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Christopher Hogwood - Feinsinniger Arbeiter am Klang

Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 15:30
Geboren wurde Christopher Hogwood 1941 in Nottingham. Er studierte in Cambridge Musikwissenschaft und Altphilologie, ließ sich gleichzeitig am Cembalo ausbilden. Auf diesem Instrument begann er 1965 auch eine Ensembletätigkeit bei der Academy of St.-Martin-in-the-fields, der er bis 1976 noch lose zugehörte. 1973 bereits gründete er allerdings sein eigenes „Kammerorchester“, die Academy of Ancient Music (AAM). Dessen erste Aufnahme müssen meines Wissens Acht Ouvertüren Thomas Augustin Arnes gewesen sein. Das Label, auf dem die AAM fortan kontinuierlich veröffentlichte, war die Decca.

Ein Großprojekt, für das die AAM und Hogwood rasch bekannt wurden, war die erste Gesamteinspielung der Mozartsymphonien auf Originalinstrumenten, die von den späten Siebziger Jahren bis in die Mitte der Achtziger entstand. Danach nahm Hogwood sich auch der Beethovensymphonien an, wobei hier statt Jaap Schröder nun der aufgerückte Simon Standage als Primgeiger fungierte. Auch Roy Goodman hatte mal die erste Fidel in der Hand. Haydnsymphonien folgten in den Neunzigern.

Seit 1981 war Hogwood auch als Dirigent diverser Orchester in den USA tätig. Sein Schwerpunkt blieb aber weiterhin in England, wo er immer mehr Tätigkeiten wahrnahm und neben praktischen auch nie seine wissenschaftlichen Neigungen vernachlässigte. Besonders auflagenstark war und ist bis heute seine 1988 erstmals publizierte Händelbiographie, aber auch kritische Notentextausgaben zählen - und dies in später Zeit wieder verstärkt - zu seinem „Repertoire“. Seit den Neunziger Jahren hat er Professuren und Dozenturen an verschiedenen englischen Instituten inne, seine musikwissenschaftliche Arbeit fokussiert sich immer wieder auf britische Komponisten wie Dowland, Purcell oder Elgar.

Hogwood trägt heute den ansprechenden Titel eines „Director emeritus“ der Academy of Ancient Music. Die Academy wird jetzt von Richard Egarr weitergeleitet.

Als Hauptherausgeber der neuen Carl Philipp Emanuel Bach-Edition „The Complete Works“, die am Packard Humanities Institute erstellt wird, bleibt Hogwood seinen philologischen Vorlieben weiter treu. Zum dreihundertsten Geburtstag des Komponisten im Jahr 2014 sollen alle Bände abgeschlossen vorliegen.

Wenn ich den Eindruck, den Hogwoods Dirigieren auf mich macht, zusammenfassen müßte, würden Worte wie „unaufgeregt“, „sachbezogen“ oder „musikdienlich“ fallen. Dabei vergaß er für meinen Geschmack nie, pointiert auf sein Verständnis eines Werkes hinzuarbeiten. Ein wahrhaft durchhörbares Klangbild (hier paßt der Begriff so gut wie sonst nur selten) sowie ein unnachlässiger, gleichwohl auch niemals atemloser „drive“ kennzeichnen für mich die besten seiner Aufzeichnungen, zu denen ich Symphonien Carl Philipp Emanuel Bachs (1979), Händels „Messias“ (1980), die späten Mozart- und die frühen Beethovensymphonien (Mitte 1980er) sowie eine ausgeprägt schöne „Entführung“ (1991) und einen rundum gelungenen „Titus“ (1993, beide Mozart) zählen mag. Neben dem erwähnten Thomas Arne hat Hogwood mit William Boyce einen weiteren britischen Barockkomponisten bevorzugt eingespielt.

Es paßt vielleicht zu diesem feinsinnigen Arbeiter, daß er (anders als beispielsweise Harnoncourt, der auf Brahms und Bruckner Jagd macht) in jüngster Zeit sich Mendelssohn verstärkt gewidmet hat, den er zudem ediert. Ob er auch hier mit Luftigkeit und Verve zu überzeugen wußte, konnte man im letzten Jahr live in Weimar überprüfen, dort hatte er die ansässige Staatskapelle dirigiert, bevor er sich, wie so oft, zu den Händelfestspielen nach Halle begab, diesmal allerdings nur, um einen weiteren Preis seiner ansehnlichen Sammlung zuzufügen.

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Christopher Hogwood gemacht?


Liebe Grüße,

Alex
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 16:21
Guten Tag

von Hogwood schätze ich besonders meine Einspielungen von Mozarts Clavierconcerten Nos. 15, 22,23 & 26








mit Robert Levin als Solist und The Academy of Ancient Music

Interessant anzuhören auch diese Aufnahme von Cembalokonzerten J.S. Bachs;




hier spielt in BWV 1055 & 1058 neben dem dem Solisten Christophe Rousset auch Chr. Hogwood an einem zweiten Cembalo im Continuo mit.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 19:25
Danke für diesen Thread - Hogwood zu loben, hatte ich auch schon im Sinn, nur nicht die Zeit.

Ich halte und habe viel von Hogwood, als Solist wie mit der Academy, und noch nie eine Aufnahme wieder abgestoßen!

Ich habe allen Mozart und Beethoven, das er gemacht hat, ich galube alles von Bach mit ihm, sehr viel Vivaldi und Händel, seinen Purcell ... das wird so ein guter Meter sein. Ich finde ihn immer fundiert und über all die jahre sehr konsistent in der Qualität seiner Eisnpielungen. Und alles das, ohne viel Aufhebens darum zu machen ...
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 19:39
Besonders erwähnenswert finde ich seine Aktivitäten als Clavichord-Spieler - das hat er schon in den 1980ern gemacht -
z.B. mit Carl Philipp Emanuel Bach (leider nur noch gebraucht und teuer: ), und vor ein paar Jahren mit seiner Serie "the secret ..." - drei Folgen gibt es bisher, Haydn und Beethoven sollen noch folgen, fragt sich nur auf welchem Label.

Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 20:11
von Hogwood schätze ich besonders meine Einspielungen von Mozarts Clavierconcerten Nos. 15, 22,23 & 26

22 & 23 hab ich auch, die ist wirklich Spitze! :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 21:23

Ein wahrhaft durchhörbares Klangbild (hier paßt der Begriff so gut wie sonst nur selten) sowie ein unnachlässiger, gleichwohl auch niemals atemloser „drive“ kennzeichnen für mich die besten seiner Aufzeichnungen, zu denen ich Symphonien Carl Philipp Emanuel Bachs (1979)


Ja, die Aufnahme von Wq 182 mag ich auch sehr gerne; inzwischen gibt es sie sehr günstig als Eloquence-CD. Für einige Euro mehr gibt es sie zusammen mit der ebenfalls sehr schönen Aufnahme der Flötenquartette Wq 93-95.



Zitat

, Händels „Messias“ (1980)


Komisch, dieser Aufnahme habe ich nie besonders viel abgewinnen können (damit bin ich allerdings hier in der Minderheit). Die drei anderen Händel-Oratorien-Aufnahmen, die ich von Hogwood habe, sage mir mehr zu: Athalia, Esther, La Resurrezione.

Zitat

Es paßt vielleicht zu diesem feinsinnigen Arbeiter, daß er (anders als beispielsweise Harnoncourt, der auf Brahms und Bruckner Jagd macht) in jüngster Zeit sich Mendelssohn verstärkt gewidmet hat, den er zudem ediert. [...]
Welche Erfahrungen habt Ihr mit Christopher Hogwood gemacht?


Eine Live-Erfahrung in der Alten Oper habe ich noch gut in Erinnerung, obwohl sie schon Jahre zurückliegt. Es erklang Mendelssohns "Reformation"-Symphonie mit dem RSO Frankfurt unter Hogwood - phänomenal gut! Davon hätte ich gerne eine CD-Aufnahme (von den anderen Mendelssohn-Symphonien gleich dazu).

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Freitag, 7. Mai 2010, 20:53
Der Suchbegriff 'Hogwood' fördert bei meinem Rechner Folgendes zu Tage:







































Alles in allem: meistens CLK 320 Coupé, gelegentlich CLS 63 AMG. Einzelne Testfahrberichte auf Anfrage...

:wink:
Unbekannt Donnerstag, 17. Juni 2010, 17:24
Besonders erwähnenswert finde ich seine Aktivitäten als Clavichord-Spieler


Auch als Solo-Cembalist hat er einige wirklich erstklassige Aufnahmen zu Stande gebracht (und eigentlich keine einzige, die auch nur mittelmäßig geraten wäre).

Besondere Höhepunkte sind für meinen Geschmack:





Allesamt :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Sonntag, 31. Juli 2011, 06:27
Hier noch gar nicht erwähnt wurde Hogwoods Website, die einen umfassenden Ein- und Überblick über seine Arbeit gibt: unzählige Aufnahmen, Bücher und Artikel sowie Notenausgaben. Seine aktuellen Konzerte kann man sehen, und ein charmanter Plauderer über Restaurants an seinen Konzertorten ist er auch. Auch einige Essays kann man lesen, bzw. sie sind über Links zu erreichen. Eine der am besten gestalteten Websites eines Musikers, die ich kenne.
Unbekannt Donnerstag, 8. September 2011, 09:59
Hogwood hält z.Zt. eine Serie von Vorträgen zu aufführungspraktischen u.a. Fragen am Gresham College, die man alle online ansehen oder auch herunterladen kann.
Unbekannt Freitag, 16. September 2011, 16:35
Am 10. September 2011 hat Christopher Hogwood seinen 70. Geburtstag gefeiert - aus diesem Anlass ein Portrait der Grammophone.
Unbekannt Sonntag, 8. Januar 2012, 15:51
Die 1. + 2. Beethoven sind die allererste Aufnahme in HIP, die ich in meinem Leben gehört habe; eine Leihkassette aus unserer städtischen Bücherei, und zwar noch bevor die Eroica erschien. Ich war vielleicht 14, 15, kannte Beethoven komplett ziemlich gut, mit Karajan (darf man den Namen hier so schreiben, oder sagt man sowas wie "Seibeiuns"?) und es war wirklich eine Offenbarung; eigentlich das erste bewusste Erlebnis, dass dasselbe Stück prinzipiell verschieden klingen kann.

(Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass ich kurz zuvor schon auf die Spur gesetzt worden war durch die allererste Aufnahme in zwar nicht "authentischer", aber historisch informierter Aufführungspraxis: Mozart 29 + 39 mit Harnoncourt. Diese beiden Aufnahmen hlate ich in hohen Ehren; sie waren sicher mit Anlass, dass ich mich bewusst mit Interpretation beschäftigte und Dirigent wurde.)

:thumbup: