Diese Stücke werden oft als verfrühte Streichquartette gelobt (Dent). Was kann man über sie wissen?
Literatur über Alessandro Scarlattis Instrumentalmusik ist insgesamt sehr selten, und Dent scheint in der Tat der erste zu sein, der sich über diese vier Stücke geäußert hat:
Edward J. Dent: The earliest string quartets.
The Monthly Musical Record XXXIII (1903), 202-204
Alle nachfolgenden Autoren scheinen mehr oder weniger von ihm abgeschrieben bzw. diese Überschrift unkritisch übernommen zu haben. Man muß den Artikel schon genau lesen, um zu verstehen, was Dent meinte ... Nach der Leküre des knappen Artikels bin ich eher skeptisch, was die voreilge Verwendung des Begriffs "Streichquartett" angeht. Wie viele Autoren, die aus der Schule der im 19. Jahrhundert begründeten Musikwissenschaft kommen, benutzt Dent die Gattungsbegriffe u.ä. nach den anhand der Musik nach Haydn erstellten Definitionen, die vor 1750 in der Regel so ziemlich untauglich sind. Es zeigt sich ja immer wieder, dass es älterer Musik nicht gerecht wird, wenn man Termini wie Sonate, Quartett, Chor usw. usf. - wie wir sie auch unwillkürlich so in den Köpfen haben, im Sinne der landläufigen lexikalischen Definitionen nach nur oberflächlicher Ansicht gebraucht. Wie Dent zu Beginn seines Aufsatzes korrekt bemerkt, gehört zum Begriff "Streichquartett" nicht nur die Tatsache, daß eine Komposition für zwei Violinen, Viola und Violoncello gedacht ist, sondern auch eine kompositorische Struktur, die am sog. Sonatensatz orientiert ist. Bei Anlegung dieser Kriterien bleiben Autoren wie Haydn und Richter (dessen Quartette kenne ich nicht) die "ersten".
Was den Scarlatti-Forscher Dent zu dem Gedanken verleitete, diese vier Stücke als eine Art "Streichquartett" zu sehen, ist die Betitelung des Manuskriptes von der Hand eines im Umkreis Alessandros häufiger auftauchenden Kopisten:
Sonata prima (seconda etc.) à Quattro
Due Violini, Violetta e Violoncello
Senza Cembalo
Del Signore Cavaliere Alessandro Scarlatti
Der springende Punkt ist das "senza cembalo" - offensichtlich wollte er hier ausdrücklich kein Tasteninstrument dabei haben und verstand den Cellopart nicht als "basso" - mit dem z.B. die Musiker von Musica Pacifica ihren Organisten colla parte spielen lassen, auch wenn diese Stücke noch so sehr viel näher an der
Sonata da camera stehen als an dem, was wir heute als "Streichquartett" verstehen. Die Gemeinsamkeiten mit letzterem erschöpfen sich in der Instrumentierung. Die Weglassung des Tasteninstruments ist aber ganz offensichtlich gewollt. Entstanden sind die Stücke nach 1715/16, denn vorher führte Scarlatti den Titel eines Cavaliere noch nicht.
Die vier Kompositionen sind viersätzig:
I - f-moll: grave - fuga - largo fugato - allemande
II - c-moll: fuga - grave -allegro - minuet
III - g-moll: fuga - grave - allegro - minuet
IV - d-moll: fuga allegro - allegro - minuet
Dent nennt sie (auch das scheinen die meisten von ihm abzuschreiben) rückwärtsgerichtet - da schlägt das einseitige, auf bestimmte Formentwicklungen der Wiener Klassik fixierte Denken der damaligen Musikwissenschaft durch. Man darf dabei nicht vergessen, dass Alessandro ein Generationsgenosse Corellis war, mehr oder weniger auf den gleichen Grundlagen fusste, und von da aus seinen eigenen Ideen folgte - mir scheint die Verwendung eines Menuettes im Kontext einer
Sonata da camera durchaus eine neuartige Idee. Wir wissen ja rein gar nichts über den Anlass oder eine mögliche Aufführung dieser Stücke und also den Kontext, für den sie gedacht waren, oder ob er sie aus eigenem Interesse oder im Auftrag geschrieben hat ...
Summa summarum schreibt Dent eigentlich mit keiner Silbe, es seien "Streichquartette", sondern beschränkt seine Aussage auf die Besetzung und nimmt dies als eine Art Aufhänger, um Interesse für den Gegenstand seiner Forschung zu wecken. Was bleibt ist die Tatsache, dass Alessandro Scarlatti möglicherweise als erster Stücke für explizit diese Besetzung verfasst haben könnte, nicht mehr und nicht weniger - hat es nicht auch irgendwo bei Telemann etwas in dieser Art?
Die Abschrift, die wir heute besitzen, gehört zur von Abbé Fortunato Santini in Rom angelegten Sammlung, die in die Bischöfliche Bibliothek im Münster gelangte - Dent schreibt 1903 etwas pikiert, dass sie dort die "Beute von Mäusen und Tauben" sei ... er stellt Übereinstimmungen mit den
Six Concertos in Seven Parts aus den Beständen in Cambridge fest; dies zu überprüfen, ist etwas schwierig in Ermangelung eines Werkverzeichnisses, aber ich werde es versuchen. Eine moderne Ausgabe der Stücke scheint es auch nicht zu geben.
Ich halte ohnehin nichts von den oft zu findenden "Vorläufer"-Klassifizierungen, dazu war die Entwicklung verschiedener musikalischer Formen und Besetzungen zu komplex und lief sicher nach anderen Kriterien als den von Musikwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts in gutem Glauben ex post facto gesetzten. Man sollte diese Stücke als genau das nehmen was sie sind, und den Gattungsbezeichnungen im Barock ihre Mehrdeutigkeit lassen.
Die Hinzufügung einer Orgel in der Aufnahme von Musica Pacifica sehe ich also etwas zwiespältig. Ich werde mir bei Gelegenheit die Aufnahme des Casal Quartett zulegen und berichten.