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BWV 1052: „Concerto à Cembalo concertato, due Violini, Viola e Cont. di Bach”

Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 10:29
Das Cembalokonzert BWV 1052 führte hier einst zu Missverständnissen, deshalb haben Archie & ich uns hingesetzt und erst einmal ein paar Übersichten fabriziert, die als Grundlage für künftige Diskussionen dienen können.
Da die Listen weder vollständig noch endgültig sein können, möchten wir sie offenhalten und je nach Gelegenheit ergänzen.
Hier also der Überblick über die verschiedenen Fassungen von BWV 1052, das Werk in der Fachliteratur, die Rekonstruktionsversuche und die Einspielungen als Violinkonzert.

Zur besseren Orientierung die Reihenfolge der Entstehung aller Konzerte für ein Cembalo etc. & b. c. und die Vorlagen (so ähnlich auch in Rampe/Sackmann):
1. g-moll BWV 1058 – Konzert für Violine etc. a-moll BWV 1041
2. d-moll BWV 1059 (nur wenige Takte) – d-moll-Konzert für Oboe etc.?
------------------
3. d-moll BWV 1052 – d-moll-Konzert f. Violine etc.
4. E-Dur BWV 1053 – D-/F-/Es-Dur-Konzert f. Oboe/Oboe d’amore/Viola etc.?
5. D-Dur BWV 1054 – Konzert für Violine etc. E-Dur BWV 1042
6. A-Dur BWV 1055 – A-Dur-Konzert für Oboe d’amore/Viola etc.?
7. f-moll BWV 1056 – g-moll-Konzert f. Violine/Oboe etc.
8. F-Dur BWV 1057 – Brandenburgisches Konzert Nr. 4 BWV 1049


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BWV 1052 - Die Fassungen und ihre Quellen


BWV 1052: „Concerto à Cembalo concertato, due Violini, Viola e Cont. di Bach”
Die am weitesten ausgearbeitete Fassung. Die linke Hand ist sehr selbständig, zahlreiche Stimmen hinzukomponiert.
Erhalten
1. im Partituren-Autograph aller Konzerte für 1 Cembalo, Streicher & b. c. (BWV 1052–1058, nach einem merkwürdigen Bruch folgen die ersten Takte von BWV 1059, das wohl nicht weiter komponiert wurde) an erster Stelle; Solostimme während der Niederschrift häufig, Streicher selten geändert.
2. nahezu identisch als Stimmensatz aus CPE Bachs Nachlass.

BWV 1052a: eher einfacher, ‚ursprünglicher‘, die Solostimme hat sehr viel mehr mit einer Violinstimme gemein als das in BWV 1052 der Fall ist.
Als Stimmensatz in CPE Bachs Handschrift überliefert.

BWV 146,1:
Sinfonia der Kantate „Wir müssen durch viel Trübsal“
1. Satz = Orgel statt Cembalo, veränderte bzw. angepasste Solostimme (enger mit 1052a als mit 1052 verwandt, linke Hand wie bei 1052a eher eine Imitation eines Melodieinstruments), Holzbläser hinzugefügt;
BWV 146,2: 2. Konzertsatz verändert mit Choreinschüben.
Die Kantate ist lediglich in zwei Abschriften erhalten.

BWV 188,1:
Kantate „Ich habe meine Zuversicht“.
Hier tauchen nur Teile des 3. Satzes im Eingangssatz auf. Fragmentarisches Autograph.


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Die Fassungen in der Literatur
(Die Literaturangaben sind verkürzt. Bei Bedarf werden sie vollständig geliefert.)

Wilhelm Rust (Bach Gesamtausgabe 1851-1899, Bd. 17):

Übertragung eines verlorengegangenen Violinkonzerts. 1052a ließe das deutlicher erkennen (leere Saiten, Arpeggien, Umfang etc., linke Hand). Reihenfolge der Entstehung: 1052a erste, gröbere Bearbeitung, dann BWV 142, schließlich 1052.

Philipp Spitta (J. S. Bach, 1873-1880):

selbe Meinung wie Rust bzgl. ürspünglichem Violinkonzert.

Johannes Schreyer (Beiträge zur Bach-Kritik, 1913):

1052 und alles andere nicht von Bach (Oktav- und Quintparallelen, Verdoppelungen, Stimmkreuzungen etc.; mangelnde Ernsthaftigkeit der Sinfonia in BWV 146; 146,2 sei konfus und ohrenmarternd).

Arnold Schering (Bach-Jahrbuch 1912, 1913):

BWV 146 nicht von Bach, 1052 aber höchstwahrscheinlich schon (Wer sonst hätte so etwas schreiben können?).

Adolf Aber (Studien zu J. S. Bachs Klavierkonzerten, 1912):

1052 von JSB, 1052a möglicherweise von CPEB. Korrekturen im Autograph zeigten, dass es sich ursprünglich um ein Violinkonzert handelte. Das Ursprungs-Violinkonzert stamme wegen der rein virtuosen Soli und anderer Auffälligkeiten nicht von Bach (Vivaldi?).

Rudolf Wustmann (Joh. Seb. Bachs Kantatentexte, 1913):

BWV 146 von Bach, möglicherweise unter Mitarbeit der ältesten Söhne.

Johannes Schreyer (Allgemeine musikalische Zeitung, 1914):

Nur 1060 von Bach, alle anderen Clavierkonzerte nicht.

Paul Hirsch (Bach-Jahrbuch 1929 & 1930):

BWV 1052 von JSB, 1052a von CPEB. Das zugrunde liegende Violinkonzert bereits Bearbeitung eines Konzerts für Viola d’amore (weder JSB noch Vivaldi). BWV 146 sei aus BWV 1052 hervorgegangen.

Hermann Keller (Orgelwerke 1948, Klavierwerke 1950):
Aufgrund der konzentrierten thematischen Verarbeitung komme niemand außer JSB für BWV 1052 in Frage.

Alfred Dürr (Musica, 1953):
Schließt sich Keller an.

Rudolf Stefan (Musica, 1953):
Widerspricht Schreyer und Aber. BWV 1052 sei echt.

Ulrich Siegele (Kompositionsweise und Bearbeitungstechnik…, 1975):
konzentriert sich auf die Frage nach der Urheberschaft des Violinkonzerts und geht davon aus, dass JSB aufgrund der ungewöhnlich virtuosen Solostimme dafür nicht in Frage kommt. Vielmehr hätte er ein Konzert eines „unter starken italienischem Einfluss stehenden Meisters“ zunächst wiederum zu einem Violinkonzert umgearbeitet, worauf erst die Bearbeitungen für Tasteninstrumente erfolgte.

Werner Breig (Bachs Violinkonzert d-Moll. in Bach-Jahrbuch 1976):

Die Ripieno-Behandlung im 3. Satz lege nahe, dass dieser auf eine noch frühere (Violinkonzert-)Fassung zurückgehen könne. Bach habe in Köthen ein fremdes Violinkonzert dergestalt umgearbeitet, dass ein Violinkonzert mit zwei übernommenen Außensätzen und einem eigenen hinzukomponierten Mittelsatz entstanden sei.
Die wohl gründlichste Untersuchung des Materials, die an der Herkunft aus ursprünglich für Violine geschriebenen Sätzen kaum noch Zweifel lassen kann.

Beiträge zum Konzertschaffen J. S. Bachs (Symposiumsband 1981):
Darin werden auch die sich den Referaten anschließenden Diskussionen wiedergegeben, bei denen es bisweilen auch um BWV 1052 geht.
Breig verteidigt seine Darstellung vorsichtig. Andere sind der Ansicht, dass es sich bei den Vorlagen für BWV 1052 um Originale Bachs handele.

Werner Breig: Zum Kompositionsprozeß in Bachs Cembalokonzerten (in: Johann Sebastian Bachs Spätwerk und dessen Umfeld, 1988):

„...dem ein Violinkonzert gleicher Tonart zugrundeliegt...“ Die Frage nach der Bestimmung der Vorlage wird nicht mehr gestellt, die Urheberschaft hier ausgeklammert.

Siegbert Rampe & Dominik Sackmann: Bachs Orchestermusik, 2000:
„Für die Cembalokonzerte BWV 1052 und den ersten Satz von BWV 1056 steht eine ursprüngliche Konzeption für Violine angesichts idiomatischer Spielfiguren unter Verwendung leerer Saiten außer Frage.“


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Fazit: Alle Konzerte für ein Cembalo, Streicher & b. c. sind Umarbeitungen von Konzerten für Violine (oder Oboe oder so) etc.
BWV 1052-1057 spiegeln unterschiedliche Aspekte der Problembehandlung durch JSB wider. BWV 1058 fällt mit etwas einfacherer Machart dagegen etwas aus dem Rahmen. BWV 1059 wurde begonnen, aber möglicherweise wegen der zu komplex gewählten Umarbeitungsmethode nicht weiter geführt. Auch hatte Bach vermutlich das Interesse an einer im Hinblick auf das zu erwartende Resultat so aufwändigen Arbeit verloren.
Gerade BWV 1052 zeigt sehr deutlich die verschiedenen Ansatzpunkte: In 1052a, der möglicherweise ersten Fassung bleibt die Violinstimme bis auf ein paar Umlegungen wg. der Umfänge erhalten; die linke Hand spielt weitgehend den B. c. mit. Ähnlich bei den Kantatensätzen (146,1 und 146,2 sowie 188,1), in denen die linke Hand des Organisten ohne allzu viele Umarbeitungen die Stimme der Violine übernimmt, die Orgel also Melodieinstrument bleibt.
Die ernsthafte Adaption an das Cembalo als Soloinstrument scheint für Bach eine völlig andere Angelegenheit gewesen zu sein. Hier kommt nicht nur über weite Strecken neues Material für die linke Hand hinzu, beide Hände werden vielmehr vielstimmig eingesetzt, füllen den Satz erheblich auf; der Bass wirkt im Vergleich mit den früheren Versionen sehr emanzipiert. Das widerspricht deutlich der Annahme, dass Tasteninstrumente im Barock allgemein und bei Bach im besonderen ‚austauschbar‘ gewesen seien.
Entstanden sind die Cembalo-Konzerte kurz vor 1740. Demnach fallen sie zeitlich etwa mit der zweiten Übernahme des Collegium Musicum zusammen, für das sie von praktischem Nutzen gewesen wären.
Fraglich ist allein die Urheberschaft der Vorlage zu BWV 1052. Aber höchstwahrscheinlich ist auch hier JSB der Autor, der in einer früheren Phase der Beschäftigung mit dem italienischen Concerto (in Köthen oder schon in Weimar?) durchaus mehr Wert auf die Virtuosität als auf die später vorherrschende thematische Durcharbeitung gelegt haben kann. BWV 1052 als Violinkonzert ist ein ausgesprochen schweres Stück, aber in seiner Urform auf jeden Fall nichts anderes als ein Violinkonzert gewesen.
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 10:49
So, hier kommt dann die Diskographie der Violinkonzert-Rekonstruktionen. Die Liste ist vorläufig und wird permanent aktualisiert. Ich werde mit Hilfe von euch die Zeiten ergänzen und demnächst noch eine Diskographie der Cembalo-Version erstellen. Die Initialien nach den Zeiten geben Auskunft über die verwendete Rekonstruktion (wenn angegeben). Die Erklärung hierfür kommt in nächsten Post. Wenn der Name des Ensembles grün erscheint, ist die Einspielung HIP. In rot ist das Label gefasst, wenn es sich um die originäre Aufnahmefirma handelt.


Joseph Szigeti , Fritz Stiedry Orchestra of the New Friends of Music, Fritz Stiedry, Classica d'oro 1940 [] RR

David Oistrach , Moskauer Kammerorchester, Rudolph Barshai. Ariola-Eurodisc 1959 []

David Oistrach , Staatskapelle Berlin, Franz Konwitschny. Edel Classics 1960 [8:53-8:30-8:47]

Alice Harnoncourt , Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt. Teldec (?) 19?? []

Itzakh Perlman , Israel Philharmonic Orchestra, Ray Still. EMI 1984 [8:03-7:53-7:22]

Karl Suske , Neues Bachisches Collegium Musicum, Max Pommer. Capriccio 1985 [7:50-5:39-8:15]

Rainer Kussmaul , Amsterdam Bach Soloists. Brilliant Classics 1988 []

Susanne Lautenbacher , Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling. Extraplatte (?) 1990 []

Simon Standage
, Collegium musicum 90. Chaconne 1993 [7:26-6:46-7:15]

Elizabeth Wallfisch
, Orchestra of the Age of Enlightenment. Virgin Classics 1994 [8:08-6:34-8:10] WF

Thomas Zehetmair , Amsterdam Bach Soloists. Edel Classics 1994 [7:26-6:43-7:42]

Kolja Blacher , Kölner Kammerorchester, Helmuth Müller-Brühl. Naxos 1999 [7:23-6:10-7:27]

Fabio Biondi , Europa Galante. Virgin Classics 1999 [7:22-6:12-7:17]

Isabelle Faust , Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling. Hänssler 2000 [7:10-6:14-6:56]

Emmy Verhey , Camerata Antonio Luco. Brilliant Classics 2001. [7:36-6:50-7:49]

Kerstin Linder-Dewan
, Fiori Musicali, Penelope Rapson. Metronome 2005 [8:04-6:36-7:34]

Midori Seiler , Akademie für Alte Musik, Stephan Mai. Harmonia mundi france 2005 [7:26-5:49-7:24] MS

Monica Huggett
, Ensemble Sonnerie. ASV Gaudeamus 2006 [7:45-6:06-8:18]

Amandine Beyer , Gli Incogniti. ZigZag Territoires 2007 [7:00-5:54-7:10]

Elizabeth Wallfisch
, Appolo’s Fire, Jeannette Sorrell. AVIE Records 2010 [8:05-6:59-7:33]
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 11:10
Hier eine Liste der bekannten Rekonstruktionsversuche, publiziert oder unpubliziert (und dann nur wenn im CD-Booklet eindeutig als solche bezeichnet).


Liste der publizierten Rekonstruktionen

Ferdinand David, Rieter-Beiermann 1897

Robert Reitz, Breitkopf und Härtel 1917

Emil Sauret, Schott 1925

Wilfried Fischer, Bärenreiter/NBA 1971 à Verbesserungsvorschläge Werner Breig, BJ 1976

Jürgen Sommer, Bärenreiter 1981

Siegbert Rampe, Bärenreiter (?) in Vorb. (?) (auf Nachfrage beim Bärenreiter-Verlag weiß keiner, ob diese Info - aus dem Buch von Rampe und Sackmann - noch aktuell ist)



Liste der bekannten (als solche bezeichneten) unpublizierten Publikation

Wilhelm Fischer, vor 1963 (verschollen)

Midori Seiler, 2005

Simon Standage, 1992
Die Liste wird fortgesetzt!
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 15:31
Vielen Dank an euch beide für diesen ausführlichen Beitrag. Wieviel Zeit da drinsteckt, frage ich wohl besser erst gar nicht :umfall:

Das für mich persönlich überzeugendste Argument sind weniger die idiomatischen Spielfiguren (als Nicht-Violinist kann ich dieses Argument nur zur Kenntnis nehmen, weil ich nicht aus eigener Erfahrung beurteilen kann, was auf der Violine idiomatisch ist und was nicht) als vielmehr die bei Rampe/Sackmann (S. 117 f.) ausgeführte Tatsache, dass von dem ursprünglichen Konzert sowohl eine Bearbeitung von Carl Philipp Emanuel als auch von Johann Sebastian überliefert ist, wobei die frühere Bearbeitung des Sohnes weit weniger in das Original eingreift als die spätere des Vaters (Rampe/Sackmann beziehen sich hier auf Breig). Dieses Argument ist weder wegzudiskutieren noch zu widerlegen, es muss einen gemeinsamen Ursprung für diese beiden Bearbeitungen gegeben haben, auch wenn er nicht erhalten ist. Die mögliche Gedankenkonstruktion, der Vater habe ein früheres Cembalokonzert des Sohnes bearbeitet, ist wohl kaum überzeugend.

Angesichts dieser Fakten bleibt mir nur, als ehemaliger Violinkonzert-Zweifler Abbitte zu leisten und mich - insbesondere bei Hildebrandt - für meine Unwissenheit und Engstirnigkeit zu entschuldigen.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 15:47

Zitat


Johannes Schreyer (Beiträge zur Bach-Kritik, 1913):
1052 und alles andere nicht von Bach (Oktav- und Quintparallelen, Verdoppelungen, Stimmkreuzungen etc.; mangelnde Ernsthaftigkeit der Sinfonia in BWV 146; 146,2 sei konfus und ohrenmarternd).


Bedeutet "alles andere" hier die restlichen Cembalokonzerte oder nur die Non-Cembalo-Vorlagen oder beides?

Zitat


Arnold Schering (Bach-Jahrbuch 1912, 1913):
BWV 146 nicht von Bach, 1052 aber höchstwahrscheinlich schon (Wer sonst hätte so etwas schreiben können?).


Sind die Fassungen 146 vs. 1052 so unterschiedlich, dass sie eine solche These stützen? (Ich habe die Kantate erst ein oder zweimal gehört und die pure Faszination, hier den Konzertsatz wiederzutreffen überwog eine kritische Haltung...) Von wem stammt dann die Kantate, von einem der beiden ältesten Söhne?

Zitat


Hermann Keller (Orgelwerke 1948, Klavierwerke 1950):
Aufgrund der konzentrierten thematischen Verarbeitung komme niemand außer JSB für BWV 1052 in Frage.


Ist jetzt Schreyer oder Keller der vorurteilsbehaftete? Erstere sieht ja anscheinend hier gar keine außerordentliche themat. Verarbeitung bzw. andere Mängel...

Ich mag das Konzert ja schon, aber so ganz verstanden, warum es das berühmteste ist, habe ich auch nie. Meine Favoriten, sind, wenn ich recht erinnere, das A-Dur (oder das E?) und das nach dem E-Dur-Violinkonzert (natürlich politisch unkorrekt dargeboten von Gould :D)

:wink:
JK jr.
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 15:48
als vielmehr die bei Rampe/Sackmann (S. 117 f.) ausgeführte Tatsache, dass von dem ursprünglichen Konzert sowohl eine Bearbeitung von Carl Philipp Emanuel als auch von Johann Sebastian überliefert ist, wobei die frühere Bearbeitung des Sohnes weit weniger in das Original eingreift als die spätere des Vaters (Rampe/Sackmann beziehen sich hier auf Breig).


Das ist einmal in der Übersicht leicht missverständlich und zum anderen wirklich wohl nicht zu 100 % eindeutig, aber mehrheitlich sind sich die Experten wohl einig, dass 1052a – das meintest Du doch? – wohl ebenfalls von Johann Sebastian stammt und Carlchen es nur kopiert hat.
Vor allem ist es nahezu identisch mit der Kantatenfassung in BWV 146.

Allerdings kenne ich nur eine Einspielung, auf der Isoir und Le Parlement de Musique 1052a als Orgelkonzert exekutieren.

Die Orgel spielt wirklich hier in zweierlei Hinsicht Violine und ist nicht besonders instrumentenspezifisch eingesetzt - insofern ein schönes Beispiel für die unterschiedlichen Herangehensweisen.

Zitat

Angesichts dieser Fakten bleibt mir nur...


Wofür?
:prost:
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 17:52

Zitat


Arnold Schering (Bach-Jahrbuch 1912, 1913):
BWV 146 nicht von Bach, 1052 aber höchstwahrscheinlich schon (Wer sonst hätte so etwas schreiben können?).
Sind die Fassungen 146 vs. 1052 so unterschiedlich, dass sie eine solche These stützen? (Ich habe die Kantate erst ein oder zweimal gehört und die pure Faszination, hier den Konzertsatz wiederzutreffen überwog eine kritische Haltung...) Von wem stammt dann die Kantate, von einem der beiden ältesten Söhne?

BWV 146 stammt zweifelsfrei von Johann Sebastian, jedenfalls sagen das alle mir verfügbaren Handbücher. Da weiß man heute offenbar mehr als der gute Herr Schering im Jahr 1912.

Gruß, Carola
Unbekannt Dienstag, 12. Oktober 2010, 18:11
Bedeutet "alles andere" hier die restlichen Cembalokonzerte oder nur die Non-Cembalo-Vorlagen oder beides?


Schreyer meint alles, was mit BWV 1052 zusammenhängt: Konzert- und Kantatenfassungen.

Zitat

Sind die Fassungen 146 vs. 1052 so unterschiedlich, dass sie eine solche These stützen?

Sind sie. In 146 wie in 1052a ist die Violinstimme nur an den Umfang angepasst, aber kaum verändert. 1052 sieht völlig anders aus, aber am besten überzeugt ein Blick in die Noten.

Zitat

Von wem stammt dann die Kantate, von einem der beiden ältesten Söhne?


Alles von Johann Sebastian: Die unterschiedlichen Konzert- und die Kantatenfassungen. Sie sind nur zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Motivationen entstanden.

Zitat

Ist jetzt Schreyer oder Keller der vorurteilsbehaftete?

Nomen est omen... :D

Zitat

dargeboten von Gould

Gould? Wer ist Gould? :dontknow: :pfeif:
Unbekannt Sonntag, 17. Oktober 2010, 22:12
Hallo,

vom Violinkonzert BWV 1052 habe ich nur eine Aufnahme, Thomas Zehetmair mit den Amsterdam Bach Soloists. Die ist zwar nicht wirklich HIP, aber wesentlich HIP-näher als Oistrach & Co. Mir jedenfalls gefällt sie sehr gut:



Bei den Tasteninstrumenten fehlte mir lange eine Aufnahme, die mich wirklich glücklich macht. Zu Gould/Bernstein brauche ich wohl nichts zu sagen. Kipnis/Marriner wirkt dann doch eher altbacken, und bei Leonhardt/Collegium Aureum fehlt es IMO an Schwung und Dramatik. Heute habe ich die kürzlich erworbene Akamus-Aufnahme ausgepackt und angehört -> gefällt mir sehr gut! :yes2:



Meinen anderen Beitrag aus dem alten BWV1052-thread brauche ich nicht übertragen - die Fragen darin sind hier alle beantwortet. :thumbsup:

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 09:16
Von der rekonstruierten Fassung des Violinkonzerts gibt es diese sehr schöne Aufnahme mit Monica Huggett.



Trotz kammermusikalischer Besetzung klingt es überhaupt nicht dünn, sondern es wird mit ordentlich Schwung und Schmackes aufgespielt. Dem zweiten Satz verleiht Huggett dann einen wunderbaren Schmelz. Noch ein paar Alliterationen gefällig? :D

Gruß, Carola
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 12:13
Noch ein paar Alliterationen gefällig?


Schmockhaft schmeckt die schmierige Schmuserei. :D :D :D

Nimm dies:


aber ernsthaft:
Temperamentvoller gehts nimmer - sag ich jetzt mal... :D
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 12:29
Guten Tag
Noch ein paar Alliterationen gefällig? :D

Mir gefällt diese



etwas größer besetzte und spannenden Aufnahme mit der Akademie für Alte Musik Berlin und der famosen Geigerin Midori Seiler ganz gut. Im ersten Satz entfaltet sie ein solistisches Feuerwerk, schön gestaltet auch das Adagio. Und wenn das Bachsche collegium musicum sommers zu Leipzig in "Zimmermans Biergarten bzw. Freisitz" aufspielte, da könnte das Ensemble durchaus auch größer besetzt gewesen sein ?

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 16:33

aber ernsthaft:
Temperamentvoller gehts nimmer - sag ich jetzt mal... :D

Da hat er recht - aber besser als Huggett & Co. ist es nicht, für meine Ohren. Beides Spitzenaufnahmen.
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 16:35
Und wenn das Bachsche collegium musicum sommers zu Leipzig in "Zimmermans Biergarten bzw. Freisitz" aufspielte, da könnte das Ensemble durchaus auch größer besetzt gewesen sein ?

Mit einer Violine als Soloinstrument funktioniert mehrfache Besetzung des Ripieno eher als mit Cembalo. Leider haben wir überhaupt keine konkreten Programme dieser Aufführungen, oder sonstige genaue Angaben.
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 20:28
Guten Abend
Leider haben wir überhaupt keine konkreten Programme dieser Aufführungen, oder sonstige genaue Angaben.


Ja, schade. Man müsste mal alle Zeitung dieser Zeit durchforschen um evtl. noch einige weitergehende Hinweise zu finden. In einer Anzeige der Leipziger "Collegia Musica" in Lorenz Mitzlers "Neu eröffneter Musikalischer Bibliothek" von 1739 war immerhin zu lesen:


"Nachricht von den Musikalischen Concerten zu Leipzig.

Die beyden öffentlichen Musikalischen Concer-
ten, oder Zusammenkünffte, so hier wöchendlich
gehalten, sind noch in beständigen Flor.
Eines dirigirt der Hochfürstl. Weissenfelsische
Capell-Meister und Musik-Direktor in der Tho-
mass und Nikels-Kirchen allhier, Herr Johann
Sebastian Bach, und wird ausser der Messe
alle Wochen einmahl, auf dem Zimmermanni-
schen Caffe-Hauß in der Cather- Strasse Frey-
tags Abends von 8 biß 10 Uhr, in der Messe
aber die Woche zweymahl, Dienstags und
Freytags zu eben dieser Zeit gehalte.
[....]
Die Glieder, so diese Musikalischen Concer-
ten ausmachen, bestehen mehrentheils aus dem
allhier Herrn Studierenden, und sind immer gute
Musici unter ihnen, so daß öffters, wie bekandt,
nach der Zeit berühmte Virtuosen aus ihnen er-
wachsen. Es ist jedem Musico verrgönnt, sich in
diesen Musikalischen Concerten öffentlich hören
zu lassen, und sind auch mehrentheils solche Zuhö-
rer vorhanden, die den Werht eines geschick-
ten Musici zu beurteilen wissen. "


Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 25. Oktober 2010, 19:06
Noch eine Violinkonzert-Aufnahme:



Auf der letzten CD dieser Ausgabe spielt Alice Harnoncourt mit der üblichen Combo ebenfalls BWV 1052R und zwar sehr akzeptabel. :yes2:
Unbekannt Montag, 25. Oktober 2010, 19:09

Auf der letzten CD dieser Ausgabe spielt Alice Harnoncourt mit der üblichen Combo ebenfalls BWV 1052R und zwar sehr akzeptabel.
Danke für den Tip! 8o :thumbsup: ...sie steht jetzt oben drin. Hast du genauere Angaben zu Aufnahmedatum etc.? Kann nämlich durchaus sein dass Alice die erste HIP-Aufnahme ist...
Unbekannt Montag, 25. Oktober 2010, 21:55
Hast du genauere Angaben zu Aufnahmedatum etc.?


1977
Die Zeiten: 7:26-6:15-7:53