surintendant de la Musique du Roi" eingesetzt, also jenes berüchtigte Amt, das einem seit Lully die Alleinherrschaft über das frz. Musikleben garantiert.

Louis XV leistet sich also 2 Oberhofintendanten der königlichen Musik.
Weitere Ernennungen folgten, Leiter des Concert Spirituel, Direktoren der Academie Royale de Musique, Surintendant de la Chambre du Roi (nach dem Tode von Colin de Blamont) sogar die Aufnahme in einen Ritterorden konnten die beiden verbuchen.

Und weiterhin wurden auch sämtliche Bühnenwerke von beiden Komponisten zusammen komponiert.
Insgesamt entsammten 10 große Opern ihrer gemeinsamen Feder, dazu noch kleinere Divertissements und Ballette.

Francoeur komponierte allerdings auch noch 2 Bücher mit Violinsonaten.

Wahrscheinlich am ehesten bekannt ist ein "Auftrag" Louis XV aus dem Jahre 1773.
Er sollte für die Hochzeit des Grafen von Artois eine Festmusik zusammen stellen.
Dazu griff er auf Instrumentalstücke seiner mit rebel verfassten Opern zurück, aber auch auf Kompositionen von Rameau, Berton und Mondonville.

Es entstand die Sammlung "Symphonies pour les Festins Royales du Comte d'Artois"
Diese herrliche Sammlung war in rotes Leder eingebunden und wurde von dem angeblich so unmusiklaischen Louis XVI wie ein Schatz in seiner Bibliothek gehütet.

Das Gespann Francoeur / Rebel ist neben Rameau und Mondonville eine weitere lohnende Entdeckung, der Stil ihrer Kompositionen ist allerdings wesentlich konservativer - aber dennoch in einer eigenen musikalischen Sprache verfasst.
Unbekannt Samstag, 26. September 2009, 10:55
nun zu den Aufnahmen.

Mittlerweile gibt es zwei hervorragende Einspielungen der "Symphonies pour les Festins Royales"




La Symphonie du Marais - Hugo Reyne


Nach wie vor eine der schönsten Aufnahmen dieses Ensembles !
Hugo Reyne hat hier alle Instrumentalwerke dieser sammlung zusammengefasst und in 3 Suiten geordnet die nachweißlich von Franceour stammten.

Die erste Suite in g-moll gehalten, eröffnet mit einer furiosen Ouvertüre.
Es folgen teils abstrakte Sätze, wie Air gracieux oder Air vif, aber auch Tänze wie Gavotte und Contredanse.

die zweite Suite ist im strahlenden D-Dur (die königstonart Re- Major = Re wie Rex)
Die Suite wird auch mit einer mitreißenden Fanfare eröffnet, die Trompeten und Hörner kommen noch öfter in der Suite zum Zuge, am beeindruckensten jedoch in der über 8 Minütigen Chaconne (die ursprünglich aus "Zelindor" stamme).

Die letzte Suite steht in F-Dur, wird wiederrum mit einer Ouverture eröffnet.
Highlights sind das "Air des americains" und "Air des furies" das ganz stark an Lully erinnert.
Und auch diese Suite wird von einer großen Chaconne beschlossen.


Ich besitze noch die Alte Ausgabe aus der Serie "Musique a Versailles" bei FNAC, in elegantem Blau, das Titelbild zeigte den oberen Teil eines der Tore von Versailles, im Hintergrund Frühlingsbäume.
Die CD ist aber wohl nicht mehr erhältlich, dafür kann man sie aber bei amazon downloaden.



Ensemble Stradivaria - Cuiller

Cuiller spielt nur eine selbstgebastelte Suite aus den "Symphonies" und koppelt dies mit einer Suite aus Les Indes Galantes von Rameau.
Auch hier ist die Interpretation wunderschön.
Das Highlight ist jedoch die Chaconne von Berton, welche die Suite von Franceour beschließt.
Sie hatte eine gwisse Ähnlichkeit mit der Chaconne aus Les Indes Galantes, übertrifft sie jedoch um Längen.
(wahrscheinlich hat man deshalb bei Rameau Suite auch darauf verzichtet :D )
Im Gegensatz zu Reyne übernahm Cuiller auch Stücke anderer Komponisten die Francoeur in seiner Sammlung verwurstete.


In jedem Fall kann ich beide Aufnahmen wärmsten empfehlen - die mit Hugo Reyne sollte man aber unbedingt haben.
Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 07:33
glücklicherweise ist jetzt auch Pirame et Tisbe als Gesamtaufnahme verfügbar:



Francoeur / Rebel: Pirame et Tisbe, Tragèdie Lyrique
Ensemble Stradivaria - Cuiller


das Ensemble hat ja bereits mit der "Franceour - Rameau" CD gezeigt, dass es diese Musik schätzt - umso erfreulicher diese Gesamtaufnahme.
Eines vorweg - diese Oper ist in der tat superb.
Sie ist natürlich wesentlich konservativer als die Werke Rameaus - das ändert sich auch nicht durch spätere Überarbeitungen, die Version von 1771 liegt der Aufnahme zu Grunde.

Das Ensemble, sowie die Sänger bewegen sich auf hohem Niveau und "Pirame e Tisbe" ist schlicht ein Meisterwerk !
Die Oper verfügt über alles was eine Tragèdie Lyrique haben sollte, natürlich gibt es ausgedehnte Rezitative nach dem Vorbild Lullys, eine schöne Chaconne, eine große Szenen mit Pauken und Trompeten und viele Tänze und natürlich auch eine Art Sturm.
Viele der Instrumentalnummern finden sich natürlich in den "Symphonies" wieder.

Der Schluss der Oper ist dramatisch, aber knapp – kein Chor, keine Instrumentalnummer.
Oft wird das als Grund angeführt, wenn eine Oper damals floppte, auch wenn es kein Happy End gab.
In diesem Punkt irrt aber die Wissenschaft, entscheidend waren allein die Qualität der Musik und des Librettos.

Das Libretto stammte übrigens von Jean Louis Ignace de la Serre, Sieur de L’Anglade und schien dem damaligen Publikum sehr zuszusagen.
Das Werk selbst war dem Prince de Conti gewidmet.


Die Story dürfte auch jedem bekannt sein, die mythologische Geschichte von Pyramus und Tisbe ist so ziemlich die gleiche Geschichte wie Romeo und Julia (soviel zu Shakespears genialstem Werk... :pfeif: )
Da war Ovid schneller :D



eine kleine Oper, eine sogenannte "Petit Opera" liegt demnächst auch gleich in zwei Einspielungen vor:


Zelindor, Roi des Sylphes


die erste Aufnahme mit dem Ensemble Ausonia ist in der Box "200 Jahre Musik in Versailles" enthalten:




das Ensemble hat übrigens auch noch eine weitere Franceour CD aufgenommen:



neben wunderschönen Violin-Sonaten kommen hier auch hochdramatische Airs aus den Opern "Skanderberg", "Pirame et Tisbe" und "Tarsis et Zélie" zum Zuge, eine gute Aufnahme um die Musik Franceour kennen zulernen - es ist eine völlig andere Musiksprache als die von Rameau.


und die Opera Lafayette ist mit Zelindor ab Oktober zu haben:

Unbekannt Montag, 25. Januar 2010, 12:16
In welcher Hinsicht stand Francoeur im Schatten Rameaus? Ich dachte, er war in den höchsten Ämtern?

Stand er damals im Schatten Rameaus oder steht er heute in dessen Schatten (was z.B. die Zahl der eingespielten Werke anbelangt)?
Unbekannt Montag, 25. Januar 2010, 12:51
Wahrscheinlich meint der Duc, daß Francoeur im heutigen Konzertleben im Schatten Rameaus steht. Da hat er sicher recht.
Unbekannt Montag, 25. Januar 2010, 15:34
genau, es geht um die Heutige Bedeutung.
Im 18. Jahrhundert hatte Francoeur durchaus mehr Erfolg als Rameau, dem die Zustimmung für neue Werke ja oft versagt blieb.

Das Doppel "Francoeur-Rebel" war ja auch die einzige Instanz, der es gestattet wurde die Opern des Herrn von Lully zu bearbeiten.
Francoeur war es ja auch der die Oper "Persée" von Lully für die Hochzeit des Dauphins mit der Erzherzogin Marie Antoinette bearbeitete.
Unbekannt Dienstag, 26. Januar 2010, 16:54
genau, es geht um die Heutige Bedeutung.
Im 18. Jahrhundert hatte Francoeur durchaus mehr Erfolg als Rameau, dem die Zustimmung für neue Werke ja oft versagt blieb.

Das Doppel "Francoeur-Rebel" war ja auch die einzige Instanz, der es gestattet wurde die Opern des Herrn von Lully zu bearbeiten.
Francoeur war es ja auch der die Oper "Persée" von Lully für die Hochzeit des Dauphins mit der Erzherzogin Marie Antoinette bearbeitete.

Ich hätte jetzt nämlich beides für möglich gehalten.

Das liegt aber daran, dass ich in meiner Wahrnehmung nur z.B. die Parteien Ramisten <-> Italiener (Buffonisten) sehe.

Auch sehe ich später dann, z.B. in den 1770ern, wenn dann eher die Kritik am "veralteten" Stil von Rameau - wie zum Beispiel humorvoll in "Le Jugement de Midas" vorgeführt. Wie groß bei solcher Kritik hätte da nicht das Befremden der "Neuerer" gegenüber den noch "konservativeren" Leuten wie Francoeur gewesen sein?



Außerdem verweise ich auf meine Signatur! :baeh:

:hide:
Unbekannt Samstag, 22. Mai 2010, 09:56
Ich habe Francoeur als Komponisten durch Mira Glodeanu kennen und schätzen gelernt, als sie eine Sonate mit einer Studentin erarbeitete. Damals habe ich erstmals eine Vorgehensweise erlebt, die ich sonst eher von der Kantatenbegleitung her kannte. Jede musikalische Phrase wurde mit irgendeiner passenden, in Altfranzösisch gesprochenen Wortfolge in Musik zu übersetzt, was mit dem modernen Französich musikalisch so nicht möglich ist. Alle Anwesenden wurden in diese Suche mit einbezogen. Gleiches habe ich in ähnlicher Situationen später bei Kantaten, bei Vater Rebels und Leclairs Werken erlebt. Inzwischen beurteile ich die Interpretation französischen Kammermusik der Barockzeit weniger nach technischen als nach den rethorischen Merkmalen. Unglaublich welcher Hörgenuss mir seitdem zur Verfügung steht.

Die Francoeur Sonaten finde ich eindrucksvoll und tiefgründig, die leichteren fröhlichen Sätze nehmen wenig Raum ein. Darum die Sätze in einem getragenen Tempo um so mehr, aber gerade in denen kommt die emotionale Tiefe die diese Sonaten hörenswert machen, so richtig zur Geltung. Neben dem Solisten redet man relativ selten über den Bassisten, mit James Munro hat Ausonia einen erstklassigen Spezialisten (und Freund) zur Hand, der auf seinem Violone (damals war in Frankreich das aus Italien kommende Cello noch nicht voll etabliert) der Oberstimme einerseits einen phantastischen Kontrast und andererseits tragenden Hintergrund bildet. Allerdings brauche ich persönlich eine entsprechende Stimmungslage um diese Werke wirklich genießen zu können. Das Label Alpha ist ein zusätzlicher Garant für eine qualitativ hochwertige technische Verwirklichung, der oben erwähnten Einspielung.
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Übrigens habe ich noch eine Aufnahme mit weiteren Sonaten Francoeurs durch Ausonia, die 2002 unter der Refferenz CAL 9888 beim Label Calliope erschien.
Unbekannt Samstag, 10. September 2011, 21:31
Die weiter oben erwähnte sehr gelungene Aufnahme von Hugo Reyne ist inwischen auf einer preiswerten Doppel-CD, zusammen mit Musik von Philidor, wieder erhältlich: