Die besten neuen CDs 2013: Eine musikwissenschaftliche Retrospektive auf Alte Musik

Thematische Einführung

Das Jahr 2013 erwies sich für die Alte Musik als ein besonders fruchtbares und facettenreiches Jahr. Zahlreiche Labels und Ensembles präsentierten eine beeindruckende Vielfalt an Neuproduktionen, die von mittelalterlicher Polyphonie über die reiche Madrigaltradition der Renaissance bis hin zu den opulenten Werken des Hochbarock reichten. Charakteristisch für die Veröffentlichungen dieses Jahres war eine konsequente Weiterentwicklung der historisch informierten Aufführungspraxis, gepaart mit einem oft mutigen Blick auf weniger bekannte Repertoires und einer zunehmenden Tendenz zu interkulturellen und interdisziplinären Projekten. Die Interpretationen zeugten von einer tiefgehenden musikwissenschaftlichen Durchdringung sowie einer lebendigen künstlerischen Ausdruckskraft, die das Genre weit über den Kreis der Spezialisten hinaus einer breiteren Hörerschaft zugänglich machte.

Historischer Kontext & Werkanalyse

Die herausragenden Einspielungen des Jahres 2013 spiegelten die gesamte Bandbreite der Alten Musik wider und setzten in verschiedenen Epochen und Gattungen neue Maßstäbe. Drei exemplarische Aufnahmen illustrieren die Breite und Tiefe der damaligen Produktionen:

1. Carlo Gesualdo: Tenebrae Responsoria (Ensemble Tenebrae, Nigel Short)

Diese Einspielung der „Tenebrae Responsoria“ von Carlo Gesualdo (1566–1613) durch das Ensemble Tenebrae unter Nigel Short war ein Höhepunkt des Jahres. Gesualdos Musik, bekannt für ihre extreme Chromatizität, harmonische Kühnheit und tiefe expressive Intensität, steht am Übergang von der späten Renaissance zum frühen Barock. Die „Tenebrae Responsoria“ für die Karwoche sind ein Meisterwerk kontrapunktischer Komplexität und emotionaler Dichte. Historisch betrachtet, spiegelt Gesualdos einzigartiger Stil nicht nur die musikalischen Experimente seiner Zeit wider, sondern auch seine persönliche, von Tragödien geprägte Existenz. Die Werkanalyse offenbart eine musikalische Sprache, die bewusst Konventionen bricht, um eine unvergleichliche dramatische und spirituelle Wirkung zu erzielen, welche die liturgische Bedeutung der Tenebrae-Messen – die Klage über das Leiden Christi – eindringlich vertieft.

2. Johann David Heinichen: Dresden Concertos (Concerto Köln)

Concerto Köln widmete sich 2013 dem zu Unrecht oft übersehenen sächsischen Hofkapellmeister Johann David Heinichen (1683–1729). Seine „Dresden Concertos“ sind Paradebeispiele des hochbarocken Konzertstils am Hofe Augusts des Starken, einer der glanzvollsten Musikzentren Europas. Heinichens Kompositionen zeichnen sich durch eine virtuose Instrumentierung, reiche melodische Erfindung und eine elegante Verschmelzung italienischer Kantabilität mit deutscher kontrapunktischer Präzision aus. Diese Einspielung war bedeutsam, da sie Heinichens Werk aus dem Schatten seiner berühmteren Zeitgenossen wie Bach und Händel heraushob und seine Bedeutung für die Entwicklung des Barockkonzerts in Mitteleuropa unterstrich. Die Analyse der Konzerte offenbart eine musikalische Sprache, die sowohl festlich als auch tiefgründig ist und die damalige Pracht und musikalische Experimentierfreude des Dresdner Hofes widerspiegelt.

3. Georg Friedrich Händel: Alexander’s Feast (John Eliot Gardiner, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists)

John Eliot Gardiner, eine Institution der historisch informierten Aufführungspraxis, präsentierte 2013 eine Neuaufnahme von Händels Oratorium „Alexander’s Feast“. Dieses Werk von 1736, basierend auf John Drydens Ode „Alexander’s Feast, or the Power of Music“, ist ein glänzendes Beispiel für Händels Beherrschung der englischen Oratorienform, die er nach dem Niedergang der italienischen Oper in London etablierte. Das Oratorium feiert die Macht der Musik und ihre Fähigkeit, Emotionen zu wecken und historische Ereignisse zu kommentieren, hier im Kontext von Alexander dem Großen und der Zerstörung von Persepolis. Gardiner beleuchtete mit seiner Aufnahme die dramatische Struktur, die rhetorische Ausdruckskraft und die klangliche Opulenz dieses Meisterwerks, das die Chöre, Solisten und das Orchester zu höchsten Leistungen herausfordert. Historisch stellt das Werk einen Höhepunkt in Händels Schaffen dar und verdeutlicht seine Fähigkeit, literarische Vorlagen in packende musikalische Dramen zu verwandeln.

4. La Sublime Porte: Voix d'Istanbul (Jordi Savall, Hespèrion XXI)

Jordi Savall und Hespèrion XXI setzten 2013 ihre Tradition interkultureller musikalischer Expeditionen fort und entführten mit „La Sublime Porte: Voix d'Istanbul“ in die musikalische Welt des Osmanischen Reiches. Obwohl nicht „Alte Musik“ im engsten westlichen Sinne, so doch historisch fundierte Musikforschung und -praxis. Die Aufnahme beleuchtet die komplexen musikalischen Beziehungen zwischen Ost und West, die im osmanischen Istanbul vom 15. bis zum 18. Jahrhundert blühten. Savall präsentiert eine Mischung aus Hofmusik, religiösen Gesängen und Volksweisen, die die Vielfalt der Kulturen (osmanisch, armenisch, jüdisch, griechisch) in der Stadt widerspiegelt. Die Werkanalyse zeigt, wie Musik als Sprache des Dialogs und der Koexistenz diente und wie osmanische Instrumente und Melodien in die europäische Musik Eingang fanden – ein faszinierender Brückenschlag zwischen scheinbar disparaten Klangwelten, der das Verständnis von „historischer Musik“ über den westlichen Kanon hinaus erweitert.

Bedeutende Einspielungen & Rezeption

Die Rezeption dieser und vieler anderer Einspielungen des Jahres 2013 war durchweg positiv und spiegelte eine hohe Wertschätzung für sowohl die künstlerische Darbietung als auch die musikwissenschaftliche Fundierung wider.

  • Gesualdo: Tenebrae Responsoria (Tenebrae, Nigel Short): Die Aufnahme von Tenebrae wurde für ihre makellose Intonation, die präzise Artikulation der extremen Harmonien und die tiefe emotionale Resonanz gelobt. Sie verdeutlichte, wie ein modernes Vokalensemble die erschütternde Schönheit und theologische Tiefe von Gesualdos Musik mit überzeugender Ausdruckskraft vermitteln kann. Die Rezeption betonte die Fähigkeit des Ensembles, die inneren Spannungen und die dramatische Verzweiflung der Komposition eindringlich darzustellen.
  • Heinichen: Dresden Concertos (Concerto Köln): Concerto Köln wurde für seine lebendige und idiomatische Interpretation von Heinichens Konzerten gefeiert. Die Einspielung trug maßgeblich dazu bei, Heinichen als eine zentrale Figur des deutschen Hochbarocks neu zu positionieren. Kritiker hoben die klangliche Brillanz, die technische Souveränität und die musikalische Vitalität hervor, mit der das Ensemble diese „vergessenen Meisterwerke“ zum Leben erweckte, und würdigten die Bedeutung solcher Repertoire-Erweiterungen für die Alte Musik Szene.
  • Händel: Alexander’s Feast (John Eliot Gardiner, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists): Gardiners Aufnahme von Händels Oratorium wurde als Referenzaufnahme gewertet. Die Energie, Präzision und der dramatische Fluss des Monteverdi Choir und der English Baroque Soloists unter seiner Leitung waren unübertroffen. Die Rezensionen betonten Gardiners Fähigkeit, die Größe und den Jubel, aber auch die subtilen Nuancen von Händels Musik einzufangen, und die überzeugende Synthese von wissenschaftlicher Akribie und mitreißender Performance.
  • La Sublime Porte: Voix d'Istanbul (Jordi Savall, Hespèrion XXI): Savalls Projekt erhielt große Anerkennung für seine Kühnheit, seine Authentizität und seine Fähigkeit, musikalische Traditionen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzuführen. Die Rezeption hob die brillante Instrumentierung, die tiefe emotionale Ausdruckskraft der Musiker und die wegweisende Forschung hervor, die in das Projekt eingeflossen ist. Es war ein Beispiel dafür, wie Alte Musik nicht nur auf den westlichen Kanon beschränkt bleiben muss, sondern durch transkulturelle Perspektiven immens bereichert werden kann.
Insgesamt zeigten die Neuerscheinungen des Jahres 2013 eine florierende Alte-Musik-Szene, die sich durch interpretatorische Exzellenz, eine bemerkenswerte Repertoirevielfalt und eine zunehmende Bereitschaft zur Überschreitung traditioneller Grenzen auszeichnete. Sie bestätigten die anhaltende Relevanz und die dynamische Entwicklung des Fachgebiets und lieferten wertvolle Beiträge zum Verständnis und zur Aufführung historischer Musik.