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Der deutsche Cembalobau und das 16' Register - das Pedalcembalo und andere Monstrositäten

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:01
Die Zeiten, in denen ein verdienstvoller Cembaloexperte - Frank Hubbard - die deutschen Cembali mit 16' Register mit ihren zahlreichen Registrierungsmöglichkeiten als "allgemeine deutsche Tendenz zur Verwechslung der Ästhetik des Orgelbaus und des Cembalobaus" bezeichnen konnte, scheinen endgültig vorbei zu sein. Immer mehr Instumentenbauer fügen Cembali mit 16' Register ihrer Produktpalette hinzu, CD-Aufnahmen mit solchen Instrumenten häufen sich. Zeit, Bilanz zu ziehen ...

Im Verhältnis zu Instrumenten flämischer, französischer und italienischer Herkunft sind zahlenmäßig weniger Cembali deutscher Provenienz erhalten, was die Einschätzung seiner Bedeutung und Eiegnart erschwert. Auffällig ist die realtive Schmucklsoigkeit der großen Instrumente, sie sind furniert oder einfarbig lackiert - die aufwändigen Malereien dürften so manches flämische oder französische Instrument wegen des dekorativen Charakters vor der Zerstörung bewahrt haben. Was speziell das 16' Register angeht, zog Martin-Christian Schmidt 1999 Bilanz und listete folgende erhaltenen Instrumente auf:
  • 2manualig von Hieronymus Albrecht Hass, Hamburg 1721
  • 2manualig von Hieronymus Albrecht Hass, Hamburg 1734
  • 3manualig von Hieronymus Albrecht Hass, Hamburg 1740
  • 2manualig von Johann Albrecht Hass, Hamburg 1760
  • 2manualig in Berlin, der Werkstatt Harras, Großbreitenbach in Thüringen zugeschrieben
  • Cembalo mit Hammerflügel "Vis-à-vis" von Joahnn Andreas Stein, Augsburg 1777

Schmidt führt weitere 14 Erwähnungen solcher Cembali in Zeitungsannoncen und anderen Quellen an.
Quelle: Martin-Christian Schmidt: Der deutsche Cembalobau und das 16'-Register - Möglichkeiten und Grenzen der Realisierung. In: Das deutsche Cembalo. Symosium im Rahmen der 24. Tage Alter Musik in Herne 1999. München u. Salzburg: Katzbichler 2000, 53-67

Eine gewisse Verbreitung kann man dem 16' Register also kaum absprechen. Siegbert Rampe hat sich inzwischen ausführlich zur möglichen Rolle Johann Sebastian Bachs bei der Anregung zu dieser Bauweise geäußert (Bachs Orchestermusik, Kassel 2000) sowie zur Rolle in Händels Instrumenten (siehe hier und hier). Bach dürfte ein solches Cembalo von Zacharias Hildebrandt bei seinen Konzerten im Zimmermannschen Coffee-Haus in Leipzig benutzt haben.

Ich liste jetzt erst mal die mir bekannten CDs mit solchen Cembali auf, die nach und nach um detailliertere Kommentare ergänzt werden können, geordnet nach Instrumenten.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:04
Andreas Staier bevorzugt inzwischen einen Nachbau des in Brüssel befindlichen Hass-Cembalo von Anthony Sidey:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:05
Das einmalige Stein vis-à vis spielen Staier und Schornsheim auf dieser CD:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:07
Siegbert Rampe spielt seinen Händel auf einem rekonstruierten mit 16' Register nach Christian Zell von Matthias Kramer:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:09
Die Polonaisen Wilhelm Friedemann Bachs spielte Rampe auf einer neuen Rekonstruktion des Harraß zugeschriebenen Berliner "Bach-Cembalo" von Jürgen Ammer:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:10
Christian Brembeck spielt einen Hass-Nachbau der Firma Neupert:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:12
Keith Hills Versuch, einen franko-flämischen Typus mit 16' zu vesehen, kann man auf dieser CD hören:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:17
Geneviève Soly verwendet z.T. Hass-Nachbauten mit 16' Register von Hubbard & Broekman:

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 00:23
Miklós Spányi spielte u.a. Michael Walkers Nachbau des Brüssler Hass auf einigen seiner CDs mit Cembalokonzerten von C.P.E. Bach (evt. noch weitere):

Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 07:59
Schmidt führt weitere 14 Erwähnungen solcher Cembali in Zeitungsannoncen und anderen Quellen an.


Inzwischen ist die Liste zwar erheblich länger geworden, aber eine Ausnahme ist der 16' dennoch immer gewesen. Schon ein einmanualiges Cembalo war eine exorbitant teure Angelegenheit, die sich selbst viele Musiker nicht leisteten und deshalb das Clavichord bevorzugten.
Ein zweimanualiges, mit 16' ausgestattetes Instrument schlug dann mit mehreren Jahresgehältern zu Buche. Kein Wunder, dass sich das entweder nur begüterte Pfeffersäcke oder wirklich arrivierte Musiker hinstellen konnten. Bekannt ist nur von Bach und (höchstwahrscheinlich) Händel, dass sie ein solches Cembalo besaßen.
Nebenbei: Bachs Sammlung von Tasteninstrumenten war zu ihrer Zeit die mit Abstand größte in Mitteleuropa, was wiederum ein bezeichnendes Licht auf die Legende vom unterbezahlten Kantor wirft.

Andererseits ist der 16' eine konstruktiv aufwändige Sache, denn die Spannung, die dadurch zusätzlich (zum 'normalen' Cembalo) an Rahmen und Resonanzböden zerrt, ist gewaltig. Möglicherweise auch deshalb gibt es dieses Register nicht in flämischen und französischen Instrumenten. Aus England und Italien sind Einzelfälle bekannt, zum Teil schon aus dem 17. Jahrhundert.
Außerdem werden die Instrumente deutlich länger und wegen der nötigen massiveren Bauweise auch sehr schwer. Einen 16'-Boliden trägt man zwecks Continuo-Aufgaben nicht eben mal zu zweit von der Empore in den Chorraum.

Allerdings standen im Leipzig Bachs gleich mehrere solcher Kisten herum, was Rampe im Bach-Handbuch (Klavier- und Orgelwerke) anhand zahlreicher Zeitungsanzeigen belegt. Führend in diesem Geschäft war Zacharias Hildebrandt, der auch das Instrument baute, das Bach im Zimmermannschen Kaffeehaus zur Verfügung stand. Nur fällt das dann völlig aus dem Rahmen, denn es handelte sich um ein zweimanualiges Cembalo mit eigenständigem Pedal, das zusammen gleich drei 16'-Register besaß.
Vermutlich war Hildebrandts konstruktive Lösung eine andere als etwa in Hamburg und klanglich wohl erheblich besser.

Möglicherweise war auch das berühmte Mietke-Cembalo, das Bach höchstpersönlich in Berlin einkaufte und das wohl im 5. Brandenburgischen Konzert seinen ersten großen Auftritt hatte, ein 16'-Instrument. Weshalb hätte er damals sonst bis nach Berlin fahren sollen? (so in etwa auch Rampe)

Bleibt festzuhalten, dass 16'-Cembali auch damals selten waren und weder Bach noch Händel damit rechnen konnten, dass ihre Kompositionen häufig auf solchen Instrumenten gespielt werden konnten.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 08:59
Ich habe noch nicht verstanden, was dieses 16`Register überhaupt ist. Nur soviel, dass dadurch der Bass stärker klingt. Hat so ein Cembalo dann drei Manuale? Oder gibt es ein Pedal, mit dem man dieses tiefe Register aktiviert?

Gruß, Carola
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 09:20

Bleibt festzuhalten, dass 16'-Cembali auch damals selten waren und weder Bach noch Händel damit rechnen konnten, dass ihre Kompositionen häufig auf solchen Instrumenten gespielt werden konnten.

Das muß uns heutzutage ja nicht davon abhalten, keinen Aufwand zu scheuen, um es optimal umzusetzen, so wie er es selbst getan hätte - denn das ist eine Tendenz, die ich bei Bach sehe, die Staier im Film auf der Bonus-DVD zu seinen Goldberg-Variationen erwähnt.

Bei den Veranstaltungen im Zimmermannschen Coffeehaus oder bei festlichen Anlässen war Bach sein eigener Veranstalter und hat alles geboten, was er hatte. Es gibt da eine Abbildung einer festlichen Freiluftveranstaltung in Jena ca. 1740, die mit Bach sog. weltlichen Kantaten vergleichbar ist, in der Mitte des Platzes steht ein riesiges Cembalo mit erkennbar 3 Manualen, die Vokalisten sind allenfalls doppelt besetzt. Natürlich waren solche Veranstaltungen eine Ausnahme, waren 3manualige Cembali die Ausnahme, und 16' Register - aber Johann Sebastian Bach und seine Musik sind letztlich auch eine Ausnahmeerscheinung, und als solche sollten wir ihre Umsetzung fordern - genau wie damals die Clavichorde sicher das verbreiteste und erschwinglichste Klangmedium waren, ist es ja heute das moderne Klavier oder Keyboard - und das könnte man unter solchen praktischen Erwägungen ebenso rechtfertigen. Eine Ausnahmeerscheinung verdient Ausnahmebehandlung, und gute Darbietungen auf "normalen" Cembali hat es inzwischen einige, also wäre eine Aufnahme der dafür geeigneten (!) Clavier-Werke auf einem Cembalo mit 16' Register aus meiner Sicht wünschenswert.

Vor allem die Cembalokonzerte würde ich mir so wünschen - das scheint ja auch der Praxis Bachs zu entsprechen und würde die Probleme der Klangbalance sicher verbessern. Spanyis Aufnahmen der Konzerte C.P.E. Bachs deuten darauf hin.

Daß Zacharias Hildebrandts Instrumente verloren sind bis auf das eine in Polen versteckte, ist unter diesen Aspekten eine Tragödie, denn ob heutige Cembalobauer das ebensogut hinbekommen? Wenn ich allerdings sehe, wie viel besser aktuell gebaute Cembali im Vergleich zu den ersten Versuchen klingen, bin ich da eigentlich ganz guter Hoffnung. Die Instrumente von Hass sind nun einmal das naheliegendste praktische Vorbild - an dem Berliner Harraß ist ja viel gerumgedoktert worden, obwohl Ammers neuster Rekonstruktionsversuch schon wesentlich besser klingt als die ersten (hier eingespielten) Nachbauten.

Wir können ja mal veruchen, hier abzustecken, welche Kompositionen für diese Geräte geeignet erscheinen. Elizabeth Farrs Versuch, Balbastres Musik auf dem Cemablo von Keith Hill zu realisieren, erscheint mit z.B. eher mißlungen, weil der grandiose Bass die Musik tendenziell erdrückt, wie ich hier beschrieben habe.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 09:27
Guten Tag
, obwohl Ammers neuster Rekonstruktionsversuch schon wesentlich besser klingt

Weil gerade der Name Ammer fiel, durch Zufall sah ich letzten Sonntag auf HR diese informative Sendung

"Vom Cembalo zur Karottenflöte – historische und ungewöhnliche Musikinstrumente"

(Und vielleicht präsentiert die Fa. Walker mal wieder in Heidelberg eines ihrer neuen 16´Cembali dem Publikum :yes2: )

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 09:34
Ich habe noch nicht verstanden, was dieses 16`Register überhaupt ist. Nur soviel, dass dadurch der Bass stärker klingt.


Nicht nur das, alles klingt eine Oktave tiefer als notiert.
Die Normallage ist der 8', da klingt jede Note wie notiert.
Ein Cembalo besitzt mindestens einen solchen Saitenbezug. Die einzelnen Saitenbezüge nennt man Register.
Gibt es mehr als ein Register, kann man die durch eine einfache Mechanik an- und abschalten: Die Springer werden einfach soweit von den Saiten weggeschoben, dass ihre Kiele die Saiten nicht mehr berühren können - und umgekehrt.
Meistens hat ein Cembalo zwei 8'-Register, d. h. auf jedem Tastenende stehen zwei Springer hintereinander, die je nach Stellung der Registerrechen (das sind die verschiebbaren oberen Halterungen, die die Springer exakt an den Saiten (oder eben nicht) positionieren und die mit den Registerhebeln oder -schiebern betätigt werden) zu hören oder stumm sind.
Die Anzahl der Register hat zunächst nichts mit der Anzahl der Manuale zu tun. Es gibt einmanualige Cembali mit einem, zwei oder drei Registern, wobei die 'Norm' dabei zunächst 8' + 4' (Ruckers und andere Flamen), später und fast immer in Italien 2 x 8' ist.
Gibt es zwei Achtfüße, sind auch die Saiten beider Register etwa gleich lang. Ein 4' klingt eine Oktav höher, und seine Saiten sind erheblich kürzer. Dafür braucht man dann einen eigenen Steg auf dem Resonanzboden und eine eigene Anhängelesite, die nicht sichtbar von unten den Resonanzboden geleimt wird, um die Anhängestifte für die Saiten halten zu können.
Beim 16' wird es komplizierter und teurer, weil die langen Saiten mehr Zug auf das Instrument bringen, einen größeren (manchmal sogar einen abgeteilten zweiten (das machen wir jetzt aber nicht genauer)) Resonanzboden und eine stabilere Gesamtkonstruktion benötigen.
Theoretisch ist es möglich, drei oder mehr Register auf einem einmanualigen Cembalo unterzubringen, das wäre überhaupt kein Problem. Nur haben zwei Manuale erhebliche Vorteile: Klang- und Lautstärkewechsel ohne Schaltung, zwei Klangfarben bzw. -stärken zugleich und eine Stimmführung ohne technische Hindernisse auch bei Überkreuzungen, Überschneidungen und Parallelen. Deshalb kann man auch die Kompositionen, die für zwei Manuale konzipiert sind, nicht 1:1 auf einem Manual (etwa auch des modernen Klaviers) spielen.
Beim zweiten Manual stellt man einfach die Springer des jeweiligen Registers auf die hinteren Ende der Tasten des entsprechenden Manuals, die ja übereinanderliegen und sich so nicht ins Gehege kommen. Braucht man den ganzen Krach bzw. eine bestimmte Registerkombination, die man nur so erreicht, kann man die Manuale koppeln und den ganzen Draht auf einmal spielen.
Fast immer finden sich der lautere 8' und der 4' auf dem Untermanual, ein zweiter leiserer und auch etwas anders gefärbter 8' auf dem Obermanual. Ein 16' wird meistens dem (Forte-)Untermanual zugeordnet.
Der ganze Kram mit den Füßen kommt von der Orgel, wo der 8' die offene Pfeifenlänge des C der Äquallage bezeichnet, die Hälfte (4') klingt eine Oktav höher, das Doppelte (16') eine Oktav tiefer (und der 32' einfach abgrundtief :D). Beim Cembalo hellt der 4' den Klang auf und wird so gut wie nie allein eingesetzt, während der 16' alles eine Oktav abstürzen lässt, ohne dass man das aus den Noten erkennen könnte. Wie man registriert, liegt beim Spieler.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 09:49
Das muß uns heutzutage ja nicht davon abhalten, keinen Aufwand zu scheuen, um es optimal umzusetzen, so wie er es selbst getan hätte


Nicht davon abhalten, keinen Aufwand zu scheuen? Da bin ich dabei. :D

Im Ernst: Ich will den grandiosen Lärm ja auch hören. Nur war es halt nicht der Normalfall, und wir sollten ihn nicht dazu machen.
Wenn man nur noch mit 16'-Cembalo auftreten dürfte, wäre das eine strenge Auslese, weil kein ärmerer Künstler oder ein entsprechendes Ensemble sich so ein Ding leisten kann.

Zitat

Daß Zacharias Hildebrandts Instrumente verloren sind bis auf das eine in Polen versteckte, ist unter diesen Aspekten eine Tragödie, denn ob heutige Cembalobauer das ebensogut hinbekommen? Wenn ich allerdings sehe, wie viel besser aktuell gebaute Cembali im Vergleich zu den ersten Versuchen klingen, bin ich da eigentlich ganz guter Hoffnung.


Da habe ich wenig Hoffnung. Schon bei dem einen hat er eine Konstruktion angewandt, die so ähnlich nur noch bei Dulcken vorkommt und die ohne 16' eine erhebliche Bassbetonung mit sich bringt. Aber selbst Skowroneck hat die Dulcken-Idee zuerst nicht verstanden und so das große Blaue, das Leonhardt immer gespielt hat, mit viel zu dünnem Bass konstruiert. Das wüsste übrigens niemand, wenn Skowroneck das nicht selbst freimütig veröffentlicht hätte.
Hildebrandt wird den 16' mit eigenem Resonanzboden und einer eigenen, entsprechenden Innenkonstruktion (und da liegt der Hase im Pfeffer) gebaut haben. Rekonstruieren lässt sich da nichts mehr.
Hoffnung bringt Ammers Harras, denn Harras war ja ebenfalls ein akzeptierter Markenname.
Aber Hildebrandts geniale Cembali sind wohl auf ewig perdu.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 09:49
Schon beeindruckend, was Du hier so aus dem Stand aus dem Ärmel schüttelst, lieber Hildebrandt. Und das Schöne ist, ich habe die Erklärung sogar weitgehend verstanden. Vielen Dank! Ich sehe schon, ich muss mir mal eine Aufnahme mit so einem 16´Register zulegen. Grundsätzlich scheint mir eine Oktavierung nach unten keine schlechte Idee zu sein. Vor allem für die Konzerte, wenn sich das Instrument gegen ein ganzes Ensemble durchsetzen muss. Aber Bachs Cembalokonzerte z.B. scheint es ja noch nicht mit einem 16´Cembalo zu geben (im Prinzip eine gute Marktstrategie, um Leute wie uns zum Kauf einer weiteren Aufnahme zu verführen :D ).

Gruß, Carola
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 10:02
Aber Bachs Cembalokonzerte z.B. scheint es ja noch nicht mit einem 16´Cembalo zu geben


Wobei dann noch das Pedal dazugehören würde.
Es scheint kaum jemand wissen zu wollen, das Mozart nachweislich selbst am liebsten mit seinem Pedalflügel aufgetreten ist und das Pedal dann ja wohl auch benutzt haben wird.
Sehe ich mir das Cembalo im Leipziger Starbucks an, könnte ich auf die Idee kommen, dass es da eine Tradition gegeben hat, denn was wird Bach wohl mit einem derart eindrucksvollen Cembalopedal gemacht haben? Nie draufgetreten? Dann wäre er nicht Bach gewesen.
Edit: Zuhause hat er ebenfalls höchstwahrscheinlich ein Cembalo mit eigenem Pedal besessen.

Der Verdacht, das wir heute eine viel zu höhenbetonte Barockmusik machen und hören, hat was für sich. Der Bass war wohl viel wichtiger als wir ihn nehmen.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 10:40

Der Verdacht, das wir heute eine viel zu höhenbetonte Barockmusik machen und hören, hat was für sich. Der Bass war wohl viel wichtiger als wir ihn nehmen.
Und das wäre auch eine Erklärung dafür, warum immer noch viele den Cembaloklang nicht mögen. Auch ich höre das Instrument nur gerne, wenn es nicht dieses Sirrende hat, sprich: Wenn genug Bass zu hören ist. Um ein wenig Öl ins Feuer zu gießen: So gesehen sind dann die modernen Bass-Monster namens Konzertflügel womöglich doch gar nicht so weit vom Originalklang entfernt.

Gruß, Carola
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 10:40
Den Wunsch nach Johann Sebastian Bachs Cembalokonzerten habe ich ja oben schon geäußert - ich denke, da muß sich noch in vielen Köpfen was ändern, von dem organisatorischen wie finanziellen Aufwand zur Realisierung mit entsprechendem Gerät mal ganz abgesehen. Aber Spányis Konzerte des Sohnes beweisen, daß so etwas durchaus machbar ist. Weißt Du, Hildebrandt, ob noch auf anderen C.P.E Bachs CDs von Spányi der Hass-Nachbau zum Einsatz kommt?

Sollten wir über das Pedalcembalo einen eigenen Thread eröffnen? Oder das hier unterbringen? Da gibt es ja noch weniger Aufnahmen ...
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 10:48
Und das wäre auch eine Erklärung dafür, warum immer noch viele den Cembaloklang nicht mögen. Auch ich höre das Instrument nur gerne, wenn es nicht dieses Sirrende hat, sprich: Wenn genug Bass zu hören ist.


Bei Renaissance und Frühbarock musst Du Dich wohl damit abfinden, denn da wurde deutlich höhenbetont gedacht und gebaut. Vor dem zweiten 8' bekamen die Ruckers-Cembali erst einmal einen knalligen 4' verpasst. Wobei das nicht heißen muss, dass es keinen Bass gab.
Außerdem macht ein geschickter Intonateur aus jeder Quietschkiste binnen eines Vormittages ein sonores Instrument (wenn es die Bauweise hergibt).

Zitat

Um ein wenig Öl ins Feuer zu gießen: So gesehen sind dann die modernen Bass-Monster namens Konzertflügel womöglich doch gar nicht so weit vom Originalklang entfernt.

Denen fehlt aber als Grundvoraussetzung die Obertönigkeit, die auch der Bass haben muss.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 10:51
Weißt Du, Hildebrandt, ob noch auf anderen C.P.E Bachs CDs von Spányi der Hass-Nachbau zum Einsatz kommt?


Muss ich nachsehen. Komme aber erst nächste Woche dazu, weil ich schon wieder viel zu viel Zeit... wem sag ich das?

Zitat

Sollten wir über das Pedalcembalo einen eigenen Thread eröffnen? Oder das hier unterbringen? Da gibt es ja noch weniger Aufnahmen ...


Gibt es da genügend belastbares Material für einen eigenen Thread? Erst mal hier lassen?
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 11:10
Und das wäre auch eine Erklärung dafür, warum immer noch viele den Cembaloklang nicht mögen. Auch ich höre das Instrument nur gerne, wenn es nicht dieses Sirrende hat, sprich: Wenn genug Bass zu hören ist.

Ich denke das hat eher etwas mit der Unfähigkeit der meisten sog. HiFi-Anlagen zu tun, stark obertonreiche Musik mit solchen Klängen adäquat wiederzugeben - ich probiere das oft bei Freunden mit nachweislich gut klingenden Cembalo-CDs, und das Ergebnis ist meist katastrophal.

Zitat

Um ein wenig Öl ins Feuer zu gießen: So gesehen sind dann die modernen Bass-Monster namens Konzertflügel womöglich doch gar nicht so weit vom Originalklang entfernt.

Ich finde dieser Vergleich hinkt ein bißchen sehr, denn der moderne Konzertflügel ist ja nicht einfach bassbetont, sondern hat ein völlig andere Farbe, wegen des Anschlagsmediums, anderer Besaitung etc. - da sind die sirrenden Obertöne quasi durch die Bauweise herausgefiltert. Der Gesamtklang ist dabei ein völlig anderer - wenn das ähnlich einem Hass-Cemablo klingt, hat die Wiedergabekette drastische Defizite im Obertonbereich :D

Ich kann nur dringend empfehlen, sich mal ein großes Cembalo live in einem kleinen Saal zu leisten - da gibt es keines der Klangprobleme, die HiFi-Anlagen so haben. Die werden ja auch selten mit sowas getestet (außer von mir :D ) ...
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 11:12
Sollten wir über das Pedalcembalo einen eigenen Thread eröffnen? Oder das hier unterbringen? Da gibt es ja noch weniger Aufnahmen ...

Gibt es da genügend belastbares Material für einen eigenen Thread? Erst mal hier lassen?

Ich denke da gibt es nicht sooo viel, vor allem sehr wenige CDs, manches nur auf LP - lassen wir es erstmal hier, und ich erweitere den Titel.
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 11:45
Über das einzige erhaltene 3-manualige Cembalo von Hieronymus Albrecht Hass, 1740 in Hamburg gebaut und z.Zt. im Besitz von Rafael Puyana, das auch ein 16' besitzt, kann man z.Zt. hier etwas lesen, alles französisch, aber viele Informationen über dieses Instrument und viele nette Bildchen mit Details, die man so noch nicht gesehen hat. Das Monster steht zum Verkauf, die Cité de la musique in Frankreich will es erwerben und muß dafür eine Million locker machen. Da es zum nationalen Kulturgut erklärt wurde, darf es Frankreich allerdings nicht mehr verlassen.

Hier gibts Videos, auf denen Rafael Puyana das Monster spielt - natürlich Scarlatti - anschnallen beim Anschauen:

"http://www.youtube.com/watch?v=6Gubohd0nO8"
"http://www.youtube.com/watch?v=uSj24ge6sew"
"http://www.youtube.com/watch?v=prq7EqBGWaY" (hier hat es ziemlichen wobble ...)
Unbekannt Mittwoch, 3. März 2010, 21:17
Es scheint fast so, als gäbe es momentan eine 16'-Hype bei den Cembali. Immer mehr Instrumentenbauer stellen solche Instrumente her und in immer mehr Aufnahmen werden sie verwendet.

Wirklich neu ist das alles jedoch nicht. Die Nachkriegs-Cembali von Ammer und Neupert hatten 16'-Register (auf vielen Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren zu hören, z. B. bei Walcha und Richter), die dann aber bald als "unhistorisch" abgelehnt wurden. Kopien von historischen Cembali mit 16'-Register gab es schon in den 70er Jahren, beispielsweise spielte Isolde Ahlgrimm bei der Cembalowoche in Brügge 1974 Bachs Goldberg-Variationen auf dem Nachbau eines Cembalos von Hass aus dem Jahr 1734 (gebaut von Knud Kaufmann, Brüssel). Solche Instrumente waren aber die Ausnahme, und jetzt scheint man mehr oder weniger die Regel daraus machen zu wollen...

Ein solches Instrument erscheint mir für Konzerte in grösseren Räumen oder zusammen mit grösseren Ensembles sinnvoll - aber die Ensembles waren - verglichen mit den heutigen Orchestern - eher klein. Insofern stellt sich die Balance zwischen Cembalo und Ensemble ganz natürlich dadurch ein, dass man die Besetzungsstärke des letzteren reduziert, bis hin zur solistischen Besetzung.

Viele Grüße,
Andreas