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Das Clavierkonzert Nord/Mitteldeutschlands im 18. Jhdt.

Unbekannt Samstag, 26. Februar 2011, 17:52
1. Literatur:

Älteren Datums:

Hans Uldall: Das Klavierkonzert der Berliner Schule, 1928, Breitkopf & Härtel (noch heute unerlässlich);
Arnold Schering: Geschichte des Instrumentalkonzerts, 1905, Breitkopf & Härtel;
Hans Engel: Das Instrumentalkonzert, 1932 Breitkopf&Härtel.

Neueren Datums:
Arnfried Edler: Gattungen der Musik für Tasteninstrumente, 2003, Laaber-Verlag.

2. Einleitung

Das Konzert für Tasteninstrumente war im 18. Jhdt. ein Nachzügler. Konzerte für Streich-, Blasinstrumente gab es, gleich ob als „Concerti grossi“ (also mehrere Soloinstrumente) oder als Solokonzert. Woran könnte das gelegen haben? Einige Gründe:
- Tasteninstrumente hatten eine relativ festgelegte Funktion: die Orgel in der Kirche, sei es als Soloinstrument (für Eingang, Ausgang, Choralvorspiele) oder als Continuoinstrument. Ein Konzert für Orgel war als Figuralmusik nicht vorgesehen. Eine ähnliche Situation gab es an den Höfen und/oder Opern: das Tasteninstrument hatte seinen Platz am Continuo. Das Tasteninstrument im Haus, gleich ob Hof, adliges Schloss oder mehr oder weniger wohlhabender Bürger war ausschließlich ein Instrument zur privaten, spielenden „Gemütsergötzung“, zum Üben, zur Beschäftigung mit Musik. Zuhörer waren eher zufällig und auch nicht vorgesehen. Der „Solo-Klavier-Abend“ in einem Konzertsaal, gegen Entgeld, mit einem Tasten-tractierenden „einmaligen Klavierlöwen“ ist eine Erfindung des 19. Jhdts.
- Selbst, wenn ein derartiges Konzert gewollt worden wäre, die Tasteninstrumente (außer der Orgel) hatten nicht das erforderliche Klangvolumen, um in einem Saal vor vielen Menschen solo oder als Konzertinstrument im Wettstreit mit einem (noch so schwach besetztem) Orchester zu bestehen. Das Clavichord sowieso nicht, und auch das einmalige Cembalo mit 2 8-Füßen war chancenlos.

Im ersten Drittel des 18. Jhdts setzte jedoch eine „Bewegung“ ein, die man Neudeutsch als „Clavieremanzipation“ bezeichnen könnte. Sie hängt eng mit dem sich in kürzester Zeit exponential steigernden Notendruck zusammen. Plötzlich hatten Liebhaber käufliches „Spielmaterial“ zur Hand, das Interesse am Clavier stieg sehr schnell an. Mattheson schreibt in seinem „Der musikalische Patriot“ (Hamburg, 1728): „ ..über funffzig sogenannte Meister (Laquaien ungerechnet) informiren in dieser Stadt allein auf dem Clavier..“. Oder J.A.Hiller in „Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen, die Musik betreffend“, Leipzig, 1766: „das gangbarste und unter den Liebhabern bekannteste Instrument ist das Clavier; es übertrifft daher die Menge der Sachen, die für dasselbe geschrieben, gedruckt und gestochen sind, alles, was die Musik in andern Fächern für sich aufzuweisen hat“.

Hand in Hand mit dem steigenden Claviernotendruck, und damit rasant steigendem Interesse am Clavier, ging der Instrumentenbau, vornehmlich in Mittel/Norddeutschland: die Cembali werden sehr viel häufiger 2-manualig verlangt und ausgelegt, oft zusätzlich mit einem 16-Fuß ausgerüstet, das Klangvolumen dadurch erheblich verstärkt. Damit war ein „Konzert-fähiges“ Instrument verfügbar, welches den wachsenden Hörerbedarf befriedigen konnte.

Hinzu kommt die wachsende Anzahl an „öffentlichen“ Konzerten, sei das in „Coffeehäusern“ oder angemieteten Sälen, in denen der
Liebhaber als Hörer dabei sein konnte, und der verlangte, dass „sein“ Instrument auch konzertant auftritt. Damit war aber auch klar, dass
Clavierkonzerte nicht mehr für „Kenner und Liebhaber“ komponiert wurden, sondern für „Virtuosen“, welche dem Liebhaber zeigten, was alles auf dem Instrument möglich sein kann, für den Liebhaber jedoch nur mehr hörend (und zahlend).

Die Komponisten, vornehmlich in Mittel/Norddeutschland, haben diese Entwicklung sicherlich aufmerksam beobachtet, und schnell darauf reagiert, sei es aus Eigenbedarf und/oder für Söhne/Schüler (wie bei JSB), oder aus weiteren Gründen. Wie dem auch sei, das Clavierkonzert war da. JS Bach hatte ja schon einen „Vorversuch“ in Köthen mit dem 5. Brandenburgischen Konzert unternommen, hier noch mit weiteren konzertierenden Instrumenten. Jedoch wird die Öffentlichkeit auf den Hof beschränkt gewesen sein. Sicherlich wird er sich an diesen Versuch in den späten 1730ern erinnert und ihn auch aufgeführt haben.

Da in dem Forum die Clavierkonzerte JS Bachs und WF Bachs schon behandelt werden, kommen in den nächsten Folgen diese Konzerte nur ggfls. als Vergleich in Betracht. Hauptaugenmerk werden die Clavierkonzerte CPE Bachs, Komponisten der Berliner Schule wie Schaffrath und Nichelmann sein, um dann weiter auszugreifen in Richtung Dresden und Riga (Goldberg und Müthel). Den Abschluss bilden dann die Konzerte von JCF Bach, mit dem dann das Mittel/Norddeutsche Clavierkonzert zu Ende geht.

Selbstverständlich werden zum besseren Verständnis des Ganzen auch entsprechende CD-Hinweise gebracht.
Unbekannt Sonntag, 27. Februar 2011, 10:39
Über dieses Thema forsche ich zur Zeit intensiv - neuere Literatur gibt es wenig, wenn dann zu den Cembalokonzerten einzelner Komponisten.

In vielen Lexika steht als Überbleibsel alter Nationalismen ja noch zu lesen, Johann Sebastian Bach habe mit dem fünften Schwedter Konzert das Cembalokonzert quasi erfunden, was in mehrfacher Hinsicht nicht stimmt.

So wie es aussieht, haben erste Versuche, mit obligatem oder konzertierendem Cembalo oder Orgel und begleitenden Streichern und evt. mehr recht früh im 18. Jahrhundert stattgefunden, an mehreren Orten gleichzeitig und unabhängig voneinander (Bach und Händel gehören dazu, aber auch in Paris und Italien tat sich da einiges - einen ersten Versuch, das zu sichten, gibt John Butt in seinem 2003 erschienenen Aufsatz Towards a genealogy of the keyboard concerto in diesem Buch, das allgemein für jeden an Tastenmusik Interessierten sehr empfehlenswert ist (auch in vielen Bibliotheken vorhanden und deshalb per Fernleihe problemlos erhältlich, aber auch nicht so teuer als Paperback):



Ich werde den Inhalt kurz referieren, sobald es die Zeit erlaubt.
Unbekannt Sonntag, 27. Februar 2011, 13:33
Die beiden derzeitigen WV CPE Bachs (Wotquenne, Helm) führen
insgesamt 52 Konzerte für Tasteninstrument an, darunter 2 für 2 Claviere. In
beiden Verzeichnissen sind die Konzerte chronologisch nach ihrer Entstehung
geordnet (Achtung: die späteren Umarbeitungen einiger Konzerte durch CPEB
werden nicht berücksichtigt), was eine, wenn auch angreifbare
Epochenunterteilung ermöglicht.
Zusätzlich führt Helm weitere Konzerte an, mit unsicherer
Komponistenzuordnung. Sie gehören mit Sicherheit zur „norddeutschen Schule“, ob
sie jedoch von CPEB komponiert wurden ist fraglich.

Dagegen wurde im Archiv der Singakademie ein Clavierkonzert
von CPEB gefunden (SA 3058), B-Dur, welches Wotquenne und Helm unbekannt war.

Mitbehandelt werden hier CPE Bachs „Sonatinen“ für Clavier
und Orchester. Davon gibt es 15, darunter 2 für 2 Claviere. Auch hier führt
Helm weitere Sonatinen an, mit unsicherer Komponistenzuordnung.


Rachel W. Wade schreibt in ihrem grundlegenden Buch über
CPEB´s Clavierkonzerte (The Keyboard
Concertos of CPE Bach, 1981, UMI Research Press, Ann Arbor): „man sollte nicht
vergessen, dass CPEB sein 1. Clavierkonzert (a-moll, Wq 1) als 19-jähriger 1733
noch unter den Augen seines Vaters komponierte, sein letztes in seinem
Todesjahr 1788 (Es-Dur, Wq 47, für 2 Claviere), also in einer Spanne von über
50 Jahren. Nicht überraschend, seine Konzerte beinhalten Elemente von „alt“ und
„neu“, vom norddeutschen Contrapunkt, Sturm und Drang, Empfindsamkeit bis hin
zum Wiener Klassizismus. Bach war sich dieses Konfliktes sehr wohl bewusst.
Deswegen seine häufigen Eingriffe/Änderungen in ältere Konzerte.
Wir laufen heute jedoch Gefahr, seine Konzerte über die
„Modernität“ zu beurteilen. Das ist falsch. Bach schrieb seinen eigenen Stil.“
(frei übersetzt und gekürzt vom Verfasser)

H. Uldall (s. oben)
unterteilt Bachs Clavierkonzerte in 4 Kompositionsepochen, wobei er
stilistische/kompositorische Gemeinsamkeiten unterstellt: 1) bis 1738; 2) bis
1759; 3) bis 1767; und schlussendlich die Hamburger Epoche bis 1788. Diese
Unterteilung bietet sich an, darf jedoch nicht unkritisch übernommen werden.
Ein Begriff, der sehr häufig in den Beschreibungen
norddeutscher (Clavier) Konzerte
auftaucht, ist das „Ritornell“ = das „Wiederkehrende“. Damit ist das
Kopfmotiv jeglichen Satzes gemeint, welches in geänderter Form, verkürzt,
zergliedert, manchmal gar nur rhythmisch im Laufe des Satzes wieder verwendet
wird. CPEB hat meisterhaft diese Konzertform beherrscht und gebraucht. Das
Ritornell (und seine vielfältigen Variationen) ist Motor eines Satzes, Quelle
harmonischer und dynamischer Überraschungen, Start manchmal schwieriger
Virtuosität des Soloinstruments, Bezugspunkt kontrapunktischer Verwicklungen.
Ob das norddeutsche Konzert typisch mit 3 oder 4 Ritornellen/Satz ist, kann man
getrost der Musikwissenschaft überlassen. Dem Spieler/Hörer bringt eine
derartige Diskussion nicht viel.

CPE Bachs Clavierkonzerte bis 1738:
Es sind: Wq 1, a-moll, 1733; Wq 2, Es-Dur, 1734; Wq 3,
G-Dur, 1737; Wq 4, G-Dur, 1738; oder
Helm 403 – 406. Alle diese Konzerte (bis auf Wq 4) wurden später von CPEB
überarbeitet (1743 – 1745) und nur diese Fassungen liegen vor.

CD-Aufnahmen:



Label
BIS: The Complete Keyboard Concertos of CPEB; Vol. 1 + 2; Spanyi



Label
CPO: Wq 3, Harpsichord Concertos; Remy


Können wir uns den Zustand eines 19-jährigen vorstellen, der
unter den aufmunternden, aber sicherlich sehr kritischen Augen und Ohren des
Vaters JSB ein Clavierkonzert schreiben will? Und genau so hört sich der 1.
Satz des 1. Konzerts in a-moll an: vorsichtig tastend, Risiken vermeidend, wie
polyphon darf/muss der Streichersatz sein, kann/soll/darf ich die Ritornelle verändern
und wenn, wie? Und: (was wird mein Vater dazu bemerken?) Die Aufmunterungen des
Vaters waren anscheinend positiv, denn im 2. Satz riskiert CPEB das vorsichtige
Einbringen doch sehr empfindsamer Momente (war zu der Zeit äusserst modern).
Offensichtlich hat Papa Bach das goutiert (er war ja auch modern), denn im 3.
Satz schreibt CPEB schon ziemlich „enthemmt“. Hier blitzen schon seine
Stileigenarten bei Konzerten auf, die er bis an sein Lebensende beibehalten
wird: krasse, schnelle harmonische und dynamische Wechsel, „Orchesterschläge“,
hochkarätige Cembalovirtuosität, das Kopfmotiv wird zwischen 2. und 3.
Ritornell so richtig durch den „Fleischwolf“ gedreht (in späteren Konzerten
wird das noch extremer betätigt): das Orchester wirft Motivpartikel ein, das
Cembalo, hochvirtuos behandelt, wandelt das harmonisch um (oder umgekehrt). An
diese Eigenart sollte sich der CPE Bach Clavierkonzerthörer so schnell wie
möglich gewöhnen. Es ist Bach´scher Standard in den meisten Fällen….spannungsgeladen
(die Entspannung folgt danach alsbald) und meist genial.

Etwas Anderes wird beim Hören dieses Konzerts auch sofort
klar: der spielende Liebhaber hat ausgedient. Er kann diese Virtuosität nicht
mehr beherrschen.

Das Es-Dur Konzert, 1734 in Leipzig komponiert, bewegt sich
auf ähnlichen Bahnen.
Die Konzerte 3 und 4, beide in G-Dur, in Frankfurt und
Berlin komponiert, bieten einen schon etwas geläuterten Streichersatz, sind
klarer, unkomplizierter im Aufbau, ein Atemholen sozusagen. Doch das „Adagio“
von Wq 3 (in g-moll) zeigt uns ein weiteres Ausdrucksmittel CPEB´s: den
hochpathetischen , verzweifelten langsamen Satz. Er wird dieses Mittel noch
manchmal einsetzen, sehr zur Begeisterung der Hörer.

Die nächste Folge wird die Konzert-schaffensreichste Periode
CPE Bachs angehen: von 1739 bis 1759.
Unbekannt Sonntag, 27. Februar 2011, 17:07
In vielen Lexika steht als Überbleibsel alter Nationalismen ja noch zu lesen, Johann Sebastian Bach habe mit dem fünften Schwedter Konzert das Cembalokonzert quasi erfunden, was in mehrfacher Hinsicht nicht stimmt.
Ach ja, diese ewigen Nationalismen......wer hat denn bloß das Rad erfunden? ?(
Wahrscheinlich war die Zeit einfach reif für Tasteninstrumentkonzerte gleich wo, ob in Italien, Frankreich, Süd-oder Norddeutschland, England. Interessant daran ist doch nur der Werdegang und das "warum". Und da scheint mir die Clavier-Geschmacks-Notendruck-Instrumentenhypothese doch recht einleuchtend.
Unbekannt Mittwoch, 2. März 2011, 17:00
Die 2. Periode seines Clavierkonzertschaffens (bis 1759) umfasst 30! Konzerte, Wq. 5 - Wq. 35.
Was unterscheidet diese von der 1. Periode? Beim anfänglichen Hören fällt das nicht unbedingt auf:
- er verlängert und schärft das Ritornell, ohne auf kompositorische oder stilistische Möglichkeiten zu verzichten.
- in den "Soli" trennt er zu Lasten des Orchesters das Zusammenspiel mit dem Soloinstrument, und schafft somit einen "echten" Wettbewerb: das Orchester wirft ein, das Soloinstrument verarbeitet virtuos (manchmal auch umgekehrt). Dieser "Wettbewerb" war in dem älteren Vivaldi-Tartini-JSB-Konzert noch nicht so klar definiert.
- Das "Hauptsolo", meist zwischen dem 2. und 3. Ritornell, erhält erheblich mehr Gewicht, sei dieses virtuos, harmonisch, dynamisch.
- Das Abschlussritornell = Anfangsritornell ist tonartlich festgelegt, nämlich in der Tonika. CPEB versucht mit vielerlei Methoden, diesem Automatismus zu entgehen, die Spannung bis zum letzten Takt zu halten. Man höre nur genauer hin. Vor Überraschungen und Trugschlüssen wird gewarnt.

Es können hier nicht alle 30 Konzerte besprochen werden, sie sind auch nicht alle gleich hoher Qualität. Folglich picke ich die mir am hochwertigsten scheinenden heraus, und führe sie vor:
- Wq. 6, g-moll, 1. Satz: das Ritornell besteht aus einem "Sturm und Drang"-Eingangsthema, welches alsbald im pianissimo aber drohend weitergeführt wird, um im fortissimo zu enden. Das 1. Solo kommt akkordisch einher, und leitet friedlich zum 2. Ritornell über, dieses in B-Dur, aber in c-moll endend. Das verheisst Unheil, und es kommt auch nach einigen Triolen in linker und rechter Hand zu Beginn des Hauptsolos. Plötzlich, mit Ritornelleinwürfen des Orchesters, jagt der Solist los, mit 16tel, 32tel rechts, links, in Gegenbewegung, fast alle Tonarten streifend und dreht Themenpartikel so richtig durch den "Fleischwolf", um in der pflichtgemäßen Kadenz zu enden. Wer jetzt glaubt, danach käme das Schlussritornell, irrt sich gewaltig. Es folgt ein weiteres Hauptsolo, gleich böse wie das erste. Dafür endet der Satz mit verkürztem Schlussritornell
Im 2. Satz, Es-Dur, spielen die Streicher "con sordini" und stellen ein ruhiges, empfindsames Thema vor. Dieses endet mit 7 Takten Orgelpunkt im Bass. Und was unternimmt der Solist? Der trillert, ohne Bass, mit Violino 1und 2 sein Solo ein. Na, wer hat denn da später genauer hingehört? Den kennen wir!
Der 3. Satz ist so böse wie der erste. Er wird mit einem Orchesterschlag im fortissimo eröffnet, verlangt einen Parforceritt des Solisten in den Soli, und endet so finster in Moll wie er und das Konzert begonnen hat. Von wegen lustigem "Rausschmeisser" in Rondoform. Darauf wartet man bei CPEB vergeblich.
Unbekannt Donnerstag, 3. März 2011, 12:14
- Wq. 12, F-Dur (Allegro, Largo e sostenuto. Allegro assai).
Das Hauptmotiv des Ritornells (1. Satz) verführt zu polyphonen Überlegungen,
die CPEB natürlich auch sofort verwirklicht. Ein sehr ähnliches Motiv hat er in
seiner Claviersonate H. 40, Wq. 62,6 verwendet. Es ist der einzige
Claviersonatensatz CPE´s , der vom 1. bis zum letzten Takt polyphon konzipiert
ist. Doch das Haupt“ohren“merk sollte der Hörer auf das Hauptsolo dieses Satzes
richten: einen derartigen „Husarenritt“ an Virtuosität, Harmonie, Polyphonie,
thematischer Verarbeitung bekommt man selten zu hören, auch nicht in den
Clavierkonzerten Mozarts und Beethovens.
Der 2. Satz steht in…f-moll: über einen chromatisch
fallenden Bass (die Chaconne blitzt noch durch) wird ein Lamento ausgebreitet,
vom 1. bis zum letzten Takt.
Der letzte Satz ist etwas fröhlicher (im Hauptsolo geht es
dann doch zur Sache), die polyphone Schreibweise für das Orchester wird jedoch
beibehalten. Ab und zu blitzen in den Soli „süddeutsche“ Clavierwendungen auf,
schnell da und schnell wieder weg. Wollte CPE etwa spotten? Bekanntlich war er
ein Spötter, und seine Ansichten über den Mannheimer-, süddeutschen
Kompositionsstil hat er mehr als einmal spöttisch dargelegt.
Ein ähnliches Kopfmotiv setzt CPE in seinem Konzert:

- Wq. 15, e-moll ein, nimmt jedoch die Polyphonie etwas
zurück. Erstaunlich in dem 1. Satz ist jedoch Folgendes: das Ritornell endet,
jeder nimmt an, dass der Solist nunmehr loslegt. Das unternimmt dieser auch,
rechte Hand alleine, ohne Bass, um nach 4 Noten eine Pause einzulegen, all das
noch einmal, dann eliminiert CPE die Taktstriche, und fährt im Stil einer
„freyen Phantasie“ fort. Erst danach legt der Solist hochvirtuos los. So kann
man es auch machen.

- Wq. 14, E-Dur (Allegro, poco Adagio, Allegro assai) ist ein
„repräsentatives“ Konzert, es wurde nämlich gedruckt. Folglich schränkt CPE
etwas die Virtuosität und harmonische Härten ein (die Noten sollten schließlich
gekauft werden). Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen zu zeigen, was er alles
kann: das Hauptsolo endet, und jeder Hörer erwartet, dass nunmehr das Ritornell
folgen wird. Das kommt auch in Form eines Motivs daraus, streng fugiert, sofort
in der Engführung, durch alle Stimmen, und der Solist setzt dieses Spiel munter
fort. Es ist ein Beispiel dafür, wie CPEB die Schablone des abschließenden
Ritornells durchbricht.

In diese Periode fallen auch CPE´s „d-moll-Konzerte“, Wq.
17, 22, 23. Sehr offensichtlich dient BWV 1052 als Vorbild. Könnte das Konzert
Wq. 17 noch als Versuch gedeutet werden, mit Wq. 22 (gibt es auch als
Flötenkonzert) und Wq. 23 steht er qualitativ in Augenhöhe mit dem Konzert
seines Vaters, eben nur mit einem neueren Konzertkonzept und seinem
Personalstil.
Weiterhin hervorragende Konzerte sind: Wq. 21, a-moll; Wq.
27, D-Dur (das Orchester mit Pauken und Trompeten, sehr festlich, man wüsste
gerne, wo dieses Konzert uraufgeführt wurde); Wq. 29, A-Dur, (auch als Cellokonzert
bekannt); Wq. 30, h-moll (er wird der Tonart sehr gerecht), und Wq. 34, G-Dur
(für Clavier oder Orgel).


Mit Wq. 35, Es-Dur wird dieser Periode ein Ende gesetzt. CPE
unternimmt eine Kompositionspause bis 1762 für Clavierkonzerte. Warum, ist
nicht zu beantworten. Hatte er genug Konzerte zum Vorführen? Langweilte ihn nunmehr
diese Konzertform? Machte der 7-jährige Krieg ein geregeltes Konzertieren
unmöglich?
Unbekannt Freitag, 4. März 2011, 10:22
Dank einer fiebrigen Erkältung und daraus folgend "n´betken döösig inne Koppe" habe ich gestern ein interessantes Clavierkonzert übersehen. Nämlich:
- Wq. 31, c-moll, mit den Sätzen Allegro di molto, Adagio, Allegretto. Der 1. Satz schreitet unerbittlich im Marschrhythmus einher. Das 2. Ritornell steht nicht in Dur, sondern in g-moll und moduliert sich so durch die Molltonarten finster, finster.
Der 2. Satz steht in As-Dur, eine selten eingesetzten Tonart in dieser Zeit. Eine ruhige "mozartisch-schöne" Melodie bildet das 1. Ritornell, doch halt!, der Solist will nicht so richtig. Er ist wohl der Ansicht, dass alles viel zu schön ist, und setzt mit einem Rezitativ ein. Das Orchester versucht ständig, ihn auf die schöne Fährte zurückzubringen, ohne großen Erfolg. Dann reisst dem Orchester auch die Geduld, und zeigt dem Solisten, wie auch Rezitative klingen können, der Solist macht mit, das Konzert endet in einem Lamento -3. Satz. Opera seria im Clavierkonzert.
Interessant an diesem Konzert ist aber auch seine Wirkungsgeschichte. CPEB hat dieses Konzert als eines seiner "Paradöre" bezeichnet, also ein Publikumsrenner. Das Berliner Publikum muss schon (teilweise) einen sehr guten Geschmack gehabt haben. Vielleicht verstehen wir nun den Berliner Kommentar anlässlich eines Konzerts, welches Wagenseil 1756 gab, incl. eines seiner Clavierkonzerte: "Mangel an Erfindung, Eintönigkeit und ewige Wiederholung seiner Einfälle". CPEB ist halt schwierig zu überbieten.
Unbekannt Sonntag, 6. März 2011, 10:46
Von 1759 bis 1762 legt CPEB eine Kompositionspause für Clavierkonzerte ein. Über die Gründe hierfür kann nur gerätselt werden (s. oben)
1762 nimmt er dieses Genre wieder auf, und schreibt bis zu seinem Weggang nach Hamburg (1767) noch 5 (in Worten: fünf) Clavierkonzerte, davon 2 (Wq. 39 in B-Dur, und Wq. 40 in Es-Dur) höchstwahrscheinlich ursprünglich für Oboe. Die weiteren 3 sind: Wq.36 in B-Dur; Wq. 37 in c-moll; Wq. 38 in F-Dur. Im Vergleich zu der vorherigen Periode ist diese Anzahl nicht gerade üppig.
Dass CPEB keine Lust auf konzertante Claviermusik mehr hatte, sollte man ihm nicht unterstellen, denn genau in dieser Periode schreibt
er 15 Sonatinen für Clavier und Orchester, davon 2 für 2 Claviere (und Orchester).
Was könnte CPEB dazu gebracht haben, es mit einer neuen Form des Konzerts zu versuchen? Dazu vorab die wesentlichen Unterschiede zwischen „Concerto“ und „Sonatina“:
- das Wichtigste: das Ritornell, und damit seine Konzertform wird abgeschafft. An seine Stelle tritt ein schwer zu definierender
Sonat(in)ensatz. Damit entfällt:
- der „Wettstreit“ zwischen Solo und Orchester. An seine Stelle tritt sehr vermehrt das gemeinsame, gleichwertige Musizieren: das Orchester trägt die Melodie/das Motiv, das Solo umspielt es. Daraus ergibt sich:
- der Claviersatz wird technisch einfacher (Vorsicht Liebhaber, geschenkt wird auch da nix).
- Da all das „spannungsfreier“ abläuft, kann es sich der Hörer im Stuhl etwas bequemer machen (Ironie off).

Konnte CPEB keine Ritornelle mehr hören oder komponieren? Haben ihm Zuhörer gesteckt, dass sie diese Form endgültig leid sind? In jedem Konzert in Nord/Mitteldeutschland, gleich ob für Clavier, Violine, Oboe, Flöte oder Violoncello: das Ritornell war stets in 3 Sätzen mit von der Partie, und diese meist von Komponisten, deren Namen wir heute Gott sei Dank gar nicht mehr kennen, verknöcherter Berliner Hofgeschmack „ti-ta-tititi“! (Ähnliches könnte 40 Jahre später in Wien auch passiert sein: was auch immer geboten wurde, ob
Sonaten, Claviertrios, Konzerte für jegliches Instrument, das Schlussrondo war immer mit dabei, der „lustige Kehraus“, möglichst mit „neckischen“ Themen wie die eines C.M. von Weber, zum Davonlaufen.)
Wie dem auch sei, CPEB hat nach 1765 diese Sonatinenkonzertform nicht weiter verfolgt, auch in Hamburg nicht. Dort schrieb er weitere 10 Clavierkonzerte und das berühmte Konzert für Cembalo und Pianoforte……in Ritornellform.


Welche Konzerte aus dieser Periode sollten angeführt werden?
- Wq. 37, c-moll, Allegro assai, Andante e arioso, Presto.
Der 1. Satz, im Marschrhythmus, wird strikt durchgehalten. CPEB versucht im letzten Ritornell, den Schluss durch Trugschlüsse herauszuzögern, die Spannung wächst, sehr gut gelungen. Hingegen ist der letzte Satz eine „Presto-Gigue“. Sie „rast“ vom 1. bis zum letzten Takt ohne Pause durch, damit schwierig und anstrengend zu hören, aber es lohnt sich.
- Wq. 41, Es-Dur, Largo-Prestissimo, Largo, Ziemlich geschwinde. Es ist das 1. Hamburger Konzert, man kann es hören. Von den
Berliner Konventionen entledigt, strahlen seine Ritornellthemen einen „befreiten“ Geist aus, die Bläser werden obligat geführt (früher wurden sie aufführungsbedingt beigefügt oder nicht), und eine langsame Einleitung gibt es auch. Der 2. Satz steht, ungewöhnlich, wie
aber auch in seinem Doppelkonzert für Cembalo und Fortepiano, in C-Dur. Das Ritornellthema des 3. Satzes hat mit „Berlin“ nichts mehr zu tun, es ist ein „typisches“ CPEB-Thema, wie in seinen Claviersonaten.
- Wq. 43, 1 – 6. Diese Konzerte sind sozusagen das „Clavierkonzertvermächtnis“ CPE Bachs. Hier moduliert, erweitert CPEB die
Ritornellform, ohne sie grundsätzlich infrage zu stellen. Dazu zählen langsame Einleitungen, fließende Satzübergänge (dem „heiligen“ Doppelstrich geht es an den Kragen, wie selbstverständlich obligat geführte Bläserstimmen, das Konzert 43,4 (c-moll) ist sogar 4-sätzig. Die Konzerte wurden auch gedruckt, und dem Herzog von Kurland gewidmet, und sollen technisch „leichter“ sein. Na ja……
Kurzum: diese 6 Konzerte sind ein „Hör-Muss“ für jeden Clavierkonzert-Liebhaber.

Epilog: Was verblieb für die Nachwelt von CPEB´s Clavierkonzerten? Auf den 1. Blick weniger als von seiner Soloclaviermusik. Sie standen zwar noch bis ca 1820/30 auf den Konzertprogrammen in Norddeutschland, und wurden doch langsamer von den Notenpulten
durch Beethoven und andere gefegt, als in südlicheren Gefilden. Aber: das Ritornellkonzert war mausetot, das Sonatensatzkonzert trat seinen Siegeszug an.
Erst, als dieses durch die Überhandnahme virtuosen Geklimpers und Rondos sich lächerlich machte, besann man sich auf die Konzerte von CPEB, in der Form, dass Clavierkonzerte doch mehr sein sollen als virtuose, eitle Zurschaustellung.
Nicht verwunderlich: es war der Norddeutsche Johannes Brahms (der CPEB ´s Musik hoch schätzte), der mit seinem 1. Klavierkonzert in d-moll (uraufgeführt in Hannover) diesen Konzerten den Kampf ansagte. Hier konnte man dann auch endlich wieder einen anständigen Orchestersatz hören, und nicht solche aus dritter Hand (schon Friedrich d. Gr. ließ schreiben, „Quantz, mache er mal…“, und da gibt’s
noch einen bedeutenden Komponisten im 19. Jhdt, der die im Grunde genommen völlig überflüssigen Orchestereinleitungen und Schlüsse seiner Klavierkonzerte von Dritten schreiben ließ. Genau so klingen die auch, Schwamm drüber.)

CD´s zu den Clavierkonzerten CPEB
- Label BIS: beabsichtigt ist die Komplettaufnahme sämtlicher Clavierkonzerte/sonatinen, Solist Miklos Spanyi. Bislang 17 Volumina, es fehlen nur mehr die Konzerte Wq. 43, 1-6 und die letzten beiden Hamburger Konzerte, Wq. 44, 45. Sponsoren werden noch gesucht.
- Label Virgin Classics: Wq. 43, 1-6, Bob van Asperen (Cembalo)
- Label CPO: Wq. 3, 32, 44, 45, 38, 30, 37, Ludger Remy (Cembalo) (2 CD)
- Label Carus: Wq. 5, 26, 34, Rien Voskuilen (Cembalo)
- Label EMI: Wq. 23, 46, Leonhardt (Curtis)
- Label RG: Wq. 34, 35, 47, Johan Huys (Orgel)
- Label Ligia: Wq. 34, 35, Oliver Vernet (Orgel)
- Label DHM: Wq. 46, 47, 109 Immerseel, Leonhardt (Cembalo/Fortepiano)
- Label DHM: Wq. 43,4, Staier
- Label HMF: Wq. 20, Alpermann, Cembalo
- Label Hungaroton: Wq. 23, 31, 33, Spanyi (Cembalo!!)
Unbekannt Mittwoch, 9. März 2011, 23:03
Diese 3 Komponisten lebten in Berlin, arbeiteten im Umkreis der Hofhaltungen Friedrich II. und seiner Schwester Amalia. Sie waren mit CPEB zumindest gut bekannt, Kirnberger befreundet.

Nichelmann war bis 1759 2. Cembalist bei Friedrich II., eine Stelle, die er freiwillig aufgab, und 1762 in Armut starb. Schaffrath war Cembalist bei der Prinzessin Amalia, einer hochmusikalischen Frau, deren Hofcompositeur wiederum Kirnberger war. Er und Nichelmann waren direkte Schüler JS Bachs. In dieser „clavier-verrückten“ Stadt haben sie ihr Instrument reichlich bedient, darunter auch mit Clavierkonzerten.

1) Christoph Nichelmann (1717 – 1762): von ihm sind derzeit 16 Cembalokonzerte in Handschriften bekannt, ganze 2 sind in Neudrucken erhältlich. Welches sind die besonderen Merkmale dieser Konzerte, z.B. im Vergleich mit denen von CPEB?
Vorweg: die Konzertform, hier das Vivaldi-Tartini-JSBach- Ritornellkonzert wird von Nichelmann, Schaffrath und Kirnberger minutiös eingehalten. Aber:
- sein (sehr guter) Claviersatz ist dem JS Bachs doch viel näher, als der von CPEB.
- Nichelmann zerlegt das Ritornell frühzeitig in kleine Einzelteile und konzertiert mit diesen.
- Daher entfallen bei ihm die „großen“ Durchführungen im Solo nach dem 2. oder 3. Ritornell, ein „Markenzeichen“ CPE Bachs.
- Schroffe harmonische Brüche setzt Nichelmann zwar auch ein, aber doch weniger häufig und weniger riskant als CPEB.
- Genauso wenig wie CPEB verfällt Nichelmann in eine übertriebene Empfindsamkeit, schon gar nicht in den langsamen Sätzen.

Kurz: sehr hochwertige Konzerte, erfindungsreich, technisch besser beherrschbar als die von CPEB. Schade nur, dass es so wenige Noten gibt und noch weniger CD-Aufnahmen. Es ist derzeit sage und schreibe 1 Konzert auf CD präsent (E-Dur, s. unten). Ich kenne noch 3 weitere Konzerte (A-Dur, c-moll, d-moll), die einer Aufführung/Aufnahme würdig wären. Vielleicht klappts ja noch.


2) Christoph Schaffrath (1709 – 1763): Über seine (musikalische) Ausbildung ist nichts bekannt. 1734 wurde er Mitglied der Ruppiner/Rheinsberger Kapelle Friedrich II., wechselte jedoch schon 1741 in die Kapelle der Prinzessin Amalia als Cembalist. 19 seiner Clavierkonzerte liegen (na wo denn sonst) in der Amalienbiblithek, 8 im Archiv der Singakademie (Doubletten sind möglich).
Tatsächlich gibt es sogar 1 Konzert (Es-Dur) im Neudruck, und dieses ist auch auf CD hörbar (s. unten). Schaffraths Claviersatz ist auch sehr gut (sogar Akkordketten rechts/links treten auf), aber doch etwas „hausbacken“. Hervorstechend ist sein häufiger Einsatz von Polyphonie, hin bis zur realen Vierstimmigkeit in den Solos. Wen wunderts: Amalia war eine große Liebhaberin des „alten“ Stils. Hingegen schreibt auch Schaffrath keine „großen“ Durchführungen wie CPEB.
Kurz: auch hier liegt hochwertiges Clavierkonzertmaterial vor, das einer Wiederentdeckung harrt.


3) Johann Philipp Kirnberger (1721 – 1783). Bachschüler, diesen später fast „abgöttisch“ verehrend , wurde er 1754/58 „Hofmusicus“ und oberster musikalischer Berater der Prinzessin Amalia. Er hat somit die heute unersetzliche „Amalienbibliothek“
geschaffen, viele wesentliche, wissenschaftliche Musikschriften verfasst..und nebenbei auch komponiert, darunter 2 Clavierkonzerte (c-moll; g-moll). Kirnberger schreibt einen flüssigen Claviersatz, stets polyphon angehaucht, wenig empfindsam, harmonisch
„ruhiger“ als CPEB, wie er, schreibt Kirnberger eine „große“ Durchführung. Sein c-moll-Konzert gibt es auf Noten (lange Zeit unter der Autorschaft WFB´s segelnd (wie der Verlag darauf gekommen ist, wird mir schleierhaft bleiben) und auf CD (s. unten). Leider ist
das g-moll Konzert, welches ich für noch besser halte, nicht auf CD eingespielt.
Kurz: wie zu erwarten, schreibt Kirnberger sehr gute Clavierkonzerte, eine weitere Aufgabe für Konzerte und CD´s.

Das Berliner Gegenbeispiel: Auch CH Graun hat Clavierkonzerte geschrieben, 6 an der Zahl. Sie gibt es (zu Recht) nicht auf Noten oder CD´s. Ein mieser, simpler Claviersatz, Floskeln ohne Ende, platte Italismen, süßliche Melodien….so richtig zum Abgewöhnen.
Kurz: ruhet sanft in den Archiven.

CD:
Label Capriccio: Kirnberger, Konzert c-moll; Nichelmann, Konzert E-Dur; Schornsheim
Label NCA: Schaffrath, Konzert Es-Dur, Thalheim
Unbekannt Donnerstag, 10. März 2011, 20:14
Um mal die empfehlenswerten CDs abzubilden, falls jemand Interesse daran hat:

Die drei CDs, die Christine Schornsheim mit der Berliner Barock-Compagney gemacht hat, bieten einen schönen Überblick über die Entwicklung des Clavierconcerts im 18. Jahrhundert nach Bach und sind als Dreierbox auch sehr (!) günstig:



CPE Bach: Cembalokonzert Wq. 14
+Wilhelm Friedemann Bach: Cembalokonzert D-Dur
+Johann Christian Bach: Cembalokonzert f-moll
+Kirnberger: Cembalokonzert c-moll
+Müthel: Cembalokonzert Nr. 3 G-Dur
+Nichelmann: Cembalokonzert E-Dur
+Rosetti: Klavierkonzert G-Dur
+Wolf: Klavierkonzert Nr. 1
+Naumann: Klavierkonzert B-Dur

Die Aufnahme des WFB Konzerts ist eine der besten, die von Kirnberger und Nichelmann sind hochinteressant und sonst nirgendwo zu bekommen. Auch die auf einem Hammerklavier dargebotenen Konzerte der dritten CD sind sehr selten zu hören.

Die Box ist jetzt so billig, das wohl kaum jemand noch die einzelnen CDs haben möchte - die Booklets sind komplett in der Box.



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Die CD mit Schaffraths Konzert habe ich hier besprochen.
Unbekannt Dienstag, 15. März 2011, 21:42
Hier nähern wir uns 2 „Schwergewichten“ auf dem Gebiet des Clavierkonzerts. Beide mit großer Wahrscheinlichkeit Schüler JS Bachs: für Goldberg gibt dafür es keinen direkten Beweis. Goldbergs Kompositionsstil lässt jedoch kaum andere Varianten offen. Müthel kann höchstens ein paar Monate JS Bachs Schüler gewesen sein, er kam zu Bach 1750!! Mit Sicherheit war Goldberg Schüler von WF Bach in Dresden. Ob Müthel direkter Schüler von CPE Bach war, kann nicht bewiesen werden. Die vielen Abschriften Müthels von Clavierwerken
(darunter auch Clavierkonzerte) CPE Bachs lassen jedoch den Verdacht aufkommen, dass er ein Schüler war.

Auch bei diesen beiden Komponisten gilt: am „Grundprinzip“ des Ritornellkonzerts haben sie nicht gerüttelt. Nur, was haben sie daraus
gemacht?

1) Johann Gottlieb Goldberg (1727 – 1756) hat uns in seiner sehr kurzen Lebensspanne 2 Clavierkonzerte hinterlassen: in d-moll und Es-Dur. (Seltsam: seit BWV 1052 verfolgen uns bei Bachs Söhnen und Schülern die d-moll-Clavierkonzerte. Warum bloß?)
Was zeichnet Goldbergs Clavierkonzerte aus: ein vorzüglicher, sehr virtuoser Claviersatz (gebrochene
Akkorde über die gesamte Claviatur, überschlagende Hände etc., Goldberg lässt nichts aus). Dazu kommt ein ebenso vorzüglicher Orchestersatz, alle (Streich)Instrumente sind gut beteiligt (nicht wie so häufig „unisono“ in der Oberstimme, dazu B.c.). Weiterhin ist stets eine längere Durchführung vorhanden, meist nach dem 2. Ritornell, siehe CPEB. Im Gegensatz zu diesem ist sein „harmonischer“ Pendelschlag etwas ruhiger. Wie überhaupt der „ideelle“ Einfluss von CPEB recht groß ist, vor allem im d-moll-Konzert. Für die
Orchesterbehandlung hat er sich wohl WF Bach zum Vorbild genommen. Kurz: 2 äusserst lohnende, wichtige Konzerte, gleichwertig zu denen von WFB und CPEB.

2) Johann Gottfried Müthel (1728 – 1788) hat uns 5 Clavierkonzerte hinterlassen (c-moll; d-moll; G-Dur; B-Dur; D-Dur), wovon die beiden Mollkonzerte 1767 gedruckt wurden .Hinsichtlich seiner Bekanntheitsgrades war Müthel eine Ausnahme. Das lag an 2 wichtigen Gründen: a) etliche seiner Clavierwerke, incl. Konzerte wurden zu seinen Lebenszeiten gedruckt und damit auch besprochen (Agricola,
Hiller), und b) an Charles Burney. Dieser hellwache Geist und kenntnisreicher Musikkritiker schrieb 1773 in seinem Buch „The Present State of Music in Germany“: „..Wenn ein werdender Klavierspieler alle Schwierigkeiten gemeistert hat, die er in den Stücken von Händel, Scarlatti…..CPE Bach findet, und wie Alexander klagt, dass es nun nichts mehr zu erobern gäbe……würde ich ihm zur Übung seiner Geduld und Beharrlichkeit die Kompositionen von Müthel empfehlen. Sie sind so voller Neuheit, Geschmack, Anmut und Erfindung, dass ich keinerlei bedenken trüge, sie unter die bedeutendsten Schöpfungen des gegenwärtigen Zeitalters einzureihen … Der Stil dieses Komponisten ähnelt dem CPE Bachs mehr als irgendein anderer; aber die Passagen sind vollständig seine eigene Erfindung und gereichen seinem Kopf wie seiner Hand zur Ehre“. Derartige Aussagen haben schon die MuWi´s früherer Zeiten zur Neugierde angetrieben.

Burney hat Recht. Müthels Claviersatz ist sehr schwer, „intrikat“, Liebhaber sollten die Finger davon lassen. 64-tel gegen 8tel –Triolen, vollgriffige Akkorde, taktfreie Perioden, Läufe, Akkordbrechungen über die gesamte Tastatur, alles wird aufgeboten. Dazu gesellt sich noch ein „intrikater“ Orchestersatz, was bekanntlich das Zusammenspiel nicht erleichtert. Müthels Erfindungsgabe ist sehr reich, von
polyphoner Schreibweise, Sturm und Drang, Empfindsamkeit, bis in das Letzte ausgefeilte kleine Wendungen, kurzum: nicht nur schwierig zu spielen, sondern auch zu hören. Es lohnt sich jedoch ungemein. Verständlich, dass ihm dieser Stil schon zu seinen Lebenszeiten Kritik eingebracht hat (Agricola): für Spieler und Hörer zu kompliziert. Kenner haben jedoch ihre ungeteilte Freude an diesen Werken.

Literatur: sehr zu empfehlen, auch für das Verständnis des norddeutschen Clavierkonzerts:

Regula Rapp: Johann Gottfried Müthels Konzerte für Tasteninstrument und Streicher; 1992, Musikverlag Emil Katzbichler.

CD: Label MDG: Goldbergkonzerte in d, Es; W. Döling, Cembalo
Label Verso: dito; Jacques Ogg, Cembalo
Label MDG: Müthel, Konzerte in d-moll und B-Dur, Gregor Hollmann, Cembalo
Label Capriccio: Konzert G-Dur, C. Schornsheim, Cembalo (s.o.)
Unbekannt Mittwoch, 30. März 2011, 13:53
Wie zu allen Zeiten, Gattungen, regionalen Eigenarten, gibt es am Wegesrand manchmal (jedoch seltener) schöne Blüten, sonst meist das Übliche, und leider auch sehr viel Unkraut. Ich will versuchen, mit den "schönen" Wegesrandblüten zu beginnen. Da wäre:
- Georg Benda ( 1721 - 1795). Er hat uns 6 Clavierkonzerte hinterlassen. Sie gehören formal zur norddeutschen Schule, haben jedoch stilistisch gesehen eine starke Verankerung im JS Bach´schen Clavierstil- und Technik. Von Schering fürchterlich zerrissen wg. mangelndem "Concertatstil", dürfige "linke-Hand-Behandlung", "keine Nähe zu CPEB" (immer diese Wertvergleiche), sind sie dennoch sehr beachtenswert, weil einfach schön und aufregend (Schering war wohl auch so ein "Fortschrittsgläubiger"). Nicht zu Unrecht gibt es 4 dieser Konzerte auf CD:
- Label CPO: Konzerte in f, F, G, h, Sabine Bauer, Cembalo, La Stagione
- Label Syrius: dito, Arnaud Pumir, Cembalo, Academie Sainte-Cecile
sie lohnen sich unbedingt.

- Christlieb Sigmund Binder ( 1724 - 1789). Von ihm gibt es ca 20!! Clavierkonzerte und 18!! Konzerte für 2 Claviere, die meisten leider in Archiven ruhend. Von Uldall und Schering sehr gelobt, "reiche Erfindungsgabe", "sehr guter Clavierstil", hat sich das bislang noch nicht bis zu den "HIP-Truppen" durchgesprochen. Tatsächlich gibt es 2 Konzerte für 2 Claviere auf CD, welche sehr lohnend sind:
- Label Pierre Verany: Konzerte in D, F, Lapointe, Maeder, Cembali, Les Cyclopes

- Johann Wilhelm Hertel ( 1727 - 1789). Ein JS Bach´scher Enkelschüler (CPEB), hat viel für Clavier geschrieben, darunter auch 14 Konzerte. Von Uldall und Schering hoch gelobt, wahrscheinlich zu Recht. Denn, wer seine auf CD gebrannten Konzerte für andere Instrumente (Tr.; Vi.) kennt, dazu noch seine teilweise hervorragenden Claviersonaten (von denen es immerhin 24 in Neudrucken gibt), könnte leicht zu diesem Urteil kommen. Auf CD gibt es bislang keine Clavierkonzertaufnahme. Jedoch lässt der zunehmende Notendruck auf Besserung hoffen.

- Johann Agrell ( 1701 - 1765), ein Schwede, in Nürnberg wirkend. Von ihm gibt es 12 Clavierkonzerte, die, trotz Nürnberg, allesamt im norddeutschen Stil geschrieben sind. Sie haben einen flüssigen Clavierstil, kaum Annäherungen an den empfindsamen Stil, sehr gute Einfälle. Erstaunlicherweise gibt es CD-Aufnahmen einiger dieser Konzerte:
- Label Cavalli: Konzerte in A, h, G, A (teilweise mit Flauto obl.), Hazelzet (Traverso), Halls (Cembalo/Fortepiano)
- Label Aeolus: Sinfonien, Konzerte (darunter das in h), Helsinki Baroque

-Johann Gottfried Palschau ( 1741 - 1815) (wir nähern uns langsam späteren Zeiten und vernehmen, wie lange sich der norddeutsche Konzertstil gehalten hat). 2 Clavierkonzerte wurden zu Lebzeiten gedruckt....und sie gibt es auf CD:
- Label Dacapo: Konzerte in C; D), Mortensen, Concerto Kopenhagen
Die Konzerte lohnen sich anzuhören. Sie sind gut und zeigen deutlich, dass trotz hörbarem süddeutschen Einfluss die Konzertform grundsätzlich nicht angetastet wurde.

Damit kommen wir langsam zum "Durchschnitt". Wer kennt die Namen? Janitsch, Schale, Seyffahrt, Rolle, Morheim, Dugrain, uswusf? Über CH Graun´s Machwerke im Bereich der Clavierkonzerte habe ich mich schon ausgelassen, die Noten eines Clavierkonzerts von Homilius liegen mir vor....zum Abgewöhnen. Reichardt hat 6 Konzerte "a l´usage du beau sexe" komponiert. Hoffentlich hat der "beau sexe" ihm die Noten um die Ohren gehauen.
Tja, auch in der "Alten Musik" ist nicht alles Gold, was glänzt.
Die abschließende Fortsetzung bilden die Clavierkonzerte von JCF Bach. Da wirds dann wieder erfreulich.