Felix Mendelssohn (1809-1847): Sinfonien und Konzerte auf historischen Instrumenten
Als Musikwissenschaftler mit einer tiefen Verankerung in der Historisch Informierten Aufführungspraxis (HIP) betrachten wir Felix Mendelssohn Bartholdy nicht nur als einen Brückenbauer zwischen Klassik und Romantik, sondern auch als einen Komponisten, dessen Werk in besonderer Weise von der Wiederentdeckung seines ursprünglichen Klangs profitiert. Die Anwendung von Prinzipien, die gemeinhin der Alten Musik (Mittelalter, Renaissance, Barock) vorbehalten schienen, auf das frühe 19. Jahrhundert eröffnet eine neue Dimension im Verständnis von Mendelssohns Sinfonien und Konzerten.
Thematische Einführung
Felix Mendelssohn Bartholdys Musik, obwohl im Kontext der Frühromantik angesiedelt, offenbart bei der Aufführung auf historischen Instrumenten eine erstaunliche Klarheit, Transparenz und eine Detailfreude, die in modernen Interpretationen oft verschleiert wird. Die Auseinandersetzung mit dem originalen Instrumentarium und den Aufführungspraktiken seiner Zeit ist kein antiquarisches Unterfangen, sondern ein Weg, um Mendelssohns ästhetische Intentionen neu zu beleuchten. Wo liegt die Relevanz für einen Experten der Alten Musik? Die Methodik der HIP, die Suche nach Quellen, die Analyse des Instrumentenbaus und die Rekonstruktion zeitgenössischer Spielweisen sind universelle Werkzeuge, die auch für das frühe 19. Jahrhundert fruchtbar gemacht werden können. Die Unterscheidung zwischen einem Orchester des späten 18. Jahrhunderts (Haydn, Mozart) und dem eines jungen Mendelssohn ist fließend und von entscheidenden Nuancen geprägt, die es zu entschlüsseln gilt.
Historischer Kontext & Werkanalyse
Die Klangwelt von Mendelssohns Orchesterwerken unterscheidet sich markant von der eines heutigen Sinfonieorchesters. Die Instrumente seiner Zeit, obgleich schon auf dem Weg zu ihrer modernen Form, besaßen spezifische Eigenschaften, die den Gesamtklang prägten:
- Streichinstrumente: Darmsaiten waren Standard, was zu einem obertonreicheren, direkteren und weniger voluminösen Klang führte als bei Stahlsaiten. Leichtere Bögen und eine andere Bogenhaltung begünstigten eine artikuliertere, weniger durchgängig legato-betonte Spielweise. Die Balance innerhalb des Streichapparats und zum Bläsersatz war anders, oft transparenter und weniger homogen.
- Holzblasinstrumente: Querflöten, Oboen, Klarinetten und Fagotte besaßen oft noch relativ einfache Klappensysteme. Dies führte zu einem individuelleren Timbre für jedes Instrument und spezifischen Klangfarben in verschiedenen Registern, die nicht so gleichmäßig ausgeglichen waren wie bei späteren, hochmodernen Instrumenten. Der Klang war meist weicher, erdiger und mit mehr Charakter.
- Blechblasinstrumente: Naturhörner und -trompeten, die ihre Töne hauptsächlich durch die Obertonreihe und das Stopfen der Hand im Schalltrichter erzeugten, hatten eine andere Klangpalette als Ventilinstrumente. Ihr Einsatz war heroischer und spezifischer. Die ersten Ventilinstrumente waren zwar im Umlauf, aber noch nicht allgemein etabliert und klanglich anders als spätere Modelle.
- Pauken: Mit Naturfellen und Holzschlegeln gespielt, boten sie einen präziseren, definierteren Anschlag und weniger Nachhall, was die rhythmische Prägnanz in Mendelssohns oft motorischen Sätzen unterstrich.
- Orchestergröße und Aufstellung: Die Orchester waren in der Regel kleiner als die des späten 19. Jahrhunderts, was die solistischen Qualitäten der einzelnen Stimmen hervorhob und eine größere Klarheit der polyphonen Strukturen ermöglichte. Eine historische Aufstellung (oft mit geteilten Violinen) begünstigte den Dialog zwischen den Instrumentengruppen.
Bedeutende Einspielungen & Rezeption
Die Bewegung der Historisch Informierten Aufführungspraxis hat auch Mendelssohns Werk erfasst und eine Reihe wegweisender Aufnahmen hervorgebracht, die das Verständnis seines Schaffens nachhaltig geprägt haben. Pioniere und Ensembles, die sich Mendelssohn mit historischen Instrumenten und auf der Grundlage historischer Forschung nähern, sind unter anderem:
- Sir John Eliot Gardiner mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique (ORR): Seine Gesamteinspielungen der Sinfonien Mendelssohns haben Maßstäbe gesetzt. Gardiner und sein Orchester zeichnen sich durch energetische Tempi, scharfe Artikulation und eine transparente Klangbalance aus, die die Details und die Brillanz von Mendelssohns Partituren hervorheben. Die Aufnahmen zeigen, wie Mendelssohns Musik zwischen klassischer Formstrenge und romantischer Expressivität oszilliert.
- Thomas Dausgaard mit dem Swedish Chamber Orchestra: Obwohl nicht immer ausschließlich historische Instrumente verwendet werden, setzt Dausgaard auf Darmsaiten in den Streichern und eine historisch informierte Spielweise. Dies führt zu einer bemerkenswerten Klarheit und einem vibratoarmen Klang, der Mendelssohns musikalische Sprache frisch und unmittelbar erscheinen lässt.
- Philippe Herreweghe mit dem Orchestre des Champs-Élysées: Auch Herreweghe hat sich dem Mendelssohnschen Repertoire gewidmet und bietet Interpretationen, die durch eine feinsinnige Artikulation und eine natürliche Phrasierung überzeugen, die den romantischen Gehalt der Musik mit klassischer Klarheit verbinden.