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Antoine Brumel

Unbekannt Freitag, 21. August 2009, 13:12
Hallo!

Antoine Brumel gilt als erster echt-französischer (nicht aus der flämischen Tradition stammender) Renaissance-Komponist von großer Bedeutung.
Man geht davon aus, daß er um 1460 im winzigen Dorf Brunelles zwischen Nogent-le-Rotrou und Chartres geboren wurde. Seine frühen Lebensjahre liegen allerdings ebenso im Dunkeln wie seine letzten. Sein Name taucht urkundlich erstmals 1483 bei seiner Ernennung zum Offiziumsänger an der Kathedrale von Chartres auf. Nach Chartres hatte Brumel verschiedene Anstellungen als Sänger, Chormeister oder Kapellmeister u.a. in Paris (Notre-Dame), Genf, am Savoyer Hof in Chambery, am Hof von Ferrara. Dem Herzog von Ferrara diente er ab 1505 als Kapellmeister (in der Nachfolge des verstorbenen Jacob Obrecht) bis zur Auflösung der Kapelle 1510. Danach verlieren sich die Spuren von Brumel; wahrscheinlich ging er zunächst nach Mantua. Vermutlich starb Brumel um 1515 in Italien.

Von Brumel sind zahlreiche Messen, Motetten und weltliche Lieder erhalten. Als sein bedeutendstes Werk gilt die 12-stimmige Missa "Et ecce terrae motus", die ihren Namen vom entsprechenden Teil der Ostersonntags-Liturgie bezieht, dessen Thema Brumel als Gerüst für diese Messe verwendete. In Reclams Kirchenmusikführer wird diese Messe als aufgrund ihrer kompositorischen Struktur und der damit verbundenen Wirkung als ein singuläres Werk ihrer Zeit bezeichnet, was ich strukturell zwar nicht nachvollziehen kann, jedoch als bloßer Hörer sehr beeindruckt bin.

Zudem stammt von Brumel die älteste bekannte Vertonung der Requiem-Sequenz. Daß es zuvor keine Vertonung dieser 20 Verse der Totenmessen-Liturgie gab, begründet der Reclam-Kirchenmusikführer mit den großen strukturellen Schwierigkeiten, die eine solche Vertonung mit den nur drei zur Verfügung stehenden gregorianischen Melodiefloskeln mit sich bringt. Als Nicht-Experte kann ich dies nicht nachvollziehen, ebensowenig wie die Kreativität von Brumels Lösung (Zitat aus Reclam):
Die ungradzahligen Verse erklingen jeweils im Cantus-Firmus-tragenden vier- oder zweistimmigen Satz, die gradzahligen Verse werden dazwischen choraliter vorgetragen, so dass i.d.R. immer ein Melodieabschnitt zunächst als Cantus Firmus im Satz und gleich darauf noch einmal einstimmig erklingt.

Beide Werke finden sich auf dieser hervorragenden CD des Huelgas Ensemble unter Paul van Nevel:



Zudem kenne ich noch Brumels möglicherweise letztes Werk, die Missa de Beata Virgine, die mir ebenfalls sehr gefällt, obwohl die Interpretation des Ensemble Speculum meinen Geschmack nicht ganz trifft:



Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 1. September 2009, 22:58

Als sein bedeutendstes Werk gilt die 12-stimmige Missa "Et ecce terrae motus", die ihren Namen vom entsprechenden Teil der Ostersonntags-Liturgie bezieht, dessen Thema Brumel als Gerüst für diese Messe verwendete. In Reclams Kirchenmusikführer wird diese Messe als aufgrund ihrer kompositorischen Struktur und der damit verbundenen Wirkung als ein singuläres Werk ihrer Zeit bezeichnet, was ich strukturell zwar nicht nachvollziehen kann, jedoch als bloßer Hörer sehr beeindruckt bin.


Diese Messe ist außergewöhnlich lang, ca. 45 Minuten, das ist etwa doppelte Länge gegenüber "normalen" Messen um 1500 herum. Und sie ist mit 12 Stimmen monumental besetzt. Klanglich hebt sie sich von den meisten zeitgenössischen Werken durch ausgiebigen Gebrauch von Terzen ab, wodurch sie nicht so streng wie jene klingt.

Das Stück, welches mich am tiefsten berührt ist das zweite Agnus Dei. Darin finde ich die ganze Ostergeschichte sublimiert. Die Musik beginnt heiter und bewegt, wird dann aber immer düsterer, scheint fast stehenzubleiben. Und plötzlich bricht ein gleißender Lichtstrahl durch und jubelnd geht dieser Teil zu Ende. Brumel erreicht das durch geschicktes Verblenden der Vokale in den einzelnen Stimmen. Die Düsternis entsteht durch das geschlossene "u" von "mundi", was an der Stelle alle Stimmen singen. Gleichzeitig klingt das Stück aber auch wie ein Glockengeläut. Das macht Brumel so, indem er den Sopran, der in langen Haltenoten den Cantus firmus singt, durch 5 tiefe Stimmen (3 Tenöre und 2 Bässe, also nur 6 Stimmen insgesamt) in fließenden Bewegungen die ganze Zeit mit +/- dem gleichen Motiven umspielen läßt.

Zum Kennenlernen empfehle ich die von Martin gezeigte Aufnahme mit dem Huelgas Ensemble. Besser geht's nicht!

herzliche Grüße,
Thomas
Unbekannt Mittwoch, 2. September 2009, 21:53
Hallo Thomas!


Das Stück, welches mich am tiefsten berührt ist das zweite Agnus Dei. Darin finde ich die ganze Ostergeschichte sublimiert. Die Musik beginnt heiter und bewegt, wird dann aber immer düsterer, scheint fast stehenzubleiben. Und plötzlich bricht ein gleißender Lichtstrahl durch und jubelnd geht dieser Teil zu Ende. Brumel erreicht das durch geschicktes Verblenden der Vokale in den einzelnen Stimmen. Die Düsternis entsteht durch das geschlossene "u" von "mundi", was an der Stelle alle Stimmen singen. Gleichzeitig klingt das Stück aber auch wie ein Glockengeläut. Das macht Brumel so, indem er den Sopran, der in langen Haltenoten den Cantus firmus singt, durch 5 tiefe Stimmen (3 Tenöre und 2 Bässe, also nur 6 Stimmen insgesamt) in fließenden Bewegungen die ganze Zeit mit +/- dem gleichen Motiven umspielen läßt.


Vielen Dank für Deine ausführliche Schilderung!
Gerade habe ich mir das Stück nochmal sehr konzentriert angehört - wirklich großartig! :jubel: :jubel:

Warum gibt es hier eigentlich mehrere Agnus Dei (ich habe mindestens noch eine Renaissance-Messe in meiner Sammlung, bei der das auch der Fall ist) :?:

Bei JPC sind gerade einmal fünf CDs gelistet, die explizit Brumel gewidmet sind (zum Vergleich: Ockeghem 19, Josquin Desprez 36, di Lasso 45) - das relativ geringe Interesse an diesem Komponisten ist wirklich schade!

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 3. September 2009, 21:28
Die Missa "Et ecce terrae motus" ist als Handschrift überliefert, die wohl kurz nach Brumels Tod angefertigt wurde. Um 1570 herum hat Orlando di Lasso in München daraus singen lassen. Man weiß sogar, wer damals welche Stimme gesungen hat, weil sich die Sänger in ihren Stimmbüchern verewigt haben. :D

Nun fehlt aber ausgerechnet das von mir angepriesene Agnus Dei II in dieser Handschrift - es in einer in Dänemark aufbewahrten Handschrift überliefert - was Zweifel an der Zugehörigkeit dieses Agnus' zur Messe aufkommen ließ. Diese Zweifel werden noch genährt, da es der einzige, nur 6-stimmige Teil der Messe wäre (es gibt 2 8-stimmige Teile, der Rest ist 12-stimmig) und auch stilistisch ist vom Agnus II zu lesen, es würde nicht zum Rest passen. So hat Brumel beispielweise in allen Messteilen vom Cantus firmus (die Osterantiphon Et ecce terrae motus) nur die ersten 7 Noten verwendet - außer im Agnus II, da sind's ein paar mehr.

Eben weil die Faktenlage nicht ganz eindeutig ist, haben Dominique Visse mit seinem Ensemble Clement Janequin und Peter Philips mit seinen Tallis Scholars in ihren Aufnahmen der Messe an dieser Stelle was anderes gemacht oder das ganz weg gelassen. Wer's also hören will, muss zur van Nevel - Aufnahme greifen.

Mir ist es ehrlich geschrieben wurscht, ob's nun wirklich dazugehört oder nicht.


herzliche Grüße,
Thomas
Unbekannt Donnerstag, 3. September 2009, 21:56
Nachtrag: die Noten der Messe gibt's im Werner Icking Music Archive zum runterladen.


:wink:
Unbekannt Montag, 12. April 2010, 20:05
Hallo,

wie hier zu sehen ist, begeistere ich mich gerade wieder für die "Erdbeben"-Messe.

Die Missa "Et ecce terrae motus" ist als Handschrift überliefert, die wohl kurz nach Brumels Tod angefertigt wurde. Um 1570 herum hat Orlando di Lasso in München daraus singen lassen. Man weiß sogar, wer damals welche Stimme gesungen hat, weil sich die Sänger in ihren Stimmbüchern verewigt haben. :D

Nun fehlt aber ausgerechnet das von mir angepriesene Agnus Dei II in dieser Handschrift - es in einer in Dänemark aufbewahrten Handschrift überliefert - was Zweifel an der Zugehörigkeit dieses Agnus' zur Messe aufkommen ließ. Diese Zweifel werden noch genährt, da es der einzige, nur 6-stimmige Teil der Messe wäre (es gibt 2 8-stimmige Teile, der Rest ist 12-stimmig) und auch stilistisch ist vom Agnus II zu lesen, es würde nicht zum Rest passen. So hat Brumel beispielweise in allen Messteilen vom Cantus firmus (die Osterantiphon Et ecce terrae motus) nur die ersten 7 Noten verwendet - außer im Agnus II, da sind's ein paar mehr.

Eben weil die Faktenlage nicht ganz eindeutig ist, haben Dominique Visse mit seinem Ensemble Clement Janequin und Peter Philips mit seinen Tallis Scholars in ihren Aufnahmen der Messe an dieser Stelle was anderes gemacht oder das ganz weg gelassen. Wer's also hören will, muss zur van Nevel - Aufnahme greifen.


Das Agnus Dei I ist ja auch nur unvollständig in der Handschrift Lassos überliefert und mußte rekonstruiert werden.
Clytus Gottwald mit der Schola Cantorum Stuttgart läßt das komplette Agnus Dei weg und beschließt die Messe mit dem Hosanna II. Die Aufnahme darf man sich aber nicht direkt nach der Huelgas-Aufnahme anhören - der Qualitätsunterschied ist schon recht deutlich...

Im Prinzip ist die ganze Messe für mich ein einziger Höhepunkt und das Agnus Dei II sowas wie das Tüpfelchen auf dem I. Auch wenn es formal nicht reinzupassen scheint; man kann auch nicht sagen, daß es keinesfalls hineingehören kann.

Meinst Du mit der Tallis Scholars-Aufnahme deren neue "Flemish Masters"-Doppel-CD oder die alte Aufnahme (oder sind die identisch)?



Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 12. April 2010, 20:13
Meinst Du mit der Tallis Scholars-Aufnahme deren neue "Flemish Masters"-Doppel-CD oder die alte Aufnahme (oder sind die identisch)?

Die sind identisch. Gimell bringt Auskopplungen aus früherer Aufnahmen als Doppel-CD raus. Die zweite CD dieser Edition habe ich noch als Einzel-CD: Missa Osculetur me von Lasso. Die Motetten hat man hier weggelassen und mit witerer Messen frankoflämischen Meister ersetzt.



LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 12. April 2010, 20:56
Ich habe nur diese CD vom Brumel:



Es handelt sich hier um die Aufnahme eines Live-Concertes bei der BBC 1997.
Das Hilliard Ensemble singt die Missa Victimae paschali laudes mit eingeschobenen
Laude und Motetten.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Donnerstag, 29. April 2010, 21:42
Ich habe nur diese CD vom Brumel:


Es handelt sich hier um die Aufnahme eines Live-Concertes bei der BBC 1997.
Das Hilliard Ensemble singt die Missa Victimae paschali laudes mit eingeschobenen
Laude und Motetten.


Die habe ich auf meiner Wunschliste vorgemerkt.
Dir, Chris, empfehle ich sehr, die Missa Et ecce terrae motus kennenzulernen! Meiner Meinung nach ist es eines der herausragenden Musikstücke der Epoche.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 29. April 2010, 21:56
Schon auf dem Wunschzettel! Die Hörschnipsel sind wunderbar!

lg vom eifelplatz, Chris
Unbekannt Mittwoch, 19. Mai 2010, 21:15
Hallo!

Nun habe ich nicht "nur" die Sequenz, sondern das komplette Requiem auf CD:



Tractus und Offertorium sind ausgelassen, und die Sequenz ist der sowohl qualitativ wie quantitativ klar überragende Teil aus Brumels Totenmesse.

Die CD gibt es neu auf dem Marketplace sehr preiswert! Sehr zu empfehlen! Ich werde noch zum Clerks' Group-Fan. :yes2: