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Die Sarabande

Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 17:40
Michael Praetorius beschreibt in seinem Syntagma Musicum die Sarabande noch nicht. Dieser Tanz wurde eigentlich erst im Barock wichtig, auch als Bestandteil der klassischen Suite, an dritter Stelle, vor dem Gigue, und nach Allemande und Courante.

Johann Baptist Samber, der Salzburger Organist, zu dessen Manductio ad organum Heinrich Biber eine schöne Approbatio verfasst hat, scbeschreibt den Tanz folgendermaßen:

Zitat

Sarabande geht langsamb / der erste Theil hat 8, Tact, der andert ist gleich dem ersten / bißweilen hat er um zwey Tact mehr / wird gesetzt im Tripl, fangt an wie hinach zu sehen ist

Dann folgt ein Notenbeispiel in 3/4:



Diese zwei ganz ähnliche Grundmodelle (die zweite ist ja nur in dem punktierten Rhytmus anders), machen also - laut Samber - die Sarabande erkennbar.

Welche Sarabande-Vertonungen kennt, und mögt ihr?

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 17:45
Danke, Tscha, für die Einführung!

Ich habe aber im MGG glaube ich gelesen, dass die Sarabande ursprünglich aus Mexiko stammt und Zarauanda hieß und ein frivoler, schneller Tanz war... :D


Ich muss mal schauen, ob ich die Kopie, die ich damals gemacht habe, noch finde...
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:03
Danke, Tscha, für die Einführung!

Du warst ja schnell. ich war noch garnicht fertig, bloß versehentlich zu früh abgesendet... :D
Ja, über diesen Herkunft habe ich auch mal gelesen. - Sind solche schnelle Sarabanden bekannt? Haben sie den gleichen Rhytmus, als die barocke Variante?



Nun, meine Lieblings-Sarabande stammt aus der Mensa sonora von Biber - aus dem Pars (Suite) I.

Es ist in 6/4 verfasst und zeigt den punktierten Rhytmus der zweiten Variante von Samber.
Was mir dabei sehr gut gefällt, das während die erste violine die sarabande-Melodie spielt, die erste (Alt-) und die zweite (Tenor-)Bratschen abwechselnd mit schönen Achtelketten die höhste Stimme umspielen. Das hat sowohl was einfaches, als auch sehr kammermusikalisches, was mich schon nach dem ersten Hören verzaubert hat.


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:03
Habs gefunden (im Grove): war ein unanständiges Tanzlied, welches aus Mexiko nach Spanien mitgebracht wurde; wegen der außergewöhnlichen Obszönität wurde sie sogar 1583 verboten, blieb aber dennoch ein beliebtes Schema für Kompositionen. Diese Sarabandenart wurde dann von der so genannten Sarabande alla francese abgelöst, die weniger moralgefährdend war und für die heute allseits bekannte Sarabande Pate stand.
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:05

Zitat

Ich habe aber im MGG glaube ich gelesen, dass die Sarabande ursprünglich aus Mexiko stammt und Zarauanda hieß und ein frivoler, schneller Tanz war...
Genau, Archie (Danke Dir auch Tamás für die Einführung in den Thread), die Sarabande war laut Agnes Schoch ("Die Alten Tänze") ein "schneller, wüster und obszöner Tanz", und wurde von der Inquisition verboten (Peitschenhiebe und Galeere drohten dafür unter Philipp II). Nachdem ich den allgemeinen Tanzthread eröffnet habe, habe ich mir mal Gedanke zu Händels Vorliebe - er ist meiner Meinung nach der besagte Sarabandenmeister - für diesen Tanz gemacht. Der Tanz vereinigte irgendwie seine Religösität mit seiner großen Liebe für die "sündige" Oper. In seiner berühmten Sarabande ("Lascia la spina", die auf einer Sarabande in "Almira" basiert) kommt das langsam Sakrale sehr verführerisch zu Ohr (sorry, wenn das zu viel Spekulation war).
Der Reiz des Verbotenen hat bei diesem Tanz jedenfalls immer eine Rolle gespielt, Schoch: "Unter dem Druck des Verbots, aber solcher ausgelöst durch den Reiz des so streng Untersagten, verwandelte sich die Sarabande in kürzester Zeit in einen extrem langsamen Tanz, dem niemand mehr irgendeine Unbotsmäßigkeit nachsagen konnte."
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:11
Der Tanz vereinigte irgendwie seine Religösität mit seiner großen Liebe für die "sündige" Oper. In seiner berühmten Sarabande ("Lascia la spina", die auf einer Sarabande in "Almira" basiert) kommt das langsam Sakrale sehr verführerisch zu Ohr (sorry, wenn das zu viel Spekulation war).
Für mich kann es nie genügend Spekulation geben... :D

Natürlich, diese Arie ist ein Paradebeispiel für die Tarnung eines recht sinnlichen Themas in einem religiösen Gewand - wie es eigentlich alle römischen Oratorien zur Zeit der Opernprohibition sind...
Und die Sarabande, die Händel da komponiert hat, ist vielleicht auch suggestiv gemeint - eventuell erinnert er sich ja vielleicht an die Urprünge dieses Tanzes...

Zu Sarabandenkompositionen:
Ich liebe besonders die Sarabanden aus den Sonaten und Partiten von Bach. Da ist freilich gar nichts mehr von den Ursprüngen zu spüren; langsam, gravitätisch, tieftraurig und ruhig sind sie. Typisch Bach eben. :jubel:
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:24
Thomas Mace (c1613-c1709)

Sarabandes sind kurze Tripel-Taktarten; doch sind sie spielerischer und leichter als Couranten.

Johann Gottfried Walther (1684-1748)

[Die] Sarabande ist eine gravitätische [...] etwas kurtze Melodie, welche allezeit zum Tantzen den 3/4, zum Spielen aber bisweilen den 3/2 Tact, langsam geschlagen, und zwei Reprisen hat [...]

Johann Georg Sulzer (1720-1779)

Sarabande. Ein kleines Tonstück zum Tanzen. Es ist von ungeradem Takt 3/4 oder 3/2; fängt mit dem Niederschlag an, und hat zwey Theile, jeden gemeiniglich von acht Takten. Die Bewegung ist langsam, und der Vortrag wie in einem ausgezierten Adagio geschehen: übrigens verträgt er (sic!) alle Gattungen von Noten.

Zitiert nach: Georg Rothschild. Vergessenen Traditionen in der Musik, Atlantis-Verlag, 1964.

:wink:
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:35
Auf dieser CD mit Sanz-Musik könnt ihr einer schnellen Zarabanda lauschen - das hat mich beim ersten Hören vom Hocker gehauen:



Zitat

Was mir dabei sehr gut gefällt, das während die erste violine die sarabande-Melodie spielt, die erste (Alt-) und die zweite (Tenor-)Bratschen abwechselnd mit schönen Achtelketten die höhste Stimme umspielen
Das haben wir es wieder, "umspielen" hat ja auch wieder etwas Verführerisches.

Es gibt in Sarabanden ja langedehnten und gleichzeitig melodiöse Passage, die vielleicht noch auf die Gewichtsverlagerung beim Herren und der Dame anspielt (beide hatten beim Tanz die Arme erhoben). Schoch stellt heraus, dass so eine schnelle Gewichtsverlagerung eine Beckenbewegung mit sich bringt, die sehr verführerisch wirkt. Beim langsamen Tanz wirkt das dann würdevoll.
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 18:56
Peitschenhiebe und Galeere drohten dafür

(na das wird eine gewagte Überleitung...)

Peitschenhiebe und Sarabande verbinden sich etwas später noch einmal in der Musikgeschichte: in der 7. Rosenkranzsonate wird die Auspeitschung Christi durch eine Sarabande veranschaulicht.

(ich sagte ja , es wird gewagt :hide: )

Die "Melodie" ist von Doppelgriffen und großen Sprüngen zerteilt, was - in einer espressiven Darstellung - durchaus das Bild der Petschenhiebe heraufbeschwören kann.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 19:37
Eine weitere sehr schöne Sarabande von Biber findet sich in der ersten Partita der Harmonia artficiosa-ariosa.

Vom Stimmungsgehalt wieder nicht besonders typisch, ist sie sehr kraftvoll und virtuos. Mit ihren zwei Doubles sogar relativ umfangreich.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 21:41
Guten Abend
Michael Praetorius beschreibt in seinem Syntagma Musicum die Sarabande noch nicht.

In seinem Werk "Polyhymnia Caduceatrix et Panegyrica" von 1619 erwähnte Praetorius die Sarabande in einem ungewöhnlichen Zusammenhang, er schrieb in der Kirchenmusik können "die allerbesten Paduanen, Galliarden, Marscharaden, Canzonen, Sarabanden, Couranden, Volten vnd dergleichen" durchaus verwendet werden. Tanzen in der Kirche ? Immerhin schrieb der Tanzlehrer Gottfried Taubert 1717 in seinem Buch vom Rechtschaffenen Tantzmeister dass das Tanzen "eine Würckung der von GOtt in der vernüfftigen Seele erschaffenen Freude" sei :)

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Sonntag, 13. Februar 2011, 22:38
Von Telemann gefällt mir die Sarabande in der Suite in D für Viola da Gamba, Streicher und Basso continuo. Durch die Viola da Gamba kommen Melancholie und Sinnlichkeit stark zum Ausdruck. Nach weiteren Sarabanden werde ich noch Ausschau halten.
Unbekannt Montag, 14. Februar 2011, 10:12
Guten Tag
Welche Sarabande-Vertonungen kennt, und mögt ihr?


Kennen tue ich von den, sie Walter nennt "gravitätischen, den Spaniern insbesonderheit sehr beliebten und gebräuchlichen Melodien" Sarabanden, viele. Mir gefallen viele Sarabanden aus Frobergers, Händels und Bachs -hier besonders aus seinen französischen und englischen Suiten- Cembalowerken. Eine schöne Sarabande ist auch die Arie "Lascia ch`io pianga" aus Händels Oper Rinaldo.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 14. Februar 2011, 12:15
Peitschenhiebe und Galeere drohten dafür

(na das wird eine gewagte Überleitung...)

Peitschenhiebe und Sarabande verbinden sich etwas später noch einmal in der Musikgeschichte: in der 7. Rosenkranzsonate wird die Auspeitschung Christi durch eine Sarabande veranschaulicht.

(ich sagte ja , es wird gewagt :hide: )

Die "Melodie" ist von Doppelgriffen und großen Sprüngen zerteilt, was - in einer espressiven Darstellung - durchaus das Bild der Petschenhiebe heraufbeschwören kann.

LG
Tamás
:wink:
Die Programmatik, die hier einer Sarabande gegeben wird, macht mich doch etwas nachdenklich: wie seht ihr es - geschieht das hier im "Gegensatz" zu der Sarabande, oder eben umgekehrt: entstehen die Petschenhiebe hier eben aus dem typischen Charakter des Tanzes?

LG
Tamás
Unbekannt Montag, 14. Februar 2011, 12:23
Ich habe jetzt leider nicht die Zeit, über Geschichte und Wandlung der Sarabande nachzulesen - aber war es nicht so, dass sich die rhythmischen und harmonischen Charakteristika der Tänze von der ursprünglichen Bedetung immer weiter entfernten, die Komponisten sie einfach als Grundmuster verwendeten, sozusagen als Grund- oder Improvisationsgerüst (ähnlich wie das heutzutage Jazzmusiker machen), und der zugeordnete Affekt neu assoziiert wurde? Auf diese Art wurde aus der verlangsamten Sarabande ein Basisgerüst für Lamenti, ebenso wie es die Ciacona wurde, die auch ursprünglich ein schneller Tanz angeblich lateinamerikanischen Ursprungs war.
Unbekannt Montag, 14. Februar 2011, 12:51
Ich habe jetzt leider nicht die Zeit, über Geschichte und Wandlung der Sarabande nachzulesen - aber war es nicht so, dass sich die rhythmischen und harmonischen Charakteristika der Tänze von der ursprünglichen Bedetung immer weiter entfernten, die Komponisten sie einfach als Grundmuster verwendeten, sozusagen als Grund- oder Improvisationsgerüst (ähnlich wie das heutzutage Jazzmusiker machen), und der zugeordnete Affekt neu assoziiert wurde? Auf diese Art wurde aus der verlangsamten Sarabande ein Basisgerüst für Lamenti, ebenso wie es die Ciacona wurde, die auch ursprünglich ein schneller Tanz angeblich lateinamerikanischen Ursprungs war.
Etwas Ähnliches habe ich auch gelesen. :yes:
Genau deswegen ist - mE - die Bibersche Peitschung-Sarabande spannend: da dort ein gut chrakterisierbarer Affekt mit dem Tanz verbunden ist. Mit dem Lamento-Typus steht aber dieser im Gegensatz - mit dem ursprünglichen ausschweifenden Affekt, könnte sie schon mehr zu tun haben: die Wildheit. Aber hier schon im langsamen Tempo: zwar steht da keine Tempoangabe, aber wenn man Samber folgt (dessen Worte Biber selbst richtig empfand, und approbierte), muss die Sarabande "langsamb" gespielt werden.
:dontknow:

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 14. Februar 2011, 22:58
Guten Abend

Johann Mattheson schrieb in seinem Werk "Der vollkommene Capellmeister", Hamburg 1739, über die Sarabande:

§ 118. Anlangend XII. Die Sarabanda, mit ihren Arten: zum Singen, Spielen und Tantzen: So hat dieselbe keine andre Leidenschafft auszudrücken als die Ehrsucht; Doch sind oberwehnte Arten darin unterschieden, daß sich die Tantz-Sarabande in engerer und doch dabey viel hochtrabenderer Verfassung befindet, als die übrigen; daß sie keine lauffende Noten zuläst; weil die Grandezza solche verabscheue, und ihre Ernsthafftigkeit behauptet.
§ 119 Zum Spielen auf dem Clavier und auf der Laute erniedrigt man sich etwas bey dieser Melodien-Gattung, gebraucht mehr Freiheit, ja, macht wol gar Verdoppelungen oder gebrochene Arbeit daraus, welche insgeheim Variationes, von den Frantzosen aber Doubles genannt werden. Mr. Lambert, des Lullys Schwieger-Vater, pflegte dergleichen Verkleinerungen, wenn ich so reden darf, auch selbst in Sing-Sarabanden anzustellen. Ein ieder bleibe bey seinem Geschmack; meiner wäre es nicht.


Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Dienstag, 15. Februar 2011, 08:16
Guten Morgen
Eine schöne Sarabande ist auch die Arie "Lascia ch`io pianga" aus Händels Oper Rinaldo.

Eine weitere kleine Auswahl von Sarabandenarien aus verschiedene Opern Händels zeigt, dass er den charaterischen Rhytmus dieses Tanzes mehr wegen seiner musikalischen und weniger wegen ihrer gesellschaftlichen Eigenschaften wählte.


· “Notte amica sel riposi“ - Amadigi (1715)

· “Ombra cara di mia sposa“ - Radamisto (1720)

· “Tanti affani ho nel core” - Ottone (1722)

· “Piangero la sorte mia” - Giulo Cesare (1724)

· “Deh lasciatemi il nemico” - Tamerlano (1725)

· “Luci care, addio, posate” - Admeto (1727)

· “Menti eterne, che reggete” - Lotario (1729)

· “Se possono tanto” - Pore (1731)

· “Si son quella” - Alcina (1735)

· “Mira il ciel, vedrai d´Alcide” - Arminio (1737)

· “Non so se sia la speme” - Serse (1738)

· “M`hai resa infelice” - Deidamia (1741)


Sie sind auf männliche und weibliche Rollen gleichmäßig verteilt und meist im Molltonarten. Eine Bindung an der sarabande an Todesnähe, Unglück und Schmerz ist auffällig.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Dienstag, 15. Februar 2011, 22:53
Vielen Dank für diese Liste, Bernhard!

"Lascia la spina" (musikalisch entspricht diese Arie ja "Lascia ch`io pianga", nur der Text ist anders) ist ja auch ein melancholisch-trauriger Versuch der Figur des Vergnügens die Schönheit von der Abkehr abzubringen. Bei einer szenischen Inszenierung von "Il Trionfo" kamen mir da die Tränen. In dieser Traurigkeit ist aber eindeutig auch Verführung. Sonst steckt in der Traurigkeit immer auch viel Sehnsucht (oder bilder ich mir das ein?).
Unbekannt Mittwoch, 16. Februar 2011, 05:35
Noch eine kleine Information:

Die Sarabande war nicht immer ein getragener melancholischer Tanz, der Charakter dieses Tanzes änderte sich etwa um 1660 grundlegend, davor war die Sarabande meist ein schneller, heiterer Tanz.
Gerade in der frz. Orchestermusik dieser Jahre oder der Consortmusic sind Sarabanden als flotter Beschluss von Tanzsuiten genutzt worden.
Den Grund für die Umwandlung habe ich bisher nicht ausmachen können, aber Menuette wurden ja auch etwa 15 Jahre später verlangsamt - wahrscheinlich hängt das sehr stark mit den modernsten Choreographien zusammen.

gute Beispiele wo man diese flotten Sarabanden hören kann, die eben völlig anders gestaltet sind, als das was nach 1660 komponiert wurde, sind hier zu finden:


aus den Manuskripten von Kassel und Stockholm
Französische Orchestersuiten um 1655 von Guillaume Dumanoir, Michel Mazuel, Mignot de la Voye.


Matthew Locke: Consort in fower Parts
Hesperion XX - Jordi Savall