Thematische Einführung
Domenico Scarlatti (1685–1757) ist eine Schlüsselfigur in der Musikgeschichte, dessen Name untrennbar mit einem umfangreichen Korpus von über 550 einteiligen Sonaten für Tasteninstrumente verbunden ist. Obwohl der Begriff „Sonate da camera“ (Kammersonate) in seiner strengen barocken Definition typischerweise mehrsätzige Werke für ein Soloinstrument und Basso continuo oder ein kleines Ensemble bezeichnet, die oft auf Tanzformen basieren (im Gegensatz zur „Sonate da chiesa“), finden sich in Scarlattis Sonaten zahlreiche Merkmale, die sie in den Kontext der Kammer- und Hausmusik rücken und ihnen eine intime, dialogische Qualität verleihen, die den Geist der „camera“ einfängt.
Diese Werke, ursprünglich zumeist als „Essercizi per gravicembalo“ (Übungen für das Cembalo) oder einfach „Sonate“ betitelt, sind Meisterwerke der Virtuosität, des harmonischen Einfallsreichtums und der formalen Innovation. Sie wurden primär für den höfischen Gebrauch komponiert, insbesondere für seine Schülerin und Mäzenin Maria Barbara, Königin von Spanien und Portugal, was ihre private, kammermusikalische Aufführungspraxis unterstreicht. Trotz ihrer singulären Satzform und ihrer idomatischen Ausrichtung auf das Tasteninstrument reflektieren sie eine Art von „Kammer-Charakter“ durch ihre Detailtiefe, ihre oft dialogischen Texturen und ihre Eignung für intime Aufführungsumgebungen.
Historischer Kontext & Werkanalyse
Domenico Scarlatti, Zeitgenosse von Bach und Händel, agierte an der Schwelle zwischen Spätbarock und Frühklassik. Seine Karriere führte ihn von Italien über Portugal nach Spanien, wo er den Großteil seiner Sonaten schuf. Diese geografische Verlagerung prägte sein musikalisches Idiom maßgeblich, indem er ibero-maurische Elemente, rhythmische Muster spanischer Tänze und Gitarrentechniken in seine Kompositionen integrierte. Dies verlieh seinen Sonaten eine unverwechselbare Farbe und Originalität, die sie von den nordeuropäischen Barockstilen abhebt.
Die „Sonate da camera“ im engeren Sinne vs. Scarlattis Klavier-Sonaten:Traditionell besteht eine „Sonate da camera“ aus einer Reihe von stilisierten Tänzen (Allemande, Courante, Sarabande, Gigue) und oft einem einleitenden Präludium, geschrieben für ein Melodieinstrument (z.B. Violine, Flöte) und Basso continuo. Scarlattis Sonaten hingegen sind fast ausschließlich einsätzig und in einer binären Form (A-B) angelegt, wobei jeder Teil wiederholt wird. Der erste Teil (A) moduliert in der Regel zur Dominante (oder Paralleltonart), der zweite Teil (B) kehrt zur Tonika zurück und greift oft Motive aus dem A-Teil auf, wodurch eine frühe Form der thematischen Entwicklung und Rekapitulation angedeutet wird – Vorläufer der späteren Sonatenhauptsatzform.
Doch warum die Assoziation mit „Sonate da camera“? Es ist der intime, konversatorische Charakter vieler dieser Sonaten. Sie sind reich an „sprechender“ Gestik, imitatorischen Passagen, kontrapunktischen Wendungen und virtuosen Passagen, die oft wie ein musikalisches Zwiegespräch wirken. Die technische Brillanz – überkreuzende Hände, Arpeggien, schnelle Tonrepetitionen, weite Sprünge – war nicht Selbstzweck, sondern diente dem Ausdruck einer komplexen musikalischen Idee, die in einer kleineren, aufmerksamen Zuhörerschaft am besten zur Geltung kam. Ihre Komposition für das Cembalo, ein Instrument, das sowohl solistisch als auch als Continuo-Instrument in der Kammer eingesetzt wurde, verstärkt diese Verbindung. Die oft verwendeten Skordaturen und die speziellen Klangfarben des Cembalos schaffen eine Klangwelt, die fernab großer Konzertsäle, eher in den Privatgemächern und Salons der europäischen Höfe beheimatet war.
Musikalische Merkmale:- Virtuosität: Scarlatti erweiterte die technischen Möglichkeiten des Cembalos immens. Seine Sonaten sind Pioniere in Bezug auf Handüberkreuzungen, rasche Arpeggien, Oktavparallelen und komplexes Fingerwerk. Jede Sonate scheint eine neue technische Herausforderung oder eine spezifische klangliche Textur zu erforschen.
- Harmonische Kühnheit: Scarlatti nutzte oft scharfe Dissonanzen, plötzliche Modulationen und unkonventionelle Akkordfolgen, die seiner Zeit voraus waren und eine erstaunliche Modernität offenbaren.
- Rhythmische Vielfalt: Einflüsse spanischer Volksmusik, Gitarrenrhythmen und die Verwendung von Hemiolen verleihen seinen Sonaten eine lebendige und oft tanzartige Qualität, die an die Wurzeln der „Sonate da camera“ erinnert, auch wenn die Tänze nicht explizit benannt sind.
- Formale Innovation: Die prägnante binäre Form, in der thematisches Material im zweiten Teil oft subtil variiert oder neu beleuchtet wird, legt den Grundstein für die klassische Sonatenform und demonstriert ein frühes Verständnis für thematische Arbeit.
- Expressivität: Trotz ihrer technischen Brillanz sind Scarlattis Sonaten reich an Ausdruck, von lyrischer Melancholie bis hin zu überschäumender Lebensfreude, oft innerhalb eines einzigen Satzes kontrastiert.
Bedeutende Einspielungen & Rezeption
Scarlattis Sonaten blieben lange Zeit eher im Schatten seiner Zeitgenossen, wurden aber im 19. Jahrhundert, insbesondere durch die Bemühungen von Carl Czerny und Hans von Bülow, wiederentdeckt und für das moderne Klavier adaptiert. Die große Bandbreite an Interpretationsansätzen zeigt sich in der Rezeptionsgeschichte:
Instrumentenwahl: Die Frage, ob Scarlatti auf dem Cembalo, dem frühen Fortepiano oder dem modernen Klavier gespielt werden sollte, ist eine ständige Debatte. Während das Cembalo Scarlattis bevorzugtes Instrument war und seine Kompositionen dessen spezifische Eigenheiten ideal ausnutzen, haben viele Pianisten die Sonaten in das Kernrepertoire des modernen Klaviers integriert. Wichtige Interpreten:- Cembalo: Wanda Landowska war eine Pionierin, die Scarlatti auf dem Cembalo wieder in den Fokus rückte. Spätere Generationen von Cembalisten wie Ralph Kirkpatrick (dessen Katalogisierung K. Nummern prägte), Scott Ross (Gesamteinspielung), Pierre Hantaï, Andreas Staier und Richard Egarr haben mit historisch informierter Spielweise neue Maßstäbe gesetzt und die instrumentenspezifischen Details und die expressive Tiefe der Sonaten nuanciert beleuchtet.
- Klavier: Vladimir Horowitz, Arturo Benedetti Michelangeli, Dinu Lipatti, Martha Argerich und Christian Zacharias sind nur einige der Pianisten, die Scarlattis Sonaten mit virtuoser Brillanz und individueller Sensibilität interpretiert haben, wodurch sie ein breiteres Publikum erreichten und ihre universelle musikalische Qualität unter Beweis stellten.