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Die Anfänge der Entwicklung zum Streichquartett

Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 19:17
Diese Diskussion enstand aus der Betrachtung der Sonate à quattro von Alessandro Scarlatti, die Edward Dent etwas plakativ als "the earliest string quartets" vorstellte.

Quattro sonate a quattro

Diese Stücke werden oft als verfrühte Streichquartette gelobt (Dent). Was kann man über sie wissen? Gibt es Einspielungen dazu?

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 5. April 2010, 03:29
Quattro sonate a quattro

Diese Stücke werden oft als verfrühte Streichquartette gelobt (Dent). Was kann man über sie wissen? Gibt es Einspielungen dazu?

Zumindest eine (d-moll) gibt es in HIP vom Casal Quartett:

Unbekannt Sonntag, 6. Juni 2010, 22:18
Quattro sonate a quattro

Diese Stücke werden oft als verfrühte Streichquartette gelobt (Dent). Was kann man über sie wissen? Gibt es Einspielungen dazu?

Zumindest eine (d-moll) gibt es in HIP vom Casal Quartett:



Eine weitere Aufnahme desselben Quartetts in d-moll findet sich auf der CD von Musica Pacifica:



Im Booklet wird darauf hingewiesen, daß die Struktur der Stücke wesentlich näher an die Sonata da camera der damaligen Zeit erinnert denn an die ersten Streichquartette eines Richter oder Haydn - konsequenterweise setzen sie auch ein dezentes Orgelcontinuo hinzu. Mein Höreindruck bestätigt dies - es ist ein sehr interessantes Stück, was er aus dieser Besetzungsform weiter gemacht hätte, lässt sich nicht einmal spekulieren.
Unbekannt Sonntag, 27. Juni 2010, 13:01

Diese Stücke werden oft als verfrühte Streichquartette gelobt (Dent). Was kann man über sie wissen?

Literatur über Alessandro Scarlattis Instrumentalmusik ist insgesamt sehr selten, und Dent scheint in der Tat der erste zu sein, der sich über diese vier Stücke geäußert hat:

Edward J. Dent: The earliest string quartets.
The Monthly Musical Record XXXIII (1903), 202-204


Alle nachfolgenden Autoren scheinen mehr oder weniger von ihm abgeschrieben bzw. diese Überschrift unkritisch übernommen zu haben. Man muß den Artikel schon genau lesen, um zu verstehen, was Dent meinte ... Nach der Leküre des knappen Artikels bin ich eher skeptisch, was die voreilge Verwendung des Begriffs "Streichquartett" angeht. Wie viele Autoren, die aus der Schule der im 19. Jahrhundert begründeten Musikwissenschaft kommen, benutzt Dent die Gattungsbegriffe u.ä. nach den anhand der Musik nach Haydn erstellten Definitionen, die vor 1750 in der Regel so ziemlich untauglich sind. Es zeigt sich ja immer wieder, dass es älterer Musik nicht gerecht wird, wenn man Termini wie Sonate, Quartett, Chor usw. usf. - wie wir sie auch unwillkürlich so in den Köpfen haben, im Sinne der landläufigen lexikalischen Definitionen nach nur oberflächlicher Ansicht gebraucht. Wie Dent zu Beginn seines Aufsatzes korrekt bemerkt, gehört zum Begriff "Streichquartett" nicht nur die Tatsache, daß eine Komposition für zwei Violinen, Viola und Violoncello gedacht ist, sondern auch eine kompositorische Struktur, die am sog. Sonatensatz orientiert ist. Bei Anlegung dieser Kriterien bleiben Autoren wie Haydn und Richter (dessen Quartette kenne ich nicht) die "ersten".
Was den Scarlatti-Forscher Dent zu dem Gedanken verleitete, diese vier Stücke als eine Art "Streichquartett" zu sehen, ist die Betitelung des Manuskriptes von der Hand eines im Umkreis Alessandros häufiger auftauchenden Kopisten:

Sonata prima (seconda etc.) à Quattro
Due Violini, Violetta e Violoncello
Senza Cembalo
Del Signore Cavaliere Alessandro Scarlatti


Der springende Punkt ist das "senza cembalo" - offensichtlich wollte er hier ausdrücklich kein Tasteninstrument dabei haben und verstand den Cellopart nicht als "basso" - mit dem z.B. die Musiker von Musica Pacifica ihren Organisten colla parte spielen lassen, auch wenn diese Stücke noch so sehr viel näher an der Sonata da camera stehen als an dem, was wir heute als "Streichquartett" verstehen. Die Gemeinsamkeiten mit letzterem erschöpfen sich in der Instrumentierung. Die Weglassung des Tasteninstruments ist aber ganz offensichtlich gewollt. Entstanden sind die Stücke nach 1715/16, denn vorher führte Scarlatti den Titel eines Cavaliere noch nicht.

Die vier Kompositionen sind viersätzig:
I - f-moll: grave - fuga - largo fugato - allemande
II - c-moll: fuga - grave -allegro - minuet
III - g-moll: fuga - grave - allegro - minuet
IV - d-moll: fuga allegro - allegro - minuet

Dent nennt sie (auch das scheinen die meisten von ihm abzuschreiben) rückwärtsgerichtet - da schlägt das einseitige, auf bestimmte Formentwicklungen der Wiener Klassik fixierte Denken der damaligen Musikwissenschaft durch. Man darf dabei nicht vergessen, dass Alessandro ein Generationsgenosse Corellis war, mehr oder weniger auf den gleichen Grundlagen fusste, und von da aus seinen eigenen Ideen folgte - mir scheint die Verwendung eines Menuettes im Kontext einer Sonata da camera durchaus eine neuartige Idee. Wir wissen ja rein gar nichts über den Anlass oder eine mögliche Aufführung dieser Stücke und also den Kontext, für den sie gedacht waren, oder ob er sie aus eigenem Interesse oder im Auftrag geschrieben hat ...
Summa summarum schreibt Dent eigentlich mit keiner Silbe, es seien "Streichquartette", sondern beschränkt seine Aussage auf die Besetzung und nimmt dies als eine Art Aufhänger, um Interesse für den Gegenstand seiner Forschung zu wecken. Was bleibt ist die Tatsache, dass Alessandro Scarlatti möglicherweise als erster Stücke für explizit diese Besetzung verfasst haben könnte, nicht mehr und nicht weniger - hat es nicht auch irgendwo bei Telemann etwas in dieser Art?

Die Abschrift, die wir heute besitzen, gehört zur von Abbé Fortunato Santini in Rom angelegten Sammlung, die in die Bischöfliche Bibliothek im Münster gelangte - Dent schreibt 1903 etwas pikiert, dass sie dort die "Beute von Mäusen und Tauben" sei ... er stellt Übereinstimmungen mit den Six Concertos in Seven Parts aus den Beständen in Cambridge fest; dies zu überprüfen, ist etwas schwierig in Ermangelung eines Werkverzeichnisses, aber ich werde es versuchen. Eine moderne Ausgabe der Stücke scheint es auch nicht zu geben.

Ich halte ohnehin nichts von den oft zu findenden "Vorläufer"-Klassifizierungen, dazu war die Entwicklung verschiedener musikalischer Formen und Besetzungen zu komplex und lief sicher nach anderen Kriterien als den von Musikwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts in gutem Glauben ex post facto gesetzten. Man sollte diese Stücke als genau das nehmen was sie sind, und den Gattungsbezeichnungen im Barock ihre Mehrdeutigkeit lassen.

Die Hinzufügung einer Orgel in der Aufnahme von Musica Pacifica sehe ich also etwas zwiespältig. Ich werde mir bei Gelegenheit die Aufnahme des Casal Quartett zulegen und berichten.
Unbekannt Sonntag, 27. Juni 2010, 19:26
Ich habe jetzt folgende zwei Kompositionen Alessandro Scarlattis vergleichsgehört (wozu doch zwei CD/SACD-Spieler und ein Verstärker mit Fernbedienungen gut sind ...):
  • Sonata a quattro IV - d-moll: fuga allegro - allegro - minuet
  • Concerto in seven parts V - d-moll: fuga allegro - allegro - minuet

Und siehe da, die Stücke sind identisch ...

Schon Dent hatte vermutet (s. seinen Artikel von 1903), die siebenstimmige Anlage im Londoner Druck von 1740 sei eher die Arbeit des Herausgebers Benjamin Cooke - eine solche Anlage war den Käufern der Concerti grossi von Corelli und Gemininani vertraut, Cooke mag sich davon bessere Verkäufe versprochen haben. Die Anlage der Musik ist durchweg vierstimmig! In seinem Buch von 1903 hat er schon auf diese Identitäten hingewiesen.
Unbekannt Montag, 28. Juni 2010, 00:06
... hat es nicht auch irgendwo bei Telemann etwas in dieser Art?


Aber ja:
TWV 40:20 - Quartett A-Dur für 2 Violinen, Viola & Violoncello - 1. Affettuoso 2. Allegro 3. Vivace
Unbekannt Montag, 28. Juni 2010, 09:04
Der springende Punkt ist das "senza cembalo" - offensichtlich wollte er hier ausdrücklich kein Tasteninstrument dabei haben und verstand den Cellopart nicht als "basso"

Ist hier die Aufstellung ohne akkordisches Continuoinstrument, oder nur die Ausdrücklichkeit das Neue?

Randbemerkung:
Ich habe gelesen, die fünf- und vierstimmigen österreichischen Streicher-(Kirchen-)sonaten (wie z.B.: Fidicinium sacro-profanum von Biber, oder Dulcis Fidium von Aufschnaiter) wären auch mal öfters ohne akkordisches Instrument aufgeführt worden: Biber betitelt die tiefste Stimme nur als "Violone" (und nicht Violone e Basso).

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 28. Juni 2010, 11:54
Offensichtlich hat er die Cellostimme als eigenen Part im Zusammenhang eines 4stimmigen Gefüges gesehen und nicht als blosses Bassfundament, denn es wird ja ein Violoncello gefordert und nicht ein basso, den auch ein Violone hätte spielen können, und eben ausdrücklich kein Cembalo (was ja auch nicht grundsätzlich obligatorisch war, aber bei Sonaten mit basso eben möglich war und wahrscheinlich auch selbstverständlich und gewünscht). Was daran wie neu ist, kann ich nicht sagen, dazu kenne ich mich in der Streichermusik des 17. Jahrhunderts nicht gut genug aus. Aber es war eine verbreitete Tendenz, tiefe Stimmen auszuschreiben und nicht als bezifferten Bass sozusagen freizustellen - in diesem Rahmen sehe ich diese Stücke.
Unbekannt Mittwoch, 30. Juni 2010, 11:48
Wie Dent zu Beginn seines Aufsatzes korrekt bemerkt, gehört zum Begriff "Streichquartett" nicht nur die Tatsache, daß eine Komposition für zwei Violinen, Viola und Violoncello gedacht ist, sondern auch eine kompositorische Struktur, die am sog. Sonatensatz orientiert ist.

Das finde aber ich wiederum komisch. Schließlich schreiben auch heute noch viele Komponisten Streichquartette, wobei klar sein sollte, dass damit nur die Besetzung gemeint ist, die kompositorische Struktur hat mit Sonatensätzen nichts mehr zu tun.
Man kann also dann wohl sagen, dass A. Scarlatti bereits für Streichquartett komponiert hätte.
Interessant, das wusste ich nicht.
Unbekannt Mittwoch, 30. Juni 2010, 16:08
Ganz so einfach ist es eben nicht mit den Gattungsbegriffen - der des Streichquartetts wurde nun mal anhand der Wiener Klassik entwickelt, und ab dieser Zeit war das so, vor 1750 aber eben noch nicht.
Es gibt eine Kritik an Dent von Ludwig Finscher in seinen "Studien zur Geschichte des Streichquartetts 1: Die Entstehung des klassischen Streichquartetts" - die hoffe ich morgen einsehen zu können.
Unbekannt Mittwoch, 14. Juli 2010, 18:32

Es gibt eine Kritik an Dent von Ludwig Finscher in seinen "Studien zur Geschichte des Streichquartetts 1: Die Entstehung des klassischen Streichquartetts" - die hoffe ich morgen einsehen zu können.

Ich bin erst heute dazu gekommen ...
Zu sagen, Finschers Buch sei ein Standardwerk, ist wie Eulen nach Athen tragen. Es ist eine supergründliche Aufarbeitung aller (zumindest ihm untergekommener) Musik für diese Streicherbesetzung, und ein Versuch, die Entstehung der Gattung Streichquartett (so wie an Haydns einschlägigen ersten Opera definiert ist) zu verfolgen. Er kommt zu dem Schluß, dass Alessandro Scarlattis 4 Sonate à quattro eher die letzten Werke einer Gattung (der italienischen Sonate Typus Corelli) denn die ersten Werke einer neuen, denn Alessandros Werke waren zu diesem Zeitpunkt eher "veraltet" - einen Verwendungszweck für solche Sonaten gab es in Italien praktisch nicht mehr. Nicht umsonst wurden sie erstmals 15 Jahre nach seinem Tod in England gedruckt, dem einzigen Land, wo es einen Markt für solche Musik gab, und in einer siebenstimmigen Form, die sie den bekannteren Concerti grossi anpasste - von Bearbeitung kann man eigentlich nicht sprechen, denn die drei hinzugefügten Stimmen folgen exakt denen Scarlattis, die von einem häufiger mit ihm arbeitenden napoletanischen Kopisten stammten. Das nimmt den Werken nichts von ihrer Qualität, aber es sind eben sonate da camera, senza cembalo zu spielen, und keine Streichquartette.
Zu letzteren gehört eben noch mehr - wer darüber mehr wissen möchte, sei Finschers Buch ausdrücklich empfohlen.
Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 14:24
Ganz so einfach ist es eben nicht mit den Gattungsbegriffen - der des Streichquartetts wurde nun mal anhand der Wiener Klassik entwickelt, und ab dieser Zeit war das so, vor 1750 aber eben noch nicht.

Ja, freilich, wenn ich schreibe "für Streichquartett" ist das irreführend, da es ja damals das Strqu als Gattung nicht gab. Aber - wenn auch nicht als Gattung, so doch als Besetzung eben offenbar spätestens seit Scarlatti. Da "Streichquartett" sowohl Besetzung als auch Gattung meint, muss man dann wohl auf die Frage nach den ersten Streichquartetten auch auf Scarlatti zurückkommen, ohne diese aber zur Gattung zu zählen.

Bei frühen Werken für diese Besetzung bedarf es dann wohl stilistischer Eigenheiten, damit die Stücke als zur Gattung gehörend klassifiziert werden, später nicht mehr, da das Streichquartett als Gattung dann so bekannt war, dass die Entscheidung für diese 4 Instrumente zu komponieren allein schon als Kundgabe des Bedürfnisses, sich mit der Gattung beschäftigen zu wollen, gelten darf.

Womit dann meine Irritation aufgelöst wäre.
;)
Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 15:49
Er kommt zu dem Schluß, dass Alessandro Scarlattis 4 Sonate à quattro eher die letzten Werke einer Gattung (der italienischen Sonate Typus Corelli) denn die ersten Werke einer neuen, denn Alessandros Werke waren zu diesem Zeitpunkt eher "veraltet" - einen Verwendungszweck für solche Sonaten gab es in Italien praktisch nicht mehr.

Ist es aber nicht recht, dass das Streichquartett aber eben aus "Veraltetem", aus der Tafelmusik-Partita und der Sonata da camera hervorging? Es erschien ja nicht im Vakuum. Sind Gattungsbegriffe, -grenzen nicht ebenso unklar voneinander abgegrenzt, wie Epochenbegriffe und -grenzen? Das "Definieren" des Streichquartetts ging ja nicht so schnell das man sie auf Haydns op.1 begrenzen könnte (z.B. Viersätzigkeit wurde erst später definitiv). Ich bin immer der Meinung man sollte diese Sachen nicht so eng sehen und die Entwicklung aus einer Tradition immer berücksichtigen (wenn vorhanden).

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 17:12
Mich irritiert ja mehr, dass es die "letzten Werke einer Gattung" sein sollen - da gibt es doch sicher einige konservative Zeitgenossen, die das noch eine Weile gepflegt haben und die man inzwischen "vergessen" hat.

Die Viersätzigkeit wird wohl weniger eine Rolle spielen als solche Sachen wie durchbrochener Satz, gesangliche Melodik, Ansätze zur Sonatenhauptsatzform, Veröffentlichung in Rudelform (also mehrere Werke in derselben Besetzung). Das Älteste, was ich da kenne, sind die Richter-Erzeugnisse und bei Haydns frühen Opera hatte ich gedacht, dass seine Urheberschaft zweifelhaft ist - aber entweder sollten wir das dann allmählich in einen neuen Thread ausgliedern oder das empfohlene Buch lesen ...
:wink:
Unbekannt Dienstag, 20. Juli 2010, 17:35
Im Booklet wird darauf hingewiesen, daß die Struktur der Stücke wesentlich näher an die Sonata da camera der damaligen Zeit erinnert denn an die ersten Streichquartette eines Richter oder Haydn - konsequenterweise setzen sie auch ein dezentes Orgelcontinuo hinzu. Mein Höreindruck bestätigt dies - es ist ein sehr interessantes Stück, was er aus dieser Besetzungsform weiter gemacht hätte, lässt sich nicht einmal spekulieren.


Einige der frühen Haydn-Quartette (ich müßte jetzt nachschauen, welche genau das waren, nicht zwingend op. 9) erschienen in einem (Pariser?) Druck z.B. auch mit Generalbassbezifferung, obwohl diese vom Komponisten gar nicht vorgesehen war. Das dürfte u. U. auf die Ignoranz des entsprechenden Verlegers zurückzuführen sein, der mit der neuen Kunstgattung noch nichts anzufangen wusste (?).

:wink:
Unbekannt Dienstag, 20. Juli 2010, 17:53
Das dürfte u. U. auf die Ignoranz des entsprechenden Verlegers zurückzuführen sein, der mit der neuen Kunstgattung noch nichts anzufangen wusste (?).

Oder vielleicht mit dem "Paradigmenwechsel" vom Basso continuo zum eigenständigen Cello-Stimme.

Apropos:

Es kam im Barock ja öfters vor, dass eine Bc-Stimme nur mit einem Cello, oder einem anderen Streich-Bassinstrument alleine ausgeführt wurde. Nun: gibt es ein satztechnischer Unterschied zwischen der Stimmenführung der Cellostimmen der frühen Haydn-Quartette und der Bc-Stimme einen polyphon ausgerichteten vierstimmigen Sonate (wie wir das von Corelli, Scarlatti, Biber oder Aufschnaiter kennen)? Imitative Beteiligung, durchbrochene Arbeit erscheint ja auch in letzteren...

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Dienstag, 20. Juli 2010, 21:22
Im Richter-thread hatte ich etwas zur Frühgeschichte des Streichquartetts (im heute üblichen Sprachgebrauch) geschrieben. Das stelle ich hier auch nochmal rein:

Zitat

Richter veröffentlichte die sechs Quartette op. 5 1768 in London (die Opuszahl erhielten sie aber erst 1774). Damals war die Gattung Streichquartett noch kaum verbreitet, Richters Werke gehören zu den ersten überhaupt.
Früher galten Richters Streichquartette sogar als die allerersten echten Streichquartette der Musikgeschichte, da man die Quartette op. 5 als identisch ansah mit von Richter stammenden "Quartetten" aus dem Jahr 1757, die Dittersdorf schriftlich erwähnte. Man geht allerdings davon aus, daß mit den von Dittersdorf beschriebenen Werken sog. Quartett-Symphonien gemeint waren, und die Streichquartette op. 5 aus 1768 stammen. Hierfür werden aber v.a. stilistische Argumente herangezogen: Selbst ein so experimentierfreudigem Komponisten wie Richter könne diese Streichquartette wohl kaum vor 1765 komponiert haben (vgl. Reclam Kammermusikführer).

Charles Burney hielt ihn für einen der bedeutendsten Vertreter der „Mannheimer Schule“, er ging aber bewusst dem dort herrschenden modischen Stil aus dem Wege, seine Werke waren deutlich vom österreichischen Barock beeinflusst.

Die Frage ist auch, ob Richter die zeitgenössische österreichische Kammermusik bekannt war: Haydns Streichquartette op. 1 und op. 2 wurden 1764 bzw. 1766 veröffentlicht. Das Kompositionsdatum dieser Quartett-Divertimenti (mit den Streichquartetten ab op. 9 von Haydn lassen sie sich kaum auf die selbe Stufe stellen) dürfte aber teilweise bis in die späten 1750er zurückreichen.
Allerdings ist bei Richter die Struktur der Streichquartette eine völlig andere als beim jungen Haydn: Während Haydn sich an der fünfsätzigen Divertimento-Form mit 2 Menuetten orientierte, ist für Richter die dreisätzige Triosonate der Ausgangspunkt. Die Bratsche ist in den Quartetten op. 5 "quasi eine Aussetzung des Generalbasses" (Reclam).
Jedenfalls sind Richers Quartette fortschrittlicher (im Sinne der weiteren Entwicklung der Streichquartett-Gattung) und musikalisch gehaltvoller als die damaligen Quartette Haydns (op. 9 entstand erst 1770).

Allerdings gab es da ja noch jenseits der Alpen Luigi Boccherini, der 1761 (s)ein erstes vollgültiges Streichquartett komponierte (im Druck erschienen 1767) und dann doch irgendwie "der erste" war...