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Conrad Friedrich Hurlebusch (1691-1765)

Unbekannt Samstag, 11. Dezember 2010, 22:33
Leider schaffe ich es nicht, vor Weihnachten eine Einführung über diesen Komponisten zu schreiben. Deswegen als erster Schritt Hinweise über Literatur, Noten, CD-Aufnahmen dieses Komponisten.
1) Literatur: neben MGG und Grove gibt es die gedruckte Dissertation (mit WV) von Dr. Rainer Kahleyss, erschienen 1984 im Verlag Haag + Herchen/FFM.
2) Noten:
- Compositioni Musicali per il Cembalo: Musica Repartita, vol. 39, Utrecht/NL
- Sechs Sonaten (per il cembalo) op. 5: Elkan-Vogel Inc. Philadelphia
- Sechs Sonaten (di Cembalo) op.6: dito
Diese Ausgaben sind meines Wissens nur mehr bei:
http://www.saulbgroen.nl/
in Amsterdam erhältlich.
3) CD: (bitte nicht über die Vielzahl erschrecken!)
- Concerto in a-moll, WV 7; Musica Ad Rhenum; NMClassics; 1993
- Suite in c-moll aus Compositioni Musicali; WV 11,2; Rebecca Pechefsky, Cembalo;Quill Classics 2006
hier ist auch die Partita a-moll von JL Krebs aufgenommen. Tolle Aufnahme
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 00:06
Dies ist die CD von Rebecca Pechefsky:


(Verwendung des Covers von der Künstlerin genehmigt / Cover linked by kind permission of the artist)

Forkel berichtet ja von einem Besuch Hurlebuschs im Hause Bach ... die Schilderung ist wenig schmeichelhaft und scheint der Bach-Forschung Grund genug gewesen zu sein, diesen Komponisten nicht weiter zu beachten. Aber so schlecht kann Bach ihn nicht gefunden haben, denn er hat seine Noten vertrieben. Was ich gehört habe, finde ich nicht schlechter als Werke anderer Komponisten seiner Generation, vor allem scheint er ziemlich auf dem neusten Stand gewesen zu sein, was die Innovationen seiner italienischen Kollegen angeht.

Die CD von Mrs. Pechefsky finde ich äusserst erfreulich, nicht nur wegen des selten gespielten Repertoires - sie spielt zwar ein französisches Modell, aber mit viel Engagement. Nur ihr Bach auf dieser CD will mir nicht recht gefallen; ihre Doppel-CD mit dem ersten Teil des WTC ist um Klassen besser. Aber von Krebs, Walther und Hurlebusch hätte ich gerne mehr von ihr!
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 09:03
Forkel berichtet ja von einem Besuch Hurlebuschs im Hause Bach ... die Schilderung ist wenig schmeichelhaft und scheint der Bach-Forschung Grund genug gewesen zu sein, diesen Komponisten nicht weiter zu beachten.
Schwamm drüber. Das war wohl ein beliebtes Mittel zu Beginn der JS Bachrennaissance/forschung, den "Helden" in das richtige Licht zu setzen, vielleicht zu der Zeit erforderlich, aber bis heute? Das hat JSB mit Sicherheit nicht nötig.
Im Übrigen kursieren ähnliche Geschichten auch über weitere Komponisten, seltsamerweise etliche davon "Bach´sche Kreaturen". So berichtet Reichhardt über Goldberg, dass dieser im Dämmerlicht in der Lage war, mit umgedrehten Noten die schwierigsten Bach´schen Piecen fehlerlos und rasant vom Blatt zu spielen. Rasanter Typ, was?
Für meine Begriffe ist die aufgenommene Hurlebusch Suite weit über dem Durchschnitt der Üblichen. Wenn schon Vergleiche, dann bitte nicht immer mit JSB. Händel darf es auch mal sein. Und der hat Suiten geschrieben, na ja.....
(Leonhardt lässt grüßen).
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 11:29
Reichardt glaube ich erst mal grundsätzlich nichts mehr, und Forkel nur nach Bestätigung nach einer weiteren Quelle.
Unbekannt Sonntag, 12. Dezember 2010, 12:06
Reichardt glaube ich erst mal grundsätzlich nichts mehr, und Forkel nur nach Bestätigung nach einer weiteren Quelle.
Reichardt muss wohl ein ziemlich eitler, selbstsüchtiger Mensch gewesen sein. Seine Musik taugt auch nicht viel.
Bei Forkel sollte man berücksichtigen, dass er ein großes Ziel vor Augen hatte und deswegen manchmal darüber hinaus geschossen ist. Trotzdem ist seine Basisarbeit (Bach-Buch, Quellensammlung, Herausgebertätigkeit) nicht hoch genug einzuschätzen. Ohne ihn und Zelter (die beiden mochten sich überhaupt nicht, typischer Rivalenneid) wäre die Bachrennaissance nicht so schnell und reibungslos von statten gegangen. Zelter standen die Berliner Quellen und Überlieferungen zur Verfügung, Forkel die Bachsöhne.
Unbekannt Freitag, 17. Dezember 2010, 08:54
C.F. Hurlebusch wurde Dezember 1691 in Braunschweig geboren (genaues Datum unbekannt) und am 30. 12. 1691 im Dom zu St. Blasien getauft.
Die Familie Hurlebusch stammt aus Hannover und war dort wohlangesehen. Sein Vater, Heinrich Lorentz (geb. 1666) war Schüler des Reincken- Schwiegersohns Andreas Kneller (von 1667 bis 1685 Organist an der Hauptkirche St. Georgi et Jacobi in Hannover, als Nachfolger Melchior Schildts) und von Johann Anton Coberg (1649 - 1708), Schüler Buxtehudes, Hoforganist/Kapellmeister in Hannover. Heinrich Lorentz wird nach seiner Ausbildung Nachfolger Delphin Strungks als Organist von St. Magni in Braunschweig.
In diesem Ambiente wird Conrad Friedrich von seinem Vater musikalisch erzogen, also mit allem, was gut und brauchbar im norddeutschen Orgelbarock war. Auch das Cembalospiel wurde nicht vernachlässigt. Es ist oft genug gepriesen worden (Telemann in seinem Epigramm auf Hurlebusch: "Du spieltest unvergleichlich schön", noch F.D. Schubart rühmte 20 Jahre später: "...einen der besten Clavierspieler Deutschlands")
Conrad Friedrichs weiterer Lebensweg nach seiner Ausbildung entsprach der Zeit: Hamburg, Wien, Italien (3 Jahre), dann München, wo er die angebotene Stelle am bairischen Hof aus Konfessionsgründen (Konversion zum röm. Katholizismus) ablehnt (das sollte man mit einem braunschweigischen Lutheraner gar nicht erst versuchen), danach über Braunschweig, Hamburg (Kontakt mit Mattheson) nach Stockholm, wo er die Stelle eines Hof-Kammermusicus annimmt (1723).
1725 wird er in Stockholm entlassen. Nun beginnt eine ruhe- und erfolglose Zeit für ihn, die bis 1743 anhält (Ernennung zum Organisten der Oude Kerk in Amsterdam). Immer wieder Hamburg, Braunschweig, Eisenach, Gotha, schlägt Angebote aus, oder wird nicht genommen. In Hamburg wird er regelrecht rausgeekelt (anonyme Angriffe auf seine Person).
Conrad Friedrich stirbt am 17. 12. 1765 in Amsterdam, und wird neben der Oude Kerk begraben.
Als Berufsmusiker ist Hurlebusch gescheitert. Ob es an der damaligen Zeit, seiner Persönlichkeit (oder an beidem) lag, lässt sich heute nicht mehr entscheiden. Hurlebusch dürfte kein einfacher Mensch gewesen sein, überzogenes Selbstbewusstsein, Eitelkeit (in seinem Nachlass befanden sich 2 Silber-beschlagene Degen, 2 Pistolen, ein Hirschfänger, unzählige Tabaksdosen aus Edelmetall etc.) sagt immerhin Einiges aus. Auch liebte er gutes Essen und noch besseren Wein (laut J.W. Lustig). Ausserdem soll er "gesellschaftlich rabiat" gewesen sein, heute würde man wahrscheinlich "nicht teamfähig" dazu sagen.

Werke:
Die überlieferten Hurlebusch-Werke sind sehr überschaubar. Zwei Solokantaten, 1 Festkantate für den Stockholmer Hof, 12 Arien, 72 Oden aus der Gräfe´schen Sammlung, 2 Concerti, 1 Cembalokonzert (leider fehlt der Cembalopart), 1 Sonate für Violine und B.c., 12 Cembalowerke in "Composizioni Musicali", 12 Claviersonaten, 150 Psalmen für die ref. Gemeinde (nur Melodie und Bezifferung). Das war´s.
Unbekannt Mittwoch, 9. November 2011, 22:37
Hurlebuschs Cembalokonzert dürfte spätestens 1726 entstanden sein, gehört also zu den frühesten seiner Art - wirklich schade, dass nur die ersten Takte der Cembalostimme erhalten sind (die Noten liegen in Schwerin).
Die Abschriften der anderen beiden erhaltenen Konzerte liegen in Dresden - das eine hat Musica ad Rhenum eingespielt, ein echtes Concerto per molti stromenti mit deutlichem italienischem Einschlag, wie es gut zum Repertoire des Dresdner Hoforchesters passt.

Unbekannt Mittwoch, 9. November 2011, 22:45
... nach Stockholm, wo er die Stelle eines Hof-Kammermusicus annimmt (1723).
1725 wird er in Stockholm entlassen.

Wenn ich die Dissertation von Rainer Kahleyss richtig lese, ist er selbst gegangen weil er nicht an die Kapellmeisterstelle kam (die hatte Johann Helmich Roman), dabei hätte er nur ein Jahr später immerhin Vizekapellmeister werden können. Da scheint mir viel schlechtes timing im Spiel gewesen zu sein, und sein Wunsch nach einer Top-Position, seiner Selbsteinschätzung gemäß, was ihm wohl einige übel genommen haben dürften. Etwas ungeduldig scheint er auch gewesen zu sein ...