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Claude Balbastre (1724-1799)

Unbekannt Montag, 11. Januar 2010, 01:20
Le parnasse françois:
Claude Balbastre

(1724 - 1799)


Elfenbeinminiatur im Musée de Dijon


Die letzten drei großen Meister des französischen Cembalo sind Jacques Duphly (1715-1789), Armand-Louis Couperin (1727-1789) und Claude Balbastre (1724-1799).

Claude Balbastre (manchmal auch Balbâtre) wurde am 8. Dezember 1724 in Dijon geboren (der Geburtsstadt Rameaus), als 16. der 19 Kinder des Organisten Bénigne Balbastre - dem ersten Musiker in der Familie nach Jahrhunderten in anderen Berufen. Es kursieren verschiedene Geburtsjahre (1722, 1727, 1729) - 1724 ist richtig - es existiert ein Taufeintrag der Pfarrei Saint Michel in Dijon vom 9. Dezember 1724. Das am häufigsten genannte Geburtsjahr 1727 gründet sich auf die Angabe de la Bordes, Balbastre seit 23 Jahre alt gewesen, als er 1750 nach Paris kam; der Taufeintrag widerlegt diese Altersangabe. Ebenso oft wird ihm der Vorname des Vaters hinzugefügt, was genauso wenig korrekt ist.
Der Vater Bénigne Balbastre war ab 1691 Organist an St. Étienne in Dijon und wurde später der Nachfolger von Jean Rameau (Jean-Philippes Vater) an Notre Dame in Dijon. Wegen der zu geringen Bezahlung für die Ernährung seiner sehr großen Familie arbeitete er außerdem als Gerichtsdiener. Vier seiner Söhne lies er auf den Namen Claude taufen, von denen ein 1714 geborener 1731-1760 als Organist an der Kirche St. Jean-de-Losne in Dijon arbeitete. Der 1724 geborene Sohn Claude unterschrieb am 11. Mai 1743, also nach damaligem Recht noch minderjährig und deshalb in Anwesenheit seiner Mutter einen Vertrag für die Tätigkeit als Organist an der Kathedrale St. Étienne, für zwölf Jahre bei einem jährlichen Gehalt von 200 Livres ...
Auch als Komponist muß er früh aktiv gewesen sein; ein 30seitiges Manuskript von 1748 enthält Cembalopiècen und 2 Orgelfugen; ein zweites von 1749 etwa 40 Orgelstücke und ein Orgelkonzert sowie weitere Cembalostücke, Airs und Arietten. Jean-Philippe Rameaus Umzug nach Paris war ihm ein Vorbild, dem er am 1. Oktober 1750 nach Erreichen seiner Volljährigkeit nachfolgte, mit Unterstützung seines Freundes Claude Rameau (Jean-Philippes Bruder). Seine Arbeitgeber an der Kathedrale in Dijon hatte er über diesen Schritt nicht informiert ... diese waren empört und bezahlten ihn natürlich nur für die tatsächlich geleistete Arbeit. Jean-Philippe Rameau nahm ihn jedoch in Paris unter seine Fittiche und stellte Balbastre seinen Gönnern vor, bei denen er gut ankam. Er nahm Unterricht bei Pierre Février, dem Organisten am Jacobinerkloster in der Rue St. Honoré und erwarb sich einen Ruf als Orgelimprovisator.
1755 hatte er seinen ersten Auftritt als Titularorganist beim Concert Spirituel, der begeistert aufgenommen wurde. Weitere umjubelte Konzerte folgten; bereits 1756 erhielt er die Organistenstelle an St. Roch als Nachfolger von Jean Landrin, dem Organisten der Chapelle Royale, und wurde Cembalolehrer an zwei Nonnenkonventen der Stadt. Er begann die Stücke zu schreiben, die er 1759 als Premier Livre des Pièces de Clavecin veröffentlichte.
Am 1. Oktober 1760 wurde ihm einer der begehrtesten Organistentitel der Stadt Paris verliehen, an der Kathedrale Notre-Dame, den sich vier Musiker teilen mussten, die jeweils ein Vierteljahr spielten. Er bekam die Stelle des verstorbenen René Drouard Du Bousset, seine Kollegen waren Armand-Louis Couperin, Pierre Claude Focquet und Charles Alexandre Jollage.
Mittlerweile waren seine Orgelimprovisationen wegen ihrer Zartheit auf der einen und der spektakulären Effekte auf der anderen Seite so beliebt, vor allem bei der Mitternachtsmesse zu Weihnachten, daß er in Konflikt mit dem Erzbischof geriet, der ihm verbat, diese Messe weiterhin zu spielen - er hatte den Priestern sozusagen die Show gestohlen.
Balbastre lebte in großem Wohlstand, war zweimal verheiratet (seine erste Frau war eine Tochter von Jacques-Martin Hotteterre) und besaß zahlreiche wertvolle Instrumente. 1770, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, veröffentlichte er auf allgemeines Drängen einen weiteren Druck, Recueil de Noëls formant quatre Suittes avec des Variations, Pour le Clavecin et le forte piano.
Seinem Bruder sandte er zwei Manuskripte nach Dijon, eines mit verschiedenen Stücken für Cembalo und Orgel, ein zweites mit Arrangements von Arien aus seinerzeit in Paris populären Opern, darunter einige von Rameau. Er wurde bei wichtigen Projekten als Orgelexperte konsultiert. Der Erzbischof von Paris kritisierte ihn zunehmend, weil er die Andachten in Opernveranstaltungen verwandeln würde ... dessen ungeachtet wurde ihm 1776 ein Amt am Hof verliehen.
1779 erschienen die Quatre Sonates Pour le Clavecin ou le Fortepiano Avec accompagnemnet de deux Violons, une Basse et deux Cors ad libitum als Opus III.
Nach dem Ausbruch der Revolution fürchtete er aufgrund seiner Verbindungen zum Adel zeitweise um sein Leben und versuchte seine Zustimmung zu den neuen Verhältnissen durch Arrangements der Marsellaise u.ä. zu demonstrieren, wofür er bis heute noch am besten bekannt ist. Es gelang ihm, sich mit dem neuen Régime zu arrangieren, aber eine feste Anstellung hatte er nicht mehr. Dank seines in den Jahren seiner großen Beliebtheit erworbenen Vermögens konnte er aber sorgenfrei leben - als er 1799 starb, war er in der Öffentlichkeit praktisch vergessen.

Die Wiederentdeckung seines Werks ist noch lange nicht abgeschlossen, vieles wurde auf CD veröffentlicht, ist aber z.T. wieder vergriffen, manche Werke, wie sein Orgelkonzert in D-Dur, wahrscheinlich das erste der Gattung in Frankreich und der erste Gebrauch der Orgel in symphonischer Art, liegen noch im Dornröschenschlaf.

Balbastres Stücke für Cembalo waren das erste aus seinem Werk, das wieder aufgeführt oder eingespielt wurde - Gustav Leonhardt nahm das eine oder andere Stück in sein Repertoire auf, Alan Curtis machte in den späten 1970er Jahren eine LP für EMI Reflexe, die je zur Hälfte Stücke von Balbastre und Armand-Louis Couperin vorstellte. Es folgten vor allem komplette Einspielungen des Premier Livre durch Anne Robert, Ursula Duetschler, Jean-Patrice Brosse u.a. - Brosse nahm insgesamt vier CDs mit Werken Balbastres auf, studierte seine Biografie - seinen Booklettetxten verdanke ich meine Informationen, sie gehen weit über das hier referierte hinaus.
Die Stücke des Premier Livre knüpfen an die Charakterstücke François Couperins an, sind aber allgemein etwas wilder und eher temperamentvoller im Grundgestus, mit einem gleich genialen Gespür, was auf den großen französischen Cembali der Zeit, die wunderbare klangvolle Instrumente waren, optimal zur Geltung kommt. Unter dem Konkurrenzdruck von eingängiger schreibenden oder populärer werdenden Komponisten wie Johann Schobert schrieb er zunehmend einfacher, auch Variationswerke nach der neusten Mode, und mehr am Klang des Fortepiano orientiert. Auch sein eines Opus mit Kammermusik zeigt sich deutlich frühklassisch. Die Hinwendung von Jacques Duphly, Armand-Louis Couperin und Claude Balbastre zu frühklassischen Stilelementen markiert das Ende der gerade mal 150-170 Jahre dauernden Ära der französischen Clavecinisten ...
Auf dem Gebiet der Orgelmusik konnte ihm aber kaum jemand im Paris seiner Zeit das Wasser reichen - inzwischen schreibt man ihm mehr oder weniger die Erfindung des Orgel-Recitals zu - das Publikum kam wegen ihm und seiner effektvollen Improvisationskunst, kaum noch wegen des Gottesdienstes, was ihm die Kritik des Pariser Erzbischofs einbrachte, ihn aber nicht weiter gekümmert zu haben scheint - zu sehr war er auf der Konzertszene etabliert. Bei Charles Burney kann man eine Beschreibung lesen - was er alles in seine Orgeldarbietungen während des Gottesdients einbaute, spottet jeder Beschreibung! Das Publikum scheint ihn dafür geliebt zu haben. Die Verweise an Bach Vater und Sohn scheinen im Vergleich harmlose "Verfehlungen" zur Ursache gehabt zu haben.
Unbekannt Montag, 11. Januar 2010, 02:41
Was die Wiederentdeckung Balbastres betrifft, gebührt nach den ersten Darbietungen von Leonhardt und Curtis den französischen Musikerinnen und Musikern alle Ehre. Die überwiegende Mehrheit der Einspielungen kommt aus Frankreich.

Balbastres Orgelmusik ist voller spektakulärer Effekte mit unfehlbarem Gespür für die orchestralen Klangmöglichkeiten des Instrumentes; seine Cembalomusik besteht aus Charakterstücken in der Nachfolge Couperins, geht aber viel weiter in der Ausnutzung der Grandiosität des Instrumentenklangs, pfeift auf den Klassizismus eines Rameau, bedient sich aber nie billiger Effekte - eine Versuchung, der Royer nicht immer widerstehen konnte. Bei Balbastre finden sich in den sehr oft als Rondeau konzipierten Stücke zwei kontrastierende Teile - "La Suzanne" z.B. (der Name stammt von einem mit Balbastre befreundeten Bildhauer) beginnt wie ein Ausbruch von Jähzorn, der sich nach allen Regeln der Kunst Luft macht, aber von guten Argumenten untermauert, gefolgt von einem melodiösen Teil von unwiderstehlichem Charme, dem dann wieder der Ausbruch folgt - nur Mitzi Meyerson spielt hier wie angegeben den kompletten ersten Teil noch einmal vollständig, was eine viel mehr abgerundete Wirkung erzeugt.

Den ersten Ansatz zu einer Gesamtaufnahme der Werke für Tasteninstrumente solo machte 1988 Anne Robert mit einer Aufnahme des Premier Livre des Pièces de Clavecin für das nicht mehr existierende Label ADDA, die auch gebraucht nur schwer aufzutreiben ist, gefolgt von einer zweiten CD mit einer Auswahl der nur in Manuskriptform vorliegenden Stücke, die noch seltener ist, wenn sie angeboten wird, dann nur zu Wahnsinnspreisen oder in ausuferndem Wettbieten. Schade, denn sie spielt die Stücke mit dem angemessenen Temperament auf einem Cembalo von David Jacques Way und Marc Ducornet nach französischen Modellen des 18. Jahrhunderts.

Beide zusammen sind auch als Doppel-CD erschienen, auch sehr selten angeboten:



Eine dritte CD von Ivette Piveteau mit einem gemischten Programm incl. einiger der fürs Fortepiano gedachten Stücke beim gleichen Label ist ebenso selten.

Alan Curtis' Aufnahme ist innerhalb dieser Doppel-CD noch erhältlich, im Vergleich zu seinen Kollegen spielt er etwas härter:



Ursula Duetschler spielt 1992 ähnlich wie Anne Robert sehr temperamentvoll, auf einem von Blanchet und Taskin ravalierten Couchet-Cembalo aus dem Musée des Chartres.



Mitzi Meyerson wählte für ihre 2 CDs umfassende Aufnahme aus den Jahren 2003 und 2004 neben einem Taskin-Nachbau überraschenderweise noch ein Broadwood-Fortepiano - das klangliche Ergebnis überzeugt aber, da es das temperamentvolle mit dem frühklassischen in den Manuskriptstücken sehr gut verbindet. Meyerson hat sich mit dem Problem der Gestaltung bei diesen Stücken, wo manche Teile sage und schreibe sechs mal in einem Stück vorkommen, intensiv auseinandergesetzt und originelle Lösungen gefunden, spielt amüsante fantasievolle Verzierungen in den Wiederholungen - die meisten Spieler drücken sich um dieses Problem und lassen die Wiederholungen einfach weg! Dafür hat sie ein besonderes Lob verdient. Da Balbastre als Improvisator berühmt war, scheint sie mir hier auf dem richtigen Weg zu sein.

Unbekannt Montag, 11. Januar 2010, 02:41
Diese Orgelvariationen über populäre französische Weihnachtslieder waren der Hit in Balbastres Orgelrecitals während der Mitternachtsmesse und verkauften sich entsprechend gut, denn man kann sie ebenso gut auf dem Cembalo oder Fortepiano spielen, was Olivier Baumont auf seiner wunderbaren CD für Tempéraments 2000 auch gemacht hat - auch wenn wir im deutschen Sprachraum diese Lieder kaum kennen, kommt der Geist über uns, so rundum gelungen ist die Darbietung!



Wer eine reine Orgeldarbietung sucht, ist mit Jean-Patrice Brosse gut bedient - momentan auch nur noch gebraucht zu bekommen:

Unbekannt Montag, 11. Januar 2010, 02:42
Die als Oeuvre III veröffentlichten Kammersonaten Balbastres sind nach der neusten Mode komponiert, ein Cembaloquartett erweitert um zwei Hörner, ein Versuch, sinfonische Klangdimensionen in die Kammermusik zu holen, wie ihn Schobert in Paris populär gemacht hatte, aber auch Haydn hat solche Stücke mit obligaten Hörner geschrieben, die u.U. auch weggelassen werden können, aber der Musik großen Charme verleihen. Kennt man nur seine ersten Cembalostücke, meint man Musik eines völlig anderen Komponisten zu hören, das ist ähnlich wie bei Antonio Soler und dem Kontrast zwischen seinen Solostücken und Quintetten.

Meines Wissens hat nur Jean-Patrice Brosse mit seinem Concerto Rococo eine Aufnahme dieses Opus gemacht, 1993 für Pierre Verany, nur noch gebraucht zu haben, wenn überhaupt) - eine makellose, charmante Einspielung:


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Montag, 11. Januar 2010, 02:43
Balbastre als Organist - da bleibt kein Auge trocken. Seine Zwischenspiele im Gottesdient an St. Roch müssen der Publikumsmagnet gewesen sein. Wer weihevolle, andächtige Orgelmeditationen hören möchte, sollte von dieser CD die Finger lassen, wer es mal richtig krachen lassen will, der greife zu:


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Das ist, wohlgemerkt, hochmusikalisch, seine Effekte sind spektakulär, aber nicht billig. Die Orgel ist trotz einiger Modernisierungen im Kern noch die gleiche, die Balbastre spielte, die Organistin der Einspielung, Françoise Levéchin-Gangloff ist sozusagen seine Nachfolgerin! Hier die Liste der Organisten dieser Kirche:

Jean Landrin (vor 1756)
Claude Balbastre (1756-1795)
Antoine Lefébure-Wély (1805-1831)
Louis James Alfred Lefébure-Wély (1831-1847)
Alexandre Fessy (1847-1856)
Marie-Auguste Durand (1856-1863)
Benjamin Darnault (1863-1873)
Auguste Péron (1873-1888)
Auguste Chapuis (1888-1906)
Arnold Le Maitre (1906-1908)
Georges Pifaretti (1908-1915)
André Pratz (1919 à 1955)
Pierre Cochereau (1945-1955)
Françoise Levéchin-Gangloff (seit 1973)

Bei meiner nächsten Parisreise steht ein Besuch dieses Gotteshauses an oberster Stelle - hoffentlich mit Orgelspiel! (Ich bin schon daran vorbeigelaufen - liegt zwischen den Tuilerien und der Plâce Vendôme.)
Unbekannt Montag, 11. Januar 2010, 23:47
Nun noch Jean-Patrice Brosse, der sich mit 4 CDs mehr als jeder andere für Balbastre stark gemacht hat, seine Noëls einspielte, die Quartette, und zuletzt in seinem nimmermüden Engagement für die Musik des Zeitalters der Aufklärung in Frankreich, zwei CDs mit Cembalomusik. Für beide stand ihm das Kroll-Cembalo aus dem Schloß bei Comminges zur Verfügung, wo er Kathedralorganist ist, mit wie immer klanglich wie interpretatorisch hervorragenden Ergebnissen.


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: (einen Jubler weniger wegen der Musik, die Darbeitung hat 5 verdient)

Auch wenn das Fortepiano eine Option für die nur handschriftlich überlieferten Stücke ist, bleibt Brosse beim Cembalo und erzeugt erstaunliche Effekte - so gute Kanonenschüsse wie in "Cannonade" hat man auf einem Cembalo noch nicht gehört. Die Musik ist kompositorisch nicht unbedingt zum Niederknien, sollte gute Unterhaltung sein, mehr nicht. Da zeigt sich, welchen Druck die Konkurrenz der deutschen Immigranten Schobert, Eckard, Honnauer usw. ausgeübt hat, wie sehr das Publikum Salonmusik nach italienischem Geschmack wollte.

Wer nur das beste von Balbastre auf dem Cembalo haben möchte, ist mit dem Premier Livre sehr gut bedient, wobei ich mich außerstande sehe, eine der Einspielungen besonders hervorzuheben - alle vermögen der Musik viel abzugewinnen und liefern großartige Interpretationen.
Unbekannt Dienstag, 12. Januar 2010, 00:26
Daß doch ein wenig mehr dazu gehört, um Balbastres Orgelstücke so richtig zum Leben zu erwecken, zeigt diese CD:



Der Chor La Camerata Baroque klingt trotz deutlichen Bemühens manchmal wie ein Amateurensemble, und Organist Daniel Meylan schafft es nicht, die Musik so hinreißend zu spielen wie seine Pariser Kollegin. Schön ist an dieser CD, daß man vor jeder Orgelvariation das entsprechende Chorlied hören kann, da diese nur den Franzosen vertraut sein dürften.
Hier gibt es Hörbeispiele aller Tracks.
Unbekannt Mittwoch, 13. Januar 2010, 13:12

Die Wiederentdeckung seines Werks ist noch lange nicht abgeschlossen, vieles wurde auf CD veröffentlicht, ist aber z.T. wieder vergriffen, manche Werke, wie sein Orgelkonzert in D-Dur, wahrscheinlich das erste der Gattung in Frankreich und der erste Gebrauch der Orgel in symphonischer Art, liegen noch im Dornröschenschlaf.

So schnell können sich die Dinge ändern:



Diese auf Initiative von Jean-Patrice Brosse nach einer Aufführung im Jahr 2007 beim Festival de Comminges, das er mit gestaltet, entstandene CD enthält die Sätze aus diesem bis vor kurzem noch ungedruckten Orgelkonzert einzeln zwischen den Messteilen (bei amazon kann man Auszüge hören). Die Messe de Bordeaux ist eine anonyme, bis ins 18. Jahrhundert immer wieder verwendete Messe im Gregorianischen Stil, die hier das Ensemble Vox Cantoris singt, Brosse spielt Orgelwerke von Balbastre dazu. Bei meiner Vorbereitung hatte ich noch nicht genauer feststellen können, welche Werke von Balbastre auf dieser CD sind.

Nach manchen Quellen soll Balbastre übrigens insgesamt 15 dieser Konzerte für Orgel solo geschrieben und aufgeführt haben, aber nur dieses eine ist erhalten - welch ein Verlust! :shock:
Unbekannt Donnerstag, 14. Januar 2010, 00:29
Auf dieser CD, die mir Hildebrandt mal empfohlen hat, spielt André Isoir u.a. Balbastres Marche des Marseillais et « Ça ira » und lässt dabei auch die Geschütze donnern wie beim Sturm auf die Bastille ...



Insgesamt ein guter Überblick über das damalige Treiben auf französischen Orgelbänken.
Unbekannt Donnerstag, 14. Januar 2010, 09:01
Zwei der herrlichen nur handschriftlich überlieferten Präludien von Balbastre spielt Olivier Baumont auf einem ebenso herrlichen Cembalo von Benoist Stehlin auf dieser CD, eine sehr empfehlenswerte Zusammenstellung, und momentan sehr preiswert - auch ich habe mir diese CD erst als Sonderangebot gekauft, aber sie ist phantastisch! Sie zeigt, wie hoch das Niveau französischer Cembalomusik in jenen Jahren war, und wie solide Balbastre und seine Zeitgenossen in der Tradition standen. Diese und die von Duphly sind wahrscheinlich die allerletzten Préludes non mesurés der französischen Musik, und die modernere Tonsprache der sich anbahnenden Klassik bzw. der italienische Einfluß ist ihnen durchaus anzumerken.

Unbekannt Montag, 18. Januar 2010, 00:37
Gustav Leonhardt nahm 1981 bei sich zuhause Stücke von Balbastre und Armand-Louis Couperin auf; das Cembalo hatte Martin Skowroneck ihm ein Jahr zuvor gebaut. Für die CD hatte die Deutsche Harmonia Mundi noch eine Handvoll Stücke von Duphly aus einer 1989er Aufnahme (auf einem Cembalo von Nicolas Lefebure, Rouen 1755 p.s. in Wahrheit ein Original von Skowroneck) hinzugefügt, so daß man hier alle drei Meister (die sich übrigens persönlich kannten und nach Aussagen von Zeitgenossen freundschaftlich miteinander umgegangen sein sollen) auf einer CD hören kann (wenn man sie auftreiben kann), sie sollen menschlich genauso verschieden gewesen sein wie ihre Musik. Leonhardt Spiel ist wie immer gediegen und werkdienlich und betont durch die Stückauswahl die Bezüge zu Couperin und Rameau.

Unbekannt Samstag, 13. Februar 2010, 02:05
Brandneu ist eine 2 CDs umfassende Aufnahme von Elizabeth Farr:



Sie spielt hier ein von Keith Hill gebautes Cembalo mit 16' Register - eine Neuschöpfung von Hill, der einfach mal probieren wollte, wie ein Cembalo der flämischen Schule à la Ruckers, wie sie in Frankreich ja sehr beliebt waren und von Meistern wie Taskin oder Blanchet ravaliert wurden, klingt, wenn man es nach dem Vorbild von Hass, der in seinen Cembali einen zweiten Resonanzboden für den 16' einbaute, erweitert. Im Booklet ist keine Rede von irgendwelchen neuen Erkenntnissen der Gelehrten - auch auf Keith Hill's Homepage steht davon nichts; er ist sich bewußt, daß ein solches Instrument aus dem französischen Raum weder überliefert noch seine Existenz sonstwie dokumentiert ist. Es war seine höchst persönliche Idee, so etwas zu bauen.
Heraus kommt ein mächtiger Klang, der oberflächlich betrachtet zu Balbastres Musik passt, aber eben nur oberflächlich. Hill selbst sagt, manche Cembalomusik schreit nach dem 16' Register - z.B. Bach oder Händel, oder eben für ihn und Ms. Farr auch Balbastre. Der Haken ist, daß Bach und Händel ihre Musik mit diesem Klang in der Vorstellung konzipiert haben, Balbastre seine mit Besinnung auf den Klang der französischen Cembali, die weniger mächtig denn elegant und fein ziseliert klingen. Sicher schreibt er heftige Akkorde im Bassbereich, aber auf diesem mächtigen Gerät ertrinkt die Musik fast in der allgegegenwärtigen Resonanz dieses Bassregisters. Auf die Dauer wirkt es etwas ermüdend.

Charles Burney hatte Balbastre im Juni 1770 besucht und schreibt:
"Nach der Kirche lud Herr Balbastre mich nach seinem Hause, um einen schönen Rückerischen Flügel zu sehen, den er inwendig mit ebenso feinem Geschmack hatte malen lassen als die schönste Kutsche oder Schnupftobaksdose, die ich irgend zu Paris gesehen habe. Auswärts sieht man die Geburt der Venus und inwendig auf dem Deckel die Geschichte von Rameaus berühmtester Oper, Castor und Pollux. Hier sind die Erde, die Hölle und Elysium vorgestellt worden, in dem letzteren sitzt dieser berühmte Komponist selbst auf einer Rasenbank, die Leyer in der Hand; das Bild ist überaus ähnlich, denn ich sah Rameau im Jahre 1764. Der Ton dieses Instruments hat mehr Zärtlichkeit als Stärke; (Hervorhebung von mir) das Oktävchen (also das 4' Register - Anm. von mir) ist mit Ochsenleder gedämpft, aber sehr angenehm; der Anschlag ist leicht, welches von dem Befiedern kömmt, das in Frankreich immer sehr leicht geschieht." (Nach der Übersetzung von Bode)
Ich denke, das spricht für sich - die Verwendung dieses Cembalos ist klanglich ein sehr interessantes, aber nach meinem Empfinden nicht ganz gelungenes Experiment. Auf einem Cembalo von Taskin oder Kroll klingt diese Musik kraft- und temperamentvoll, ohne den Hörer zu erschlagen - auf diesem wuchtigen Gerät erdrückt sie ihn fast. Bach oder Händel würde ich allerdings sehr gerne mal auf diesem Cembalo hören. (Wobei man sich bewusst sein muss, dass Bach mit dem Klang französischer Cembali dieser Bauart wohl kaum vertraut war; Händel während seiner Jahre in Hamburg und seiner Reise nach England könnte durchaus franko-flämische Instrumente gespielt haben, besass aber andere, u.a. Hamburger Provenienz.)

Dazu kommen die üblichen Untugenden von Frau Farrs Spiel, ihre übertriebene Agogik, die hier nicht so viel Schaden anrichten kann, weil Balbastres Musik etwas mehr davon verträgt, aber es scheint ihr schlicht nicht möglich zu sein, mal ein paar Takte im Rhythmus zu bleiben. Die Ostinati der Musette-inspirierten Stücke wie La Castelmore z.B. klingen bei ihr eher wie bulgarische Rhythmen in ungeradzahligen Taktarten; und irgendwie schafft sie es, daß alles irgendwie nach dem ewig gleichen Grundtempo klingt - wenig Variation auf dieser Ebene. Da werden in den Charakterstücken verschiedene Persönlichkeiten beschrieben, doch bei ihr klingt es wie die ewig gleiche Person in leichten Nuancen. Balbastre hat einen sehr rhapsodischen Grundgestus, steht aber ryhthmisch auch fest auf dem Boden der französischen Tradition, die sich auf bestimmte Tanzmodelle bezieht, die man bei ihr überhaupt nicht wahrnehmen kann. Jeder Tänzer wäre nach einer Probe mit ihr reif für die Klapsmühle ... :stumm: Selbst vor der Marsellaise, deren Rhythmus nun wirklich jeder im Ohr hat, macht ihre agogische Fantasie nicht halt - warum in aller Welt muß sie an dem auch noch herumdoktern!!! Das französische Publikum hätte sie für verrückt gehalten ... Bei ihr besteht die Musik nur aus Phrasen, deren rhythmische Gestaltung fast völlig in der Freiheit des Spielers liegt - ein extremer Standpunkt. Die rhythmische Koordination mancher Noten in beiden Händen, die besser zusammen erklingen sollten, lässt dann erwartungsgemäß auch oft zu wünschen übrig. Dabei führt dieser Ansatz sie nicht mal sehr weit in den Stücken, in denen es erlaubt ist: Von Balbastre stammen die letzten Préludes non mesurés der französischen Musikgeschichte - aber im metrisch luftleeren Raum existieren auch sie nicht - man vergleiche ihre formlose Darbietung mit der beseelten von Olivier Baumont auf seiner weiter oben erwähnten CD. Ich vermisse hier eine deutliche rhythmische Gestaltungskraft.

Erfreulich an der von ihr getroffenen Auswahl ist die ausführliche Berücksichtigung der nur in Manuskriptform überlieferten Stücken, vor allen den sog. Sonaten, von denen sie fünf spielt; endlich kann man von diesen einen Höreindruck gewinnen.

Wie gesagt, ein Experiment, klanglich nur bedingt gelungen, und interpretatorisch gibt es besseres. Unter dem Strich würde ich eher zu den Einspielungen von Brosse, Meyerson, Robert oder Duetschler raten, da deren Instrumente der Klangwelt des Komponisten weitaus näher stehen, und rhythmisch lebendig spielen ohne am Metrum zu kleben. Im Fall von Cembalomusik ist Naxos wesentlich preiswerter, aber nicht immer sind die Darbietungen musikalisch zufriedenstellend.
Unbekannt Samstag, 13. Februar 2010, 13:29
Claude Balbastre wurde am 8. Dezember 1724 in Dijon geboren (der Geburtsstadt Rameaus), als 16. der 19 Kinder des Organisten Bénigne Balbastre - dem ersten Musiker in der Familie nach Jahrhunderten in anderen Berufen. Es kursieren verschiedene Geburtsjahre - 1724 ist richtig! Ebenso oft wird ihm oft der Vorname des Vaters hinzugefügt, was auch nach einigen Quellen nicht ganz korrekt ist.
Die MGG (erste Auflage) nennt als Geburtsdatum den 22. Januar 1727 und gibt die Anzahl der Kinder mit 17 (nicht 19) an. Aus welcher Quelle stammt das von Dir genannte Geburtsdatum?

Zitat

Dank seines in den Jahren seiner großen Beliebtheit erworbenen Vermögens konnte er aber sorgenfrei leben - als er 1799 starb, war er in der Öffentlichkeit praktisch vergessen.
Auch das liest sich im MGG ganz anders: Durch die Revolution verlor er nach und nach seine Ämter, seine Schüler, seine Wohnung und sein Vermögen. 1795 wurde er zwar wieder als Orgelsachverständiger eingesetzt, verbrachte aber seine letzten Lebensjahre in Trauer und Elend. Aus welcher Quelle stammen Deine Aussagen über seine letzten Lebensjahre?

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 13. Februar 2010, 17:47
Meine Quelle sind neben dem New Grove vor allem die CD-Texte von Jean-Patrice Brosse, der sehr ausführlich für seine Reihe und sein Buch LE CLAVECIN DES LUMIERES - Clavecinistes français du XVIIIème siècle recherchiert hat. Ausführlichere biografische Angaben habe ich in den neueren Auflagen von MGG oder New Grove nicht gefunden, die ich in der UB Frankfurt eingesehen habe - die sind ja auch beide schon wieder an die zehn Jahre alt. Brosse hat die Texte für seine CDs 1999 und 2007 (die Manuskriptstücke) abgefasst.
Bei Mitzi Meyerson steht sogar 1722 als Geburtsjahr, aber fast alle französischen Quellen im Internet nennen ebenfalls 1724 - s. z.B. die französische Wikipédia, die über französische Musiker meistens sehr brauchbare Informationen aufweist. Dort wird auch der Hauptbeleg für das Geburtsjahr genannt, der Taufeintrag - s. die Threaderöffnung.

Balbastre hat sich u.a. durch die Heirat seiner Tochter mit Jacques Joseph Hardy, dem "commissaire suppléant du procureur de la Commune près le Tribunal de Police municipal et correctionnel de la ville de Paris" mit dem neuen Regime zu arrangieren gewußt. Die Ämter, die er verlor, waren durch die politischen Veränderungen obsolet geworden, aber er wurde Mitglied der Orgelabteilung der vorläufigen Komission für die Künste, seine Hauptaufgabe war die Erstellung einer Liste aller Orgeln und ihres Erhaltungszustands sowie dessen Überwachung. Zu seinem Glück überstanden etwa zehn der Orgeln in Pariser Kirchen die Revolution, er spielte in der säkularisierten Kathedrale Notre Dame seine Orgelbearbeitungen der Marsellaise und des Air ça ira, was sicher nicht zu den Höhepunkten seines Werks zählt, aber seinen Zweck erfüllte. Im Text von Brosse's erster CD sind die Instrumente aus dem Nachlaßverzeichnis aufgelistet - arm kann er demnach nicht gewesen sein ...

ich werde aber bei meinem nächsten Besuch in der Bibliothek für alle Fälle nochmal gegenlesen ... was, p.s. diese Ausführungen bestätigt hat.
Unbekannt Freitag, 23. April 2010, 09:49
Hier noch einmal der Hinweis auf das Buch von Jean-Patrice Brosse: LE CLAVECIN DES LUMIERES - Clavecinistes français du XVIIIème siècle - wer französisch lesen kann, findet hier eine hervorragende Darstellung der französischen Cembalisten-Szene ab ca. 1730, die Entwicklung bis dahin skizziert er natürlich auch kurz. Tabellarische Übersichten der Veröffentlichungen von Cembalowerken und der historischen Abläufe machen es zu einem sehr praktibalen Büchlein.



amazon.de listet das Buch nicht mehr, bei amazon.fr ist es noch zu bekommen - einfach die ISBN-10 kopieren und dort eingeben.
Unbekannt Freitag, 23. April 2010, 10:07
Hier gibt es übrigens die Noten des ersten Cembalobuches zum Download.
Unbekannt Samstag, 1. Mai 2010, 01:40
Auch das liest sich im MGG ganz anders: Durch die Revolution verlor er nach und nach seine Ämter, seine Schüler, seine Wohnung und sein Vermögen. 1795 wurde er zwar wieder als Orgelsachverständiger eingesetzt, verbrachte aber seine letzten Lebensjahre in Trauer und Elend.

Vielleicht liegt da eine Vermischung mit Details aus den letzten Lebensjahren von Jacques Duphly vor, der tatsächlich die meisten seiner Schüler verlor und vor seinem Tod in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt haben muß, sogar ohne Cembalo.
Unbekannt Montag, 31. Mai 2010, 12:20
Hier ein größeres Cover der CD mit der Messe de Bordeaux, auf der Brossse die einzige erhaltene Orgelsonate vorstellt:

Unbekannt Montag, 28. März 2011, 23:14
Inzwischen sind die Noten der einzigen erhaltenen Orgelsonate (oder auch Trio) von Balbastre gedruckt erhältlich, z.B. bei L'altelier Philidor - sage und schreibe 14 weitere Trios sind verschollen! Das einzige erhaltene fand sich in der Bibliothek von Versailles.
Unbekannt Montag, 20. Juni 2011, 16:35
Die 2005 erschienene Aufnahme des ersten Cembalobuches mit Sophie Yates ist momentan zum Sonderpreis erhältlich - dafür werde ich sie mir gönnen:

Unbekannt Sonntag, 1. Januar 2012, 12:41
Da immer noch viele CDs und Internetseiten (u.a. die deutsche Wikpedia - die französische und englische haben das korrekte Jahr) das falsche Geburtsjahr 1727 angeben, hier ein Link auf das Faksimile des Taufeintrags - für sich gesehen könnte man die letzte Ziffer der Jahreszahl vielleicht falsch lesen, aber der Kontext der vorausgehenden und folgenden Einträge beseitigt alle Zweifel.

Eintrag über Balbastre bei Musica et Memoria

p.s. Ich habe mich bei Wikipedia registriert, um es zu korrigieren ....