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Andrew Manze - the mad scientist

Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 08:00
Andrew Manze wurde im Jahr 1965 geboren (sieht aber mindestens zehn Jahre älter aus) und studierte unter anderem bei Simon Standage und Lucy van Dael. Er war u.a. Mitgründer des Ensembles Romanesca, stellvertretender Direktor der Academy of Ancient Music und leitete seit 2003 als Nachfolger von Trevor Pinnock das English Concert, eines meiner Lieblingsensembles. Er moderierte auf BBC 3 die „Early Music Show“, die via Live-Stream übers Internet mitzuverfolgen ist. Gerade in dieser Sendung waren seine Leidenschaft für die Musik und sein subtiler Humor extraordinäre Begleiter seines Fachwissens, was mir anglophilem Tunichtgut das Herz vor Freude rasen ließ. Seit 2006 steht er dem Helsingborg Symphony Orchestra vor und es ist seitdem etwas ruhiger um ihn geworden.

Die Presse sparte nicht mit Superlativen, aber wann tat sie das jemals. Die New York Times schrieb: „Man könnte ihn glatt mit einem vornehmen britischen Musikwissenschaftler verwechseln, bis er die Violine unters Kinn klemmt und sich in eine Art verrückten Wissenschaftler verwandelt, der in einem imaginären Klanglaboratorium des 18. Jahrhunderts Amok läuft.

Nichtsdestotrotz sind seine Violinkünste nicht unumstritten. Viele bemängeln seinen Mangel an Zurückhaltung, bzw. attestieren ihm eine etwas extravagante Art des Violinspiels, Freunde eines gemäßigten Klanges monieren das „harsche Gefiedel“ und vieles mehr…

Warum mögt ihr ihn nicht?
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 09:28
Nichtsdestotrotz sind seine Violinkünste nicht unumstritten. Viele bemängeln seinen Mangel an Zurückhaltung, bzw. attestieren ihm eine etwas extravagante Art des Violinspiels, Freunde eines gemäßigten Klanges monieren das „harsche Gefiedel“ und vieles mehr…

Warum mögt ihr ihn nicht?

:D Ich mag ihn sogar sehr!

Sowohl als Violinist, wie auch Direktor halte ich sehr viel von ihm.
IMO ist er durchaus in der Lage nicht nur "extravagant" und "harsch" zu spielen: als Beispiel sei seine Aufnahme der Rosenkranzsonaten genannt...

Meine erste selbstgekaufte Klassikplatte war sogar eine Manze-Aufnahme: die Concerti grossi op.6. von Handel mit AAM... eine erstklassige Einspielung, die immer wieder gerne höre.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 09:45
Was macht er denn zur Zeit? Nach dem ganzen Hype um ihn und mehrere neue CDs im Jahr bei Harmonia Mundi France ist es in den letzten zwei Jahren verdächtig still um ihn geworden ... ist er immer noch in Helsingborg? Dann ist ihm der Rummel zuviel geworden?
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 09:51
Eigentlich wollte ich im Startthread das auch erwähnen, dass es um ihn irgendwie ruhiger geworden ist. Angeblich entstehen zur Zeit Aufnahmen der Brahms-Sinfonien mit dem Helsingborgern für cpo...

Überhaupt scheint er sehr stark mit nicht-hippen Orchestern zusammen zu arbeiten. Diese Quelle listet einige Orchester auf, mit denen er in der letzten Zeit gearbeitet hat.
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 10:04
Angeblich entstehen zur Zeit Aufnahmen der Brahms-Sinfonien mit dem Helsingborgern für cpo...

Kann auch sein, dass diese plötzliche Ruhe damit zusammenhängt, dass er noch einen Exlusivvertrag (worauf in seinen früherern CDs immer hingewiesen wurde) mit harmonia mundi usa hat, aber mit ihnen vielleicht einen Zoff hat, deshalb sozusagen "abwartet" bis sein Vertrag abläuft? So nimmt er zur zeit nur mit den Helsingborgern auf, was aber weniger zu hm passt... (nach der "Eroica" kam ja ihre neue CD bei Hyperion aus, und wie man von dir hört, die nächste bei cpo...)

Ich finde es schade das er so "verschwunden" ist...


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 18:40
Guten Tag
Warum mögt ihr ihn nicht?


Ich mag ihn schon, z.B. diese



CD mit Mozarts Violinkonzerte Nr. 3-5, phantasievoll eingespielt mit seinem Ensemble The English Concert

oder diese



CD mit Violin Sonaten von Johann Heinrich Schmelzer und dem Ensemble Romanesca

und diese



CD mit Bachs Violinkonzerten sehr.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 21:28
Mag ich Manze? Unter meinen Unverzichtbaren findet sich nichts von ihm - ich finde, er hat ein bißchen zu viel auf einmal zu schnell gewollt. Und dazu kam der Starrummel, der um ihn gemacht wurde. Er hat ja auch etwas frisches, leicht freches und wildes in seinen Interpretationen, unbestreitbar ein sehr großes Talent, das geigentechnisch keine Probleme zu haben schien, oder doch? Spielt er selbst noch? Ich musste unwillkürlich an Reinhard Goebel denken, der jetzt ja auch hauptsächlich moderne Orchester dirigiert (was ich grundsätzlich nicht schlecht finde, bei den Ergebnissen, die ich gehört habe) aber aufgrund einer Lähmung erst umstellte, dann das Violinspiel ganz aufgab.
Vieles bei Manze fand ich brilliant, aber etwas unausgereift.

Seine Bach-Violinkonzerte leiden unter dem zu leisen Cembalo, sonst eine sehr interessante Lesart - diese CD würde ich am ehesten auf keinen Fall weggeben.
Sein Händel op.6 - ebenfalls hervorragend, obwohl ich es da lieber etwas grandioser habe.

Mir fehlt etwas die Wärme bei ihm - sein Geigenton rührt mich nicht an, so geht es mir auch mit John Holloway.
Postiv berühren mich die Geigenklänge von Monica Huggett oder Pavlo Besnosiuk, um bei Spielern der englischen Szene zu bleiben.
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 22:37
Manchmal empfinde ich Manzes Spiel als allzu selbstverliebt und aufgedonnert, aber manchmal habe ich auch gerade an diesem "In-die-Vollen-gehen" meine Freude. Sehr oft und gerne höre ich vor allem die CD mit den Händel-Sonaten



auch wenn Ulli vermutlich immer noch das Cembalo zu leise findet.

Gruß, Carola
Unbekannt Dienstag, 13. April 2010, 23:50
Nicht Ulli, sondern ich - Michael - das ist es wirklich auf dieser CD. Das Cembalo ist hier das führende Instrument, oder zumindest gleichberechtigt. William Christie und Hiro Kurosaki haben die Händel-Sonaten wesentlich besser hinbekommen.

Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 07:11
Nicht Ulli, sondern ich


Doch ich.

:beatnik:
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 07:19
die Händel-Sonaten


Die "elenden Händel-Sonaten" (Leonhardt)...
Hätte Händel erst mit op. 6 angefangen, würde es niemandem auffallen. :D

Manze gefällt mir meistens ausgezeichnet - also weniger sein Äußeres, als das, was er auf der Geige macht. :D

Für nachdrücklich empfehlenswert halte ich neben anderem vor allem diese hier:



Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 10:02
Nicht Ulli, sondern ich


Doch ich.

:beatnik:


Also wir beide - Hildebrandt ist übrigens der gleichen Meinung. Aber die Liste der CDs mit viel zu leisem Cembalo wäre sehr lang ...
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 11:11
Hildebrandt ist übrigens der gleichen Meinung.


:yes2:
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 11:12
Übrigens gilt das auch für die neuen Egarr-AAM Aufnahmen...
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 11:26
Hildebrandt ist übrigens der gleichen Meinung.
:yes2:
Glücklicherweise herrscht ja hier Meinungsfreiheit. Abgesehen davon: Wer will schon das Cembalo hören. :P

Gruß, Carola
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 11:28
Wer will schon das Cembalo hören.

Bei einer Solo- oder Triosonate ist der Bass schon wichtig. Und wenn der nur von einem Cembalo relaisiert wird, ist es schon schlimm, wenn es zu leise ist.

Aber bei einem Concerto halte auch ich das nicht so wichtig... :pfeif:

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 11:48

Aber bei einem Concerto halte auch ich das nicht so wichtig... :pfeif:
:cursing:

:boese:
Unbekannt Mittwoch, 14. April 2010, 12:06

Aber bei einem Concerto halte auch ich das nicht so wichtig... :pfeif:
:cursing:

:boese:
:hide: Ja, ich bin ein Banause... :hide:
Unbekannt Donnerstag, 15. April 2010, 15:50
Glücklicherweise herrscht ja hier Meinungsfreiheit.
Aber nicht Themenfreiheit. Thema ist Manze und nicht Cembalo-Dogmen :boese:

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Donnerstag, 15. April 2010, 19:18


Dies ist die einzige CD, die ich mit Manze habe. Damit habe ich diese Sonaten auch kennengelernt.
Ich habe keinen Vergleich - bisher gefällt mir diese CD sehr gut.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Donnerstag, 15. April 2010, 19:39
Hallo,

Er hat ja auch etwas frisches, leicht freches und wildes in seinen Interpretationen, unbestreitbar ein sehr großes Talent, das geigentechnisch keine Probleme zu haben schien
Vieles bei Manze fand ich brilliant, aber etwas unausgereift.
Mir fehlt etwas die Wärme bei ihm


am ehesten gegen diese Charakterisierung spricht IMO seine Aufnahme der Rosenkranzsonaten, wo er sich als sehr gefühlvoller bis hin zu meditativer Interpret erweist - klar meine Lieblingsaufnahme von Manze, und auch meine Lieblingsaufnahme der Rosenkranzsonaten:



Biber scheint Manze ohnehin zu liegen; ich habe da noch diese beiden Biber-Aufnahmen von ihm, jeweils sehr gut gelungen (zur Aufnahme der Sonata Representative hatte ich hier etwas geschrieben):



Auch der nachdrücklichen Empfehlung für die Pandolfi-CD möchte ich mich anschließen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 17. April 2010, 18:24
Eigentlich wollte ich im Startthread das auch erwähnen, dass es um ihn irgendwie ruhiger geworden ist. Angeblich entstehen zur Zeit Aufnahmen der Brahms-Sinfonien mit dem Helsingborgern für cpo...

Überhaupt scheint er sehr stark mit nicht-hippen Orchestern zusammen zu arbeiten. Diese Quelle listet einige Orchester auf, mit denen er in der letzten Zeit gearbeitet hat.


Ja, wobei die Ergebnisse doch recht überzeugend sind - zwar nicht die beste in meiner Sammlung, aber eine durchaus favorisierte, gerade neulich wieder gehört:



Zwar ist der g-moll-Akkord im Mittelteil des Finales nicht so mark- und euroerschütternd, wie ich das für notwendig halte, aber doch... recht erfrischend.

:yes:
Unbekannt Sonntag, 18. April 2010, 20:53
Gerade sehe ich, dass ich doch noch eine Aufnahme mit Manze habe, nämlich diese:



War mir total entfallen, dass Manze da mitspielt, obwohl ich die CD doch gern höre.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Sonntag, 13. Juni 2010, 13:27
Hach, dieser Thread war der Grund, dass ich mich hier angemeldet habe! :jubel: Ich finde Andrew Manze einfach nur göttlich. Er ist meines Erachtens einer der interessantesten Geiger der HIP-Szene und in vielerlei Hinsicht eine große Inspiration für mich als ausübenden Kratzer... :yes:
Kennengelernt habe ich ihn durch seine Tartini-Aufnahme:

Meine Großeltern haben die mir mal zu Weihnachten geschenkt als ich noch ein unschuldiger und von HIP unberührter Musikschüler war, und ich war so geschockt von dem spröden, harschen und gruseligen Geigenklang, dass die CD erstmal im Schrank gelandet ist, wo sie eine Weile stand und einer Wiederentdeckung harrte... :whistling: Dann, ich weiß nicht mehr genau durch was, kam der Hammer und ich habe entdeckt, welch großartigen und besonderen Künstler ich "entdeckt" habe. Mittlerweile habe ich viele Aufnahmen von ihm und habe bis jetzt noch (fast) keinen Geiger kennengelernt, der so individuell und unverkennbar spielt wie er.
Meine Top-Liste (wechselt einmal wöchentlich, deshalb provisorisch) von Manze-Aufnahmen:

Etwas abgedrehteres gibt es, glaube ich, kein zweites Mal. Man hat das Gefühl, dass Manze und sein absolut gleichwertiger Partner Richard Egarr sich einen Spaß daraus machen, den Hörer mit immer verrückteren Ideen zu schocken. :baeh:

Corelli ohne Verzierungen - ein Sakrileg? Finde ich nicht, denn Manze macht ja seine eigenen, die wirklich genial sind. Man hat das Gefühl der leibhaftigen Improvisation, die auch von Egarr perfekt beherrscht wird. Mitunter hat man das Gefühl, der Tastendrücker hätte dreißig Finger (v.a. in der Follia)!!!! Und Manze spielt unschuldig seine schönen Melodeyen, als wäre nichts los... Genial. :thumbsup:

Ich habe jüngst einen Meisterkurs von Manze besucht, wo er vorschlug, dass in klassischer und romantischer Musik durchaus einige Liegitimation besteht, mit espressivo bezeichnete Passagen sehr besonders zu spielen: Sprach's, und spielte das Kopfsatz-Seitenthema des Beethoven-Violinkonzerts mit einem Finger. Und es klang großartig. Das selbe gilt für Schubert. Er scheut sich nicht vor Schluchzern und Schleifern, bleibt aber innerhalb des guten Geschmackes und spielt so sanftmütig und beseelt, dass man fast romantisch werden könnte... :love:

Was mir an ihm so gefällt, ist wie gesagt, außer seinem sehr besonderen Geigenton und seinem nicht zu überbietenden Einfallsreichtum, ist die Tatsache, dass er, egal was er tut, alles mit Persönlichkeit, Sympathie und einer gehörigen Portion britischem Humor tut. Seine Redekünste, v.a. bei der erwähnten Masterclass, sind Mister-Bean-verdächtig und er könnte jederzeit einen Job als Clown irgendwo bekommen. Er macht HIP, weil es für ihn richtig erscheint, und nicht aus Authenzitäts-Anspruch. Das macht ihn nicht unfehlbar, aber nachvollziehbar. Seine Verzierungen wirken immer wirklich gerade erfunden und nicht ausgedacht-und-dann-gemacht. Außerdem fällt ihm immer etwas neues ein, und im Gegensatz zu vielen "italienischen" Barockgeigern (will keine Namen nennen) verkommen die nie zum Selbstzweck und wirken nie eitel. Also, kurz gesagt: Ich bin Manze-Fan!!! :yes2: :prost: :) :yes: :wink: :angel: 8o
Leider, leider ist er im Moment gar kein Geiger. Er dirigiert, und das wirklich gut und genauso manzig wie er geigt, aber meines Erachtens ist diese Entscheidung ein großer Verlust für die Geiger-, HIP- und Musikwelt überhaupt. Warum dirigieren? :no: :PC: :dontknow: :stumm: :motz: :umfall: :boese:
Er soll BIIIITTE wieder geigen. Er ist uns wenigstens noch die 24 Paganini-Capriccios, das Beethoven-Konzert sowie eine CD schuldig, auf welcher er die langweiligsten Geigensonaten spielt, die er finden konnte, die aber durch ihn zu etwas wirklich großartigen werden. Oder eine CD mit Eigenkompositionen? ;)

Oh jeh, da ist mein Jungfernbeitrag aber ganz schön umfangreich geworden... :hide:
Unbekannt Sonntag, 13. Juni 2010, 14:27
Etwas abgedrehteres gibt es, glaube ich, kein zweites Mal. Man hat das Gefühl, dass Manze und sein absolut gleichwertiger Partner Richard Egarr sich einen Spaß daraus machen, den Hörer mit immer verrückteren Ideen zu schocken.
Vielleicht doch: dasselbe mit Letzbor! :thumbsup:
Giovanni Antonio Pandolfi Mealli

Zitat

Oh jeh, da ist mein Jungfernbeitrag aber ganz schön umfangreich geworden... :hide:
Sei's drum: wir sind nicht faul zu lesen! :thumbup:

LG
Tamás
:wink: