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Azzolino Bernardino Della Ciaja (1671-1755)

Unbekannt Sonntag, 4. Dezember 2011, 00:06
Biografie folgt


Seine Werke (soweit bekannt):

Gedruckte Werke:

Salmi concertati a 5 voci con 2 violini obbligati, e violetta a beneplacito op.1 (Bologna 1700)
Cantate da camera a voce sola op.2 (Sopran & b.c., Lucca 1701)
Cantate da camera a voce sola op.3 (Sopran & b.c., Bologna 1701, verschollen)
Sonate per Cembalo con alcuni saggi ... op.4 (Rom 1727)

Manuskripte:

Missa a 4 voci concertanti von violini ad lib. (1693)
Kyrie (Fragment, 1710)
Messa für 4 und 5 Stimmen und Instrumente (1739)
Messa für 4 Stimmen und b.c. (1727? - teilweise identisch mit der Orgelmesse in op.4)
Latetatus sum für 5 Stimmen, Instrumente und Orgel (o.J.)
Lauda Jerusalem für 5 Stimmen, 2 Violinen, Violette und Orgel (o.J.)
Nisi Dominus für 5 Stimmen, 3 Instrumente und Orgel (o.J.)
I trionfi di Gioossuè - Oratorium für 5 Stimmen (Pasticcio, Florenz 1703
Congrgazione di Gesù Salvatore (Florenz 1708, verschollen)
Giossuè in Gabaon (Florenz o.J., verschollen)
4 Kantaten für Sopran und b.c. (1704-09)
Se suoi tormenti, Cantata (Pisa 1705)
Chi non sa morire, Cantata (Pisa 1709)
Bella imago, Cantata (Pisa 1709)
12 ricercari à 4 in ciasched'un die 12 modi (o.J.)
6 ricercari di tuoni misti (o.J.)
Sonate da organo (o.J., evt. Kopie von op.4)

Einspielungen existieren, soweit ich herausfinden konnte, nur von den Cembalosonaten aus op.4 - von den Orgelstücken mögen einige in Sammelprogrammen enthalten sein, aber bisher konnte ich keine ausfindig machen - hier wäre ich für Hinweise sehr dankbar.

Die geistliche Komposition Lamentatio Virginis in dispositione Filii de cruce auf einer CD der Netherlands Bach Society stammt von Alessandro della Ciaja (1626-1666), einem entfernten Verwandten, der als Lautenspieler und Vokalkomponist tätig war..
Unbekannt Sonntag, 4. Dezember 2011, 00:06
Das heute bekannteste Werk von Azzolino Della Ciaja ist ein als Opus 4 in Rom gedrucktes Sammelwerk, es trägt keine Jahreszahl, aber auf einer Abschrift ist das Jahr 1727 vermerkt, was glaubwürdig ist. Der Titel lautet:

SONATE PER CEMBALO
con alcuni Saggi, ed altri contrapunti
di largo, e grave stile ecclesiastico
PER GRANDI ORGANI
del Cavaliere Azzolino Bernardino della Ciaja di Siena
Opera Quarta
Unbekannt Sonntag, 4. Dezember 2011, 00:07


Attilio Cremonesi wählte für seine 1996 entstandene Aufnahme ein zweimanualiges Cembalo italienischen Typs, das Gianfranco Sacchini 1992 gebaut hat - viel Klarheit, aber kraftvoll-füllig, mit prägnantem, aber warmen Bassregister.

Cremonesi erreicht eine gut Balance zwischen dem improvisierten Charakter der eröffnenden Toccaten und den durchkomponierten der Canzonen - sprich: Fugen - und nachfolgenden Sätze. Er hat die notwendige Virtuosität, und bekennt, dass ihn gerade das technische Niveau an diesen Stücken besonders gereizt hat. Gerade in den an das erste Präludium des Wohltemperierten Clavier erinnernden Toccaten wählt er flotte Tempi und zeigt damit, wie Bachs berühmtes Stück klingen könnte, wenn es nicht immer so zelebriert würde sondern der virtuose Aspekt mehr betont würde.

Die Sonaten Della Ciajas sind wie die Benedetto Marcellos ein exzellentes Beispiel dafür, wie italienische Komponisten aus ähnlichen Einflüssen wie sie Johann Sebastian Bach ausgesetzt war, von Frescobaldi ausgehend moderne musikalische Stilistiken entwickelt haben, die seinen Ergebnissen z.T. sehr ähnlich sind.
Unbekannt Sonntag, 4. Dezember 2011, 00:07


Martin Derungs spielte 1990 ein Cembalo französischen Typs, von Bernhard Fleig in Basel nach einem 1716 in Lyon von Pierre Donzelague gebauten Vorbild. Ein klares und klangschönes Cembalo, aber der markante Zug, den italienische Musik braucht, fehlt ihm ein wenig. Nun ist Della Ciaja auf seinen Reisen ja in Marseille gewesen, wo er ausser Orgeln sicher auch französische Cembali probiert haben wird, aber von dem, was ihm zuhause in Italien, wo er diese Stücke geschrieben hat, zur Verfügung stand, ist das weit entfernt. Derungs spielt ausgezeichnet, hat den richtigen Zugriff, vor allem in den Toccaten, wo er noch mehr wie improvisierend klingt als Cremonesi, sehr spontan - es ist nur der Klang, der den letzten Biss vermissen lässt. Die französischen Instrumente sind eher auf Egalität in allen Registern und vollkommene Klangschönheit über den ganzen Tonumfang ausgelegt, im Bass fehlt etwas die Kraft.
Aber das macht unter dem Strich vielleicht 5% aus - musikalisch-interpretatorisch ist diese Aufnahme ebenbürtig, und mit ihr habe ich diese Musik kennen und lieben gelernt. Anfangs war ich im Vergleich von Cremonesi sogar etwas enttäuscht - inzwischen hat sich das umgedreht, ich finde Cremonesis Aufnahme einen Tick besser.
Unbekannt Sonntag, 4. Dezember 2011, 00:08


Luca Guglielmi hat sich in den letzten Jahren zu einem Spezialisten für die zu den Instrumenten Bartolomeo Cristoforis passende Musik entwickelt, in meinen Ohren spielt keiner diese frühen Hammerklaviere befriedigender als er. Den auf dieser CD mit je einer Sonate vertretenen Komponisten ist gemeinsam, dass sie alle die Instrumente Crostoforis gehört und gespielt haben dürften, auch wenn nur einer, Lodovico Giustini, seine Stücke explizit für sie bestimmt hat. Aber auch die von Della Ciaja (ausgerechnet die ans WTC erinnernde Sonata V), Händel, Domenico Scarlatti, Benedetto Marcello und Domenico Zipoli entfalten ausgesprochen galante Züge auf dieser exzellent klingenden Kopie von Kerstin Schwarz und Tony Chinnery, die in ihrem Atelier bei Florenz inzwischen noch bessere Cristoforis bauen als Keith Hill.