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Bernardo Storace (c.1637-c.1707)

Unbekannt Freitag, 27. August 2010, 21:46
Über das Leben des Bernardo Storace wissen wir nur, was auf dem Titelblatt seines einzigen Musikdruckes steht, der 1664 in Venedig erschien:

Selva
di varie composizioni
d'intavolatura
per
cimbalo ed organo




Danach war er im Jahr des Erscheinens vicemaestro di capella beim Senat von Messina auf Sizilien. Die Musik seines Druckes weist aber mehr gemeinsame Stilmerkmale mit norditalienischen Komponisten auf als mit Vertretern der römisch-neapolitanischen Schule. Ob er ein Vorfahr der im 18. Jahrhundert in England lebenden Musiker mit Namen Storace ist, lässt sich nicht feststellen. Mit anderen Worten, die gemeinhin angegeben Lebensdaten sind reine Spekulation.

Die 29 Stücke der Sammlung sind von hoher Qualität und stellen so etwas wie ein Bindeglied zwischen den Kompositionen von Girolamo Frescobaldi (1583–1643) und Bernardo Pasquini (1637-1710) dar. Eines seiner zwei Ricercari verwendet ein Thema aus Frescobaldis Fiori musicali von 1635.

Wo Frescobaldi in seinen Partite keine zwei gleichen Takte schreibt, setzt Storace auf größere Formen und scheut nicht vor der Wiederholung von Abschnitten zurück, so ist seine Ciaccona ausgesprochen gesanglich und verwendet das gleiche melodische Motiv, dass schon hundert Jahre zuvor in Spanien auftaucht, schreibt also nicht nur seine eigenen Variationen über einen Bass. Auch die Follia verwendet er, die Romanesca, Spagnoletta, mit fast schon folkloristischem Anklang, aber sehr hohem claviertechnischen und kompositorischem Niveau. Am häufigsten hat er Passacagli geschrieben, alles in allem ca. 320 viertaktige Varianten über diesen absteigenden Tetrachord, was von erheblichem Erfindungsreichtum zeugt.
Unbekannt Freitag, 27. August 2010, 21:46
Der Originaldruck von 1664 wurde im 20. Jahrhundert neu herausgegeben, erstmals 1965; seitdem sind einzelne Stücke von Storace wegen ihrer Qualität und gleichzeitigen guten Spielbarkeit und Attraktivität fester Bestandteil des Cembalorepertoires italienischer Provenienz.

Eine der neusten CDs, die exclusiv Storaces Werk gewidmet sind, hat 2006 Jörg Halubek bei CPO veröffentlicht. Er teilt die 14 ausgewählten Stücke zwischen einem originalen venezianischen Cembalo von ca. 1600 und einer originalen italienischen Kammerorgel (15 Register + 2 im Pedal, genaue Angaben im Beiheft) von ca. 1750, die sich in süddeutschen Museen befinden. Sein Spiel ist frisch und rhythmisch, die Instrumente sind ausgezeichnet aufgenommen.


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Unbekannt Freitag, 27. August 2010, 21:49
Die musikalisch-interpretatorisch überzeugendste Möglichkeit, Storace kennen zu lernen, ist die CD von Fabio Bonizzoni:


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Bonizzoni spielt ausgesprochen frisch und rhythmisch, tänzerisch - ohne sich der agogischen Freiheiten gänzlich zu enthalten. Es macht ausgesprochen Spaß, ihm zuzuhören, die Freude, die er an dieser Musik hat, teilt sich sofort mit, die Kenntnis der Tanzmodelle, die den Stücken zugrunde liegen, ist seinem Spiel anzumerken. Der starke folkloristische Einschlag ist auch eines der Merkmale, die Storace von Frescobaldi oder Pasquini unterscheiden - das mag mit der Lage von Messina am östlichen Rand von Sizilien, aber eben auf der Insel mit ihren starken mediterranen Prägungen liegen. So wie das hier klingt, möchte man das Tanzbein schwingen!
Die Instrumente sind vom feinsten: ein italienisches Cembalo von Nikolaus Damm nach Trasuntino, und die Orgel von Baldassare Di Paola & Ignazio Fraraci von 1751 in der Chiesa della Badia in Petralia Sottana auf Sizilien, die Bonizzoni in den höchsten Tönen lobt und ausführlich beschreibt. Eine Besonderheit in Storaces Werk und der Orgelmusik seiner Zeit, die Pastorale, bestehend aus erfindungsreichen Variationen über einen einzigen Orgelpunkt, kommt auf dieser Orgel besonders gut zur Geltung. Man könnte dieses Stück fast hypnotisch nennen - das muß man gehört haben und staunen, was diese Leute schon vor 350 Jahren georgelt haben!

Bonizzonis Aufnahme ist spielerisch-musikalisch der Halubeks sogar noch etwas überlegen, und die ist auch schon nicht schlecht!
Unbekannt Freitag, 27. August 2010, 23:18
Die einzige derzeit erhältliche Gesamtaufnahme scheint die von Francesco Cera zu sein (habe ich noch nicht gehört):

Unbekannt Montag, 13. September 2010, 09:57
Offenbar gibt es noch mehr Einspielungen von Bernardo Storaces Stücken - bei der eingängigen, frischen Qualität der Musik kein Wunder, vor allem werden sie gerne als Zwischenspiele in gemischten Programmen eingefügt.
Rinaldo Alessandrini muss sich auch an ihnen versucht haben, aber da muss ich noch Details finden, es scheint eine Cembalo-CD zu geben (Astrée ----> ) und eine zweiteilige Anthologie mit napoletanischer Orgelmusik.
Unbekannt Freitag, 25. November 2011, 17:17


Auch Naoko Akutagawa kommt nach meinem Eindruck nicht an die Prägnanz eines Bonizzoni heran, spielt mit einer an manchen Stellen etwas unüberlegt wirkenden Agogik, die den Fluß der Musik eher stört ... allerdings macht der Klang des von ihr gespielten Nachbau eines italienischen Cembalo von 1697 diese CD interessant.
Unbekannt Freitag, 25. November 2011, 17:21
Dies hier scheint aber eine Bearbeitung für Ensemble zu sein:



Annamari Pölhö ist Cembalistin, nach den Angaben auf der Website des finnischen Labels hat sie Gambe und Zupfinstrument wie eine Art Continuo hinzugefügt. Den Klangbeispielen nach zu urteilen ist ihr Cembalospiel aber nicht so fesselnd wie das von Bonizzoni oder Halubek - und ob die arabische Trommel in der bekannten Ciacona auch nur den geringsten Hauch von Authentizität beanspruchen kann? "Una Sera Siciliana" - man lasse seine Fantasie spielen ...