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Francisco Guerrero (1528-1599)

Unbekannt Sonntag, 19. Dezember 2010, 20:49
Das Leben und Wirken Francisco Guerreros ist untrennbar mit der Stadt Sevilla verbunden, in der er am 4.10.1528 geboren wurde und am 8.11.1599 an der Pest starb. Dazwischen wirkte er die meiste Zeit an der Kathedrale der Stadt, in deren Chor er 1542 eintrat und von seinem Bruder Pedro Guerrero ausgebildet wurde. Francisco Guerrero muß dort erstaunlich gut und viel gelernt haben, denn bereits 1546 folgte er dem Ruf, als Kapellmeister in der Kathedrale von Jaén anzufangen. Jaén ist und war zwar nicht der Nabel der Kulturwelt, aber Guerrero erlangte auch mit seiner Arbeit dort bald überregionale Bekanntheit. Das Angebot, Kapellmeister an der Kathedrale in Málaga zu werden, schlug er allerdings aus. Stattdessen ging er 1554 zurück in die Kathedrale von Sevilla, wo er als Sänger und Vizekapellmeister wirkte. Von 1574 bis zu seinem Tod hatte Guerrero dann – allerdings mit Unterbrechungen – das Amt des Kapellmeisters inne.


Sevilla im 16. Jahrhundert

Guerrero unternahm mehrere Reisen durch Spanien und Portugal, teils im Auftrag von Kaiser Maximilian II., sowie eine Italienreise 1581/82, die ihn auch nach Rom führte, wo er zwei Bände seiner Musik veröffentlichen konnte. Guerrero war, was zeitgenössische Quellen belegen, der berühmteste spanische Komponist seiner Zeit (und nicht etwa der heute wesentlich bekanntere Tomás Luis de Victoria). Seine Werke waren in und außerhalb Spaniens verbreitet - insbesondere in Lateinamerika wurde seine Musik noch lange nach seinem Tod gepflegt. Neben vielfältiger musikalischer Begabung (nicht nur als Komponist und Tenor, sondern auch im Spiel von Orgel, Harfe, Zink und Vihuela) hatte er auch literarische Ambitionen: 1590 beschrieb er in seinem Buch „Viaje de Hierusalem“ seine Erlebnisse der Reise ins Heilige Land 1588/1589, die bei weitem nicht nur musikalische Eindrücke hinterließ. Auf der Rückfahrt wurde er von Piraten gefangen genommen und konnte nur nach Zahlung eines Lösegelds (und gänzlich pleite) nach Spanien zurückkehren. Dort machte er Bekanntschaft mit dem Gefängnis von Sevilla – angeblich wegen falscher Darstellungen in seinem Reisebericht. Aber Dank der guten Beziehungen zur Kathedrale kam er frei und konnte seine alte Tätigkeit wieder aufnehmen.

Unter den überlieferten Kompositionen Francisco Guerreros befinden sich 19 Messen (darunter eine Totenmesse – dazu bald mehr) sowie über 150 weitere liturgische Kompositionen. Im Unterschied zu den meisten anderen spanischen Kirchenmusikkomponisten der Zeit schuf er auch weltliche Musik, sogenannte „villanescas“, und Instrumentalmusik.
Von Guerrero ist ein wahrscheinlich authentisches Portrait überliefert, aus einem 1599 erschienenen Buch von Francisco Pacheco:

Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 16:36
Danke für die schöne Eröffnung Martin! Gibt es irgendwelche Aufnahmen, die Du besonders empfehlen könntest? Beim Recherchieren habe ich beispielsweise diese hier gefunden:



Herzliche Grüße,

Christian
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 22:34
Hallo,

ich besitze nur eine CD mit Musik von Guerrero (abgesehen von ein paar kurzen Stücken auf McCreeshs Sevilla-CD), nämlich diese sehr interessante Aufnahme seines Requiems:



Richard Cheetham wählte für diese Einspielung die 1582 in Rom veröffentlichte überarbeitete Version des Guerrero-Requiems. Schon 1566 erschien das Werk in Paris, aber wegen der Reformen des Trienter Konzils sah sich Guerrero gezwungen, den Tractus auf den Text "Absolve Domine" neu zu vertonen, da das alte "Sicut cervus" nun nicht mehr vorgesehen war. Dabei änderte er auch andere Teile des Requiems, z.B. durch zwei neue Fassungen der Communio.
Der gregorianische Cantus firmus, den Guerrero für seine Totenmesse benutzt, entspricht nicht dem altbekannten üblichen, woraus man schließen kann, daß in Spanien damals auch andere Versionen der gregorianischen Totenmesse gesungen wurden. Und tatsächlich gibt es sogar eine überlieferte alternative gregorianische Melodie für das "Dies irae" aus der Sammlung "Arte de canto llano" (Salamanca, Anfang 17. Jhdt.). Diese wird auch in der vorliegenden Aufnahme verwendet (Guerrero vertonte die Sequenz nicht) und ist eigentlich schon Grund genug die CD zu kaufen, wenn man sich für so etwas interessiert.
Statt der Sequenz gibt es dafür gleich zwei Responsorien von Guerrero zu hören - neben "Libera me" auch noch "Hei mihi, Domine". Als Zugaben gibt es zudem ein "In paradisum" von Juan Esquivel sowie ein "Ad Dominum cum tribularer clamavi" von Antonio de Cabezón, leider aber nicht das "Ego sum resurrectio" von Guerrero. Dafür gibt es einen beeindruckenden einleitenden instrumentalen Trauermarsch von Guerrero, der aufzeigt, daß in der Kathedrale von Sevilla damals wahrscheinlich auch etliche Instrumentalisten musiziert hatten.
Als ganzes soll das Programm der CD einen möglichen musikalischen Ablauf der für Guerrero am 10.11.1599 abgehaltenen Totenmesse nachzeichnen - naheliegenderweise (wenn auch nicht verbürgt) mit dessen eigener Requiem-Komposition.
Die CD ist dieses Jahr ganze fünfmal über unseren JPC-Partnerlink bestellt worden - da kann also bestimmt noch jemand seinen Eindruck zu Werk und Aufnahme schildern?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 22:47
Hallo Christian,

Danke für die schöne Eröffnung Martin! Gibt es irgendwelche Aufnahmen, die Du besonders empfehlen könntest? Beim Recherchieren habe ich beispielsweise diese hier gefunden:


meine Empfehlung ist gerade erfolgt. Beim Recherchieren ist mir v.a. folgende CD aufgefallen - Francisco Guerrero: Missa Puer natus est - da gerade passend zu Weihnachten und gebraucht sehr günstig erhältlich:



Kennt die jemand oder kann das Ensemble Capilla Penaflorida einschätzen?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Mittwoch, 22. Dezember 2010, 08:38
von Guerrero habe ich auch eine CD:




bzw. meine sieht so aus:



Hier werden Motetten aus einer Sammlung von 1570 aus Sevilla zu Gehör gebracht.
Savall und seine Truppe liefern wie immer beste Leitung ab.

Die Motetten werden nicht rein vokal vorgetragen, sondern von einer ganzen Reihe Instrumenten begleitet:
5 Gamben, Zink, 3 Posaunen, Dulcian (klingt und sieht so ähnlich aus wie das spätere Fagott) und Orgel.
Unbekannt Mittwoch, 22. Dezember 2010, 08:55
Hier werden Motetten aus einer Sammlung von 1570 aus Sevilla zu Gehör gebracht.
Savall und seine Truppe liefern wie immer beste Leitung ab.

Seitdem gibt' diese fantastische Aufnahme auch in der"Heritage"-Reihe als SACD:


Ich hab noch diese Einspielung:

Einfach himmlisch! :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

LG

Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 25. Dezember 2010, 20:14
Beim Recherchieren ist mir v.a. folgende CD aufgefallen - Francisco Guerrero: Missa Puer natus est - da gerade passend zu Weihnachten und gebraucht sehr günstig erhältlich:



Kennt die jemand oder kann das Ensemble Capilla Penaflorida einschätzen?


Lohnt sich m.E. nicht trotz des günstigen Preises.

Die Capilla Penaflorida hatte ich eigentlich als gutes Ensemble im Hinterkopf. Zumindest was diese Aufnahme betrifft, hat mir mein Gedächtnis da einen Streich gespielt. Abgesehen von mittelschweren Intonationsproblemen ist vor allem die Messe sehr öde und langweilig gesungen. Einziges musikalisches Ziel bei der Interpretation scheinen die Schlussakkorde zu sein. Die werden immer mit viel Ritardando angesteuert, um sich dann erleichtert auf den letzten Akkord plumpsen zu lassen. Dabei werden die Sänger von Bass und Orgel begleitet, was recht unmotiviert wirkt und klanglich kein Gewinn ist.

Für mich war der Kauf rausgeschmissenes Geld (gottseidank war's nicht viel).

:wink:
Thomas